Betriebe aktiv gegen Corona

Tägliche Selbsttests bei Metabo in Nürtingen – Begleitung durch  Labor – Impfung ist bereits Thema bei Heller

Mehrere Unternehmen im Südwesten weiten das Corona-Testangebot für ihre Mitarbeiter aus.  Darunter auch der Elektrowerkzeug-Hersteller Metabo in Nürtingen. Auch andere Unternehmen in Nürtingen, Kirchheim und dem Umland bauen Teststrategien auf.

In Nürtingen hat das Unternehmen Metabo mit den Schnelltests begonnen. Am Stammsitz der Firma in Nürtingen arbeiten 1250 Menschen, rund 600 davon in der Produktion. Mitarbeitende dürfen das Werksgelände nur mit einem tagesaktuellen negativen Test betreten. Sie  erhalten kostenlose Schnelltests, die sie täglich zu Hause anwenden, bevor sie sich auf den Weg zur Arbeit machen. Zeigt der Test eine Infektion an, können die Mitarbeitenden auf Firmenkosten einen PCR-Test machen.

Die Testung erfolgt in Kooperation mit dem Tübinger Labor CeGaT, das die Teststrategie  wissenschaftlich begleitet. Für die  Tests investiert Metabo monatlich  120 000 Euro.

„Derzeit überlegen viele Unternehmen, firmeneigene Testzentren aufzubauen“, sagt Metabo-Geschäftsführer (CEO) Horst Garbrecht. „Wir haben uns bewusst für den Weg entschieden, bei dem sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich selbst testen. Eine zentrale Anlaufstelle in Form eines Testzentrums für einen täglichen Test aller Mitarbeitenden ist eine enorme logistische Herausforderung, die für uns nicht zu stemmen wäre.“  Zudem berge das auch gewisse Risiken, weil damit  viele ungetestete Menschen an einem Ort zusammenkommen.   Selbsttests seien ein  schnelles und leichter umsetzbares Konzept. Und mögliche Risiken durch unsachgemäße Anwendung schätzt Garbrecht  geringer ein als den Vorteil der täglichen Testung.

Partner ist das Labor CeGaT in Tübingen. „Durch unsere Begleitung des Projekts können wir wichtige Daten über die Wirksamkeit von Teststrategien gewinnen. Das ist eine echte Basis, um in Zukunft noch gezielter gegen die Ausbreitung der Corona-Viren und -Mutanten vorgehen zu können“, erklärt Dirk Biskup, der Geschäftsführer des Unternehmens. Die Daten sollen  auch Rückschlüsse darauf zulassen, wie zuverlässig von Mitarbeitern selbst vorgenommene Tests sind.

Auch der Nürtinger Maschinenbauer  Heller ist aktiv gegen Corona. „Unsere Teststrategie geht Mitte April an den Start“, erklärt Heller-Pressesprecher Lukas Schult. In einer ersten Charge wurden laut Schult mehr als 10 000 Schnelltests bestellt, die an die Mitarbeiter verteilt werden. Jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin erhält sechs bis acht Schnelltests, mit denen der Abstrich im vorderen Nasenbereich gemacht wird. Jedes Ergebnis wird dokumentiert und dem  werksärztlichen Dienst gemeldet. Ist der Test positiv, müssen   umgehend das Gesundheitsamt sowie die Hotline des Betriebsarztes informiert werden.

Die Strategie  bei Heller geht aber noch einen Schritt weiter: „Wir stehen auch beim Thema Impfen in den Startlöchern und möchten unsern Mitarbeitern sowie deren nächsten Angehörigen schnellstmöglich eine Impfung anbieten“, erklärt Gerhard Reiner, der kaufmännische Leiter bei Heller. Dazu gebe es bereits konkret definierte Organisationsabläufe, teilt Pressesprecher Schult mit. „Der werksärztliche Dienst um Werksarzt William Lechner bemüht sich sehr aktiv, auch bei Heller schnellstmöglich Impfungen anzubieten.“ Am Standort Nürtingen arbeiten rund 1700 Männer und Frauen.

