Impftermine für alle über 60

Betriebe zu Schnelltests für Mitarbeiter verpflichtet – Präsenzunterricht an Schulen angesichts hoher Inzidenzzahlen auf wackligen Beinen

Während im Bund und in den Ländern über eine Neujustierung von Zuständigkeiten diskutiert wird, während künftig Regelungen zur Corona-Notbremse bundeseinheitlich umgesetzt werden sollen, werden im Landkreis Esslingen die Verhältnisse bereits von den hohen Infektionszahlen diktiert. So gilt seit einer Woche eine nächtliche Ausgangsbeschränkung  von 21 bis 5 Uhr, nur mit triftigem Grund darf man sich in dieser Zeit außer Haus bewegen. Gastronomen schauen weiter in die Röhre, der Einzelhandel muss sich bis auf die Grundversorger auf einen Abholservice beschränken. Private Kontaktmöglichkeiten? Maximal fünf Personen aus nicht mehr als zwei Haushalten (Kinder bis einschließlich 14 Jahre zählen nicht mit). Wobei diese Regelung verschärft werden könnte (ein Haushalt mit einer weiteren Person). Museen, Theater, auch Zoos bleiben geschlossen. Und die Möglichkeiten, Sport zu treiben, bleiben ausgesprochen übersichtlich.

Zu Beginn der Woche ist an den Schulen im Landkreis wieder Leben eingekehrt, es gibt Präsenzunterunterricht – im Wechsel mit dem Lernen zuhause. Doch steigt die Sieben-Tage-Inzidenzmarke an drei Tagen hintereinander über 200, wird an Schulen und auch in den Kindertagesstätten die Notbremse gezogen. Unterricht gibt es dann wieder nur in der Online-Variante, betreut wird in den eigenen vier Wänden – von einer Notbetreuung abgesehen. Wird in Präsenz unterrichtet, gilt die sogenannte indirekte Testpflicht, das heißt, Zutritt zum Schulgebäude wird nur mit negativem Testergebnis gewährt.

Immerhin: Seit dieser Woche können in Baden-Württemberg alle Über-60-Jährigen einen Termin für die Corona-Schutzimpfung bekommen. Auch im Kreis Esslingen stehen immer mehr Impfdosen zur Verfügung. Und das Testen ist per Verordnung in den Unternehmen angekommen. Einige Betriebe im Kreis Esslingen haben ihren Mitarbeitern zwar schon vor der Verpflichtung Schnelltests angeboten, doch gibt es auch Kritik an der neuen Arbeitsschutzverordnung.

Für Frank Stuhlinger, geschäftsführender Gesellschafter bei der Firma Nägele in Denkendorf, ist es eine Frage des betriebswirtschaftlichen Denkens, ob er seinen Mitarbeitenden regelmäßig Corona-Tests anbietet: Er vergleicht die Kosten für Selbsttests von etwa fünf Euro pro Woche und Person mit der Gefahr, dass ein Mitarbeiter sich mit dem Virus infiziert und womöglich noch Kollegen ansteckt. „Für uns war es keine Frage, ob wir testen“, sagt der Chef des Betriebes für Elektroinstallationen bei Industriekunden mit 75 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ähnlich sehen es andere Unternehmen im Kreis Esslingen, wie die Industrie- und Handelskammer (IHK) und die Kreishandwerkerschaft erklären. Dennoch gibt es eben auch Kritik.

Gründe sind der organisatorische Aufwand und die Kosten,  die die Arbeitgeber tragen müssen. „Natürlich wäre es schön, wenn die Bundesregierung das finanziell unterstützen würde“, sagt etwa Clemens Schwickert, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Esslingen-Nürtingen. Besonders für kleinere Betriebe bedeute die Beschaffung  einen größeren Aufwand und höhere Preise. Froh sind die Vertreter der Wirtschaft aber, dass auch Selbsttests zulässig sind, nicht nur Tests durch geschultes Personal.  „So ist es viel flexibler für alle und angenehmer für die Betriebe“, sagt Christoph Nold, Geschäftsführer der IHK Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen. 

Mit der neuen Arbeitsschutzverordnung des Bundes wird auch die öffentliche Hand als Arbeitgeberin verpflichtet,   Mitarbeitern, die nicht im Homeoffice arbeiten, Tests auf das Coronavirus anzubieten.  Christoph Nold ist aber  überzeugt, dass auch ohne  Verpflichtung der Druck für alle Beteiligten hoch sei, zu testen und auf den Gesundheitsschutz zu achten. 

Nach Einschätzung von Benjamin Stein, Geschäftsführer der Gewerkschaft Verdi im Bezirk Fils-Neckar-Alb, achteten aber etwa 20 Prozent der Dienstleistungsbetriebe gar nicht oder nicht ausreichend auf den Arbeitsschutz. Das komme vor allem in mittelgroßen und kleineren Unternehmen ohne Arbeitnehmervertretung vor.  gg/ch / Foto: Ines Rudel


Eine kurze Liaison

Lichtenwalder Gemeinderat  beschließt  Ausstieg aus dem VHS-Verbund  mit Esslingen – Matrohs fordert Solidarität

Vor zwei Jahren ist die Volkshochschule (VHS) Lichtenwald nach 15 Jahren der Selbstständigkeit unter das Dach der VHS Esslingen geschlüpft. Damit sollten die Zahl der Unterrichtsstunden in der Gemeinde erhöht, der Verwaltungsaufwand vor Ort und nicht zuletzt die Kosten verringert werden. Doch nun ist die Liaison bereits wieder vorbei. Der Gemeinderat hat in seiner jüngsten Sitzung  mit knapper Mehrheit beschlossen, zum Jahresende aus dem Verbund auszutreten und künftig auf eine eigene VHS zu verzichten.

