Immer mehr Testmöglichkeiten

Im Landkreis kommen Impfangebote für Über-80-Jährige vor Ort voran – Präsenz-Gottesdienste an Ostern möglich

Eine vorgezogene Osterruhe, die keine mehr ist und neben allgemeiner Verwirrung eine Entschuldigung der Kanzlerin nach sich zog, Kontroversen um Test- und Öffnungsstrategien in Modellgegenden und -kommunen, immer neue Testzentren, Hoffnung auf mehr Impfstoff in naher Zukunft, und ein Osterfest, das erneut so ganz anders sein wird, wie es die Bevölkerung, wie es Christen gewohnt sind: Das Corona-Virus legt seine Fesseln nach wie vor eng um die Lebensgewohnheiten nicht nur in Deutschland.

Im Landkreis Esslingen liegt der Sieben-Tage-Inzidenz-Wert nach wie vor über 100, mit der Folge, dass die „Notbremse“ in Kraft bleibt. Das heißt, der Einzelhandel ist in großen Teilen auf Online- sowie „Click & Collect“-Geschäfte angewiesen, Gastronomie bleibt auch im Außenbereich untersagt. Diskutiert wird  im Land hingegen über weiteren Präsenzunterricht in  Schulen.

Wilhelma wieder geschlossen

Auch  Stuttgart hat mittlerweile die „Notbremse“ gezogen, so bleibt etwa die Wilhelma  wieder geschlossen. Immerhin: Private Treffen von zwei Haushalten mit bis zu fünf Personen sind  auch in Gegenden mit mehr als 100 Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner binnen einer Woche erlaubt – Kinder bis einschließlich  14 Jahre zählen nicht mit. Und: Die Christen in Baden-Württemberg können  Präsenzgottesdienste an Ostern feiern. Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger erklärte, Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sei auf die Kirchen zugegangen. Kretschmann traue ihnen zu, „in bewährter und damit verantwortungsvoller Weise den bisher eingeschlagenen Weg“ mit strengen Hygienekonzepten in den Gottesdiensten weiterzugehen. Bund und Länder hatten ursprünglich beschlossen, die Kirchen zu bitten, Gottesdienste nur online anzubieten. Die Online-Variante greifen trotzdem viele Kirchengemeinden an Karfreitag und Ostern auf.

Seit vergangenen Freitag werden in Baden-Württemberg wieder Termine für Impfungen gegen das Coronavirus vergeben werden (unter der zentralen Rufnummer 116 117 oder online auf www.impfterminservice.de). Das Gesundheitsministerium hatte die Anmeldesysteme geschlossen, nachdem der Bund die Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff für einige Tage ausgesetzt hatte. Das Ministerium dämpfte allerdings  Erwartungen, schnell einen Termin bekommen zu können und bat um Geduld. Mit den derzeitigen Liefermengen werden laut Mitteilung täglich rund 35 000 Menschen in Baden-Württemberg geimpft. Die Hoffnung liegt darauf, dass die Impfstoffliefermengen im April ansteigen. Auch etliche Betriebe warten darauf, dass sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Impftermine anbieten können.

Die Strategie, dass mobile Impfteams im Landkreis Esslingen in die Orte gehen, um dort  die Über-80-Jährigen zu impfen, die nicht in Pflegeheimen leben und noch nicht in den Impfzentren in Oberesslingen und auf der Fildermesse versorgt wurden, nimmt immer schärfere Konturen an. Etliche Gemeinden haben ihren Seniorinnen und Senioren mittlerweile entsprechende Angebote unterbreitet, die auch in Form von Kontingenten in den Kreisimpfzentren umgesetzt werden können. Ende vergangener Woche waren nach dem Start in Altbach und Notzingen 19 weitere sogenannte Pop-Up-Impfaktionen terminiert. In dieser Woche stehen etwa in den Impfzentren Kontingente für  Denkendorf und Filderstadt auf dem Plan, zudem eine Impfaktion vor Ort in Lichtenwald. In der kommenden Woche können sich Menschen über 80 aus Reichenbach, Wernau, Wendlingen, Köngen, Oberboihingen und Unterensingen vor Ort impfen lassen, in der Woche darauf dann auch in Baltmannsweiler.

Gerungen wird nach wie vor darum, wie die steigenden Corona-Infektionszahlen unter Kontrolle zu bekommen sind. Die Rede ist von einer groß angelegten Teststrategie, aber auch von einer neuerlichen Verschärfung des Lockdowns. Kretschmann sagte, die Landesregierung müsse dafür sorgen, „dass die Notbremse auch gemacht und durchgesetzt wird“.

Modellprojekt in Tübingen

Dann müsse man sich anschauen, wie das Modellprojekt in Tübingen laufe. In Tübingen können Menschen an neun Stationen kostenlose Tests machen, das Ergebnis wird bescheinigt. Damit kann man in Läden, zum Friseur oder auch in Theater und Museen. Eine Reihe von Kommunen im Land würden gern einen ähnlichen Weg einschlagen wie die Universitätsstadt.

