Immer mehr Testmöglichkeiten

Im Landkreis kommen Impfangebote für Über-80-Jährige vor Ort voran – Präsenz-Gottesdienste an Ostern möglich

Eine vorgezogene Osterruhe, die keine mehr ist und neben allgemeiner Verwirrung eine Entschuldigung der Kanzlerin nach sich zog, Kontroversen um Test- und Öffnungsstrategien in Modellgegenden und -kommunen, immer neue Testzentren, Hoffnung auf mehr Impfstoff in naher Zukunft, und ein Osterfest, das erneut so ganz anders sein wird, wie es die Bevölkerung, wie es Christen gewohnt sind: Das Corona-Virus legt seine Fesseln nach wie vor eng um die Lebensgewohnheiten nicht nur in Deutschland.

Im Landkreis Esslingen liegt der Sieben-Tage-Inzidenz-Wert nach wie vor über 100, mit der Folge, dass die „Notbremse“ in Kraft bleibt. Das heißt, der Einzelhandel ist in großen Teilen auf Online- sowie „Click & Collect“-Geschäfte angewiesen, Gastronomie bleibt auch im Außenbereich untersagt. Diskutiert wird  im Land hingegen über weiteren Präsenzunterricht in  Schulen.

Wilhelma wieder geschlossen

Auch  Stuttgart hat mittlerweile die „Notbremse“ gezogen, so bleibt etwa die Wilhelma  wieder geschlossen. Immerhin: Private Treffen von zwei Haushalten mit bis zu fünf Personen sind  auch in Gegenden mit mehr als 100 Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner binnen einer Woche erlaubt – Kinder bis einschließlich  14 Jahre zählen nicht mit. Und: Die Christen in Baden-Württemberg können  Präsenzgottesdienste an Ostern feiern. Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger erklärte, Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sei auf die Kirchen zugegangen. Kretschmann traue ihnen zu, „in bewährter und damit verantwortungsvoller Weise den bisher eingeschlagenen Weg“ mit strengen Hygienekonzepten in den Gottesdiensten weiterzugehen. Bund und Länder hatten ursprünglich beschlossen, die Kirchen zu bitten, Gottesdienste nur online anzubieten. Die Online-Variante greifen trotzdem viele Kirchengemeinden an Karfreitag und Ostern auf.

Seit vergangenen Freitag werden in Baden-Württemberg wieder Termine für Impfungen gegen das Coronavirus vergeben werden (unter der zentralen Rufnummer 116 117 oder online auf www.impfterminservice.de). Das Gesundheitsministerium hatte die Anmeldesysteme geschlossen, nachdem der Bund die Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff für einige Tage ausgesetzt hatte. Das Ministerium dämpfte allerdings  Erwartungen, schnell einen Termin bekommen zu können und bat um Geduld. Mit den derzeitigen Liefermengen werden laut Mitteilung täglich rund 35 000 Menschen in Baden-Württemberg geimpft. Die Hoffnung liegt darauf, dass die Impfstoffliefermengen im April ansteigen. Auch etliche Betriebe warten darauf, dass sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Impftermine anbieten können.

Die Strategie, dass mobile Impfteams im Landkreis Esslingen in die Orte gehen, um dort  die Über-80-Jährigen zu impfen, die nicht in Pflegeheimen leben und noch nicht in den Impfzentren in Oberesslingen und auf der Fildermesse versorgt wurden, nimmt immer schärfere Konturen an. Etliche Gemeinden haben ihren Seniorinnen und Senioren mittlerweile entsprechende Angebote unterbreitet, die auch in Form von Kontingenten in den Kreisimpfzentren umgesetzt werden können. Ende vergangener Woche waren nach dem Start in Altbach und Notzingen 19 weitere sogenannte Pop-Up-Impfaktionen terminiert. In dieser Woche stehen etwa in den Impfzentren Kontingente für  Denkendorf und Filderstadt auf dem Plan, zudem eine Impfaktion vor Ort in Lichtenwald. In der kommenden Woche können sich Menschen über 80 aus Reichenbach, Wernau, Wendlingen, Köngen, Oberboihingen und Unterensingen vor Ort impfen lassen, in der Woche darauf dann auch in Baltmannsweiler.