Zunehmende Kritik am Kursangebot und nicht zuletzt ein jährlicher Zuschussbedarf von mehr als 15 000 Euro hatte den Gemeinderat im Jahr 2019 zur Aufgabe der Selbstständigkeit der VHS bewogen. Der Vertrag, mit dem die VHS Lichtenwald zur Außenstelle der VHS Esslingen wurde, hat eine Laufzeit bis Ende dieses Jahres und sollte nun im Gemeinderat um fünf Jahre verlängert werden. Dabei stand auch eine Erhöhung der Zuschüsse an, die die Gemeinde für den Betrieb der VHS nach Esslingen abführen muss. Waren es bislang 99 Cent pro Einwohner und 4,67 Euro pro Unterrichtseinheit, erhöhen sich die Beträge ab 2022 um etwa zehn Prozent. „Wir zahlen jetzt einen Zuschuss von rund 5000 Euro, ab nächstes Jahr knapp 500 Euro mehr, das ist ein überschaubarer Betrag“, stellte Kämmerer Steffen Mayer fest.

Allerdings seien die bisherigen Besucherzahlen noch nicht aussagekräftig. Die Anfangsphase 2019 sei von Abstimmungen geprägt gewesen, 2020 von Corona. 2019 hätten daher bei 27 geplanten nur neun Kurse stattgefunden. 2020 waren es statt 37 geplanten Kursen mit 395 Unterrichtseinheiten nur fünf Kurse mit 30 Unterrichtseinheiten.

Doch die Räte wollten dies nicht einfach durchwinken. „Es ist gut und richtig, bei der VHS Esslingen zu sein, allerdings sollte geprüft werden, ob die Angebote dem Bedarf in Lichtenwald entsprechen oder ob nicht noch andere Themen angeboten werden können“, sagte Martina Häussermann (CDU). Überdies sei die Werbung für das Kursprogramm im Ort verbesserungswürdig. Beide Punkte kritisierten auch Constanze Pfaff (LBL) und ihr Fraktionskollege Armin Storz, der zudem monierte, dass das Programm entgegen der ursprünglichen Zusagen der VHS Esslingen nicht mit den Vereinen abgestimmt worden sei.

Michael Haueis (LBL) schließlich plädierte für einen Schlussstrich. „Ich habe Zweifel, ob wir in Lichtenwald eine VHS-Außenstelle überhaupt brauchen und schlage vor, auszutreten“, sagte er. „Die Kurse sind nicht Lichtenwald-spezifisch und die Bürger können sie identisch auch in Reichenbach, Plochingen oder Esslingen buchen. Das Geld können wir besser ausgeben oder auch sparen“, argumentierte Haueis.

Bürgermeister Ferdinand Rentschler warb indes für einen Erhalt der VHS. Eine Bildungseinrichtung für die Bürger vor Ort sei wichtig für eine Gemeinde, sagte er. Auch Martina Häussermann und ihr Fraktionskollege Werner Kiepfer verwiesen auf die „kulturelle und gesellschaftspolitische Bedeutung der Erwachsenenbildung“. Dennoch entschied sich das Gremium mit knapper Mehrheit für ein Ende der VHS Lichtenwald.

Bei Thomas Matrohs, dem Sprecher und koordinierenden Vertreter der acht Außenstellen-Kommunen der VHS Esslingen und Bürgermeister der Gemeinde Deizisau, löste der Beschluss Bestürzung aus: „Ein Bildungsangebot für Bürger in allen Kommunen ist ein Teil der interkommunalen Solidarität, und Solidarität funktioniert, wenn man gemeinsam hinter einer Sache steht. Wenn wir aber damit anfangen, die Bürger dort hin zu schicken, wo gerade etwas angeboten wird, verlassen wir den gemeinsamen kommunalen Weg.“ In der Bürgermeisterrunde der Außenstellenkommunen werde eine angemessene Reaktion auf den Beschluss diskutiert werden. Allerdings sieht  Matrohs  noch Hoffnung: „Ich denke, dieses Ausscheren sollte einfach noch einmal in Ruhe überdacht werden.“  pst / Foto: pst


Erhebliche Schäden

Frostnächte haben der Obstbaumblüte stark zugesetzt – Große Verluste bei frühen Kirschen

Die südlichen Kreiskommunen entlang der Alb sind jährlich im Frühjahr durch die Blütenpracht auf den Streuobstwiesen geprägt. In diesem Jahr allerdings hat das Wetter der Obstblüte stark zugesetzt und den Erzeugern einige Sorgenfalten beschert. So muss etwa in der Gemeinde Neidlingen bei den frühen Kirschen aufgrund einiger Nächte mit starkem Frost mit erheblichen Einbußen gerechnet werden. Dennoch bleiben die Erzeuger positiv gestimmt.

Rund 800 000 Obstbäume stehen nach den Angaben des Vereins Schwäbisches Streuobstparadies auf den insgesamt 9600 Hektar Streuobstwiesen im Landkreis Esslingen.  Besonders im Vorland des Albabhangs im Süden des Kreises findet sich ein breiter Streuobstwiesengürtel, der die Landschaft im Frühjahr mit einem Blütenmeer schmückt. Doch die Baumblüte und damit der zu erwartende Ertrag ist unmittelbar vom Wetter abhängig. Ist es im Februar oder auch Anfang März warm und sonnig, öffnen sich die Knospen früh und die Blüten treiben  aus. Dann reichen wenige Frostnächte aus, um die Blüten zu schädigen und die Hoffnungen auf eine reiche Ernte schwinden zu lassen.