Eine Auflistung an testenden Betrieben  wird in der Stadtverwaltung Nürtingen zwar nicht geführt. Pressesprecher Clint Metzger verweist aber auf die Praxis vor Ort: „Es gibt  eine große Zahl an Unternehmen, die  aktiv sind, wie  zum Beispiel Holz-Her, die Kreissparkasse, die IST-Metz GmbH oder die Fohhn Audio AG.“ bob / Foto: dpa/Zacharie Scheurer


Neuordnung am Karstadt-Areal

Mit der Änderung des Bebauungsplans gibt der Esslinger Gemeinderat grünes Licht für die überarbeiteten Pläne

Das Tauziehen um die Zukunft des Esslinger Karstadt-Areals hat ein Ende: Mit einem vorhabenbezogenen Bebauungsplan, der  mit den Stimmen von SPD, Freien Wählern, CDU, FDP und OB Jürgen Zieger abgesegnet wurde, hat der Gemeinderat nun den Weg freigemacht für eine Neuordnung. Pläne für eine Neubebauung lagen bereits auf dem Tisch, wurden geändert und landeten wieder in der Schublade – auch unter dem Eindruck des Strukturwandels im Einzelhandel. Nun will ein neuer Investor mit verändertem Konzept zum Erfolg gelangen. Dem Bebauungsplanbeschluss waren teils leidenschaftliche Diskussionen vorausgegangen. Anwohner, der Bürgerausschuss und der Planungsbeirat der Architekten meldeten Bedenken an. Obwohl die Pläne mehrfach überarbeitet, die Höhe der Gebäude an der Martinstraße und im Innenbereich reduziert und die Fassadengestaltung korrigiert wurden, blie­ben Kritiker bei ihrer Einschätzung, dass der geplante Baukörper nicht ins Umfeld passe. Dage­gen bescheinigt Baubürgermeister Wilfried Wallbrecht der Planung „hohe städtebauliche und architektonische Qualität“.

Die Änderung des Bebauungsplans von 2013 wurde nötig, nachdem der neue Bauherr  die ursprünglichen Pläne zum Bau von zusätzlichen rund 11 000 Quadratmetern Einzelhandelsflächen auf dem Karstadt-Areal aufgegeben hat. Das neue Konzept sieht auf dem etwa einen Hektar großen Gelände einen Mix aus Handel, Dienstleistungen, Büros und Wohnen sowie eine Tiefgarage vor, wobei deutlich weniger Flächen für Handel, dafür mehr Wohnungen, Büros und Dienstleistungsflächen geplant sind. Dafür sollen das bestehende Karstadt-Kaufhaus umgebaut und die bislang als Parkplatz genutzte Fläche neu bebaut werden. Im Rathaus gilt das Vorhaben als „eines der anspruchsvollsten Bauprojekte in der denkmalgeschützten Esslinger Altstadt“, das „von großer Bedeutung für die weitere Stadtentwicklung in diesem Bereich“ sei.

Vom Konzept der neuen Investoren erhofft sich die Stadt auch einen Beitrag zur Sicherung des Karstadt-Standorts. Anders als bisher vorgesehen soll das bestehende Warenhaus  umgebaut und in den oberen Geschossen künftig anders genutzt werden. OB Jürgen Zieger begrüßt die neue Ausrichtung des Projekts: „Damit unsere Innenstadt auch künftig attraktiv bleibt, müssen wir den Einzelhandelsstandort Esslingen sichern und stärken.“ Deshalb sei es richtig, den Schwerpunkt auf gemischte Nutzungen mit ei­nem hohen Wohnanteil zu legen. An die Karstadt-Geschäftsleitung in Essen appelliert Zieger, den Betrieb der Esslinger Filiale fortzuführen. Die Stadt habe „im Rahmen der ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten alles unternommen, damit der Betrieb des Karstadt-Warenhauses fortgeführt werden kann“.