Gerungen wird nach wie vor darum, wie die steigenden Corona-Infektionszahlen unter Kontrolle zu bekommen sind. Die Rede ist von einer groß angelegten Teststrategie, aber auch von einer neuerlichen Verschärfung des Lockdowns. Kretschmann sagte, die Landesregierung müsse dafür sorgen, „dass die Notbremse auch gemacht und durchgesetzt wird“.

Modellprojekt in Tübingen

Dann müsse man sich anschauen, wie das Modellprojekt in Tübingen laufe. In Tübingen können Menschen an neun Stationen kostenlose Tests machen, das Ergebnis wird bescheinigt. Damit kann man in Läden, zum Friseur oder auch in Theater und Museen. Eine Reihe von Kommunen im Land würden gern einen ähnlichen Weg einschlagen wie die Universitätsstadt.

Auch in anderen Städten und Gemeinden wird immer mehr getestet. So auch an einem der  größten Verkehrsknotenpunkte im Kreis: Seit vergangenen Donnerstag   gibt es  auf dem Esslinger Bahnhofsvorplatz ein weiteres Schnelltestzentrum. In einem Zelt  können sich  Bürger, Pendler, aber auch Besucher der Stadt   kostenlos testen lassen. Die Teststation richtet sich vor allem an das Fußvolk. Autofahrer sind nach Angaben der Betreiber  besser aufgehoben im  Schnelltestzentrum in der Fritz-Müller-Straße in Oberesslingen, das als  Drive-In aufgebaut wurde. Neben den beiden neuen Teststationen und dem Schnelltestzentrum in der Plochinger Straße 91 bieten mittlerweile auch einige Esslinger Apotheken Corona-Tests an.  Jeder darf sich einmal pro Woche kostenlos testen lassen, jeder weitere Test  kostet  35 Euro. Oberbürgermeister Jürgen Zieger sagte bei der Eröffnung des Zentrums am Bahnhof:  Das Testen sei ein „hilfreiches Instrument und eine  Möglichkeit, das öffentliche Leben wie Kultur, Gastronomie, Handel und Sport wieder herzustellen“.        ch/sl/dpa / Bild: Ines Rudel


CAP-Markt öffnet im Mai

Der Supermarkt  im Zentrum Neuhausens sucht schon Personal und bereitet sich auf die Eröffnung vor

Der neue CAP-Markt in  Neuhausen soll im Mai öffnen. „Ob wir den geplanten Tag am 6. Mai halten können, ist noch offen“, sagt Jörg Moosmann, der bei der Nintegra (Unternehmen für Integration) – eine   Tochter des Sozialunternehmens Neue Arbeit –    für die Einkaufsmärkte mit inklusivem Konzept zuständig ist. Denn in den Kellern und in der Tiefgarage müssten die Besitzer  mehr renovieren als zunächst gedacht. Mitte April werde sich entscheiden, ob der Markt ein oder zwei Wochen später in Betrieb geht. Das Erdgeschoss mit den Ladenflächen sei aber bereits fertig. Das Sortiment mit rund 10 000 Artikeln werde zum geplanten Starttermin vorbereitet. Die Waren bekommt der neue Markt von Edeka geliefert.