„Die Gefahr durch Frostschäden gibt es immer, auch in der Zeit um Ostern, und mit etwas Verlust muss man in jedem Jahr rechnen“, sagt Roland Kuch, der Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins (OGV) Neidlingen. Im Streuobstgürtel auf der Gemarkung der Gemeinde stehen allein etwa 20 000 Kirschbäume verschiedener Sorten, die aufgrund des für sie günstigen Kleinklimas im Talkessel gute Bedingungen für ihr Gedeihen finden. Zusammen mit dem Weilheimer Teilort Hepsisau bildet das Gebiet des Lindach- und des Zipfelbachtals seit langer Zeit eine der größten Kirschenanbauregionen Deutschlands. Hinzu kommen noch rund 30 000 weitere Obstbäume wie Birnen, Äpfel und Zwetschgen.

Als Erzeuger ist Roland Kuch mit den Wetterkapriolen, die das Frühjahr gewöhnlich mit sich bringt, durchaus vertraut.   So könne man am Fuß der Alb immer wieder erleben, dass der März einige warme Tage und viel Sonne mit sich bringt, auf die dann kühles Wetter und auch der eine oder andere Nachtfrost folgen. „Aber  dieses Mal haben wir ein sehr seltsames Jahr“, sagt er. So massive Wetterumschwünge habe er selten erlebt. „Ab Februar und im März hatten wir ganze Perioden mit tagelang fast 20 Grad, und dann wieder andauernde Minusgrade, das hat den Bäumen nicht gut getan“, erzählt Kuch. Besonders der tagelang  strenge Frost nach Ostern, als die frühen Kirschensorten bereits aufgeblüht waren, und auch danach noch einige klare Nächte mit Minusgraden haben die Blüten geschädigt. „Da ist vieles erfroren“, sagt Kuch und berichtet, dass auch Zwetschgen und Mirabellen gelitten hätten. Es sei davon auszugehen, dass bei den frühen Sorten 50 bis 60 Prozent erfroren sind.

„Es gab schon Jahre, da war das gesamte Tal weiß, das ist in diesem Jahr eben nicht so“, sagt Kuch. Außerdem sei es für eine Prognose zum Ertrag und zu möglichen Einbußen noch zu früh. „Es gibt einige Sorten, die noch im Knospenstadium sind und später blühen. Und wir haben die Äpfel und die Birnen, die etwas später als die Kirschen blühen. Die sind auch robuster und nicht so frostempfindlich“, sagt er. Es gebe daher keinen Grund für Pessimismus. „Auch in schlechten Jahren gilt für uns: Ein bisschen was gibt es immer.“

Karl Heinrich Wagner, der Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins (OGV) Beuren, blickt mit einiger Sorge auf die Entwicklungen, die er derzeit auf den Streuobstwiesen in der Gemeinde beobachtet. „Die Frühkirschen haben sehr stark gelitten. An vielen Bäumen sind die Blüten braun geworden und die Stempel sind schwarz“, berichtet er von den untrüglichen Zeichen erfrorener Blüten. Neben den Frühkirschen seien auch Aprikosen und Pfirsiche, vereinzelt auch Zwetschgen betroffen. Später blühende Kirschensorten blieben nach Wagners Beobachtungen einigermaßen verschont. Anders als im Lindach- und im Ermstal liegt der Schwerpunkt der Erzeuger am Fuß des Hohenneuffen allerdings nicht auf dem Kirschenanbau. „Wir haben bei uns viele Äpfel und Birnen. Die treiben später aus und wir haben kaum Schäden“, sagt Wagner.

Allerdings präsentiert sich die Obstbaumblüte in Beuren und Neuffen wie auch andernorts nicht in der gewohnten Fülle. Wie Wagner erzählt, ist das auf die außergewöhnlichen Wetterumschwünge der vergangenen Wochen zurückzuführen. Relativ lange Phasen mit recht hohen Temperaturen wechselten sich mit  Perioden mit starkem Frost ab. „Frosteinbrüche gibt es immer wieder, aber so lang anhaltende Kälte während der Blüte ist selten. Das ist auf jeden Fall kein normales Frühjahr“, sagt Wagner.

Albrecht Schützinger, Obst- und Gartenbauberater beim Landratsamt Esslingen, ist derzeit häufig in den Streuobstwiesen im Landkreis unterwegs. Auch er beobachtet die Entwicklungen mit Sorgen. „Langsam wird es mit den Schäden bedenklich“, sagt er mit Blick auf die früh blühenden Sorten. „Die Vegetation ist schon sehr weit voran geschritten, sogar die ersten Apfelblüten sind schon offen“, berichtet Schützinger. Dies deute auf beunruhigende Tendenzen hin. „Die Wetterextreme nehmen zu. Wir haben Wärmeperioden schon früh im Jahr, die sich mit starker Kälte abwechseln. Das heißt auch, dass wir einen immer früheren Austrieb haben und die Schäden zunehmen“, sagt er. Die aktuelle Situation lasse allerdings noch  keine Schlüsse für den Ertrag in diesem  Jahr zu. Dies lasse sich erst abschätzen, wenn die Bäume Früchte tragen. Das sieht auch Karl Heinrich Wagner so. „Für eine Prognose zu  Ernteausfällen ist es noch viel zu früh“, sagt er.   pst / Foto: pst


Freie Sicht für freie Radler

Das neue Geländer auf der Esslinger Pliensaubrücke kommt nicht bei allen gut an

Ein historisches Schmuckstück ist wieder ein Stückchen schmucker geworden. Die Bauzäune auf der im Jahr 1259 aus Stubensandstein  errichteten Pliensaubrücke  in Esslingen sind kurz vor Ostern entfernt worden. Die optisch wenig ansprechenden Gitter waren Anfang September 2020 zum  provisorischen Schutz der Brückenränder errichtet worden. Im  Februar war dann mit der Installation eines neuen  Geländers  zur Verbesserung der Sicherheit  des Radverkehrs begonnen  worden. Mit Abschluss der Arbeiten konnte  der Bauzaun  entfernt werden. Die  Maßnahme und ihre Begleitumstände hatten für heftige Kritik auch seitens des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) sowie der SPD- und Grünen-Fraktion im  Gemeinderat gesorgt.