Auch in anderen Städten und Gemeinden wird immer mehr getestet. So auch an einem der  größten Verkehrsknotenpunkte im Kreis: Seit vergangenen Donnerstag   gibt es  auf dem Esslinger Bahnhofsvorplatz ein weiteres Schnelltestzentrum. In einem Zelt  können sich  Bürger, Pendler, aber auch Besucher der Stadt   kostenlos testen lassen. Die Teststation richtet sich vor allem an das Fußvolk. Autofahrer sind nach Angaben der Betreiber  besser aufgehoben im  Schnelltestzentrum in der Fritz-Müller-Straße in Oberesslingen, das als  Drive-In aufgebaut wurde. Neben den beiden neuen Teststationen und dem Schnelltestzentrum in der Plochinger Straße 91 bieten mittlerweile auch einige Esslinger Apotheken Corona-Tests an.  Jeder darf sich einmal pro Woche kostenlos testen lassen, jeder weitere Test  kostet  35 Euro. Oberbürgermeister Jürgen Zieger sagte bei der Eröffnung des Zentrums am Bahnhof:  Das Testen sei ein „hilfreiches Instrument und eine  Möglichkeit, das öffentliche Leben wie Kultur, Gastronomie, Handel und Sport wieder herzustellen“.        ch/sl/dpa / Bild: Ines Rudel


CAP-Markt öffnet im Mai

Der Supermarkt  im Zentrum Neuhausens sucht schon Personal und bereitet sich auf die Eröffnung vor

Der neue CAP-Markt in  Neuhausen soll im Mai öffnen. „Ob wir den geplanten Tag am 6. Mai halten können, ist noch offen“, sagt Jörg Moosmann, der bei der Nintegra (Unternehmen für Integration) – eine   Tochter des Sozialunternehmens Neue Arbeit –    für die Einkaufsmärkte mit inklusivem Konzept zuständig ist. Denn in den Kellern und in der Tiefgarage müssten die Besitzer  mehr renovieren als zunächst gedacht. Mitte April werde sich entscheiden, ob der Markt ein oder zwei Wochen später in Betrieb geht. Das Erdgeschoss mit den Ladenflächen sei aber bereits fertig. Das Sortiment mit rund 10 000 Artikeln werde zum geplanten Starttermin vorbereitet. Die Waren bekommt der neue Markt von Edeka geliefert.

Dass der Markt in der Ortsmitte von Neuhausen nun in absehbarer Zeit öffnen kann, ist dem ehemaligen SPD-Gemeinderat Erich Bolich zu verdanken. Er hat sich dafür eingesetzt, dass die Geschäftsflächen wieder vermietet werden. Je nachdem, wie die Arbeiten im Untergeschoss voranschreiten, wird dann nach Moosmanns Worten die Eröffnung terminiert. Da es in unmittelbarer Nähe rund um den Einkaufsmarkt wenig Parkmöglichkeiten gibt, ist es wichtig, dass gehbehinderte  Kunden  die Tiefgarage nutzen können. Moosmann lobt die gute Zusammenarbeit mit den Architekten, die für die Nutzung der Marktflächen  ein neues Konzept entwickelt haben: „Wir schließen eine Lücke in der Nahversorgung.“

Der Chef der CAP-Märkte bei der Neuen Arbeit sucht bereits nach Personal,  Anzeigen werden geschaltet. Der neue Marktleiter ist nach Moosmanns Worten bereits gefunden, allerdings liefen die Verhandlungen noch. Gesucht wird noch die stellvertretende Marktleitung – ebenso wie Kassenpersonal und andere Mitarbeiter.

In den CAP-Märkten arbeiten Menschen mit und ohne Handicap zusammen. „Der Anteil Schwerstbehinderter liegt bei 40 Prozent“, erläutert  Moosmann.  Jede und jeder würden nach ihren Stärken gefördert. Das klappt nach seinen Erfahrungen in den Märkten der Nintegra bestens – 15 CAP-Märkte betreibt das Unternehmen bereits. Mit dem neuen Markt in Neuhausen werden es 16 sein.

Eine Besonderheit im  Markt in Neuhausen ist laut Moosmann  die Unverpackt-Abteilung, sie werde größer als ursprünglich geplant. Den Anstoß dafür haben drei Schülerinnen aus der Fildergemeinde gegeben. Luisa, Luna und Mara haben der Gemeindeverwaltung ihr Unverpackt-Konzept vorgestellt. Sie finden es gut, wenn  Nudeln, Haferflocken oder Nüsse ohne Verpackungsmaterial verkauft werden. Robin Lars Schmitt, der persönliche Referent von Bürgermeister Ingo Hacker, hat daraufhin den Kontakt zu den CAP-Betreibern hergestellt. „Solche Anregungen greifen wir gerne auf“, sagt Moosmann. Man beobachte genau, welches Sortiment die Kunden einkaufen und richte sich danach.

Ende 2019 hatte der CAP-Markt in Neuhausen, den die Filderwerkstatt betrieben hatte, geschlossen. Danach stand die Ladenfläche leer. Gerade ältere Menschen, die  im betreuten Wohnen im Ostertagshof leben, hatte das Aus schwer getroffen. Es gibt zwar gute Einkaufsmöglichkeiten in Neuhausen, allerdings liegen diese nicht im Zentrum. Wenn der CAP-Markt unter einem neuen Betreiber nun wieder öffnet, hofft Moosmann, dass die Menschen das Angebot auch annehmen.