Nach den Plänen der Architekten gruppieren sich auf der derzeitigen Parkplatzfläche vier Baukörper um einen großen Innenhof. Geplant sind im Erdgeschoss des neu bebauten Bereichs etwa 1300 Quadratmeter Verkaufs- und Gewerbeflächen, 500 Quadratmeter Büro- und Dienstleistungsflächen sowie Wohnungen in den Obergeschossen. Im bestehenden Karstadt-Warenhaus werden die Verkaufsflächen auf das Untergeschoss, das Erdgeschoss und die zwei Obergeschosse reduziert. Im dritten Obergeschoss entstehen etwa 2000 Quadratmeter Büroflächen und auf dem Dach des Gebäudes werden – zurückgesetzt von der Gebäudeaußenkante – Reihenhäuser errichtet. In der zweigeschossigen Tiefgarage entstehen 220 Stellplätze. Insgesamt werden im Quartier 160 neue Wohnungen gebaut. Die Stadt verspricht derweil, für „mehr Aufenthaltsqualität“ zu sorgen, was Kritiker ob der Höhe des Neubaus allerdings bezweifeln. Noch im ersten Halbjahr 2021 erwartet das städtische Baurechtsamt nun ein Baugesuch.  adi / Foto: Roberto Bulgrin


Abgestimmt

Frankreich verpflichtet Supermärkte dazu, nicht verkaufte Lebensmittel  Bedürftigen zu schenken. Soll man auch hier Essen verschenken?

Foto: dpa

Essen verschenken?

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Erst mal kein Präsenzunterricht

Landesregierung nimmt Öffnungsschritte an Schulen zurück – Weitere Schnelltestaktionen – Brandbrief an Kretschmann

Es bleibt ernst, und es bleibt Verunsicherung; aber es gibt auch hoffnungsvolle Signale: Der Weg, um den Fesseln der Corona-Pandemie zu entkommen, ist weiter strittig und steinig. Die Rufe nach Öffnungsstrategien werden begleitet von denen nach einem verschärften Lockdown. Immerhin: Im Land wird seit dieser Woche auch in Hausarztpraxen geimpft, für die kommenden Wochen sind insgesamt deutlich mehr Impfdosen angekündigt. Im Landkreis Esslingen kommen zudem die Impfaktionen vor Ort und auch in den beiden Zentren in Oberesslingen und auf der Fildermesse voran. Und die Schnelltestkapazitäten werden ausgebaut, auch in den Unternehmen. So hat etwa der Nürtinger Elektrowerkzeug-Hersteller Metabo angekündigt, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich zu Hause selbst testen. Nur mit negativem Schnelltestergebnis dürfe künftig das Werksgelände betreten werden. In den Kommunen werden die Testzentren  ausgeweitet. So besteht seit vergangener Woche etwa in Wernau die Möglichkeit zu Corona-Schnelltests (in der Begegnungsstätte Café Cult montags bis freitags jeweils 17.30 bis 20 Uhr sowie samstags 10 bis 13 Uhr; Anmeldung unter www.drk-wernau.de). Die Stadt Ostfildern erweitert das Angebot im Testzentrum im Nellinger Kubino, geöffnet sei dort nun von Montag bis Freitag laut Pressemitteilung teils „ganztägig“, ab 10. April soll dann auch an Samstagvormittagen getestet werden (Anmeldung unter www.coronatest-ostfildern.de).

Derweil hat die Landesregierung wegen der  steigenden Corona-Infektionszahlen  Öffnungsschritte an den Schulen zurückgenommen. In der ersten Woche nach den Osterferien ab dem 12. April kehren die Grundschüler und auch die 5. und 6. Klassen zunächst in den Fernunterricht zurück, teilte das Kultusministerium  mit. Für die Klassen 1 bis 7 soll es Notbetreuung für die Kinder geben, deren Eltern dringend darauf angewiesen sind. Hintergrund ist die Sorge, dass sich die Corona-Mutante verstärkt über Kinder und Jugendliche verbreitet. Geöffnet bleiben sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren. Auch die Abschlussklassen sollen teilweise in Präsenz unterrichtet werden. In der Woche ab dem 19. April sollen alle Klassen im Wechsel in die Schulen zurückkehren, „sofern es das Infektionsgeschehen dann zulässt“, schrieb Ministerialdirektor Michael Föll. Dann soll es auch eine Testpflicht für alle Schülerinnen und Schüler geben, die am Präsenzunterricht teilnehmen.

Während die Schulen bis auf Weiteres dicht machen, ist in den Kindertagesstätten nach den Osterfeiertagen die Arbeit wieder ohne Einschränkung aufgenommen worden.