Anfang September vergangenen Jahres hatte ein Rechtsgutachten Sicherheitsmängel auf der damals frisch sanierten Pliensaubrücke aufgedeckt: Die bestehende Brüstung sei nicht hoch genug für den Fahrradverkehr,  die Stadt werde bei entsprechenden Unfällen in Haftung genommen. Die Führung des Radverkehrs auf der Brückenmitte stelle  keinen ausreichenden Schutz dar.  Aufwendige Planungen folgten, denn neben den Anforderungen des Denkmalschutzes mussten  gestalterische Vorgaben, technische und konstruktive Besonderheiten  beachtet werden.

Montiert wurde nach Angaben des Pressereferats der Stadt Esslingen  eine Spezialkonstruktion, die Form und Struktur der Natursteine berücksichtige. Zudem sei ein Geländer installiert worden, „das einerseits den rechtlichen und technischen Anforderungen entspricht und andererseits die historische Ansicht der Brücke bestmöglich erhält“. Vorausgegangen war eine enge Abstimmung  mit dem Landesamt für Denkmalpflege, erklärt das Pressereferat. Das neue Geländer ist nach Angaben von Pressesprecher Roland Karpentier auch in technischer und konstruktiver Hinsicht eine Herausforderung gewesen. Durch eine Höhe von mindestens 1,30 Metern sollen die Radfahrer besser geschützt werden, und die Konstruktion müsse aus Sicherheitsgründen und Vorschriften von  DIN EN 1991 einer Anpralllast von 120 Kilogramm standhalten: „Entsprechend stabil müssen Pfosten und Verankerung gestaltet sein.“

Schwierig  war bei der Umgestaltung des Geländers  laut Karpentier  auch die Beschaffenheit der Steinbrüstung: „Sie  besteht nicht aus massiven Steinen, sondern ist vielmehr eine Steinverblendung um einen Betonkern aus den 50er-Jahren.“ Das habe die Befestigungsmöglichkeiten zusätzlich eingeschränkt. Entscheidend für eine langfristige Stabilität des Geländers sei zudem der Abstand zwischen den  Pfosten. Er muss groß genug sein, um  ein Verbiegen des Handlaufs – auch durch Vandalismus –  zu verhindern.

SPD, Grüne und der ADFC waren gegen die Art des Geländeraufbaus Sturm gelaufen. Sie hatten  das aus ihrer Sicht zu massive optische Erscheinungsbild, die hohe Verletzungsgefahr bei Stürzen von Radfahrern oder Kindern, zu starke  Eingriffe in die historische Substanz, eine negative Beeinträchtigung des Stadtbilds  und die Nichteinbeziehung des Gemeinderats in die Gestaltung kritisiert. Im Ausschuss für Technik und Umwelt des Gemeinderats hatten die Kommunalpolitiker ihrem Ärger Anfang März Luft gemacht.  Die Pliensaubrücke sehe aus, als müsste sie gegen Panzer und Gewehre geschützt werden, hatte etwa  Stadträtin Heidi Bär (SPD) gewettert.

Baubürgermeister Wilfried Wallbecht hatte auf technische Vorgaben, Anforderungen des Denkmalschutzes und historische Gegebenheiten verwiesen. Die Sicherheit von Radfahrern und Kindern sei durch die Breite der Brücke, den abgeflachten Belag in ihrer Mitte und die nach unten abgeschrägten Pfosten gewährleistet, hatte Uwe Heinemann vom Tiefbauamt erklärt. Mit der Entfernung der Bauzäune ist zumindest das Panorama der Pliensaubrücke wieder verbessert worden.  sw / Foto: Roberto Bulgrin


Abgestimmt

Bund und Länder haben sich  auf höhere Geldbußen für Raser geeinigt – teils sind sie doppelt so hoch als bisher. Richtig so?

Foto: dpa

Raser härter strafen?

Ergebnis

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Betriebe aktiv gegen Corona

Tägliche Selbsttests bei Metabo in Nürtingen – Begleitung durch  Labor – Impfung ist bereits Thema bei Heller

Mehrere Unternehmen im Südwesten weiten das Corona-Testangebot für ihre Mitarbeiter aus.  Darunter auch der Elektrowerkzeug-Hersteller Metabo in Nürtingen. Auch andere Unternehmen in Nürtingen, Kirchheim und dem Umland bauen Teststrategien auf.

In Nürtingen hat das Unternehmen Metabo mit den Schnelltests begonnen. Am Stammsitz der Firma in Nürtingen arbeiten 1250 Menschen, rund 600 davon in der Produktion. Mitarbeitende dürfen das Werksgelände nur mit einem tagesaktuellen negativen Test betreten. Sie  erhalten kostenlose Schnelltests, die sie täglich zu Hause anwenden, bevor sie sich auf den Weg zur Arbeit machen. Zeigt der Test eine Infektion an, können die Mitarbeitenden auf Firmenkosten einen PCR-Test machen.

Die Testung erfolgt in Kooperation mit dem Tübinger Labor CeGaT, das die Teststrategie  wissenschaftlich begleitet. Für die  Tests investiert Metabo monatlich  120 000 Euro.