Vor einem Jahr ging die Nintegra mit dem CAP-Markt in  Köngen an den Start. „Die feierliche Eröffnung war gerade noch vor dem ersten Lockdown möglich“, blickt Moosmann zurück. Der Markt in der Fußgängerzone werde von den Menschen inzwischen sehr gut angenommen. Etwas schleppender, weil mitten in der Pandemie, sei der CAP-Markt im vergangenen Frühjahr in Denkendorf gestartet. Inzwischen sei man aber auch dort auf einem guten Weg.  eli / Bild: Ines Rudel


Ein Brauch wird zur Verpflichtung

Die lebendigen Schwörtagstraditionen einstiger Reichsstädte zählen nun zum immateriellen Kulturerbe

Das Selbstbewusstsein Freier Reichsstädte war stets ein ganz besonderes, und es ist bis heute zu spüren. In Esslingen, Reutlingen und Ulm zeigt sich die lebendige Tradition alle Jahre wieder an Schwörtagen. Sie gelten als De­monstrationen kommunaler Selbstregierung, ihre Wurzeln reichen bis ins Mittelalter zurück. Und sie sind in allen drei Kommunen Ausdruck einer Stadtgemeinschaft, die sich gemeinsamen Werten verpflichtet fühlt. Nun hat die Kulturministerkonferenz der Länder auf Empfehlung eines Expertenkomitees der deutschen Unesco-Kommission die Schwörtagstraditionen in Esslingen, Ulm und Reutlingen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. In den Rathäusern versteht man diese Auszeichnung als Verpflichtung, die Tradition stets auf der Höhe der Zeit mit Leben zu erfüllen. Dass in Coronazeiten die gewohnten Feierlichkeiten in diesem Jahr nicht möglich sein werden, soll diesem Anspruch keinen Abbruch tun.

Vor zwei Jahren hatten die drei einstigen Reichsstädte die Aufnahme in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland beantragt. Die Professorin Eva-Maria Seng von der Uni Paderborn, die den Antrag begleitet hatte, war nicht überrascht, dass man offene Türen einrannte: „Diese spezifische Form der Vergesellschaftung durch gegenseitigen Schwur der städtischen Bürgergemeinde und der Exekutivorgane der Städte, deren Wiederbelebung nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Weiterentwicklung unter neuen demokratischen Vorzeichen bilden ein Beispiel, wie es gelingt, Bräuche und Rituale der Vertrautheit, Wiedererkennung und Strukturierung des Ortes und Raumes mit neuen Elementen zu verknüpfen beziehungsweise diese zu integrieren, um so dem Erstarren in bloßer Folklore zu begegnen.“ Wie die Oberbürgermeister Jürgen Zieger (Esslingen), Thomas Keck (Reutlingen) und Gunter Czisch (Ulm) findet auch Seng: „Es gilt, an die Vergangenheit anzuknüpfen und den Geist dieser Tradition in die Gegenwart weiterzutragen.“

Für Esslingens OB Jürgen Zieger ist die Würdigung Anerkennung und Herausforderung zugleich: „Die Idee der kommunalen Selbstverwaltung mit einer starken Stimme der Bürgerschaft und einem regelmäßig erneuerten Bekenntnis von Oberbürgermeister und Gemeinderat zu den Statuten der Stadtgemeinschaft lebt. Übertragen auf die politischen Regelungen der heutigen Zeit heißt dies: In den Kommunen müssen Dialog, Partizipation und die politische Meinungsbildung über sämtliche Generationen, Instrumente der Teilhabe, Integration und des gemeinsamen Miteinanders ständig gelebt und gepflegt werden.“ Zieger ist überzeugt, dass dieser Gedanke in Esslingen sehr lebendig ist – etwa in den Bürgerausschüssen.

Die Aufnahme in die Unesco-Liste wollen die drei Kommunen nutzen, um ihre Schwörtagstraditionen noch stärker zu profilieren. „Zugleich müssen wir sicherstellen, dass bei aller nötigen Anpassung an gewandelte Einstellungen in der Bevölkerung der historische und stadtgesellschaftliche Kern der Feiern erhalten bleibt“, findet Zieger. Dass sich eine Stadtgesellschaft ihrer gemeinsamen Werte versichert, sei unerlässlich: „In Esslingen leben Menschen aus 127 Nationen friedlich zusammen. Das ist keine Selbstverständlichkeit und das Merkmal einer Friedensstadt, als die wir uns verstehen.“ Aus dem  reichsstädtischen Geist leitet Zieger große Verantwortung ab und verweist auf den Haecker-Preis für politischen Mut und Aufrichtigkeit: Dies sei ein starker Beweis für die Ernsthaftigkeit dieses Anliegens.

In Pandemiezeiten hat Esslingen sein Bürgerfest inklusive Schwörtag für dieses Jahr bereits abgesagt. Aber vielleicht gibt es später noch mal Grund zum Feiern. Denn auf die Frage, ob auch ein Platz in der Unesco-Liste des immateriellen Weltkulturerbes angestrebt wird, antwortet Zieger für alle: „Na klar!“  adi / Archivfoto: Roberto Bulgrin


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Neustart mit Astrazeneca

Die Impfzentren im Landkreis Esslingen spritzen wieder das umstrittene Vakzin – Hausärzte ab Mitte April mit im Boot

Sanfte Öffnungsschritte, die schnell wieder zurückgenommen werden. Verwirrung um den Astrazeneca-Impfstoff, der seit Ende vergangener Woche auch im Landkreis Esslingen wieder gespritzt wird. Und die nach wie vor hohen Inzidenzzahlen sorgen weiter für Unsicherheit. Die Corona-Pandemie fordert den Langmut der Bevölkerung heraus.

