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Wegen des Flüchtlingsandrangs hat Deutschland an den
Grenzen wieder Kontrollen eingeführt – mit Schwerpunkt
zu Österreich. Ist das der richtige Weg, um den Ansturm
zu steuern?

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Ein reizendes Früchtchen

Zwiebel ist Heilpflanze des Jahres 2015 – Vielfältiger Einsatz – Anbau in der Region schwierig – Abwechslungsreiche Rezepte

Sie hat sieben Häute, beißt alle Leute, wie der Volksmund sagt, sie schmort geschmacksfördernd mit dem Braten, würzt den Salat, schützt Herz und Gefäße und soll sogar Tumore bekämpfen  können – die Rede ist von der Zwiebel, die der Naturheilkundeverein NHV Theophrastus zur Heilpflanze des Jahres erklärt hat.

Die Zwiebel – Allium cepa mit biologischem Namen – gehört zu den beliebtesten Gemüsen und Würzpflanzen. Das zeigt der Pro-Kopf-Verbrauch  von rund acht Kilo pro Jahr in Deutschland. Zwiebelfreunde schöpfen aus der Vielfalt des Lauchgewächses. Es gibt die gelb- und braun­schalige Küchenzwiebel mit pikant-scharfem Geschmack. Sie passt roh oder warm zu allen deftigen Gerichten. Etwas milder und süßlicher ist die große hellbraune oder kupferfarbene Gemüsezwiebel, die man als Gemüse zum Beispiel gefüllt zubereiten kann. Roh in Salaten und in Brotaufstrichen verarbeitet werden die rosa-lilafarbenen Zwiebeln, die eine mild-aromatische Schärfe haben, ganz ähnlich wie die weißen Zwiebeln. Schalotten, auch Winter- oder Frühlingszwiebeln genannt, Schwestergewächse der Allium cepa, heißen Allium fistulosum.

Zwiebeln mag auch Christian Kurz  in seinem Speiseplan. Am liebsten sind ihm die rosa-lila Exemplare, die er sich gerne mit Äpfeln und Butter zu einem leckeren Brotaufstrich verarbeitet. Doch Kurz, der Vorsitzende des Naturkundeheilvereins Esslingen, weiß auch um die heilenden Wirkkräfte der Zwiebel. Er hat allerhand Wissen über die „Alleskönnerin“ zusammengetragen, auch weil er im Oktober die Heilpflanze des Jahres beim Aktionstag im Bürgerhaus in Sulzgries vorstellen will. Zum Beispiel hat er über die Geschichte der Pflanze herausgefunden, dass sie in den Ländern rund ums Mittelmeer heimisch ist, dass die Ägypter ihren Toten Zwiebeln mit auf die „Reise“ gaben, Hippokrates das Einreiben von Zwiebelsaft auf schütter werdendes Haar empfahl,  dass die Römer die Zwiebel nach Deutschland brachten. Und dass sich aus dem Namen Cepa, oder Cepula für die kleine Zwiebel, das Wort Zwiebel entwickelt hat.

Bemerkenswert bei der Zwiebel ist laut Kurz ihre Heilwirkung, die auf Schwefelverbindungen beruht. Kurz glaubt, ohne die alten Heilpflanzen Zwiebel und Knoblauch hätten die Völker um das Mittelmeer kaum eine Überlebenschance gehabt. Vor allem die antibakterielle Wirkung haben die Ärzte der Antike gezielt eingesetzt. „Die Wirkstoffe der Küchenzwiebel sind organische Schwefelverbindungen wie das Flavonoid Quercetin“, sagt Kurz. „Der Stoff wirkt antibakteriell und antiasthmatisch“, sagt Kurz weiter. Zwiebel könnten überdies Blutdruck und Blutfettwerte senken und so Gefäßkrankheiten vorbeugen. Antientzündliche Eigenschaften werden der Cepula ebenfalls nachgesagt. Bei Ohrenschmerzen empfiehlt Kurz, ein Säckchen mit klein geschnittenen, etwas erwärmten Zwiebeln für eine halbe Stunde auf das schmerzende Ohr zu legen.

Zwiebelsaft mit Honig und Milch habe sich als probates Hausmittel gegen Husten bewährt. Letztlich könne aufgeträufelter Saft auf Insektenstiche Entzündungen verhindern.