„Derzeit überlegen viele Unternehmen, firmeneigene Testzentren aufzubauen“, sagt Metabo-Geschäftsführer (CEO) Horst Garbrecht. „Wir haben uns bewusst für den Weg entschieden, bei dem sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich selbst testen. Eine zentrale Anlaufstelle in Form eines Testzentrums für einen täglichen Test aller Mitarbeitenden ist eine enorme logistische Herausforderung, die für uns nicht zu stemmen wäre.“  Zudem berge das auch gewisse Risiken, weil damit  viele ungetestete Menschen an einem Ort zusammenkommen.   Selbsttests seien ein  schnelles und leichter umsetzbares Konzept. Und mögliche Risiken durch unsachgemäße Anwendung schätzt Garbrecht  geringer ein als den Vorteil der täglichen Testung.

Partner ist das Labor CeGaT in Tübingen. „Durch unsere Begleitung des Projekts können wir wichtige Daten über die Wirksamkeit von Teststrategien gewinnen. Das ist eine echte Basis, um in Zukunft noch gezielter gegen die Ausbreitung der Corona-Viren und -Mutanten vorgehen zu können“, erklärt Dirk Biskup, der Geschäftsführer des Unternehmens. Die Daten sollen  auch Rückschlüsse darauf zulassen, wie zuverlässig von Mitarbeitern selbst vorgenommene Tests sind.

Auch der Nürtinger Maschinenbauer  Heller ist aktiv gegen Corona. „Unsere Teststrategie geht Mitte April an den Start“, erklärt Heller-Pressesprecher Lukas Schult. In einer ersten Charge wurden laut Schult mehr als 10 000 Schnelltests bestellt, die an die Mitarbeiter verteilt werden. Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin erhält sechs bis acht Schnelltests, mit denen der Abstrich im vorderen Nasenbereich gemacht wird. Jedes Ergebnis wird dokumentiert und dem  werksärztlichen Dienst gemeldet. Ist der Test positiv, müssen   umgehend das Gesundheitsamt sowie die Hotline des Betriebsarztes informiert werden.

Die Strategie  bei Heller geht aber noch einen Schritt weiter: „Wir stehen auch beim Thema Impfen in den Startlöchern und möchten unsern Mitarbeitern sowie deren nächsten Angehörigen schnellstmöglich eine Impfung anbieten“, erklärt Gerhard Reiner, der kaufmännische Leiter bei Heller. Dazu gebe es bereits konkret definierte Organisationsabläufe, teilt Pressesprecher Schult mit. „Der werksärztliche Dienst um Werksarzt William Lechner bemüht sich sehr aktiv, auch bei Heller schnellstmöglich Impfungen anzubieten.“ Am Standort Nürtingen arbeiten rund 1700 Männer und Frauen.

Eine Auflistung an testenden Betrieben  wird in der Stadtverwaltung Nürtingen zwar nicht geführt. Pressesprecher Clint Metzger verweist aber auf die Praxis vor Ort: „Es gibt  eine große Zahl an Unternehmen, die  aktiv sind, wie  zum Beispiel Holz-Her, die Kreissparkasse, die IST-Metz GmbH oder die Fohhn Audio AG.“ bob / Foto: dpa/Zacharie Scheurer


Neuordnung am Karstadt-Areal

Mit der Änderung des Bebauungsplans gibt der Esslinger Gemeinderat grünes Licht für die überarbeiteten Pläne

Das Tauziehen um die Zukunft des Esslinger Karstadt-Areals hat ein Ende: Mit einem vorhabenbezogenen Bebauungsplan, der  mit den Stimmen von SPD, Freien Wählern, CDU, FDP und OB Jürgen Zieger abgesegnet wurde, hat der Gemeinderat nun den Weg freigemacht für eine Neuordnung. Pläne für eine Neubebauung lagen bereits auf dem Tisch, wurden geändert und landeten wieder in der Schublade – auch unter dem Eindruck des Strukturwandels im Einzelhandel. Nun will ein neuer Investor mit verändertem Konzept zum Erfolg gelangen. Dem Bebauungsplanbeschluss waren teils leidenschaftliche Diskussionen vorausgegangen. Anwohner, der Bürgerausschuss und der Planungsbeirat der Architekten meldeten Bedenken an. Obwohl die Pläne mehrfach überarbeitet, die Höhe der Gebäude an der Martinstraße und im Innenbereich reduziert und die Fassadengestaltung korrigiert wurden, blie­ben Kritiker bei ihrer Einschätzung, dass der geplante Baukörper nicht ins Umfeld passe. Dage­gen bescheinigt Baubürgermeister Wilfried Wallbrecht der Planung „hohe städtebauliche und architektonische Qualität“.

Die Änderung des Bebauungsplans von 2013 wurde nötig, nachdem der neue Bauherr  die ursprünglichen Pläne zum Bau von zusätzlichen rund 11 000 Quadratmetern Einzelhandelsflächen auf dem Karstadt-Areal aufgegeben hat. Das neue Konzept sieht auf dem etwa einen Hektar großen Gelände einen Mix aus Handel, Dienstleistungen, Büros und Wohnen sowie eine Tiefgarage vor, wobei deutlich weniger Flächen für Handel, dafür mehr Wohnungen, Büros und Dienstleistungsflächen geplant sind. Dafür sollen das bestehende Karstadt-Kaufhaus umgebaut und die bislang als Parkplatz genutzte Fläche neu bebaut werden. Im Rathaus gilt das Vorhaben als „eines der anspruchsvollsten Bauprojekte in der denkmalgeschützten Esslinger Altstadt“, das „von großer Bedeutung für die weitere Stadtentwicklung in diesem Bereich“ sei.