Nachdem erst zu Beginn der vergangenen Woche  der Impfstopp für das Vakzin von Astrazeneca verhängt und am Donnerstag wieder aufgehoben worden war, haben die Kreisimpfzentren (KIZ) in Oberesslingen und an der Messe auf den Fildern schon am Freitagmorgen wieder begonnen, den Rückstand aufzuholen. Der Neustart sei sehr gut angelaufen, sagte Marc Lippe, der Bezirksgeschäftsführer der Malteser Neckar-Alb am Freitag. „Die Astrazeneca-Impfter­minangebote werden gut angenommen, viele Leute kommen.“

Während des Astrazeneca-Stopps  waren täglich etwa 220 Impftermine in den zwei KIZ ausgefallen. Dies soll nun diese Woche aufgeholt werden. In der vergangenen  Woche waren im Kreisimpfzentrum in Esslingen insgesamt etwa 600 Impfungen täglich vorgenommen worden,  an der Messe etwa 400 pro Tag. In Esslingen wurde zuletzt mehr gespritzt, weil das KIZ aufgrund seiner langen Warteliste ein Impfstoff-Sonderkontingent erhalten hatte. Diese Woche erwartet Lippe trotz des Astrazeneca-Nachhol­effekts ähnliche Impfzahlen  aufgrund von Lieferengpässen  des schwedisch-britischen Herstellers.

Das baden-württembergische Sozialministerium weist darauf hin, dass keine neuen Impftermine vergeben würden, bis der Rückstand aufgeholt sei. Menschen aus der zweiten Prioritätsgruppe sind hierzulande bereits impfberechtigt. Generell gilt: Wer  einen Termin habe, könne sich  impfen lassen. „Alle Personen ab 18 Jahren, die impfberechtigt sind, bekommen  wieder grundsätzlich Termine mit allen verfügbaren Impfstoffen – je nachdem, was gerade frei ist bei der Terminbuchung“, so ein Ministeriumssprecher.

Kretschmann setzt Zeichen

Zur zweiten Prioritätsgruppe zählt auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der ergatterte für vergangenen Freitag einen Impftermin in der Stuttgarter Liederhalle – und ließ sich das Astrazeneca-Vakzin spritzen. Kretschmann wollte dies auch als Werbung verstanden wissen: „Das Zeichen soll sein: Haben Sie Vertrauen, lassen Sie sich impfen.“ Astrazeneca sei ein sicherer und wirksamer Impfstoff, das habe die  EMA nach dem kurzzeitigen Stopp wegen der Prüfung von Nebenwirkungen bestätigt. Impfen sei die einzige Möglichkeit, die Pandemie „niederzukämpfen“, so Kretschmann.

Von dem Astrazeneca-Hin-und-Her nicht betroffen sind die vier mobilen Impfteams im Landkreis. Diese verwenden ohnehin nur das Vakzin von Biontech. Hier werden  etwa 600 Impfungen pro Woche erreicht. Aktuell liegt der Schwerpunkt noch auf den Zweitimpfungen in Altenheimen, Tagespflegestätten und Einrichtungen für betreutes Wohnen. Nachdem diese weitgehend abgeschlossen sind, soll es nach Angaben von Dennis Tabler von den mobilen Impfteams ab Ende März vor allem um Vor-Ort-Aktionen für Über-80-Jährige in den Kreiskommunen gehen. Seit Freitag werden über 80-Jährige aus Altbach, Deizisau und Plochingen in Altbach geimpft. In dieser Woche geht das Impfen vor Ort in Notzingen los. Mit weiteren Kommunen im Kreis würden Termine vereinbart. 39 der 44 Kommunen im Kreis hätten Interesse bekundet.

„Wir hoffen, dass wir trotz aller Widrigkeiten beim Impfen in den vergangenen Tagen nun ein gutes Stück vorankommen werden“, sagte Landrat Heinz Eininger.  Eine weitere Säule des Impfens, heißt es aus dem Landratsamt, fuße darauf, in Arztpraxen zu impfen. In Kirchheim laufe dazu bereits ein Pilotprojekt des Landes in einer Praxis. Ab Mitte April sollen auch in weiteren Hausarztpraxen Impfungen angeboten werden.

Angesichts steigender Infektionszahlen hat das Esslinger Landratsamt am 18. März  die Corona-Beschränkungen verschärft und die vom Land eingeführte „Notbremse“ gezogen – die Sieben-Tage-Inzidenz lag mehrere Tage hintereinander über 100. Angehörige eines Haushalts dürfen sich wieder nur  mit einer Person eines weiteren Haushalts treffen, im  Einzelhandel dürfen nur  noch vorbestellte Waren zu einem fixen Termin abgeholt werden. Wobei die Verwirrung über die Öffnungen recht groß ist (der Landkreis Esslingen bietet in der Regel einen aktuellen Stand der Verordnungen auf seiner Homepage). Von den neuerlichen Einschränkungen sind zunächst neben den  Lebensmittelmärkten Buchhändler und Gärtnereien ausgenommen. Für die anderen gilt: Abholen und Liefern von Waren ist weiterhin möglich, das sogenannte Click & Meet aber nicht mehr.

Sportanlagen für Amateur- und Freizeitsport, Museen, Galerien, Gedenkstätten, zoologische und botanische Gärten bleiben ebenfalls  geschlossen. Körpernahe Dienstleistungen sind nicht erlaubt, außer medizinisch notwendige Behandlungen und Friseurbetrieb.  

In Esslingen bleiben die städtischen Museen geschlossen. Mittelfristig hofft Kulturamtsleiterin Alexa Heyder „auf eine Einstufung der Häuser als außerschulische Lernorte und damit andere Öffnungsperspektiven“. Nicht von der Regelung betroffen sind  die Stadtbücherei und das Stadtarchiv. Dort ist  ein Besuch nach   vorheriger Anmeldung mit  Buchung eines Zeitfensters möglich.