Die alte Volksweisheit: „Hab Sonne im Herzen, ne Zwiebel im Bauch, dann kannst du gut scherzen und Luft hast du auch“, ist für Kurz gar nicht so weit hergeholt. Bei seinen Recherchen hat er auch alte Wundergeschichten gefunden: Da geht es um Familien, die bei der großen Grippeepedemie im Jahr 1919 gesund blieben, weil sie aufgeschnittene Zwiebeln aufstellten, von einer schwer an Lungenentzündung erkrankten Frau, die eine aufgeschnittene Zwiebel eine Nacht neben sich hatte. Die Zwiebel färbte sich von den aufgefangenen Bakterien schwarz, während es der Frau viel besser ging. Und schließlich Wundergeschichten über den Einsatz von Knoblauch und Zwiebeln gegen die Pest.

Das Zubereiten der Zwiebel stellt allerdings manchen vor Probleme, schließlich reizt das flüchtige Lauchöl Thiopropanal-S-Oxid zu Tränen. Eine kurz unters Wasser gehaltene aufgeschnittene Zwiebel lässt laut Kurz die Tränen weniger fließen. Und Birgit Rapp, die Geschäftsführerin des gleichnamigen Esslinger Gemüsegeschäfts, rät, neben dem Zwiebelschneiden den Wasserhahn laufen zu lassen.

Wo wachsen Zwiebeln? Wer baut Zwiebeln an? Wilfried Rapp zieht das Lauchgemüse auf seinen Feldern auf dem Zollberg. Das sei arbeitsintensiv, sagt Rapp und verweist auf die schweren Böden hierzulande, während die Zwiebel bekanntermaßen die sandigeren Böden bevorzuge. Gesetzt werden  Zwiebeln im März, geerntet wird ab August. Wetterbedingungen können dem Gemüse zusetzen. Der heiße und trockene Sommer hat viele Früchte klein bleiben lassen. Zuviel Regen hingegen gab es im Jahr 2014: „Viel konnte gar nicht geerntet, sondern musste untergepflügt werden“, erklärt Rapp. Auch Schädlinge bedrohen die Zwiebel. „Derzeit ist die Lauchminierfliege unterwegs, da muss man verstärkt nach den Pflanzen schauen“, sagt Rapp. Auch bedauert er, dass Verbraucher überwiegend nach roten runden Zwiebeln fragen. Alte Sorten wie die Stuttgarter Riesen – feine flachere Zwiebeln – seien daher kaum mehr auf dem Markt. Kein lohnendes Geschäft also? „Als Esslinger komme ich doch an der Zwiebel nicht vorbei“, gesteht Rapp, und er weiß: „Man verkauft auch immer gerne etwas Emotionales.“

Wie schmecken Zwiebeln am besten? So wie Kurz auf den Brotaufstrich aus roten Zwiebeln und aufgeschäumter Butter schwört, liebt Birgit Rapp leicht in Ölivenöl angedünstete Frühlingszwiebeln mit darüber gehobeltem Parmesan.

Doris Hoinkis, die Vorsitzende des Kreislandfrauenverbands Esslingen, stellt für das Wochenblatt ECHO ihr Apfel-Zwiebel-Gemüse vor.

Zutaten: Für 4 Personen: 400 g Äpfel,  500 g große, milde weiße Zwiebeln, 2 EL Sonnenblumenöl, eine Handvoll Rosinen, 1/8 l trockener Portwein, Salz, eine Handvoll frische Salbeiblätter, 2 EL Olivenöl, Äpfel schälen, Kerngehäuse ausstechen. Die Äpfel mit Schale quer in 3 mm dicke Scheiben schneiden. Die äußere Haut der Zwiebeln abziehen, Zwiebeln in Ringe schneiden. Zwiebeln und Äpfel in Sonnenblumenöl anbraten, Rosinen und Portwein zufügen, alles knapp gar dünsten. Mit Salz abschmecken. Die Salbeiblätter waschen, trocken tupfen. In Olivenöl in einer Pfanne knusprig braten, aber nicht zu sehr bräunen lassen. Das Zwiebelgemüse in eine Schüssel geben, mit den krossen Salbeiblättern garnieren und gleich servieren. Dazu passen Braten und Knödel.      bob

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Geschichtsstunden

Am Sonntag werden wieder Denkmaltüren im Landkreis geöffnet

Das Thema scheint Esslingen wie auf den städtischen Leib geschneidert: „Handwerk, Technik, Industrie“ steht über dem Tag des offenen Denkmals am Sonntag, 13. September. Und da die ehemalige Reichsstadt nicht nur mit bestens erhaltener alter Bausubstanz und großem Engagement der Bürgerschaft besticht, sondern auch als Wiege der Industrialisierung Baden-Württembergs gilt, schöpft Esslingen bei Führungen und Aktionen am Sonntag ab 11 Uhr aus dem Vollen. „Dabei werden Räume zugänglich, die der Öffentlichkeit sonst nicht offenstehen“, sagt Oberbürgermeister Jürgen Zieger. Auch andere Städte und Gemeinden im Landkreis Esslingen öffnen am Sonntag ihre Denkmäler.