Nach teils monatelangen Verzögerungen haben Unternehmen in Baden-Württemberg, die wegen coronabedingter Einbrüche staatliche Hilfe beansprucht haben, die beantragten Mittel fast vollständig erhalten. Demnach bekamen die Firmen aus der November-, Dezember-, Neustart- und Überbrückungshilfe insgesamt 2,3 Milliarden Euro, wie die „Stuttgarter Nachrichten“  unter Berufung auf das Wirtschaftsministerium berichteten. 

Mit eindringlichen Worten appellieren die Oberbürgermeister der sechs Großen Kreisstädte im Landkreis Esslingen gemeinsam mit Landrat Heinz Eininger an Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), landesweit einheitliche Öffnungsschritte aus dem Corona-Lockdown vorzubereiten. Man sehe in den wechselweise sinkenden oder steigenden Inzidenzzahlen sowie den damit verbundenen Öffnungen und Schließungen kein tragfähiges Modell, mit der sich die Pandemie in den nächsten Monaten gut bekämpfen lasse, schreiben die Repräsentanten der kommunalen Ebene in einen Brandbrief.  Dieses Vorgehen sei auf Dauer weder wirtschaftlich zu verkraften noch gegenüber den Beschäftigten und der Bevölkerung vermittelbar. Vielmehr sprechen sich die Oberbürgermeister und der Landrat dafür aus, dass die Regierung vorgibt, wie sich eine durch Schnelltests flankierte Öffnungsstrategie umsetzen lässt.

„Wir fordern zuallererst landesweit einheitliche Regelungen zu Öffnungsschritten im Handel, der Gastronomie und bei Sport und Kultur“, heißt es in dem Brief, der unterzeichnet ist von Landrat Eininger sowie den Oberbürgermeistern Jürgen Zieger (Esslingen), Christof Bolay (Ostfildern), Christoph Traub (Filderstadt), Johannes Fridrich (Nürtingen), Pascal Bader (Kirchheim) und Roland Klenk (Leinfelden-Echterdingen). Statt eines Flickenteppichs mit Modellregionen brauche es eine einheitliche Öffnungsregelung mit objektiven Auswahlkriterien.

„Die bayerische Lösung könnte hierbei ein gangbarer Weg auch für Baden-Württemberg sein“, so die Rathauschefs. Dort sei vorgesehen, bei einer Inzidenz von bis 100 den Einzelhandel unter Beachtung der strikten Hygienevorschriften zu öffnen und bei einem Wert von bis 200 das Modell „Click & Meet“ mit Schnelltests zu begleiten. Der Kultur- und Sportbereich sowie die Außengastronomie könnten bei einer Inzidenz von 100, ebenfalls mit Schnelltests, geöffnet werden. „Die Finanzierung der Schnelltest als Teil einer Öffnungsstrategie muss langfristig sichergestellt sein“, betonen die Unterzeichner.  „Einzelne stadt- oder landkreisweite Öffnungen sehen wir als wenig zielführend an“, heißt es weiter.

Im Falle von regionalen oder kommunalen Konzepten zur Umsetzbarkeit von Öffnungsschritten müssten auch hierfür die Kriterien klar festgelegt werden. Die Inzidenz kann aus der Sicht der Rathaus- und des Kreischefs nicht mehr alleiniger Maßstab für Öffnungen oder Restriktionen sein. Für eine Gesamtbeurteilung des Infektionsgeschehens in einem Landkreis müsse zum Beispiel die Belegung von Intensivbetten sowie die Impfquote betrachtet werden.