Gericht kippt Quarantäne-Regel

Laut Florian Mader vom Pressereferat des Landessozialministeriums kann auf die „Notbremse“ verzichtet werden, wenn die höheren Infektionszahlen auf einen  nachweisbaren Ausbruchsort zurückzuführen sind. Im Landkreis Esslingen ist ein solcher Hotspot laut Pressesprecherin Andrea Wangner nicht auszumachen. Aufgehoben würden die verschärften Beschränkungen, wenn das Gesundheitsamt eine Sieben-Tages-Inzidenz von weniger als 100 Neuinfektionen je 100 000 Einwohnern an fünf Tagen in Folge feststellt.

 Die Zahl von Menschen in der Region, die in Quarantäne sind, ist zuletzt stark angestiegen. Allerdings müssen  Kontaktpersonen einer Kontaktperson nicht mehr automatisch in Quarantäne.  Das entschied der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg und setzte damit eine Regelung des Landes außer Vollzug. Konkret geht es zum Beispiel um  die Familien  von Schülern, die mit einem  positiv getesteten Schüler aus der eigenen Klasse  Kontakt hatten.   ch/the/gg/sw / Foto: Roberto Bulgrin


Modern und bürgernah

Die Stadt Kirchheim plant in der Altstadt einen Verwaltungsneubau mit breiter Bürgerbeteiligung

Die Planungen für ein neues Verwaltungsgebäude in der Marktstraße in Kirchheim gehen voran. Nach einem Bürgerbeteiligungsprozess im vergangenen Jahr waren dessen Ergebnisse in das Konzept eingearbeitet worden. Im Februar hat der  Gemeinderat daraufhin die  wesentlichen Eckpunkte für den Neubau beschlossen. Nun können die Planungen weiter vertieft werden.

Seit geraumer Zeit wird in Kirchheim beklagt, dass ein Großteil der städtischen Verwaltungsgebäude zeitgemäßen Standards nicht genügt. Allgemein fehlt es an Platz, an Sozial- und Besprechungsräumen, es gibt keine Barrierefreiheit und auch der Brandschutz ist mangelhaft. Viele Räume sind für eine  flexible Nutzung , etwa für das Arbeiten in abteilungsübergreifenden Projektteams, nicht geeignet. Daher hat die Stadt ein Verwaltungsgebäudekonzept aufgelegt, mit dem bis zum Jahr 2030 die Voraussetzungen für  zeitgemäße Verwaltungsflächen geschaffen werden sollen.

Der geplante Neubau am unteren Ende der Marktstraße bildet  einen Baustein dieses Konzepts. Dort soll ein 46,5 Meter langes und 17,5 Meter breites Gebäude mit einer Firsthöhe von 20,75 Metern errichtet werden. Nach den bisherigen Festlegungen sollen dort künftig die Bereiche Bürgerservice und Ausländerwesen sowie das Standesamt Platz finden.

Da der Verwaltungsneubau in den Charakter des historischen Stadtkerns eingreift und dazu ein Teil des Rollschuhplatzes überbaut wird, hatte die Stadtverwaltung bereits frühzeitig die Bürger mit einem Beteiligungsprozess an Bord geholt und ihre Stimmen und Stellungnahmen aufgenommen. In den Planungsprozess flossen überdies die Stellungnahmen des örtlichen Gewerbes und des Landesdenkmalamts sowie die Ergebnisse  einer separaten Jugendbefragung zur Nutzung des Rollschuhplatzes  ein. 80 Prozent der befragten  Bürger wünschten demnach Feste und Veranstaltungen auf dem Platz sowie eine Steigerung der Aufenthaltsqualität etwa durch Schattenplätze, Sitzgelegenheiten und öffentliche Toiletten. Ähnliches ergab auch die Jugendbeteiligung zur Freiraumgestaltung. „In den weiteren Planungen werden die Anregungen und Stellungnahmen zum Rollschuhplatz soweit wie möglich berücksichtigt“, teilt die Verwaltung dazu mit.

Ein in der Bürgerbeteiligung viel diskutiertes Thema war die Frage nach den notwendigen Parkplätzen und der Erreichbarkeit des Gebäudes für mobilitätseingeschränkte Bürger. Dazu hat der Gemeinderat nun beschlossen,  auf eine öffentliche Tiefgarage  aufgrund denkmalschutzrechtlicher Auflagen zu verzichten. Nach dem derzeitigen Stand der Planungen sollen aber  zehn Parkplätze wenn möglich im Untergeschoss oder am Gebäude eingerichtet werden.

„Auch im weiteren Planungsprozess wollen wir den Faden der Bürgerbeteiligung nicht abreißen lassen. Sämtliche Planungsschritte sollen transparent erfolgen“, betont Bürgermeister Stefan Wörner. Nun sollen die Pläne  verfeinert und konkretisiert werden. „Ziel ist es, bis zum Jahresende eine genehmigungsreife Planung zu haben“, sagt Wörner.  2022 könnten die ersten Bauarbeiten beginnen, bei einem optimalen Ablauf könne mit einem Bezug des Neubaus durch die Stadtverwaltung im Jahr 2024 gerechnet werden. pst / Foto: Stadt Kirchheim

Info: Der Abschlussbericht zum Beteiligungsprozess zum Verwaltungsneubau ist  unter www.kirchheim-teck.de/ImDialog zu finden. 