64 Programmpunkte wurden allein in Esslingen zusammengestellt: neun Stadtrundgänge, 29 Objektrundgänge, sechs Kinder- und Familienführungen, sechs Programmpunkte im Landesamt für Denkmalpflege, eine Blindenführung und weitere besondere Angebote. Bei sieben Rundgängen ist die Teilnehmerzahl begrenzt, kostenlose Karten für diese sind bei der Stadtinfo im Späth‘schen Haus erhältlich. Ausgangspunkt für viele Führungen ist der Marktplatz, dort und im Faulhaberschen Haus werden etliche Handwerker ihr Können präsentieren. Das wird auch in der Bauhütte der Frauenkirche, beim Fensterbauer und beim Steindrucker gezeigt. In den Kirchen ist mehr als vollendete Handwerkskunst zu bestaunen – die Kirchengemeinden sind wieder wichtiger Partner am Tag des offenen Denkmals. Auch an Neckarkanälen und in Weinbergen werden Technik und Handwerk präsentiert. Die Wasserkraft sei das verbindende Element in der Entwicklung von Handwerk, Technik und Industrie in Esslingen, sagt der städtische Denkmalpfleger Andreas Panter. Also liegt ein besonderes Augenmerk darauf.

Da von der Maschinenfabrik Esslingen (ME) die Geschichte der Eisenbahn im Südwesten ihren Ursprung nahm, gilt Esslingen als Wiege der Industrialisierung im Land. So setzen sich die Denkmalbetrachtungen auch mit ME-Spuren in der Stadt auseinander. Und es stehen die Türen zu Turm und Ausgrabungsmuseum von St. Dionys, Lapidarium, Kessler-Ensemble, Dickem Turm und mehr offen. Zu guter Letzt gibt es am Abend im Esslinger Eisenlager ein Konzert mit Musikern des Podium-Festivals.

In Aichwald werden am Sonntag Führungen durch die Kirchen in Aichelberg, Aichschieß, Krummhardt und Schanbach angeboten. Auch Kirchheim zeigt sein großes Denkmalpotenzial: Das Programm umfasst dort 19 Punkte. Nürtingen greift das Thema an sechs Orten auf. Führungen und Ausstellungen gibt es auch in Aich, Beuren, Plattenhardt, Oberlenningen, Schopfloch, Wernau, Wolfschlugen und am Heidengraben bei Erkenbrechtsweiler.  ch

Info: unter www.tag-des-offenen-denkmals.de, das landesweite Programm zum Herunterladen unter www.denkmalpflege-bw.de. Broschüren und Flyer liegen auch aus.

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Noch ist unklar, was aus dem vom Bundesverfassungsgericht
gekippten Betreuungsgeld wird. Familienministerin Schwesig
will die Mittel in den Kita-Ausbau stecken. Finden Sie das gut?

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Feine Keltendame

Überraschungsfund in Kirchheim: Grab mit reichem Goldschmuck geborgen


Archäologen haben bei Grabungen am Stadtrand von Kirchheim einen überraschenden Fund gemacht: Sie entdeckten das Grab einer keltischen Frau samt Goldschmuck aus der Zeit um 500 vor Christus. Der Fund hat Seltenheitswert: Nach Darstellung des Leiters der Ausgrabungen, Jörg Bofinger, findet man Frauengräber mit Grabbeigaben von dieser Qualität nicht oft. Das Grab wird im Landesamt für Denkmalpflege in Esslingen untersucht.

Der Boden im Gewann Am Hegelesberg birgt so manche Überraschung: Ende des vergangenen Jahres haben Archäologen am westlichen Rand von Kirchheim Reste einer rund 7000 Jahre alten Siedlung freigelegt. Gegraben wurde, weil dort ein Gewerbegebiet entstehen soll. Die jetzigen Funde sind ganz anderer Natur. Zum einen sind sie mit einem Alter von 2500 Jahren wesentlich jünger. Zum anderen sind die Funde nicht Hinterlassenschaften einer bäuerlich strukturierten Gesellschaft wie die Steinzeitfunde, sondern die Grabbeigaben geben Zeugnis von einer gehobeneren Schicht. Arm- und Fußreife aus Gold und Bronze, Ketten mit schwarzen Perlen, Haarschmuck aus Gold – alles fein gearbeitet. Wer den Schmuck getragen hat, kann nur gemutmaßt werden. Der dazugehörige Körper, nach dem Schmuck zu urteilen der einer Frau, ist längst nicht mehr erhalten. Doch dass die Frau der gehobenen Schicht angehört hat, steht laut Bofinger fest.

