Mehr Unfälle mit Radlern und Fußgängern

Polizei legt Verkehrsunfallbilanz für das vergangene Jahr vor – Junge Fahrer und Senioren haben große Anteile – Häufig machen sich die Verursacher aus dem Staub

Es ist eine Bilanz mit bedenklichen Entwicklungen, positiven Tendenzen und  auch einem Hoffnungsschimmer bei einer traurigen Konstanten: Die Polizei hat die Verkehrsunfälle des vergangenen Jahres im Landkreis Esslingen einer detaillierten Betrachtungsweise unterzogen. Heraus kamen: etwas mehr Unfälle auf den Straßen des Kreises, mehr Schwerverletzte, weniger Tote, Rückgänge und weniger schwere Folgen bei den Motorradunfällen, mehr Fahrrad- und viel mehr Fußgängerunfälle. Während die Zahl der Unfälle mit Beteiligung von Kindern gesunken ist, ist die der Senioren gestiegen.

Das Polizeipräsidium Reutlingen ist für die Landkreise Esslingen, Reutlingen und Tübingen sowie neuerdings auch für den Zollernalbkreis zuständig. In den Betrachtungen der einzelnen Kreise gibt es in der nun vorgelegten Verkehrsunfallbilanz durchaus Unterschiede. Beispiel: Während im gesamten Zuständigkeitsbereich die Zahl der Verkehrstoten im Jahr 2019 gestiegen ist (um einen auf 34), ist diese im Landkreis Esslingen von 16 auf zehn gesunken. Im hiesigen Kreis wurden im vergangenen Jahr insgesamt  16 273 Unfälle gezählt, was gegenüber dem Vorjahr einem Plus von 5,5 Prozent entspricht. Dabei wurden 248 Personen schwer (plus sieben) und 1546 (minus zehn) leicht verletzt. Über alle vier Landkreise hinweg schätzen Experten den bei den insgesamt 35 494 Unfällen angerichteten Sachschaden auf 543 Millionen Euro.

Zehn Tote im Straßenverkehr

Unter den zehn Verkehrstoten im Kreis Esslingen waren fünf Autoinsassen, drei Radfahrer, ein Fußgänger und ein Motorradfahrer. Bei zwei dieser Unfälle mit Todesfolge war Alkohol im Spiel. Betrunkene haben insgesamt 195 Unfälle verursacht, dabei wurden 18 Personen schwer und 58 leicht verletzt. 25 Unfallverursacher standen unter Drogen (plus zehn). Ernüchternd wiederum: Bei gut 23 Prozent aller Unfälle machten sich die Verursacher aus dem Staub, 3763 Mal (plus 207) lautete die Diagnose Unfallflucht. Knapp jede Dritte dieser Straftaten wurde aufgeklärt. 

Als häufigste Unfallursache gibt die Polizei  Fehler beim Abbiegen an, gefolgt von Wendemanövern/Rückwärtsfahren, Vorfahrtsverstößen, zu geringem Abstand und überhöhter Geschwindigkeit. Wobei: Je schwerer die Unfallfolgen sind, desto häufiger wird dabei zu schnell gefahren. Das heißt, jeder fünfte Verkehrsunfall mit schweren Folgen (Toten oder Schwerverletzten) geht auf das Konto Geschwindigkeit.

Bei ihren Geschwindigkeitskontrollen registrierte die Polizei im Jahr 2019 in den vier Landkreisen insgesamt mehr als 71 000 Verstöße, was zu 972 Fahrverboten führte. Außerdem deckten die Beamten bei ihren Gurtkon­trollen 16 730 Verstöße auf. Zudem waren 532 Kinder nicht ordnungsgemäß gesichert. 7680 Mal wurden Autofahrer mit dem Handy am Ohr erwischt. Bei  Verkehrskon­trollen saßen zudem 1603 Fahrzeugführer alkoholisiert hinterm Steuer, 695 hatten Drogen genommen.

Im Bereich der Unfälle mit motorisierten Zweirädern (vom Mofa bis zum schweren Motorrad) wurden im Landkreis Esslingen 326 registriert (minus zwölf). Sowohl die Zahl der Schwerverletzten dabei (auf 53),  als auch die der Leichtverletzten (auf 172) gingen zurück. Bei rund der Hälfte der Motorradunfälle waren die Biker selbst schuld. Bei den von Motorradfahrern verursachten Unfällen mit Toten oder Schwerverletzten ragen die Ursachen Geschwindigkeit und Überholen mit etwa 50 Prozent signifikant heraus.

Vielfach auf E-Bikes

Fahrradfahrer waren im Kreis Esslingen 505 Mal (plus 16) in Unfälle verwickelt, drei starben dabei, 73 wurden schwer, 334 leicht verletzt. Die Zahl der Unfälle mit Elektrofahrrädern schnellte um knapp 57 Prozent auf 105 nach oben. Deutlich mehr Unfälle mit Fußgängern wurden registriert: Waren es 2018 noch 158, wurden vergangenes Jahr 195 gezählt.

106 Kinder im Alter bis 13 Jahre (minus fünf) waren in Verkehrsunfälle verwickelt, eines starb dabei (in der Silvesternacht auf der B 27 bei Aichtal), elf wurden schwer verletzt. 27 Schüler (minus vier) verunglückten im Landkreis Esslingen auf dem Weg zur Bildungsstätte.

Junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren sind nach wie vor eine Risikogruppe – für andere und sich selbst. 1201 Unfälle (plus 22) mit ihnen wurden gezählt. Noch häufiger sind aber Senioren ab 65 Jahren beteiligt: 1421 Mal (plus 82). In knapp zwei Drittel der Unfälle waren die Senioren selbst schuld. Sieben Personen aus dieser Altersgruppe starben an den Unfallfolgen.

Technische Mängel

Die Unfälle, an denen Lastwagen beteiligt waren, gingen um acht Prozent auf 536 zurück. In mehr als 70 Prozent der Unfälle lag die Ursache bei den Lkw-Fahrern. Erstaunlich: Bei den Verkehrskontrollen  der Polizei wurden fast dreimal so viele einzelne Verstöße wie kontrollierte Lastwagen gezählt. Vielfach wurden technische Mängel festgestellt, aber auch etliche Verstöße gegen die Vorschriften zu Lenk- und Ruhezeiten.  ch / Foto: dpa


Innovativ und familiär

In Nellingen eröffnet eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Demenz  – Möglichst großes Maß an Selbstbestimmung

Ein  würdiges Leben für seine Frau, trotz ihrer Demenzerkrankung, wünscht sich Eberhard Bitzer. Der 85-Jährige, der seit 20 Jahren in Nellingen wohnt, hat seit geraumer Zeit realisiert, dass er seine Frau nicht mehr alleine betreuen kann. Auch weil er selbst pflegebedürftig geworden ist. Nun hat er für seine Frau ein passendes Objekt gefunden, und zwar in einer ambulant betreuten Wohngemeinschaft am Ort. Diese WG   mit dem Namen „Zusammen(H)alt“ bietet auf einer Etage und einer Gesamtfläche von rund 400 Quadratmetern ihren Bewohnern private Bereiche – die Zimmer sind 16 bis 20 Qua­dratmeter groß –, aber auch Gemeinschaftsräume wie die offene Küche,  den Essbereich und eine große Terrasse – sowie ein innovatives Konzept, in dem den Bewohnern ein möglichst großes Maß an Selbstbestimmung eingeräumt wird und eine gemeinsame Alltagsgestaltung im Vordergrund steht. Am 18. April ziehen bereits alle neun Bewohner im Alter von 68 bis 90 Jahren in der Esslinger Straße in Nellingen ein. Die meisten von ihnen kommen aus Nellingen und haben wie Eberhard Bitzers Frau auch Gedächtnis- und Orientierungsprobleme.

Rund 1,7 Millionen Euro zahlt die Erich und Liselotte Gradmann-Stiftung für die Räumlichkeiten der WG, weitere 200 000 Euro investiert sie in die Einrichtung, erläuterte Ostfilderns Ex-OB Herbert Rösch, der Geschäftsführer der Stiftung ist. Er möchte mit diesem Projekt bewusst innovative Wege gehen, „denn ambulante Wohngemeinschaften scheinen die Antwort auf die wachsende Nachfrage und den Mangel an Fachkräften in der Pflege zu sein“. Seine Vision sei es, dass es in Ostfildern irgendwann 15 solcher Wohngemeinschaften geben werde, verteilt auf die einzelnen Quartiere. Die „Demenz-WG“ in Nellingen ist die zweite dieser Art in Ostfildern, seit acht Jahren gibt es im Nachbarschaftshaus im Scharnhauser Park die Wohngemeinschaft „Lichtblick“.

In dem Gebäude der „Demenz-WG“ in Nellingen entstehen oben drüber Wohnungen, im Erdgeschoss soll ein Drogeriemarkt eröffnen.

Betreut wird die WG in Nellingen vom Pflegedienst Nikolaus-Cusanus-Haus, der die Bewohner mit Fachkräften und Alltagsbetreuern rund um die Uhr unterstützt. Diesen Pflegedienst hat die Angehörigengemeinschaft der Bewohner ausgewählt, denn die Angehörigen sollen sich in dieser innovativen und doch familiären Wohnform aktiv einbringen.

Altenhilfeplanerin Gabriele Beck hat die Projektleitung inne und erläutert: „Diese Wohnform soll die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Bewohner gewährleisten. Dabei gibt es zwei markante Unterschiede zu einem Pflegeheim: Die Angehörigen haben ein hohes, vertraglich festgelegtes Mitsprache- und Mitgestaltungsrecht und können mitreden, was den Alltag der Bewohner angeht. Außerdem entscheiden sie, wer in die Wohngemeinschaft einziehen darf. Und sie wählen selbst den Pflegedienst, der die Bewohner versorgen soll.“

Birgit Schult vom Pflegedienst Nikolaus-Cusanus-Haus, beschreibt den WG-Alltag: „Vom Aufstehen bis zum Abend werden die Bewohner von Alltagsbetreuern betreut, auch nachts ist eine Betreuerin im Einsatz.“ Die Bewohner jedoch bestimmen ihren Tagesablauf –  alle Wege, wie etwa der Gang zum Zeitung  holen an den Briefkasten oder in die Küche zum Frühstück oder gemeinsamen Kochen, werden zusammen unternommen. Es gehe darum, bei den Bewohnern verschüttete Ressourcen freizulegen, sie regelrecht aufblühen zu lassen.  aro/ch / Foto: aro

Info: Der Verein „Zusammen (H)alt“ fördert und begleitet die Wohngemeinschaft ideell und finanziell und sucht Sponsoren und Spender. Auch Patenschaften für Bewohner, die keine Angehörigen haben, sind willkommen. Weitere Informationen haben der Vorsitzende Wolfgang Maier (Maier.W@gmx.de) oder Projektleiterin Gabriele Beck (g.beck@ostfildern.de).


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