Die Kombination von Testungen und Öffnen sei in zweierlei Hinsicht eine Win-Win-Lösung: Zum einen biete sie dringend notwendige ­Perspektiven für die Wirtschaft und die Bevölkerung, zum andern schaffe sie Anreize, sich testen zu lassen.   hf/ch/dpa / Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich


Der Dampfmacher der Industrialisierung

Maschinenfabrik Esslingen wurde vor 175 Jahren gegründet – Das Traditionsunternehmen hat 5300 Lokomotiven gebaut und den Wohlstand der Region angeschoben

Da lässt König Wilhelm I. von Württemberg eine Eisenbahnstrecke bauen, die seine Oberamtsstadt Cannstatt mit dem Wengerterdorf Untertürkheim verbindet – und die erste Fahrt auf den noch jungfräulichen Schienen macht eine  Lokomotive aus  Philadelphia! Amerikanische Lokomotiven auf schwäbischen Schienen? Das entsprach nun gar nicht dem Selbstverständnis eines  Königreichs im Jahr 1845, an der Schwelle des Industriezeitalters. Noch im selben Jahr schrieb die Staatsregierung ihrer Königlichen Hoheit die Gründung einer Fabrik aus, die Lokomotiven, Wagen, Weichen und Drehscheiben bauen sollte. Die Ausschreibung mündete in einen Wettlauf zwischen dem Münchener Eisenwerksbesitzer Joseph Anton Ritter von Maffei und dem Karlsruher Maschinenfabrikanten Emil Keßler.

Das Geschäft war lukrativ: Die königliche Staatsfinanzverwaltung lockte das junge Unternehmen mit dem Angebot eines kostenlosen Grundstücks nach Esslingen. Die Stadt, auf deren Schenkung die königliche Großzügigkeit beruhte, verpflichtete sich   zudem,  die Wasserkraft der am  Neckar gelegenen Pliensaumühle bereitzustellen.  Ein Staatsdarlehen in Höhe von 200 000 Gulden und die Zusicherung der  Staatsbahn, 15  Jahre lang alle in Esslingen gefertigten Produkte abzunehmen, zeugten von  vorausschauender Wirtschaftsförderung.

Emil Keßler machte das Rennen

Emil Keßler machte das Rennen, auch weil er zusicherte, in Esslingen ein eigenständiges Unternehmen betreiben zu wollen – und nicht, wie sein Münchener Konkurrent, lediglich ein Zweigwerk. Am 13. März 1846 unterzeichnete Keßler den Gründungsvertrag für die Maschinenfabrik Esslingen (ME), nicht ohne zuvor einen weiteren Kredit in Höhe von 300 000 Gulden aufgenommen zu haben.

Die  Maschinenfabrik war, einmalig für ihre Zeit,    nicht organisch aus einem Handwerksbetrieb herausgewachsen. Vielmehr wurde auf dem heutigen Esslinger Bahnhofsgelände vor 175 Jahren eine Anlage aus dem Boden gestampft, die vom ersten Tag ihrer Produktion an 500 Arbeiter und den zugehörigen  Verwaltungsapparat beschäftigte.

Amerikanische Gene

Der fliegende Start sollte sich bezahlt machen. Schon ein dreiviertel Jahr nach der Gründung verließ der erste Eisenbahnwagen das Werksgelände. Die zugehörige Lokomotive,  auf den Namen „Esslingen“ getauft,  folgte ein knappes Jahr später. Ihre amerikanischen Gene, gute Kurvenläufigkeit gepaart mit einer hohe Kletterfähigkeit,  waren unverkennbar. „Emil Keßler war gut im Abkupfern“,  sagt Hans-Thomas Schäfer, der als Vorsitzender des Fördervereins zur Erhaltung von Lokomotiven der Maschinenfabrik Esslingen deren Erbe  verwaltet. Die Arbeit Schäfers und seiner Mitstreiter  ist umso verdienstvoller, als dass heute kaum noch etwas an das Unternehmen erinnert, das die Industrialisierung im Südwesten   zwar nicht begründet, aber sprichwörtlich mit Volldampf auf die Schiene gesetzt hat.

„Die Bedeutung der Maschinenfabrik für die wirtschaftliche Entwicklung und das Bewusstsein der Region entspricht in etwa dem Stellenwert, den heute der Daimler-Konzern einnimmt“, sagt Schäfer. Die Mitarbeiter der Maschinenfabrik waren nicht nur hoch qualifiziert und gut bezahlt,   sie genossen auch die sozialen Wohltaten des  Unternehmens: Fabrikkrankenkasse, Unterstützungsfonds, Bibliothek und nicht zuletzt den Gesangsverein Vulkania.