Nur höhergestellte Personen, Fürsten also, bekamen solchen Grabschmuck beigelegt. Erwartet hat diesen Fund niemand, obgleich die Forscher bereits auf Besiedlungsspuren aus keltischer Zeit gestoßen waren. Als jedoch paarweise angeordnete Schmuckstücke auftauchten, wussten sie, dass sie auf ein Grab gestoßen sein mussten. Die Archäologen haben einen rund 500 Kilogramm schweren Erdblock mit Hilfe der Kirchheimer Feuerwehr komplett geborgen und dann aufgeschnitten. Das Grab wird ab dieser Woche in den Laboren des Landesdenkmalamts in Esslingen untersucht. Einzelne Erdblöcke werden mit CT untersucht, wo bessere Bilder vom Inneren entstehen und die eventuell Hinweise auf organische Strukturen geben.

„Vielleicht finden wir noch andere Schmuckstücke“, sagt Bofinger. Er hofft auf den Fund eines Fibelchens. An dessen Bearbeitung, die schnellen Modewechseln unterworfen war, ließe sich das Alter des Grabs genau datieren. Jetzt schon kann Bofinger anhand der Schmiedetechnik sagen, dass die Tote wohl rund 50 Jahre jünger als der Keltenfürst von Hochdorf gewesen sein muss. Für Bofinger ist der Fund „eine kleine Sensation, weil wertvolle Grabbeigaben meistens in Männergräbern liegen“. Das Grab habe zwar nicht die Kategorie des Hochdorfer Fürstengrabs,  zähle aber zu den Gräbern der zweiten Garnitur.

Die Untersuchungen und Restaurierungen ziehen sich über Monate hin, dann folgt die wissenschaftliche Auswertung. Wo der Schmuck seine endgültige Heimat haben wird, kann Bofinger nicht sagen. Er geht davon aus, dass er in den kommenden Monaten in einer Sonderausstellung der Öffentlichkeit präsentiert wird.    bob / Foto: LAD/Pilz


Nur beim Namen nicht einig

Infrastruktur von Baltmannsweiler und Hohengehren hat von der Vereinigung profitiert


Der Zusammenschluss von Baltmannsweiler und Hohengehren zu einer Gemeinde war in beiden Orten unumstritten – entging man doch damit der drohenden Eingemeindung nach Reichenbach und eröffnete sich gleichzeitig als größere Einheit neue Perspektiven. Aber bei der Frage nach dem Namen der neuen Kommune prallten die Positionen aufeinander. So griff schließlich der Gesetzesvorschlag des Landes, der in der Regel den Namen der bislang größten Einzelkommune vorsah.

Einigten sich die künftigen Teilorte auf einen anderen Namen, konnte auch dieser zugelassen werden. Dass dies im Fall Baltmannsweiler nicht gelang, liegt nicht etwa an einer besonderen Dickköpfigkeit der Schurwäldler, sondern hat mathematische Gründe: Wo mehrere Gemeinden sich zusammenschlossen, fand sich oft keine Mehrheit für einen schon bestehenden Namen und man suchte einen Kompromiss. Bei elf zu elf Vertreten in den Gemeinderäten Baltmannsweiler und Hohengehren war aber das Patt vorprogrammiert.

Das größere Baltmannsweiler habe auf dem Gesetzesvorschlag bestanden, erinnert sich Alt-Bürgermeister Roland Keim, der zu diesem Zeitpunkt Rathauschef in Hohengehren war: „Da steht’s, so heißen wir“ – das sei die Position gewesen. Daran änderte auch die Suche nach kreativen Namensvorschlägen, sei es aus der Bevölkerung oder seitens des Ministeriums, nichts. Das habe aber nicht an mangelnder Kompromissbereitschaft gelegen, betont Berndt Paukert, damals Gemeinderat in Baltmannsweiler, sondern schlicht an der Qualität der Vorschläge. „Hohenweiler“, „Baltmannsgehren“ oder „Schuren“ stuft er auch heute noch als „Krampf“ ein.

So blieb es beim Ortsnamen Baltmannsweiler. Der damalige Hohengehrener Gemeinderat Walter Roos stellte später noch einmal Antrag auf eine Namensänderung, erneut erfolglos. „Da war das Rathaus voll in Hohengehren, da ist schon Stimmung gewesen“, erinnert sich Paukert. Aber Keim sieht die Auseinandersetzung inzwischen durchaus positiv: Sie habe Bewusstsein geschaffen, gerade deshalb sage und schreibe man heute noch Hohengehren, während in anderen Reformgemeinden längst der Oberbegriff dominiere. Bald wurde auch das Schild „Baltmannweiler – Ortsteil Hohengehren“ am Ortseingang wieder ausgetauscht. Längst ist ein großes „Hohengehren“ mit Zusatz „Gemeinde Baltmannsweiler“ zu lesen.

