„Gebt den Leuten Arbeit“

Bundesverdienstkreuz für Said Amiri – Engagierter Ehrenamtlicher unterstützt Flüchtlinge mit Rat und Tat


Das Wort Ruhestand wäre sicherlich falsch gewählt, wollte man den Tagesablauf von Said Amiri aus Weilheim beschreiben. Im Jahr 1937 in Kabul geboren, ist der frühere technische Kaufmann täglich unterwegs, unterstützt Flüchtlinge in der Unterkunft in Kirchheim, begleitet sie zu Ämtern und Ärzten, organisiert Sprachunterricht oder  hilft bei der Wohnungssuche. Kürzlich erhielt er für sein ehrenamtliches Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Wenn Said Amiri beginnt, von seinem Herzensanliegen zu erzählen, ist sein Engagement förmlich mit den Händen zu greifen. Amiri unterstützt ehrenamtlich Flüchtlinge, die Krieg, Terror und Vertreibung hinter sich haben und es nach oft jahrelanger und zumeist lebensgefährlicher Flucht nach Deutschland geschafft haben. „Wir haben es mit Menschen zu tun, die kriegsbeschädigt und zutiefst traumatisiert sind, für die Frieden und Freiheit Fremdwörter sind. Diese Menschen brauchen Aufmerksamkeit und Vertrauen. Sie benötigen dringend Hilfe, nicht nur finanziell, sondern auch ärztliche, psychische und humanitäre Hilfe. Da sitzen afghanische Jungs vor mir und weinen, weil sie nicht wissen, wo ihre Familie ist, ob sie noch am Leben ist“, sagt Amiri.

Said Amiri weiß, wovon er spricht. Im Jahr 1937 in der afghanischen Hauptstadt Kabul geboren, hat er selbst erlebt, was es bedeutet, aus politischen Gründen seine Heimat verlassen zu müssen. Die Familie Amiri wurde nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan auseinandergerissen. Manche Familienmitglieder flohen nach Indien, andere nach Pakistan oder in den Iran. Ihn hat es nach einer „langen und ungewissen Reise“ nach Deutschland verschlagen. Nach verschiedenen Stationen landete er schließlich in der Region, fand Arbeit bei einem Landmaschinenhersteller in Weilheim, bildete sich parallel auf der Abendschule weiter, absolvierte erst die Meister-, dann die Techniker-Prüfung.

Da Amiri Arabisch und Farsi spricht, waren Auslandseinsätze für seine Firma der nächste Schritt. „Ich habe im gesamten Nahen und Mittleren Osten gelebt und gearbeitet, Iran, Irak, Syrien, Ägypten, Pakistan, auch in Zentralasien – überall da, wo man Landmaschinen braucht“, erzählt er.

In all den Jahren war Amiri immer auch mit den Folgen von Kriegen, Vertreibung und Elend konfrontiert und versuchte vor Ort, aus eigenen Mitteln Menschen in Not zu unterstützen. „Die Zeit schritt voran, doch die Bilder blieben in vielen Regionen dieselben“, sagt er. So war es für ihn nur ein kleiner Schritt, sich nach dem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2000 zunächst in seiner Heimatstadt Weilheim, später auch in Kirchheim für Flüchtlinge zu engagieren. Seitdem ist er als Ehrenamtlicher im Inte­grationsausschuss der Stadt Kirchheim, im Arbeitskreis Asyl und direkt vor Ort im Flüchtlingsheim und in den Familien als Integrationshelfer, Vermittler, Berater und Alltagsbegleiter unverzichtbar.

Für dieses Engagement und seine Verdienste in der Flüchtlingshilfe ist Said Amiri Mitte März mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Landrat Heinz Eininger würdigte Amiris Einsatz als „herausragend und beispielhaft“. Wegen seiner Sprachkenntnisse und seinem profunden Wissen über die Kulturen in etlichen Herkunftsländern der Flüchtlinge wirke Amiri als „wichtige Hilfe bei der Neuorientierung“. Amiri sei Dolmetscher und Sozialarbeiter, Streitschlichter, Unterstützer bei der Wohnungssuche und Jobvermittler, „ein Mentor im besten Sinne des Wortes, ein Fürsprecher, Förderer und erfahrener Ratgeber“, hob Eininger hervor.

Amiri selbst gibt allerdings einen Teil dieses Lobs weiter an die vielen anderen Helfer und Unterstützer der Flüchtlinge in der Region, nennt die Hauptamtlichen der AWO in der Flüchtlingsbetreuung ebenso wie die vielen Helfer im Arbeitskreis Asyl, auch die Mitarbeiter in den Behörden. „In Kirchheim läuft es wirklich sehr gut. Angefangen von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker wollen alle den Flüchtlingen helfen“, freut er sich.

Dennoch sei noch vieles veränderungswürdig. „In den Heimen sind viele Menschen aus vielen Nationen auf engem Raum zusammen. Die sitzen rum und haben nichts zu tun, dabei möchten sie etwas machen. Also, gebt den Leuten Arbeit und gebt ihnen Sprachkenntnisse, das ist das Grundlegende für eine erfolgreiche Integration“, appelliert Amiri. „Professionelle Entwicklungsprogramme“ für die vielen, meist jungen und hoch motivierten Flüchtlinge, schnellere Asylverfahren und rasche Arbeitserlaubnis seien dringend erforderlich. „Wir diskutieren in Deutschland über Fachkräftemangel, bekommen es aber nicht hin, das Potenzial der Flüchtlinge für alle Beteiligten positiv zu nutzen“, stellt er fest.

Damit könnten auch in vielen Herkunftsländern der Flüchtlinge Fortschritte erzielt werden. „Es werden noch viele Menschen kommen, die Situation dort wird zunächst nicht besser, und wir Europäer müssen reagieren“, sagt Amiri. „Wir müssen an der Bildungsarmut ansetzen. Bilden wir doch hier die Fachkräfte für diese Länder aus.“ Schließlich seien Bildung und Ausbildung Schlüssel zur Überwindung von Armut – und damit von Unfreiheit. Amiri fügt hinzu: „Und wozu leben wir, wenn wir nicht frei denken, sprechen und handeln können?“    pst / Foto: pst


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