OB Zieger hört auf

Esslingens Oberbürgermeister geht Ende September in den Ruhestand und bleibt sich auch im Abschied treu

Im Esslinger Rathaus geht eine Ära zu Ende. Nach mehr als 23 Jahren an der Spitze der Stadtverwaltung verabschiedet sich Jürgen Zieger Ende September in den Ruhestand. Dass der Oberbürgermeister ein Jahr vor Ende der Amtszeit seinen Hut nehmen will, kommt für die allermeisten überraschend. Denn der OB hatte nie einen Zweifel daran gelassen, dass er die Geschicke der Stadt mit Leib und Seele lenkt, auch wenn ihm der Wind bisweilen scharf ins Gesicht weht.

„Nach erfüllenden Jahren als Oberbürgermeister dieser Stadt nehme ich mir die Freiheit, diesen Zeitpunkt selbst zu wählen. Es gibt viel zu viele Politiker, die den richtigen Zeitpunkt verpassen“, betont der 66-Jährige und versichert: „Zunächst aber werde ich mich noch bis zum 30. September meinen Aufgaben als Oberbürgermeister in vollem Umfang und mit aller Kraft widmen. Es wird mir eine Ehre sein.“ Ziegers Ankündigung bringt die verschiedenen politischen Lager der Stadt nun in Zugzwang, weil sie sich rasch Gedanken über die Nachfolge machen müssen.

Dass er stets  im ersten Wahlgang als OB gewählt worden war, betont Zieger nicht ohne Stolz:  „Ich darf mit Freude auf viele gute und prägende Jahre in meinem Amt zurückblicken.“ Dass er sich mit einer stattlichen Leistungsbilanz verabschiedet, dürfte seinen Entschluss erleichtert haben. „Mein Amtsverständnis war immer vom Anspruch geprägt, ‚der Stadt Bestes’ zu suchen“, erklärt Zieger. „Unterschiedliche Meinungen zu Themen und Projekten sind Teil einer liberalen Demokratie und auch Wesensmerkmal einer engagierten Bürgerschaft.“

Zieger bedankt sich bei seinen Dezernenten, beim Gemeinderat und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadtverwaltung: „Ich weiß, dass ich allen einiges abverlangt habe. Wenn es manchmal zu viel gewesen sein sollte, tut es mir leid. Aber ohne dieses Engagement bringt man einen Tanker wie Esslingen nicht in Fahrt. Und ich kann für mich in Anspruch nehmen, dass ich auch mir immer sehr viel abverlangt habe.“ Wenn es in Debatten bisweilen hart zur Sache ging, liegt das für den OB in der Natur des politischen Geschäfts: „Nur mit einer gewissen Konsequenz und Härte bewegt man vieles. Vor allem dann, wenn man zum Wohl der Stadt unpopuläre Entscheidungen treffen muss. Wenn ich Menschen jedoch persönlich verletzt habe, möchte ich mich dafür entschuldigen.“ Umso mehr freue er sich, dass die Fraktionschefs mit großer Wertschätzung auf die Ankündigung seines Abschieds reagiert hätten.

Zieger nimmt für sich in Anspruch, dass er  stets versucht habe, dem sozialen Aspekt das nötige Gewicht zu geben. Das mag auch in seiner Biografie angelegt sein: „Es war mir als Arbeiterkind aus dem Rheinland nicht in die Wiege gelegt, ein solches Mandat jemals zu erreichen und so lange ausüben zu dürfen.“

Die Entscheidung, ein Jahr vor Ende der Amtszeit zu gehen, folge keiner spontanen Idee: „Sie ist innerfamiliär mit meiner Frau Angela 2019 entschieden und coronabedingt auf 2021 verschoben worden. Es gibt dafür keine äußeren Anlässe, aber meine Frau und ich möchten noch ein anderes Leben ohne ausgefüllten Terminkalender und Sieben-Tage-Woche führen.“ Untätig wird er nicht sein: Zieger bleibt Regionalrat und behält Ehrenämter wie den Vorsitz der Weiler-Stiftung und der Stiftung Esslinger Kulturpreis. Auch beim Podium- und beim Jazzfestival will er sich engagieren. „Ein Schatten-OB will ich sicher nicht werden“, versichert er.

Angela Zieger betont, dass Esslingen zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden sei, verbunden  mit vielen schönen Momenten und persönlichen Freundschaften. Die promovierte Kunsthistorikerin hat stets ein eigenständiges Profil gezeigt und Akzente abseits der Stadtpolitik gesetzt. Die Freude auf mehr Privatleben, als es einem OB  möglich ist, ist Jürgen Zieger anzumerken. Auch deshalb ist er mit sich im Reinen: „Ich reiße mir ein Stück vom Herzen, aber ich weiß, dass es gut ist.“  adi / Foto: Roberto Bulgrin


Abgestimmt

Nach Aufhebung der Reisewarnung boomt der Mallorca-Urlaub. Rückkehrer müsste man testen, fordern viele. Sie auch?

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Es droht der Schritt zurück

Liegen die Inzidenzzahlen im Landkreis über 100, werden die Lockerungen wieder aufgehoben

Am Sonntagabend  überschritt  der Sieben-Tage-Inzidenzwert im Landkreis Esslingen erstmalig wieder   den Wegmarker 100. Er lag bei 108. Ein Schritt zurück statt  der weiteren  Öffnungen, auf die so viele gewartet haben? Bleibt er  jedenfalls drei Tage lang hintereinander über dieser Grenze, müsste  der Handel ab Donnerstag  wieder auf   Kundentermine im Laden verzichten.    Zudem dürften sich dann wieder nur noch Angehörige eines Haushalts mit höchstens einer Person aus einem  weiteren Haushalt privat treffen.  Museen und  Galerien wären fürs Publikum schon nach nur wenigen Tagen  der Lockerung wieder ganz tabu. Gruppentraining im Sport für Kinder unter 14 Jahren wäre dann auch nicht mehr möglich. Und Kosmetik-, Nagel-, Massage-, Tattoo-, Sonnen- und Piercingstudios  müssten  wieder dicht machen.