Den Zusammenschluss an sich befürworteten beide Seiten, in einer Bürgerbefragung hatten sich jeweils 60 bis 70 Prozent der Stimmberechtigten dafür ausgesprochen. Vor allem fürs kleinere Hohengehren waren die Vorteile greifbar. So setzte Keim kurz vor der Vertragsunterzeichnung durch, dass das von Baltmannsweiler geplante Kultur- und Sportzentrum zentral zwischen den Ortsteilen gebaut werden sollte, was dann auch geschah. Hohengehren hatte zu dem Zeitpunkt nicht einmal einen eigenen Sportverein.

„Wenn Gemeinden profitiert haben von der Reform, dann Baltmannsweiler und Hohengehren“, ist auch Berndt Paukert überzeugt. Er gehörte noch 29 Jahre lang dem gemeinsamen Gemeinderat an, der „etwas Ordentliches geschaffen“ habe. Dabei hätten auch die Baltmannsweiler hervorragend mit Keim zusammengearbeitet. Dieser setzte sich bei der ersten gemeinsamen Bürgermeisterwahl gegen drei weitere Kandidaten durch und blieb bis 1999 im Amt. Bei keinem einzigen Ratsbeschluss sei es vordergründig um Vorteile für den einen oder anderen Ortsteil gegangen, betonen Paukert wie Keim, immer hätten inhaltliche Gesichtspunkte gezählt. Bis heute tagt das Gremium abwechselnd im Rathaus in Baltmannsweiler und im Bürgerhaus in Hohengehren.

Das Wappen der Gemeinde nimmt Elemente beider Beteiligter auf: Die drei blauen Berge im oberen Bereich, die wohl auf den Ausblick auf die staufischen Kaiserberge anspielen, wurden von Baltmannsweiler übernommen. Von Hohengehren stammt das Leistenkreuz mit einem „Zipfel“, das meist als Garnknäuel gedeutet wird.

Manch einer im Ort munkelt zwar, dass die beiden Feuerwehrabteilungen sich nicht grün seien. Aber da winkt Gesamtkommandant Andreas Hirschmann ab. „Ein bisschen Rivalität“ sei ganz normal und andernorts weit ausgeprägter, meint er. Man mache gemeinsame Übungen, rücke gemeinsam aus und ein gemeinsames, zentrales Magazin sei in Planung.                aia / Foto: aia


Abgestimmt

Neue Initiative: Die Bundesdrogenbeauftragte will Kinder
vor schädlichem Zigarettenqualm schützen – und dafür ein
Rauchverbot in Autos einführen. Finden Sie das gut?

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Unterensingen bremst

Flughafen will Kerosinpipeline bauen – Kompromiss gesucht

Mit dem Anschluss an eine Kerosin-Pipeline will der Flugplatz Stuttgart seine Versorgung mit Treibstoff sicherstellen und gleichzeitig den Lkw-Verkehr auf den Straßen reduzieren. Der Zeitplan, wenn nicht sogar das ganze Projekt, ist allerdings gründlich durcheinander gekommen. Denn der Unterensinger Gemeinderat hat die Verlegung der Pipeline auf seiner Gemarkung abgelehnt.

Die anderen betroffenen Gemeinden – Wendlingen, Oberboihingen, Köngen, Denkendorf und zuletzt Neuhausen – haben der Pipeline zugestimmt. Sie sehen mit weniger Verkehr, weniger Lärm und mehr Sicherheit vor allem Vorteile für die Bevölkerung. Derzeit wird das Kerosin für den Flugbetrieb von Tanklastzügen geliefert, größtenteils aus einem Tanklager nahe Heilbronn, das Ende 2017 stillgelegt wird. Ein kleinerer Teil des Treibstoffs kommt über den Plochinger Hafen.

Mit dem Anschluss ans europäische Pipeline-Netz CEPS, dessen Achse Tübingen–Kehl in der Nähe verläuft, will der Flughafen von der Straße weg. Berechnungen zufolge könnte das 650 Tonnen CO2 jährlich einsparen. Neben der aktuell verfolgten Trasse parallel zur A 8 stand eine Variante entlang der B 27 zur Debatte, die allerdings länger und teurer wäre und im Kreis Reutlingen auf Ablehnung gestoßen ist.