Zur Jahrhundertwende gehörte die Maschinenfabrik Esslingen AG neben den Borsig-Werken in Berlin und Maffei in München zu den großen Lokomotivherstellern in Deutschland. In den 120 Jahren bis zur Einstellung des Lokomotiven- und Wagenbaus im Jahr 1966 haben 5300 Lokomotiven und 26 000 Wagen die Werkhallen in Esslingen verlassen.  Unterm Strich fanden die Dampf-, Zahnrad-, Diesel- und Elektrolokomotiven und Triebwagen aus Esslinger Produktion  Abnehmer in 35 Ländern in Europa und Übersee.

Die  Esslinger Lokomotiven fuhren nicht nur auf den Schienen der Württembergischen Staatsbahn und später der Deutschen Reichsbahn und der Deutschen Bundesbahn. Von Beginn an hatten die Produkte  „Made in Esslingen“ auch außerhalb der engen Staatsgrenzen ihre Abnehmer gefunden. In den Zeiten der deutschen Kleinstaaterei dampften Esslinger Lokomotiven in Hessen und Bayern, später wurden sie in Chile, Brasilien und Argentinien aufs Gleis gesetzt. Erst im Jahr 1963 wurde die letzte Dampflok der Königlich Württembergischen Staatsbahn aufs Abstellgleis geschoben – nach 44 Jahren und 2,8 Millionen zurückgelegten Kilometern. Bis in die 2000er Jahre hinein tat eine im Jahr 1966 ausgelieferte Zahnradlokomotive des Typs E 10 auf der Padangbahn in Sumatra Dienst. Die im Jahr 1909  erstmals auf die Gleise gehobene Baureihe C  gilt heute noch als die  formvollendetste  Lokomotivenfamilie, die je unter Dampf gesetzt wurde.  Nicht umsonst wird sie in Eisenbahnerkreisen als die „Schöne Württembergerin“ verehrt.

Bis der Maschinenfabrik Esslingen AG im Jahr 1968 endgültig das Totenglöckchen geläutet wurde, ist in den Esslinger Werkhallen so ziemlich alles gebaut worden, was sich aus Stahl gießen ließ. Dazu zählten Dampfschiffe, Dampfmaschinen, Turbinen, Kältemaschinen, Müllverbrennungsanlagen, Kunsteisbahnen  und Elektrofahrzeuge ebenso wie Standseilbahnen, Straßenbahnen und Brückenanlagen.

Gepanzerte Rollenlager

Die seinerzeit längste Spannbetonbrücke der Welt über den Maracaibo-See  in Nicaragua ruht auf gepanzerten Rollenlagern aus Esslingen.  „Und immer noch finde ich das Herstellerschild der Maschinenfabrik  an Orten, wo ich es nicht vermutet hätte“, schmunzelt Schäfer. Bis zum Jahr 2007 existierte die Maschinenfabrik noch als Grundstücksgesellschaft unter dem Dach des Daimler-Konzerns, dann wurde sie mit der Auszahlung der Aktionäre endgültig aufgelöst.

Unter den Dampfkesseln der Maschinenfabrik ist das Feuer erloschen, dafür leuchtet jetzt über den denkmalgeschützten Fabrikhallen in Esslingen-Mettingen der Mercedes-Stern umso heller.  adt / Foto: oh / Repro: Roberto Bulgrin


Die gute Stube wird saniert

Grundlegende Modernisierung für die Stadthalle in Neuffen – Rund zwei Jahre Bauzeit und 7,5 Millionen Euro Kosten

Die Sanierung der Stadthalle in Neuffen hat begonnen. Nach dem Votum zweier Bürgerversammlungen und der Grundsatzentscheidung, das 55 Jahre alte Gebäude trotz erheblicher Mängel nicht abzureißen, sind im Januar die ersten Arbeiter angerückt. In den kommenden zwei Jahren wird die Halle nun umgestaltet, baulich modernisiert und energetisch auf einen zeitgemäßen Stand gebracht. Die Stadt rechnen mit Baukosten in Höhe von etwa 7,5 Millionen Euro.