Vom Konzept der neuen Investoren erhofft sich die Stadt auch einen Beitrag zur Sicherung des Karstadt-Standorts. Anders als bisher vorgesehen soll das bestehende Warenhaus  umgebaut und in den oberen Geschossen künftig anders genutzt werden. OB Jürgen Zieger begrüßt die neue Ausrichtung des Projekts: „Damit unsere Innenstadt auch künftig attraktiv bleibt, müssen wir den Einzelhandelsstandort Esslingen sichern und stärken.“ Deshalb sei es richtig, den Schwerpunkt auf gemischte Nutzungen mit ei­nem hohen Wohnanteil zu legen. An die Karstadt-Geschäftsleitung in Essen appelliert Zieger, den Betrieb der Esslinger Filiale fortzuführen. Die Stadt habe „im Rahmen der ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten alles unternommen, damit der Betrieb des Karstadt-Warenhauses fortgeführt werden kann“.

Nach den Plänen der Architekten gruppieren sich auf der derzeitigen Parkplatzfläche vier Baukörper um einen großen Innenhof. Geplant sind im Erdgeschoss des neu bebauten Bereichs etwa 1300 Quadratmeter Verkaufs- und Gewerbeflächen, 500 Quadratmeter Büro- und Dienstleistungsflächen sowie Wohnungen in den Obergeschossen. Im bestehenden Karstadt-Warenhaus werden die Verkaufsflächen auf das Untergeschoss, das Erdgeschoss und die zwei Obergeschosse reduziert. Im dritten Obergeschoss entstehen etwa 2000 Quadratmeter Büroflächen und auf dem Dach des Gebäudes werden – zurückgesetzt von der Gebäudeaußenkante – Reihenhäuser errichtet. In der zweigeschossigen Tiefgarage entstehen 220 Stellplätze. Insgesamt werden im Quartier 160 neue Wohnungen gebaut. Die Stadt verspricht derweil, für „mehr Aufenthaltsqualität“ zu sorgen, was Kritiker ob der Höhe des Neubaus allerdings bezweifeln. Noch im ersten Halbjahr 2021 erwartet das städtische Baurechtsamt nun ein Baugesuch.  adi / Foto: Roberto Bulgrin


Abgestimmt

Frankreich verpflichtet Supermärkte dazu, nicht verkaufte Lebensmittel  Bedürftigen zu schenken. Soll man auch hier Essen verschenken?

Foto: dpa

Essen verschenken?

  • Ja! (80% )
  • Nein! (20% )
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Erst mal kein Präsenzunterricht

Landesregierung nimmt Öffnungsschritte an Schulen zurück – Weitere Schnelltestaktionen – Brandbrief an Kretschmann

Es bleibt ernst, und es bleibt Verunsicherung; aber es gibt auch hoffnungsvolle Signale: Der Weg, um den Fesseln der Corona-Pandemie zu entkommen, ist weiter strittig und steinig. Die Rufe nach Öffnungsstrategien werden begleitet von denen nach einem verschärften Lockdown. Immerhin: Im Land wird seit dieser Woche auch in Hausarztpraxen geimpft, für die kommenden Wochen sind insgesamt deutlich mehr Impfdosen angekündigt. Im Landkreis Esslingen kommen zudem die Impfaktionen vor Ort und auch in den beiden Zentren in Oberesslingen und auf der Fildermesse voran. Und die Schnelltestkapazitäten werden ausgebaut, auch in den Unternehmen. So hat etwa der Nürtinger Elektrowerkzeug-Hersteller Metabo angekündigt, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich zu Hause selbst testen. Nur mit negativem Schnelltestergebnis dürfe künftig das Werksgelände betreten werden. In den Kommunen werden die Testzentren  ausgeweitet. So besteht seit vergangener Woche etwa in Wernau die Möglichkeit zu Corona-Schnelltests (in der Begegnungsstätte Café Cult montags bis freitags jeweils 17.30 bis 20 Uhr sowie samstags 10 bis 13 Uhr; Anmeldung unter www.drk-wernau.de). Die Stadt Ostfildern erweitert das Angebot im Testzentrum im Nellinger Kubino, geöffnet sei dort nun von Montag bis Freitag laut Pressemitteilung teils „ganztägig“, ab 10. April soll dann auch an Samstagvormittagen getestet werden (Anmeldung unter www.coronatest-ostfildern.de).

Derweil hat die Landesregierung wegen der  steigenden Corona-Infektionszahlen  Öffnungsschritte an den Schulen zurückgenommen. In der ersten Woche nach den Osterferien ab dem 12. April kehren die Grundschüler und auch die 5. und 6. Klassen zunächst in den Fernunterricht zurück, teilte das Kultusministerium  mit. Für die Klassen 1 bis 7 soll es Notbetreuung für die Kinder geben, deren Eltern dringend darauf angewiesen sind. Hintergrund ist die Sorge, dass sich die Corona-Mutante verstärkt über Kinder und Jugendliche verbreitet. Geöffnet bleiben sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren. Auch die Abschlussklassen sollen teilweise in Präsenz unterrichtet werden. In der Woche ab dem 19. April sollen alle Klassen im Wechsel in die Schulen zurückkehren, „sofern es das Infektionsgeschehen dann zulässt“, schrieb Ministerialdirektor Michael Föll. Dann soll es auch eine Testpflicht für alle Schülerinnen und Schüler geben, die am Präsenzunterricht teilnehmen.

Während die Schulen bis auf Weiteres dicht machen, ist in den Kindertagesstätten nach den Osterfeiertagen die Arbeit wieder ohne Einschränkung aufgenommen worden.