Die meisten benötigten Grundstücke gehören Privatleuten. Die Eigentümer werden für die Verlegung der Leitung in 1,2 Metern Tiefe im Erdboden entschädigt. Sie könnten ihre „Stückle“ später wie zuvor nutzen, sagt Flughafen-Pressesprecher Volkmar Krämer; Baumpflanzungen sind im Bereich der Pipeline allerdings nicht möglich. Schon vor den Ferien lagen dem Pressesprecher zufolge „die Zusagen für 60 Prozent der Grundstücke“ vor.

Enteignungen sind dabei rechtlich nicht möglich. Es muss also immer ein Kompromiss gefunden werden, notfalls mit einem etwas abweichenden Verlauf. Das steht jetzt auch in Unterensingen an. Dort hatten die Gegner der aktuellen Trasse die Verlegung unter dem Autobahnkleeblatt angeregt, die aber der Flug­hafen GmbH zu teuer ist. Die Gemeindeverwaltung war mit dem zuletzt gefundenen Kompromiss, der das Naturschutzgebiet mit den Baggerseen ausspart, zufrieden und empfahl dem Gemeinderat die Zustimmung. Das Gremium lehnte dennoch denkbar knapp mit sieben zu acht Stimmen ab. Dabei ging es verschiedenen Äußerungen zufolge weniger um die Pipeline an sich als um die Gesamtbelastung für die Bevölkerung: Die sei aufgrund anderer Projekte wie der ICE-Trasse und dem Umbau des Verkehrsknotens A 8/B 313 ohnehin zu groß.

Das Raumordnungsverfahren – der erste Schritt auf dem Weg zur Genehmigung – will die Flughafen GmbH trotz der Ablehnung fortsetzen, weil es, so Krämer, schon sehr weit fortgeschritten sei. Allerdings gehe es danach ohne die Zustimmung von Unterensingen nicht weiter. Nach Kompromissen werde gesucht – eine Zeitverzögerung lasse sich aber nicht vermeiden.    aia / Foto: aia


Zeit zuzuhören

Telefonseelsorge in Stuttgart sucht Ehrenamtliche – Intensive Schulungen – Oft erste Anlaufstelle

Nicht mehr weiterwissen, mit irgendjemandem sprechen, Einsamkeit und die Hoffnungslosigkeit durchbrechen – es gibt viele Gründe, warum Menschen die Nummer der Telefonseelsorge Stuttgart wählen. So viele Gründe, dass die Einrichtung weitere Ehrenamtliche als Mitarbeiter sucht.

170 Männer und Frauen leisten bei der evangelischen und der katholischen Telefonseelsorgestelle in Stuttgart ehrenamtliche Arbeit. Im Jahr 2014 haben sie 26 664 Stunden oder 1111 Tage Dienst gemacht. Dabei haben sie auf den maximal vier Leitungen mehr als 62 000 Anrufe entgegengenommen. Es sind einsame Menschen, die anrufen,
berichtet Krischan Johannsen, der Leiter der evangelischen Telefonseelsorge. Menschen, die an seelischen Erkrankungen leiden – das macht etwa ein Drittel der Anrufe aus. 20 Prozent klagen über körperliche Beschwerden, besonders Schmerzpatienten rufen häufig an. 6000 Anrufer wiederum berichten über Krisen in der Familie, in Beziehungen und nach Verlust des Arbeitsplatzes. Etwa neun Prozent der Anrufer denkt ernsthaft darüber nach, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Von den 62 000 Anrufen im vergangenen Jahr haben  nicht alle zu ernsthaften Gesprächen geführt. Immerhin waren es aber noch 45 000. Etwa ein Viertel davon sind Erstanrufer. Die anderen Anrufe  kamen von Menschen, die sich über einen gewissen  Zeitraum regelmäßig melden. Die Leitungen haben auch ihre Grenzen: Nur jeder achte bis zehnte Anrufer kommt durch.

Johannsen kann es nicht mit Zahlen belegen, aber „gefühlt“ nähmen die Anrufe mit dem Thema Sui­zid zu. Mit Sorge betrachtet er auch das Thema Selbstverletzung bei jungen Menschen. Zwar scheint deren Zahl von 300 Anrufern an den beiden Telefonseelsorgestellen nicht besonders hoch, doch Johannsen findet sie alarmierend, wenn man weiß, wie schambesetzt dieses Thema bei Jugendlichen ist.

