„Was geschah, kann sich wiederholen“

70 Jahre nach Kriegsende hat der Auschwitz-Überlebende David Salz nach wie vor eine Mission


Mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg. In den Wochen zuvor wurden von den Alliierten die Konzentrationslager der Nazis befreit. David Salz wurde als 13-Jähriger nach Auschwitz deportiert, arbeitete auch in Dora-Mittelbau. Nun hat er Schülern der Nürtinger Albert-Schäffle-Schule sein Leben erzählt. Das ECHO hat sich mit ihm unterhalten.

 

Wie lassen sich die Millionen von Gräuel in den Konzentrationslagern in Worte fassen?

Salz: Ich habe zwei Lager hinter mir. Zunächst Auschwitz, doch im Vergleich zu Dora-Mittelbau Nordhausen war das ein Pappenstiel. Die Bedingungen in Dora-Mittelbau waren weitaus krasser, auch wenn Auschwitz ein Vernichtungslager war und meine Mutter und drei ihrer Geschwister dort vergast und verbrannt wurden. In Dora-Mittelbau wurden die V1 und V2 fabriziert – V steht für Vergeltungswaffe. Der Leiter dieses Projekts war Wernher von Braun, der nach dem Krieg in den USA eine steile Karriere als Raketeningenieur machte und das Projekt zum Mond leitete. Für mich ist von Braun ein Kriegsverbrecher.

 

Wie waren die Bedingungen in Dora-Mittelbau?

Salz: Auschwitz war ein ständiger Überlebenskampf. Mit dem Tätowieren der Lagernummer wurde uns der Name, aber auch jede Würde genommen. Aber dort hat man auf Sauberkeit geachtet und wir konnten auf Pritschen schlafen. In Dora-Mittelbau fand alles im Stollen statt, ein ganzer Flugzeughangar mit Gleisen und vielem mehr war in einem Berg nahe Nordhausen in Thüringen errichtet worden. Bomben konnten den Berg nicht durchdringen. Dort schliefen wir mit etwas Stroh direkt auf dem Steinboden. Die Temperatur lag bei kon­stanten minus acht Grad. Wir konnten uns nicht waschen und keine Kleidung wechseln, für Juden gab es keine Toi­letten. Wir wussten nicht, ob gerade Tag oder Nacht war, wir kannten das Datum nicht, das Tageslicht sahen wir über Monate nicht. Wir arbeiteten jeden Tag, bis zu 16 Stunden. Und der Tod war allgegenwärtig. Viel zu viele blieben auf der Strecke.

 

Wie gelang Ihnen die Flucht?

Salz: Letzten Endes über eine weitere Schikane. Die ganze Schicht wurde in den sogenannten Schonungsblock verlegt – in einen Kasernenblock über Tage, die Böllze-Kaserne. Es war aber der Siechenblock, wir waren dort zum Verhungern verurteilt. Bei einem der vielen Bombardements sprang aber die Tür – wohl durch den Luftdruck – auf, an der gerade ein Arbeitskommando vorbeimarschierte. Jemand sagte: „Hier fehlt einer!“ Worauf ich – ohne zu zögern – aus dem Block raus rannte und mich eingliederte. Später blieb ich zurück, warf mich in einen Schneehaufen und schaffte es, mich abzusetzen. Auf den Wachtürmen standen keine Soldaten. Mit Schnee habe ich mich erst einmal gewaschen und einige Kleiderfetzen gesammelt. Ich warf einige Granatsplitter in den sonst unter Hochspannung stehenden Zaun – die Bomben hatten die elek­trischen Leitungen gekappt. Ich grub mich unter dem Zaun durch und rannte in den Wald. Auf der Flucht gaben mir deutsche Deserteure zu essen und Kleidung. Aber auf einem Bauernhof, auf der Suche nach Essen, wurde ich von Einheimischen verraten. Im letzten Moment machte ich mich durchs Fenster davon und versteckte mich in einer Baumkrone vor den Verfolgern. Des Nachts übernachtete ich auf Friedhöfen, wo ich zwischen Grabsteinen lag. Tage später lief ich völlig entkräftet den Amerikanern in die Arme. Ich wurde gerettet, aber nie befreit. Später zogen die Amerikaner ab und die Russen ein.

 

Nach Ihrer Emigration nach Israel waren Sie knapp 20 Jahre später Zeuge in einem der Auschwitz-Prozesse in Frankfurt. Wie haben Sie den damals erlebt?

Salz: Es war ernüchternd. Der Angeklagte wurde nur zu drei Jahren Haft verurteilt, wegen gesundheitlicher Probleme sogar früher entlassen. Die Narben, die die qualvolle Zeit bei mir hinterlassen haben, werden aber nie heilen. Ich schlafe bis heute keine Nacht durch. Es verfolgt mich, so lange ich einen Gedanken habe. Seit dem Prozess habe ich hohen Blutdruck und ich war bei keiner weiteren Verhandlung.

 

Sie haben bereits Anfang der 60er-Jahre begonnen, vor Jugendlichen von Ihrem Leben und dem Nazi-Terror zu berichten. Warum?

Salz: So lange ich kann, will ich Schüler über den Völkermord an den Juden aufklären. Ich habe dabei nur gute Erfahrungen mit der deutschen Jugend gemacht. Aber: Was gestern geschah, kann sich wiederholen, wenn man nicht gegensteuert. Schauen Sie in den Nahen Osten: Dem Terror der Islamisten schaut die Welt ohne Regung zu. Deshalb sage ich: Never again – nie wieder. Schalom – Friede in der Welt.              ch / Foto: ch

 

Info: David Salz zeichnet derzeit seine Erinnerungen auf, die von einem Co-Autor zu Papier gebracht werden. Noch wird ein Verlag gesucht, der dies als Buch veröffentlicht.


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