Neustart mit Astrazeneca

Die Impfzentren im Landkreis Esslingen spritzen wieder das umstrittene Vakzin – Hausärzte ab Mitte April mit im Boot

Sanfte Öffnungsschritte, die schnell wieder zurückgenommen werden. Verwirrung um den Astrazeneca-Impfstoff, der seit Ende vergangener Woche auch im Landkreis Esslingen wieder gespritzt wird. Und die nach wie vor hohen Inzidenzzahlen sorgen weiter für Unsicherheit. Die Corona-Pandemie fordert den Langmut der Bevölkerung heraus.

Nachdem erst zu Beginn der vergangenen Woche  der Impfstopp für das Vakzin von Astrazeneca verhängt und am Donnerstag wieder aufgehoben worden war, haben die Kreisimpfzentren (KIZ) in Oberesslingen und an der Messe auf den Fildern schon am Freitagmorgen wieder begonnen, den Rückstand aufzuholen. Der Neustart sei sehr gut angelaufen, sagte Marc Lippe, der Bezirksgeschäftsführer der Malteser Neckar-Alb am Freitag. „Die Astrazeneca-Impfter­minangebote werden gut angenommen, viele Leute kommen.“

Während des Astrazeneca-Stopps  waren täglich etwa 220 Impftermine in den zwei KIZ ausgefallen. Dies soll nun diese Woche aufgeholt werden. In der vergangenen  Woche waren im Kreisimpfzentrum in Esslingen insgesamt etwa 600 Impfungen täglich vorgenommen worden,  an der Messe etwa 400 pro Tag. In Esslingen wurde zuletzt mehr gespritzt, weil das KIZ aufgrund seiner langen Warteliste ein Impfstoff-Sonderkontingent erhalten hatte. Diese Woche erwartet Lippe trotz des Astrazeneca-Nachhol­effekts ähnliche Impfzahlen  aufgrund von Lieferengpässen  des schwedisch-britischen Herstellers.

Das baden-württembergische Sozialministerium weist darauf hin, dass keine neuen Impftermine vergeben würden, bis der Rückstand aufgeholt sei. Menschen aus der zweiten Prioritätsgruppe sind hierzulande bereits impfberechtigt. Generell gilt: Wer  einen Termin habe, könne sich  impfen lassen. „Alle Personen ab 18 Jahren, die impfberechtigt sind, bekommen  wieder grundsätzlich Termine mit allen verfügbaren Impfstoffen – je nachdem, was gerade frei ist bei der Terminbuchung“, so ein Ministeriumssprecher.

Kretschmann setzt Zeichen

Zur zweiten Prioritätsgruppe zählt auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der ergatterte für vergangenen Freitag einen Impftermin in der Stuttgarter Liederhalle – und ließ sich das Astrazeneca-Vakzin spritzen. Kretschmann wollte dies auch als Werbung verstanden wissen: „Das Zeichen soll sein: Haben Sie Vertrauen, lassen Sie sich impfen.“ Astrazeneca sei ein sicherer und wirksamer Impfstoff, das habe die  EMA nach dem kurzzeitigen Stopp wegen der Prüfung von Nebenwirkungen bestätigt. Impfen sei die einzige Möglichkeit, die Pandemie „niederzukämpfen“, so Kretschmann.

Von dem Astrazeneca-Hin-und-Her nicht betroffen sind die vier mobilen Impfteams im Landkreis. Diese verwenden ohnehin nur das Vakzin von Biontech. Hier werden  etwa 600 Impfungen pro Woche erreicht. Aktuell liegt der Schwerpunkt noch auf den Zweitimpfungen in Altenheimen, Tagespflegestätten und Einrichtungen für betreutes Wohnen. Nachdem diese weitgehend abgeschlossen sind, soll es nach Angaben von Dennis Tabler von den mobilen Impfteams ab Ende März vor allem um Vor-Ort-Aktionen für Über-80-Jährige in den Kreiskommunen gehen. Seit Freitag werden über 80-Jährige aus Altbach, Deizisau und Plochingen in Altbach geimpft. In dieser Woche geht das Impfen vor Ort in Notzingen los. Mit weiteren Kommunen im Kreis würden Termine vereinbart. 39 der 44 Kommunen im Kreis hätten Interesse bekundet.