Für viele Menschen mit seelischen Problemen ist das Gespräch mit der Telefonseelsorge die erste Anlaufstation – und umso wichtiger, wenn man weiß, wie lange es dauern kann, bis man einen Termin bei einem Therapeuten bekommt. „Damit decken wir einen Bereich ab, den das Gesundheitssystem gar nicht bearbeiten kann“, sagt Johannsen. Als „niedrigschwelliges psychologisches Basisangebot“ bezeichnet es Martina Rudolph-Zeller, die stellvertretende Leiterin der evangelischen Stelle.

Es sei das Highlight ihres Lebens, sagt die Frau im Ruhestand, die seit zwei Jahren ehrenamtlich in der Telefonseelsorge arbeitet. Die Aufgabe sei so erfüllend: „Die Zuwendung zu anderen gibt unheimlich viel zurück“, sagt sie. Ihre Kollegin, eine jüngere Frau, die nach einer Krankheit eine neue Aufgabe gesucht hat, ist seit fünf Jahren dabei. Sie habe in vielerlei Hinsicht nur von ihrer Aufgabe profitiert. sagt sie.  Die Telefonseelsorger werden akribisch auf ihre Aufgabe vorbereitet. Schließlich haben die Ehrenamtlichen in aller Regel keine therapeutische Ausbildung. 300 Stunden verteilt auf zwei Jahre dauern die Vorbereitungen.

„Selbsterfahrung ist ein zentraler Punkt in der Ausbildung“, sagt Martina Rudolph-Zeller. Die Ausbildung sei kein Spaziergang: „Man wird auch mit seinen eigenen Abgründen konfrontiert.“ In der Vorbereitungszeit lernen die künftigen Ehrenamtlichen, wie sie Gespräche führen, wie sie Sensibilität für ihr Gegenüber aufbauen, sie lernen Empathie zu entwickeln, ohne die Distanz zu verlieren. Sie lernen, Menschen dabei zu unterstützen, selbst Lösungen für ihre Krisen zu entwickeln. In der Arbeit selbst sind Supervisionssitzungen eine Stütze für die Telefonseelsorger. „Diese Menschen machen eine so wichtige Arbeit, aber das müssen sie geheim tun“, sagt Johannsen. „Das muss man aushalten können.“ Nur der engste Familienkreis weiß über die Tätigkeit eines Telefonseelsorgers. Damit soll zum einen verhindert werden, dass Anrufer Hemmungen entwickeln, weil sie den Seelsorger kennen. Zum anderen werden die Berater vor eventuellen Gewalttätern geschützt. Auch der Ort der Telefongespräche ist geheim.

Beide Stellen suchen weitere ehrenamtliche Mitarbeiter – nicht zuletzt auch, weil das Angebot des Seelsorge-Chats ausgebaut werden soll. Die nächste Ausbildung beginnt im Juni 2016. Bewerbungen können über die Homepage eingereicht  werden. Beide Anlaufstellen finanzieren sich zu einem großen Teil über Spenden. Bei der evangelischen Beratung beträgt das Budget 330 000 Euro, 200 000 sind finanziert, der Rest muss über Spenden fließen.    bob

 

Info: Telefonseelsorge Stuttgart t 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/ 1 11 02 22, Bewerbungen  über www.telefonseelsorge-stuttgart.de.


„Schakerune“ hat zusammengefunden

Ostfildern: Kommunalreform war „bittere Pille“ – Erstes gemeinsames Projekt war die Halle in Nellingen – Einwohnerzahl wächst

Seit dem 1. Januar 1975 besteht die Stadt Ostfildern. Der Zusammenschluss der Orte Nellingen, Ruit, Kemnat und Scharnhausen ist ein typisches Konstrukt der Kreisgebiets- und Gemeindereform auf den Fildern – ebenso wie die Städte Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt.

Der Start des jungen urbanen Gebildes war ein wenig holprig, denn die vier Teilorte waren von denkbar unterschiedlichem Charakter: Nellingen war eher städtisch geprägt und nach Esslingen orientiert. Schließlich hatte der Ort zum Oberamt Esslingen gehört, während Ruit, Kemnat und Scharnhausen vom Oberamt Stuttgart verwaltet wurden. Durch die Reform sollten die Filder verwaltungsmäßig neu geordnet werden. Denkendorf und Neuhausen, zuvor auch als Reformkandidaten gehandelt, behielten ihre Selbstständigkeit. Bei der Reform wurde geografisch vorgegangen: Nellingen, Ruit, Scharnhausen und Kemnat saßen im Osten der Filder, Filderstadt in der Mitte und  Leinfelden-Echterdingen im westlichen Teil. Auch Berkheim hatte zu den Spielfiguren einer Neuordnung gehört.