Nach teils monatelangen Verzögerungen haben Unternehmen in Baden-Württemberg, die wegen coronabedingter Einbrüche staatliche Hilfe beansprucht haben, die beantragten Mittel fast vollständig erhalten. Demnach bekamen die Firmen aus der November-, Dezember-, Neustart- und Überbrückungshilfe insgesamt 2,3 Milliarden Euro, wie die „Stuttgarter Nachrichten“  unter Berufung auf das Wirtschaftsministerium berichteten. 

Mit eindringlichen Worten appellieren die Oberbürgermeister der sechs Großen Kreisstädte im Landkreis Esslingen gemeinsam mit Landrat Heinz Eininger an Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), landesweit einheitliche Öffnungsschritte aus dem Corona-Lockdown vorzubereiten. Man sehe in den wechselweise sinkenden oder steigenden Inzidenzzahlen sowie den damit verbundenen Öffnungen und Schließungen kein tragfähiges Modell, mit der sich die Pandemie in den nächsten Monaten gut bekämpfen lasse, schreiben die Repräsentanten der kommunalen Ebene in einen Brandbrief.  Dieses Vorgehen sei auf Dauer weder wirtschaftlich zu verkraften noch gegenüber den Beschäftigten und der Bevölkerung vermittelbar. Vielmehr sprechen sich die Oberbürgermeister und der Landrat dafür aus, dass die Regierung vorgibt, wie sich eine durch Schnelltests flankierte Öffnungsstrategie umsetzen lässt.

„Wir fordern zuallererst landesweit einheitliche Regelungen zu Öffnungsschritten im Handel, der Gastronomie und bei Sport und Kultur“, heißt es in dem Brief, der unterzeichnet ist von Landrat Eininger sowie den Oberbürgermeistern Jürgen Zieger (Esslingen), Christof Bolay (Ostfildern), Christoph Traub (Filderstadt), Johannes Fridrich (Nürtingen), Pascal Bader (Kirchheim) und Roland Klenk (Leinfelden-Echterdingen). Statt eines Flickenteppichs mit Modellregionen brauche es eine einheitliche Öffnungsregelung mit objektiven Auswahlkriterien.

„Die bayerische Lösung könnte hierbei ein gangbarer Weg auch für Baden-Württemberg sein“, so die Rathauschefs. Dort sei vorgesehen, bei einer Inzidenz von bis 100 den Einzelhandel unter Beachtung der strikten Hygienevorschriften zu öffnen und bei einem Wert von bis 200 das Modell „Click & Meet“ mit Schnelltests zu begleiten. Der Kultur- und Sportbereich sowie die Außengastronomie könnten bei einer Inzidenz von 100, ebenfalls mit Schnelltests, geöffnet werden. „Die Finanzierung der Schnelltest als Teil einer Öffnungsstrategie muss langfristig sichergestellt sein“, betonen die Unterzeichner.  „Einzelne stadt- oder landkreisweite Öffnungen sehen wir als wenig zielführend an“, heißt es weiter.

Im Falle von regionalen oder kommunalen Konzepten zur Umsetzbarkeit von Öffnungsschritten müssten auch hierfür die Kriterien klar festgelegt werden. Die Inzidenz kann aus der Sicht der Rathaus- und des Kreischefs nicht mehr alleiniger Maßstab für Öffnungen oder Restriktionen sein. Für eine Gesamtbeurteilung des Infektionsgeschehens in einem Landkreis müsse zum Beispiel die Belegung von Intensivbetten sowie die Impfquote betrachtet werden.

Die Kombination von Testungen und Öffnen sei in zweierlei Hinsicht eine Win-Win-Lösung: Zum einen biete sie dringend notwendige ­Perspektiven für die Wirtschaft und die Bevölkerung, zum andern schaffe sie Anreize, sich testen zu lassen.   hf/ch/dpa / Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich


Der Dampfmacher der Industrialisierung

Maschinenfabrik Esslingen wurde vor 175 Jahren gegründet – Das Traditionsunternehmen hat 5300 Lokomotiven gebaut und den Wohlstand der Region angeschoben

Da lässt König Wilhelm I. von Württemberg eine Eisenbahnstrecke bauen, die seine Oberamtsstadt Cannstatt mit dem Wengerterdorf Untertürkheim verbindet – und die erste Fahrt auf den noch jungfräulichen Schienen macht eine  Lokomotive aus  Philadelphia! Amerikanische Lokomotiven auf schwäbischen Schienen? Das entsprach nun gar nicht dem Selbstverständnis eines  Königreichs im Jahr 1845, an der Schwelle des Industriezeitalters. Noch im selben Jahr schrieb die Staatsregierung ihrer Königlichen Hoheit die Gründung einer Fabrik aus, die Lokomotiven, Wagen, Weichen und Drehscheiben bauen sollte. Die Ausschreibung mündete in einen Wettlauf zwischen dem Münchener Eisenwerksbesitzer Joseph Anton Ritter von Maffei und dem Karlsruher Maschinenfabrikanten Emil Keßler.

Das Geschäft war lukrativ: Die königliche Staatsfinanzverwaltung lockte das junge Unternehmen mit dem Angebot eines kostenlosen Grundstücks nach Esslingen. Die Stadt, auf deren Schenkung die königliche Großzügigkeit beruhte, verpflichtete sich   zudem,  die Wasserkraft der am  Neckar gelegenen Pliensaumühle bereitzustellen.  Ein Staatsdarlehen in Höhe von 200 000 Gulden und die Zusicherung der  Staatsbahn, 15  Jahre lang alle in Esslingen gefertigten Produkte abzunehmen, zeugten von  vorausschauender Wirtschaftsförderung.