„Wir hoffen, dass wir trotz aller Widrigkeiten beim Impfen in den vergangenen Tagen nun ein gutes Stück vorankommen werden“, sagte Landrat Heinz Eininger.  Eine weitere Säule des Impfens, heißt es aus dem Landratsamt, fuße darauf, in Arztpraxen zu impfen. In Kirchheim laufe dazu bereits ein Pilotprojekt des Landes in einer Praxis. Ab Mitte April sollen auch in weiteren Hausarztpraxen Impfungen angeboten werden.

Angesichts steigender Infektionszahlen hat das Esslinger Landratsamt am 18. März  die Corona-Beschränkungen verschärft und die vom Land eingeführte „Notbremse“ gezogen – die Sieben-Tage-Inzidenz lag mehrere Tage hintereinander über 100. Angehörige eines Haushalts dürfen sich wieder nur  mit einer Person eines weiteren Haushalts treffen, im  Einzelhandel dürfen nur  noch vorbestellte Waren zu einem fixen Termin abgeholt werden. Wobei die Verwirrung über die Öffnungen recht groß ist (der Landkreis Esslingen bietet in der Regel einen aktuellen Stand der Verordnungen auf seiner Homepage). Von den neuerlichen Einschränkungen sind zunächst neben den  Lebensmittelmärkten Buchhändler und Gärtnereien ausgenommen. Für die anderen gilt: Abholen und Liefern von Waren ist weiterhin möglich, das sogenannte Click & Meet aber nicht mehr.

Sportanlagen für Amateur- und Freizeitsport, Museen, Galerien, Gedenkstätten, zoologische und botanische Gärten bleiben ebenfalls  geschlossen. Körpernahe Dienstleistungen sind nicht erlaubt, außer medizinisch notwendige Behandlungen und Friseurbetrieb.  

In Esslingen bleiben die städtischen Museen geschlossen. Mittelfristig hofft Kulturamtsleiterin Alexa Heyder „auf eine Einstufung der Häuser als außerschulische Lernorte und damit andere Öffnungsperspektiven“. Nicht von der Regelung betroffen sind  die Stadtbücherei und das Stadtarchiv. Dort ist  ein Besuch nach   vorheriger Anmeldung mit  Buchung eines Zeitfensters möglich.

Gericht kippt Quarantäne-Regel

Laut Florian Mader vom Pressereferat des Landessozialministeriums kann auf die „Notbremse“ verzichtet werden, wenn die höheren Infektionszahlen auf einen  nachweisbaren Ausbruchsort zurückzuführen sind. Im Landkreis Esslingen ist ein solcher Hotspot laut Pressesprecherin Andrea Wangner nicht auszumachen. Aufgehoben würden die verschärften Beschränkungen, wenn das Gesundheitsamt eine Sieben-Tages-Inzidenz von weniger als 100 Neuinfektionen je 100 000 Einwohnern an fünf Tagen in Folge feststellt.

 Die Zahl von Menschen in der Region, die in Quarantäne sind, ist zuletzt stark angestiegen. Allerdings müssen  Kontaktpersonen einer Kontaktperson nicht mehr automatisch in Quarantäne.  Das entschied der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg und setzte damit eine Regelung des Landes außer Vollzug. Konkret geht es zum Beispiel um  die Familien  von Schülern, die mit einem  positiv getesteten Schüler aus der eigenen Klasse  Kontakt hatten.   ch/the/gg/sw / Foto: Roberto Bulgrin


Modern und bürgernah

Die Stadt Kirchheim plant in der Altstadt einen Verwaltungsneubau mit breiter Bürgerbeteiligung

Die Planungen für ein neues Verwaltungsgebäude in der Marktstraße in Kirchheim gehen voran. Nach einem Bürgerbeteiligungsprozess im vergangenen Jahr waren dessen Ergebnisse in das Konzept eingearbeitet worden. Im Februar hat der  Gemeinderat daraufhin die  wesentlichen Eckpunkte für den Neubau beschlossen. Nun können die Planungen weiter vertieft werden.