Dass der Markt in der Ortsmitte von Neuhausen nun in absehbarer Zeit öffnen kann, ist dem ehemaligen SPD-Gemeinderat Erich Bolich zu verdanken. Er hat sich dafür eingesetzt, dass die Geschäftsflächen wieder vermietet werden. Je nachdem, wie die Arbeiten im Untergeschoss voranschreiten, wird dann nach Moosmanns Worten die Eröffnung terminiert. Da es in unmittelbarer Nähe rund um den Einkaufsmarkt wenig Parkmöglichkeiten gibt, ist es wichtig, dass gehbehinderte  Kunden  die Tiefgarage nutzen können. Moosmann lobt die gute Zusammenarbeit mit den Architekten, die für die Nutzung der Marktflächen  ein neues Konzept entwickelt haben: „Wir schließen eine Lücke in der Nahversorgung.“

Der Chef der CAP-Märkte bei der Neuen Arbeit sucht bereits nach Personal,  Anzeigen werden geschaltet. Der neue Marktleiter ist nach Moosmanns Worten bereits gefunden, allerdings liefen die Verhandlungen noch. Gesucht wird noch die stellvertretende Marktleitung – ebenso wie Kassenpersonal und andere Mitarbeiter.

In den CAP-Märkten arbeiten Menschen mit und ohne Handicap zusammen. „Der Anteil Schwerstbehinderter liegt bei 40 Prozent“, erläutert  Moosmann.  Jede und jeder würden nach ihren Stärken gefördert. Das klappt nach seinen Erfahrungen in den Märkten der Nintegra bestens – 15 CAP-Märkte betreibt das Unternehmen bereits. Mit dem neuen Markt in Neuhausen werden es 16 sein.

Eine Besonderheit im  Markt in Neuhausen ist laut Moosmann  die Unverpackt-Abteilung, sie werde größer als ursprünglich geplant. Den Anstoß dafür haben drei Schülerinnen aus der Fildergemeinde gegeben. Luisa, Luna und Mara haben der Gemeindeverwaltung ihr Unverpackt-Konzept vorgestellt. Sie finden es gut, wenn  Nudeln, Haferflocken oder Nüsse ohne Verpackungsmaterial verkauft werden. Robin Lars Schmitt, der persönliche Referent von Bürgermeister Ingo Hacker, hat daraufhin den Kontakt zu den CAP-Betreibern hergestellt. „Solche Anregungen greifen wir gerne auf“, sagt Moosmann. Man beobachte genau, welches Sortiment die Kunden einkaufen und richte sich danach.

Ende 2019 hatte der CAP-Markt in Neuhausen, den die Filderwerkstatt betrieben hatte, geschlossen. Danach stand die Ladenfläche leer. Gerade ältere Menschen, die  im betreuten Wohnen im Ostertagshof leben, hatte das Aus schwer getroffen. Es gibt zwar gute Einkaufsmöglichkeiten in Neuhausen, allerdings liegen diese nicht im Zentrum. Wenn der CAP-Markt unter einem neuen Betreiber nun wieder öffnet, hofft Moosmann, dass die Menschen das Angebot auch annehmen.

Vor einem Jahr ging die Nintegra mit dem CAP-Markt in  Köngen an den Start. „Die feierliche Eröffnung war gerade noch vor dem ersten Lockdown möglich“, blickt Moosmann zurück. Der Markt in der Fußgängerzone werde von den Menschen inzwischen sehr gut angenommen. Etwas schleppender, weil mitten in der Pandemie, sei der CAP-Markt im vergangenen Frühjahr in Denkendorf gestartet. Inzwischen sei man aber auch dort auf einem guten Weg.  eli / Bild: Ines Rudel


Ein Brauch wird zur Verpflichtung

Die lebendigen Schwörtagstraditionen einstiger Reichsstädte zählen nun zum immateriellen Kulturerbe

Das Selbstbewusstsein Freier Reichsstädte war stets ein ganz besonderes, und es ist bis heute zu spüren. In Esslingen, Reutlingen und Ulm zeigt sich die lebendige Tradition alle Jahre wieder an Schwörtagen. Sie gelten als De­monstrationen kommunaler Selbstregierung, ihre Wurzeln reichen bis ins Mittelalter zurück. Und sie sind in allen drei Kommunen Ausdruck einer Stadtgemeinschaft, die sich gemeinsamen Werten verpflichtet fühlt. Nun hat die Kulturministerkonferenz der Länder auf Empfehlung eines Expertenkomitees der deutschen Unesco-Kommission die Schwörtagstraditionen in Esslingen, Ulm und Reutlingen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. In den Rathäusern versteht man diese Auszeichnung als Verpflichtung, die Tradition stets auf der Höhe der Zeit mit Leben zu erfüllen. Dass in Coronazeiten die gewohnten Feierlichkeiten in diesem Jahr nicht möglich sein werden, soll diesem Anspruch keinen Abbruch tun.