Die Stadthalle von Neuffen stammt aus dem Jahr 1965 und weist seit geraumer Zeit erhebliche Mängel auf. So sind etwa das Dach, die Fassade und die Fenster energetisch zwar  noch auf dem bauzeitlichen Stand. Der Brandschutz erfüllt die Vorgaben seit langem nicht mehr, Heizung, Lüftung und die Sanitäranlagen sind veraltet und auch die Hauselektrik genügt den Ansprüchen nicht mehr. Erschwerend kommt hinzu, dass die Halle nicht barrierefrei zugänglich ist und daher den Anforderungen an öffentliche Räume nicht entspricht. Einige Zeit lang hatte die Verwaltung erwogen, die gute Stube der Stadt  abreißen zu lassen und durch einen Neubau zu ersetzen. Nachdem jedoch zwei Bürgerversammlungen dazu ein eindeutiges Votum für den Erhalt der Halle ergaben, wurden die Planungen für eine Sanierung konkretisiert. Dabei wurden auch die von den Vereinen als Nutzer formulierten Anforderungen einbezogen.  Eine erste Kostenermittlung belief sich auf mehr als elf Millionen Euro – ein Betrag, den die Stadt angesichts weiterer Großprojekte wie die Mensa am Schulzentrum, die Sanierung der Realschule und des Fachwerks am Großen Haus nicht hätte stemmen können.

Das Sanierungsvorhaben wurde daher noch einmal abgespeckt, die Baukosten werden sich nun laut Neuffens Bürgermeister Matthias Bäcker auf 7,5 Millionen Euro einpendeln. „Allein die Fassadensanierungen mit neuen energiegerechten Scheiben kommen auf rund 700 000 Euro, für die komplette elektrische Anlage sind ebenfalls Kosten in dieser Größenordnung anzusetzen“, sagt er. Die Erneuerung der Heizung, der Lüftung und der Sanitäranlagen sei ebenfalls sehr kostspielig. „Der Brandschutz muss komplett neu rein in die Halle, da war  nichts da“, berichtet Bäcker. Die frühere Pächterwohnung des Stadthallenrestaurants wurde abgebrochen, das Restaurant und die Küche werden verschwinden. Künftig wird es in der Halle nur noch eine Cateringküche geben. „Die Fußböden  in den Fluren und im Treppenhaus müssen aufpoliert werden, in der Halle kommt der Fußboden komplett raus, da wird ein neues Parkett verlegt. Alles in allem kommt da  eine Stange Geld zusammen“, sagt Bäcker. Immerhin werde das Projekt durch das Land im Rahmen des Landessanierungsprogramms gefördert. Bäcker rechnet damit, dass die Bauarbeiten bis  Herbst 2022 abgeschlossen sind.

„Die Neuffener werden nach nun 55 Jahren zwar keine neue, aber eine durchgehend sanierte Stadthalle vorfinden, die dann wieder minimum 55 Jahre halten wird“, verspricht Bäcker. Die Halle werde dank der Barrierefreiheit, aber auch durch die Möglichkeit, neben dem Saal  in einer neuen Lounge Familienfeste  mit eigener Bewirtung oder eigenem Catering feiern zu können, bürgerfreundlicher werden. Gleiches gelte für die  Neuffener Vereine, denen die sanierte Stadthalle ebenfalls ein breiteres Angebot für Veranstaltungen bieten wird.  pst / Foto: Datscha Architekten


Grünes Licht für Neckaruferpark

Esslinger Gemeinderat verabschiedet Pläne – Bei Finanzierung setzt die Stadt auf einen Bundeszuschuss

Grünes Licht für ein grünes Handtuch zwischen Bahngleisen und  Neckar: Der Esslinger Gemeinderat   hat in seiner jüngsten Sitzung einstimmig beschlossen,  das Nürnberger Landschaftsarchitekturbüro WGF mit der Ausführungsplanung für den Neckaruferpark zu beauftragen. Das Projekt soll  den Bewohnerinnen und Bewohnern  der  seit Jahrzehnten mit Erholungsflächen unterversorgten Weststadt etwas Luft verschaffen.  Zumal das Quartier  in den vergangenen Jahren  mit den neuen Wohnblöcken auf dem ehemaligen Güterbahnhof weiter verdichtet wurde und mit  dem Umzug der Hochschule und den Veränderungen auf dem Stadtwerke- und Schlachthof-Areal  weiter zugebaut wird.   