Seit geraumer Zeit wird in Kirchheim beklagt, dass ein Großteil der städtischen Verwaltungsgebäude zeitgemäßen Standards nicht genügt. Allgemein fehlt es an Platz, an Sozial- und Besprechungsräumen, es gibt keine Barrierefreiheit und auch der Brandschutz ist mangelhaft. Viele Räume sind für eine  flexible Nutzung , etwa für das Arbeiten in abteilungsübergreifenden Projektteams, nicht geeignet. Daher hat die Stadt ein Verwaltungsgebäudekonzept aufgelegt, mit dem bis zum Jahr 2030 die Voraussetzungen für  zeitgemäße Verwaltungsflächen geschaffen werden sollen.

Der geplante Neubau am unteren Ende der Marktstraße bildet  einen Baustein dieses Konzepts. Dort soll ein 46,5 Meter langes und 17,5 Meter breites Gebäude mit einer Firsthöhe von 20,75 Metern errichtet werden. Nach den bisherigen Festlegungen sollen dort künftig die Bereiche Bürgerservice und Ausländerwesen sowie das Standesamt Platz finden.

Da der Verwaltungsneubau in den Charakter des historischen Stadtkerns eingreift und dazu ein Teil des Rollschuhplatzes überbaut wird, hatte die Stadtverwaltung bereits frühzeitig die Bürger mit einem Beteiligungsprozess an Bord geholt und ihre Stimmen und Stellungnahmen aufgenommen. In den Planungsprozess flossen überdies die Stellungnahmen des örtlichen Gewerbes und des Landesdenkmalamts sowie die Ergebnisse  einer separaten Jugendbefragung zur Nutzung des Rollschuhplatzes  ein. 80 Prozent der befragten  Bürger wünschten demnach Feste und Veranstaltungen auf dem Platz sowie eine Steigerung der Aufenthaltsqualität etwa durch Schattenplätze, Sitzgelegenheiten und öffentliche Toiletten. Ähnliches ergab auch die Jugendbeteiligung zur Freiraumgestaltung. „In den weiteren Planungen werden die Anregungen und Stellungnahmen zum Rollschuhplatz soweit wie möglich berücksichtigt“, teilt die Verwaltung dazu mit.

Ein in der Bürgerbeteiligung viel diskutiertes Thema war die Frage nach den notwendigen Parkplätzen und der Erreichbarkeit des Gebäudes für mobilitätseingeschränkte Bürger. Dazu hat der Gemeinderat nun beschlossen,  auf eine öffentliche Tiefgarage  aufgrund denkmalschutzrechtlicher Auflagen zu verzichten. Nach dem derzeitigen Stand der Planungen sollen aber  zehn Parkplätze wenn möglich im Untergeschoss oder am Gebäude eingerichtet werden.

„Auch im weiteren Planungsprozess wollen wir den Faden der Bürgerbeteiligung nicht abreißen lassen. Sämtliche Planungsschritte sollen transparent erfolgen“, betont Bürgermeister Stefan Wörner. Nun sollen die Pläne  verfeinert und konkretisiert werden. „Ziel ist es, bis zum Jahresende eine genehmigungsreife Planung zu haben“, sagt Wörner.  2022 könnten die ersten Bauarbeiten beginnen, bei einem optimalen Ablauf könne mit einem Bezug des Neubaus durch die Stadtverwaltung im Jahr 2024 gerechnet werden. pst / Foto: Stadt Kirchheim

Info: Der Abschlussbericht zum Beteiligungsprozess zum Verwaltungsneubau ist  unter www.kirchheim-teck.de/ImDialog zu finden. 


OB Zieger hört auf

Esslingens Oberbürgermeister geht Ende September in den Ruhestand und bleibt sich auch im Abschied treu

Im Esslinger Rathaus geht eine Ära zu Ende. Nach mehr als 23 Jahren an der Spitze der Stadtverwaltung verabschiedet sich Jürgen Zieger Ende September in den Ruhestand. Dass der Oberbürgermeister ein Jahr vor Ende der Amtszeit seinen Hut nehmen will, kommt für die allermeisten überraschend. Denn der OB hatte nie einen Zweifel daran gelassen, dass er die Geschicke der Stadt mit Leib und Seele lenkt, auch wenn ihm der Wind bisweilen scharf ins Gesicht weht.