Damit hätten die  behutsamen Öffnungen der vergangenen Tage   nicht allzu lange Bestand gehabt. Im  Landratsamt ist man bereits dabei, die entsprechende Allgemeinverordnung vorzubereiten. Zumal die steigenden Zahlen nicht auf individuelle, größere Ausbrüche an einzelnen Einrichtungen zurückzuführen sind. „Wir verzeichnen  derzeit zum Beispiel viele familiäre Cluster, auch mit Virusvarianten“, beschreibt Landratsamtssprecherin Andrea Wangner das aktuelle Infektionsgeschehen. Seit dem 20. Januar habe man im Kreis rund 600 Fälle der britischen Corona-Variante gelistet.  Die Pflegeheime seien mittlerweile alle durchgeimpft. „Es trifft jetzt nicht mehr die älteren Menschen, sondern vor allem die 20- bis 59-Jährigen.“

Aus den Schulen seien dem Gesundheitsamt in der vergangenen Woche  32 Corona-Fälle gemeldet worden, aus den Kitas 42. Dass seit Montag  nach den Abschlussklassen auch wieder  alle Grundschüler und die Fünfer und Sechser  im Präsenzunterricht sitzen, ist heftig umstritten. Gereon Basler, Schulleiter des Esslinger Georgii-Gymnasiums, das vor wenigen Tagen wegen drei Corona-Mutationsfällen noch annähernd die  gesamte Kursstufe in Quarantäne schicken musste, spricht  von einem Spagat, den Lehrer, Schüler und  Eltern leisten müssten.

Schnelltests  ausgeweitet

„Man hätte sich schon gewünscht, dass mit der Schulöffnung auch eine entsprechende Teststrategie verbunden ist“, sagt  Esslingens Sozialbürgermeister Yalcin Bayraktar. Die Stadt versucht trotz aller Unklarheiten derzeit alles,  dass ihre Bürgerinnen und Bürger so schnell wie möglich an Schnelltests herankommen  – mit Testzentren, mobilen Testteams oder  privaten Initiativen.

Im Einzelhandel sitzt der Frust ganz tief. Wider Erwarten sei das Einkaufen nach Terminvergabe „sehr gut“  angenommen worden, sagt Alexander Kögel, Chef des gleichnamigen Modehauses und Sprecher der City-Initiative Esslingen.  „Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll, wenn wir  wieder schließen müssten. Ich habe mein ganzes Frühjahrssortiment da und mache womöglich wieder keine Umsätze.“ Kögel verweist auf Fachleute, die im Einzelhandel keinen Treiber des Infektionsgeschehens ausmachen.

Im Einzelhandel hatte sich vergangene Woche zumindest ein Hoffnungsschimmer abgezeichnet  – trotz  aller Unsicherheit angesichts der Pandemieentwicklung. Blumenläden, Gartenmärkte, Buchhandlungen  und Baumärkte haben mit Quadratmeter-Vorgaben je Kunde wieder regulär geöffnet – und die Kundschaft machte von den Möglichkeiten rege Gebrauch. Friseure durften schon eine Woche zuvor wieder zur Schere greifen, Termine waren in aller Regel für die ersten Tage und Wochen schnell ausgebucht. Es blieben jedoch die Händler, denen lediglich eine Teilöffnung zugestanden wurde. 

Für den Kauf von Anzug, Schuhen,  Sportklamotten oder auch Geschirr wurde „Click & Meet“ installiert, wenn sich die Inzidenzzahlen denn zwischen 50 und 100 einpendelten. Die Variante „Click & Collect“ gilt nach wie vor. Esslingens Citymanager  Thomas Müller hat bis Ende voriger Woche erkannt, dass mit den neuen Möglichkeiten „jeden Tag wieder etwas mehr Bewegung in der Stadt“ gekommen sei. Auch wenn die Erfahrungen in den Geschäften ganz unterschiedlich sind. Mal werde  das Kundeninteresse als sehr zurückhaltend beschrieben, mal als überaus positiv. 

Verunsicherung ist groß

Annemarie Kolbe betreibt in Plochingen mit „Bodywear“ einen Laden für Dessous, Wäsche und Bademode. „Die Leute rufen sehr verhalten an“, gab sie ihre „Click & Meet“-Erfahrung wieder. Die Verunsicherung sei eben nach wie vor groß, zumal niemand wisse, in welche Richtung es weitergeht. Mit Sorge beobachtet Kolbe die steigenden Inzidenzzahlen und mögliche  neuerliche Lockdown-Regeln. Sie hofft, dass möglichst rasch Impfungen beim Hausarzt möglich sind.

Holger Heldmaier, Inhaber von Blumen Sonn in Nellingen, hat vergangene Woche nicht nur erkannt, dass wieder Leben eingekehrt war in die Einkaufsmeile Hindenburgstraße, sondern dass „die Leute Bedarf an etwas Schönem haben“. Sein Geschäft lief – nicht von den „Click & Meet“-Grenzen eingeschränkt – wie in Vor-Lockdown-Zeiten. 