Die Park-Pläne reichen mehr als zwei Jahrzehnte zurück. In Reichweite gerieten sie erst, als die Stadt 2018 ein zwei Hektar großes,  sehr schmales Gelände von der Bahn kaufen konnte.  Die Gemeinderäte lobten, dass es den Planern  gelungen sei, aus dieser schmalen und wegen der Böschung  auch noch schiefen Ebene   zwischen Pliensauturm und Rossneckar das Beste herauszuholen. Und das trotz der Erschwernis,  den geplanten Radschnellweg Stuttgart – Reichenbach  durch den Park zu führen. Der wird  so weit wie möglich ins nördliche Areal parallel zu den Bahngleisen geschoben. 

Eine breit angelegte Bürgerbeteiligung   war auf viel Resonanz gestoßen – die Anregungen sind in die Pläne  eingeflossen. Wenn es nunmehr auch mit der Finanzierung klappt, könnten die Bauarbeiten  im „zeitigen Frühjahr 2022“ vergeben werden und Besucher zwei Jahre später auf einem „Stadtbalkon“  an der Bahnhofunterführung über dem Neckar sitzen. Oder am „Hechtkopf“ und „Naturufer“ dem Fluss wieder näher kommen. Oder  auf den Terrassen des Neckar-Plateaus  sporteln und spielen.

Klärungsbedarf gibt es noch im Bereich der Pliensaubrücke oder besser des Pliensaustegs. Die Verbindung über den Neckar muss  saniert oder neu gebaut werden. Grünflächenamtschef Burkhard Nolte hatte in der vorausgegangenen Sitzung des zuständigen Gemeinderatsausschusses keinen Hehl daraus gemacht, dass der Neubau nach den Plänen des Büros, das bereits den Steg über die Neckarstraße gebaut hat, den östlichen Parkeingang deutlich bereichern würde.  Denn damit könnte  der Erdwall zwischen Merkel- und künftigem Neckaruferpark verschwinden, der auch den Radlern zu schaffen macht.

Die  Radfahrverbände sind mit der Park-Lösung allerdings   nicht ganz glücklich. Das  liegt an der ablehnenden Haltung des Rathauses zur Asphaltierung der   Interimsrampe, die die Stadt  im Zusammenhang mit dem  geplanten Neubau der Rossneckerbrücke am westlichen Parkende aufschottern ließ. Die Interimsrampe führt auf eine  Straße entlang der Bahngleise, mit der die Radler  die seit langem abgesperrte „Schiebestrecke“ des Neckarradwegs  darunter vermeiden könnten.  Dort solle ein Provisorium geschaffen werden, bis der Radschnellweg frühestens  2024/2025 kommt. 

Das Rathaus verweist indessen darauf, dass die Radverbindung während des anstehenden Neubaus der Rossneckarbrücke ohnehin  gekappt sei. Mit deren Fertigstellung im Sommer   seien es bis zum Baustart für den  Neckarpark nur noch ein paar Monate. Und dafür  würden sich die 130 000 Euro, die man  in die Hand nehmen müsste, nicht lohnen, so das Hauptargument. Und während der  zweijährigen Bauzeit für den Park könne man aus Sicherheitsgründen ohnehin keine Radler dort  zulassen. Vereinbart wurde nun, das Thema Radlerrampe im Sommer nochmals zu prüfen.

Allerdings: Von den knapp 8,7 Millionen Euro Gesamtkosten für den Park  sind rund sechs Millionen noch nicht finanziert. Die Stadt hofft  auf einen Zuschuss aus dem begehrten   „Bundesprogramm zur Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel“, ist aber in der ersten Tranche  nicht zum Zug gekommen. Sie hat sich erneut  beworben, „ab Mitte des Jahres“ rechnet sie mit dem  Ergebnis.    biz/ch / Foto: Roberto Bulgrin


Abgestimmt

Das Umweltbundesamt fordert die Deutschen auf, ihren Fleischkonsum auf die Hälfe zu reduzieren. Der richtige Weg?

Foto: dpa

Nur noch die Hälfte?

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