„Nach erfüllenden Jahren als Oberbürgermeister dieser Stadt nehme ich mir die Freiheit, diesen Zeitpunkt selbst zu wählen. Es gibt viel zu viele Politiker, die den richtigen Zeitpunkt verpassen“, betont der 66-Jährige und versichert: „Zunächst aber werde ich mich noch bis zum 30. September meinen Aufgaben als Oberbürgermeister in vollem Umfang und mit aller Kraft widmen. Es wird mir eine Ehre sein.“ Ziegers Ankündigung bringt die verschiedenen politischen Lager der Stadt nun in Zugzwang, weil sie sich rasch Gedanken über die Nachfolge machen müssen.

Dass er stets  im ersten Wahlgang als OB gewählt worden war, betont Zieger nicht ohne Stolz:  „Ich darf mit Freude auf viele gute und prägende Jahre in meinem Amt zurückblicken.“ Dass er sich mit einer stattlichen Leistungsbilanz verabschiedet, dürfte seinen Entschluss erleichtert haben. „Mein Amtsverständnis war immer vom Anspruch geprägt, ‚der Stadt Bestes’ zu suchen“, erklärt Zieger. „Unterschiedliche Meinungen zu Themen und Projekten sind Teil einer liberalen Demokratie und auch Wesensmerkmal einer engagierten Bürgerschaft.“

Zieger bedankt sich bei seinen Dezernenten, beim Gemeinderat und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadtverwaltung: „Ich weiß, dass ich allen einiges abverlangt habe. Wenn es manchmal zu viel gewesen sein sollte, tut es mir leid. Aber ohne dieses Engagement bringt man einen Tanker wie Esslingen nicht in Fahrt. Und ich kann für mich in Anspruch nehmen, dass ich auch mir immer sehr viel abverlangt habe.“ Wenn es in Debatten bisweilen hart zur Sache ging, liegt das für den OB in der Natur des politischen Geschäfts: „Nur mit einer gewissen Konsequenz und Härte bewegt man vieles. Vor allem dann, wenn man zum Wohl der Stadt unpopuläre Entscheidungen treffen muss. Wenn ich Menschen jedoch persönlich verletzt habe, möchte ich mich dafür entschuldigen.“ Umso mehr freue er sich, dass die Fraktionschefs mit großer Wertschätzung auf die Ankündigung seines Abschieds reagiert hätten.

Zieger nimmt für sich in Anspruch, dass er  stets versucht habe, dem sozialen Aspekt das nötige Gewicht zu geben. Das mag auch in seiner Biografie angelegt sein: „Es war mir als Arbeiterkind aus dem Rheinland nicht in die Wiege gelegt, ein solches Mandat jemals zu erreichen und so lange ausüben zu dürfen.“

Die Entscheidung, ein Jahr vor Ende der Amtszeit zu gehen, folge keiner spontanen Idee: „Sie ist innerfamiliär mit meiner Frau Angela 2019 entschieden und coronabedingt auf 2021 verschoben worden. Es gibt dafür keine äußeren Anlässe, aber meine Frau und ich möchten noch ein anderes Leben ohne ausgefüllten Terminkalender und Sieben-Tage-Woche führen.“ Untätig wird er nicht sein: Zieger bleibt Regionalrat und behält Ehrenämter wie den Vorsitz der Weiler-Stiftung und der Stiftung Esslinger Kulturpreis. Auch beim Podium- und beim Jazzfestival will er sich engagieren. „Ein Schatten-OB will ich sicher nicht werden“, versichert er.

Angela Zieger betont, dass Esslingen zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden sei, verbunden  mit vielen schönen Momenten und persönlichen Freundschaften. Die promovierte Kunsthistorikerin hat stets ein eigenständiges Profil gezeigt und Akzente abseits der Stadtpolitik gesetzt. Die Freude auf mehr Privatleben, als es einem OB  möglich ist, ist Jürgen Zieger anzumerken. Auch deshalb ist er mit sich im Reinen: „Ich reiße mir ein Stück vom Herzen, aber ich weiß, dass es gut ist.“  adi / Foto: Roberto Bulgrin


Abgestimmt

Nach Aufhebung der Reisewarnung boomt der Mallorca-Urlaub. Rückkehrer müsste man testen, fordern viele. Sie auch?

Foto: dpa

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