Unsicherheit besteht auch, weil in den Landkreisen Unterschiedliches gilt. Denn unter einer Inzidenz von 50 dürfen die Läden sogar ohne Terminvergabe öffnen. Davon kann auch Thomas Flöss vom gleichnamigen Sportgeschäft in Esslingen  ein Lied singen. In seiner Filiale in Waiblingen darf er öffnen, weil der Rems-Murr-Kreis unter dem 50er-Wert lag (zumindest Stand  Ende vergangener Woche).

Aber auch in seinem Geschäft in Göppingen durften Kunden trotz einer Inzidenz über 50 ohne Termin einkaufen – allerdings nur wenige Tage, dann wurde die Regelung wieder einkassiert. Thomas Flöss kann  aber mit der Terminvergabe leben.  „Das läuft ganz unproblematisch ab. In jedem Fall ist es besser, als geschlossen zu haben“, sagte er nach den ersten Tagen.    biz/ch/pep / Foto: Roberto Bulgrin


Grün dominiert auch im Landkreis

Kretschmann, Lindlohr und Schwarz holen die Direktmandate – CDU sackt auf Tiefststand – Zwei Koalitionsoptionen

Die Grünen um Ministerpräsident Winfried Kretschmann sind die strahlenden Sieger der Landtagswahl vom vergangenen Sonntag. Gegenüber dem Urnengang vor fünf Jahren bauten sie ihren Stimmenanteil auf 32,6 Prozent aus (plus 2,3 Punkte). Die CDU mit Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann fuhr hingegen das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte ein (24,1 Prozent/minus 2,9). Die Verhältnisse spiegeln sich auch im Landkreis Esslingen wider. Erneut holten die Grünen in den Wahlkreisen Nürtingen, Kirchheim und Esslingen mit Winfried Kretschmann, Andreas Schwarz und Andrea Lindlohr die Direktmandate. Insgesamt wird der Landkreis Esslingen im neuen Landtag von acht Parlamentariern vertreten.

In diesen Tagen werden die Sondierungsgespräche beginnen. Unter Führung von Kretschmann besteht nicht nur die Option der Fortführung der grün-schwarzen Koalition, auch eine „Ampel“ aus Grünen, SPD und FDP ist möglich. Für eine  grün-rote Koalition reichte es knapp nicht. Die Wahlbeteiligung lag bei 63,8 Prozent – deutlich niedriger als die 70,4 Prozent im Jahr 2016. Die Zahl der Briefwähler war coronabedingt weit höher als in den Jahren zuvor.

Bei der Wahl 2016  hatten die Grünen die CDU als stärkste Kraft im Landkreis Esslingen abgelöst. Nun haben dieselben drei Kandidaten dieselben Wahlkreise erneut gewonnen. Und diese haben in Stuttgart Gewicht; Kretschmann,  Schwarz und  Lindlohr  gehören zu den stärksten politischen Akteuren in  der Landespolitik. Dabei fuhren der Ministerpräsident  im Wahlkreis Nürtingen und die stellvertretende Fraktionschefin im Landtag, Lindlohr (Wahlkreis Esslingen),  Ergebnisse deutlich über dem Landesdurchschnitt ein. Fraktionschef Schwarz  betonte in einer ersten Stellungnahme, er wolle sich „mit voller Kraft für eine neue S-Bahn-Verbindung von den Fildern in den Raum Wendlingen/Kirchheim“ einsetzen. Lindlohr erklärte, sie wolle für eine verantwortliche Politik stehen,  „gerade jetzt in  den Coronazeiten“. Als Schwerpunktthemen nannte sie Klimaschutz und die Umgestaltung des Wirtschaftsstandortes. Für den 72 Jahre alten Kretschmann ist es die dritte Wahlperiode an der Macht. Er nehme den Auftrag zur Bildung einer Regierung mit „Dankbarkeit und Demut“ an, sagte er.

Zweitstärkste Partei im Kreis bleibt die CDU, die zumindest in den Wahlkreisen Esslingen und Kirchheim über den Partei-Durchschnitt kam. Am stärksten schnitt bei den Christdemokraten die Newcomerin  Natalie Pfau-Weller ab (Kirchheim). Aber auch Andreas Deuschle im Wahlkreis Esslingen schaffte es über das Zweitmandat in den Landtag.

Die AfD, bislang drittstärkste Fraktion im Landtag, sackte landesweit auf 9,7 Prozent ab (minus 5,4 Punkte). In den drei Wahlkreisen im Landkreis Esslingen schnitt sie  schlechter ab als im Landesdurchschnitt. 

Wie die CDU sackte die SPD auf ein historisch schlechtes Ergebnis ab (11,0 Prozent/minus 1,7 Punkte). Immerhin: Die Sozialdemokraten sind damit drittstärkste Kraft. Und  sie können sich im Landkreis Esslingen besser fühlen als anderswo: Nicolas Fink lag im Wahlkreis Esslingen deutlich, das Kirchheimer Urgestein Andreas Kenner etwas über dem Landesdurchschnitt. Beide zogen über das Zweitmandat ins Parlament. Allein in Nürtingen war, wie schon  2016, für den CDU-Kandidaten Thaddäus Kunzmann und auch für die SPD-Kandidatin Regina Birner kaum etwas zu holen.

Die FDP hat landesweit ordentlich dazugewonnen (plus 2,2 Punkte  auf 10,5 Prozent). Im Landkreis Esslingen  haben die Freidemokraten allerdings einen eher schweren Stand. Allerdings: In Nürtingen holte der Newcomer Dennis Birnstock  das Zweitmandat.

Die Linke wird auch im kommenden Landtag nicht  vertreten sein.   ch/jmf / Foto: dpa/Uli Deck