Begeisterung hat die Reform nirgendwo ausgelöst.  „Da war von Wehmut im Herzen die Rede, von der bitteren Pille, die man schlucken müsse“, wie Jochen Bender, der Archivar der Stadt, recherchiert hat. Doch was war die Alternative zur Fusion? Über allem schwebte das Schreckgespenst, von Stuttgart oder Esslingen geschluckt zu werden. Da war die „Ostfilderstadt“ das kleinere Übel, obgleich es wenig Verbindendes gab. Um Gemeinsamkeit herzustellen, bemühte man die Archive – und wurde fündig: Es hatten Kemnat, Nellingen, Ruit und Scharnhausen im Jahr 1800 tatsächlich gemeinschaftlich ihre erste Feuerspritze angeschafft.

„Ostfilder“ hieß zunächst der Arbeitstitel für das künftige Konstrukt, Vorschläge für einen Namen sollten eingebracht werden: „Schakerune“ und „Kemrunellhausen“ – aus den Anfangsbuchstaben der Gemeindenamen gebildet – waren solche Vorschläge, auch „Sauerkrauthausen“, „Fildervierling“, „Elfkirchen“ oder „Helikopta“. Letztlich blieb es bei Ostfilder, wobei der Volkskundler Helmut Dölker riet, den Buchstaben n anzuhängen, um den Namen in den Dativ zu setzen und ihm damit Ortscharakter zu geben – auf den Ostfildern sollte das bedeuten.

Der Start war eher traurig, wie Jochen Bender festgestellt hat: „Als Amtsverweser Richard Schall die erste Gemeinderatssitzung am 2. Januar 1975 einberief, war das fast wie eine Trauerveranstaltung. Alle dachten an den Verlust der Selbstständigkeit und auch an die viele Arbeit.“ Zum ersten Bürgermeister der damaligen Gemeinde Ostfildern wurde Gerhard Koch gewählt, zuvor Bürgermeister von Scharnhausen. Vom 1. Juli 1976 an war er Oberbürgermeister, als Ostfildern den Status einer großen Kreisstadt erhielt.

In jedem Stadtteil gab es in den ersten Jahren Bezirksverwaltungen, die als Anlaufstellen vor Ort galten. Es gab viel zu tun, zum Beispiel die doppelten Straßennamen aufzulösen. Es galt, aus vier Gemeinden eine Einheit entstehen zu lassen und das bei einem unnatürlichen Hindernis mitten in der neuen Stadt: den 140 Hektar großen Nellingen-Barracks. Gerhard Koch und sein Stellvertreter Herbert Rösch setzten auf die Kultur als einigendes Element.  „Man sah gerade in der Kultur eine große Chance zur Integration der Bürger über die Stadtteile hinweg“, sagt Bender.

Unter diesem Motto stand auch das erste Stadtfest 1976: „Lernen Sie Ihre Nachbarn kennen, besuchen Sie die anderen Stadtteile“, lautete die Aufforderung, an den über ganz Ostfildern verstreuten Veranstaltungen teilzunehmen. Das erste gemeinsame große Projekt der jungen Stadt war der Umbau der Endhaltestelle zur Halle in Nellingen, das erste Kulturzentrum der Stadt mit Sitz der VHS und der Musikschule. Ein Sinnbild für das Zusammenwachsen vier verschiedener Orte sollten auch die Kunstwerke von Sol LeWitt sein, die an den Stadtteileingängen stehen und die nach ihrem Aufstellen in den 90er-Jahren heftig kritisiert wurden.

Heute ist von den anfänglichen Fremdeleien nicht mehr viel zu spüren, obgleich die Stadtteile ihr eigenes Gesicht behalten haben. „Während die Schüler von Ruit und Scharnhausen nach Nellingen zu den weiterführenden Schulen gehen, zieht es die Kemnater Schüler stärker nach Sillenbuch, so wie früher auch“, sagt Bender. Auch die Finanzämter ziehen alte Grenzen. Kemnater gehören zum Stuttgarter Finanzamt.

Ein Meilenstein in der Stadtgeschichte war die Entwicklung des Scharnhauser Parks als neuer Stadtteil in der Mitte Ostfilderns und die damit verbundene  Verlängerung der Stadtbahn nach Nellingen über Kemnat, Ruit und den Scharnhauser Park.

Im Rückblick hat sich die „bittere Pille“ als Vitaminpräparat herausgestellt, wie Bender bilanziert: Hatte Ostfildern zu seiner Geburtsstunde im Jahr 1975 rund 28 000 Einwohner, sind es heute 38 500 – Tendenz steigend: Laut Bender wächst Ostfildern um rund 50 Einwohner pro Monat – eine Stadt, die anzieht.             bob