Emil Keßler machte das Rennen

Emil Keßler machte das Rennen, auch weil er zusicherte, in Esslingen ein eigenständiges Unternehmen betreiben zu wollen – und nicht, wie sein Münchener Konkurrent, lediglich ein Zweigwerk. Am 13. März 1846 unterzeichnete Keßler den Gründungsvertrag für die Maschinenfabrik Esslingen (ME), nicht ohne zuvor einen weiteren Kredit in Höhe von 300 000 Gulden aufgenommen zu haben.

Die  Maschinenfabrik war, einmalig für ihre Zeit,    nicht organisch aus einem Handwerksbetrieb herausgewachsen. Vielmehr wurde auf dem heutigen Esslinger Bahnhofsgelände vor 175 Jahren eine Anlage aus dem Boden gestampft, die vom ersten Tag ihrer Produktion an 500 Arbeiter und den zugehörigen  Verwaltungsapparat beschäftigte.

Amerikanische Gene

Der fliegende Start sollte sich bezahlt machen. Schon ein dreiviertel Jahr nach der Gründung verließ der erste Eisenbahnwagen das Werksgelände. Die zugehörige Lokomotive,  auf den Namen „Esslingen“ getauft,  folgte ein knappes Jahr später. Ihre amerikanischen Gene, gute Kurvenläufigkeit gepaart mit einer hohe Kletterfähigkeit,  waren unverkennbar. „Emil Keßler war gut im Abkupfern“,  sagt Hans-Thomas Schäfer, der als Vorsitzender des Fördervereins zur Erhaltung von Lokomotiven der Maschinenfabrik Esslingen deren Erbe  verwaltet. Die Arbeit Schäfers und seiner Mitstreiter  ist umso verdienstvoller, als dass heute kaum noch etwas an das Unternehmen erinnert, das die Industrialisierung im Südwesten   zwar nicht begründet, aber sprichwörtlich mit Volldampf auf die Schiene gesetzt hat.

„Die Bedeutung der Maschinenfabrik für die wirtschaftliche Entwicklung und das Bewusstsein der Region entspricht in etwa dem Stellenwert, den heute der Daimler-Konzern einnimmt“, sagt Schäfer. Die Mitarbeiter der Maschinenfabrik waren nicht nur hoch qualifiziert und gut bezahlt,   sie genossen auch die sozialen Wohltaten des  Unternehmens: Fabrikkrankenkasse, Unterstützungsfonds, Bibliothek und nicht zuletzt den Gesangsverein Vulkania.

Zur Jahrhundertwende gehörte die Maschinenfabrik Esslingen AG neben den Borsig-Werken in Berlin und Maffei in München zu den großen Lokomotivherstellern in Deutschland. In den 120 Jahren bis zur Einstellung des Lokomotiven- und Wagenbaus im Jahr 1966 haben 5300 Lokomotiven und 26 000 Wagen die Werkhallen in Esslingen verlassen.  Unterm Strich fanden die Dampf-, Zahnrad-, Diesel- und Elektrolokomotiven und Triebwagen aus Esslinger Produktion  Abnehmer in 35 Ländern in Europa und Übersee.

Die  Esslinger Lokomotiven fuhren nicht nur auf den Schienen der Württembergischen Staatsbahn und später der Deutschen Reichsbahn und der Deutschen Bundesbahn. Von Beginn an hatten die Produkte  „Made in Esslingen“ auch außerhalb der engen Staatsgrenzen ihre Abnehmer gefunden. In den Zeiten der deutschen Kleinstaaterei dampften Esslinger Lokomotiven in Hessen und Bayern, später wurden sie in Chile, Brasilien und Argentinien aufs Gleis gesetzt. Erst im Jahr 1963 wurde die letzte Dampflok der Königlich Württembergischen Staatsbahn aufs Abstellgleis geschoben – nach 44 Jahren und 2,8 Millionen zurückgelegten Kilometern. Bis in die 2000er Jahre hinein tat eine im Jahr 1966 ausgelieferte Zahnradlokomotive des Typs E 10 auf der Padangbahn in Sumatra Dienst. Die im Jahr 1909  erstmals auf die Gleise gehobene Baureihe C  gilt heute noch als die  formvollendetste  Lokomotivenfamilie, die je unter Dampf gesetzt wurde.  Nicht umsonst wird sie in Eisenbahnerkreisen als die „Schöne Württembergerin“ verehrt.

Bis der Maschinenfabrik Esslingen AG im Jahr 1968 endgültig das Totenglöckchen geläutet wurde, ist in den Esslinger Werkhallen so ziemlich alles gebaut worden, was sich aus Stahl gießen ließ. Dazu zählten Dampfschiffe, Dampfmaschinen, Turbinen, Kältemaschinen, Müllverbrennungsanlagen, Kunsteisbahnen  und Elektrofahrzeuge ebenso wie Standseilbahnen, Straßenbahnen und Brückenanlagen.

Gepanzerte Rollenlager

Die seinerzeit längste Spannbetonbrücke der Welt über den Maracaibo-See  in Nicaragua ruht auf gepanzerten Rollenlagern aus Esslingen.  „Und immer noch finde ich das Herstellerschild der Maschinenfabrik  an Orten, wo ich es nicht vermutet hätte“, schmunzelt Schäfer. Bis zum Jahr 2007 existierte die Maschinenfabrik noch als Grundstücksgesellschaft unter dem Dach des Daimler-Konzerns, dann wurde sie mit der Auszahlung der Aktionäre endgültig aufgelöst.

Unter den Dampfkesseln der Maschinenfabrik ist das Feuer erloschen, dafür leuchtet jetzt über den denkmalgeschützten Fabrikhallen in Esslingen-Mettingen der Mercedes-Stern umso heller.  adt / Foto: oh / Repro: Roberto Bulgrin