Vor zwei Jahren hatten die drei einstigen Reichsstädte die Aufnahme in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland beantragt. Die Professorin Eva-Maria Seng von der Uni Paderborn, die den Antrag begleitet hatte, war nicht überrascht, dass man offene Türen einrannte: „Diese spezifische Form der Vergesellschaftung durch gegenseitigen Schwur der städtischen Bürgergemeinde und der Exekutivorgane der Städte, deren Wiederbelebung nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Weiterentwicklung unter neuen demokratischen Vorzeichen bilden ein Beispiel, wie es gelingt, Bräuche und Rituale der Vertrautheit, Wiedererkennung und Strukturierung des Ortes und Raumes mit neuen Elementen zu verknüpfen beziehungsweise diese zu integrieren, um so dem Erstarren in bloßer Folklore zu begegnen.“ Wie die Oberbürgermeister Jürgen Zieger (Esslingen), Thomas Keck (Reutlingen) und Gunter Czisch (Ulm) findet auch Seng: „Es gilt, an die Vergangenheit anzuknüpfen und den Geist dieser Tradition in die Gegenwart weiterzutragen.“

Für Esslingens OB Jürgen Zieger ist die Würdigung Anerkennung und Herausforderung zugleich: „Die Idee der kommunalen Selbstverwaltung mit einer starken Stimme der Bürgerschaft und einem regelmäßig erneuerten Bekenntnis von Oberbürgermeister und Gemeinderat zu den Statuten der Stadtgemeinschaft lebt. Übertragen auf die politischen Regelungen der heutigen Zeit heißt dies: In den Kommunen müssen Dialog, Partizipation und die politische Meinungsbildung über sämtliche Generationen, Instrumente der Teilhabe, Integration und des gemeinsamen Miteinanders ständig gelebt und gepflegt werden.“ Zieger ist überzeugt, dass dieser Gedanke in Esslingen sehr lebendig ist – etwa in den Bürgerausschüssen.

Die Aufnahme in die Unesco-Liste wollen die drei Kommunen nutzen, um ihre Schwörtagstraditionen noch stärker zu profilieren. „Zugleich müssen wir sicherstellen, dass bei aller nötigen Anpassung an gewandelte Einstellungen in der Bevölkerung der historische und stadtgesellschaftliche Kern der Feiern erhalten bleibt“, findet Zieger. Dass sich eine Stadtgesellschaft ihrer gemeinsamen Werte versichert, sei unerlässlich: „In Esslingen leben Menschen aus 127 Nationen friedlich zusammen. Das ist keine Selbstverständlichkeit und das Merkmal einer Friedensstadt, als die wir uns verstehen.“ Aus dem  reichsstädtischen Geist leitet Zieger große Verantwortung ab und verweist auf den Haecker-Preis für politischen Mut und Aufrichtigkeit: Dies sei ein starker Beweis für die Ernsthaftigkeit dieses Anliegens.

In Pandemiezeiten hat Esslingen sein Bürgerfest inklusive Schwörtag für dieses Jahr bereits abgesagt. Aber vielleicht gibt es später noch mal Grund zum Feiern. Denn auf die Frage, ob auch ein Platz in der Unesco-Liste des immateriellen Weltkulturerbes angestrebt wird, antwortet Zieger für alle: „Na klar!“  adi / Archivfoto: Roberto Bulgrin


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