Bei Anruf Schock

Trickbetrüger gehen  immer dreister vor, um Menschen um ihre Ersparnisse zu bringen – Mehrere Maschen kombiniert

Weg mit der Höflichkeit! In manchen Situationen gibt es nur eines: Den Telefonhörer  auflegen! Das, so erklärt Andrea Kopp von der Pressestelle des auch für den Landkreis Esslingen zuständigen Polizeipräsidiums Reutlingen, ist die einzige sichere Methode gegen Trickbetrüger am Telefon. Denn die Kriminellen gehen immer dreister vor und kombinieren verschiedene Abzockmethoden miteinander, um vorwiegend ältere Menschen um ihre Ersparnisse zu bringen. Nahezu alle Gemeinden im Einzugsbereich des Polizeipräsidiums Reutlingen seien schon betroffen gewesen, meint Andrea Kopp, und sie spricht von „regelrechten Anrufwellen“.

Mit weinerlicher Stimme

Die Seniorin aus einer kleineren Gemeinde im Kreis Esslingen erschrak zu Tode. Ein Anrufer meldete sich  Anfang August  bei der 81-Jährigen. Er sprach mit schwer verständlicher, weinerlicher Stimme, sodass die Frau ihn  für ihren Enkel hielt.  Kurz darauf meldete sich ein angeblicher Polizeibeamter: Die Tochter der Seniorin habe bei einem Autounfall einen Menschen getötet. Ein falscher Staatsanwalt fügte im gleichen Telefonat hinzu, nur durch einen fünfstelligen Betrag könne die Tochter vor dem Gefängnis bewahrt werden. Das Geld wurde kurze Zeit später von einem Mann am Wohnhaus der Seniorin abgeholt.  Der Enkeltrick,  verbunden mit dem Auftreten falscher Polizeibeamter oder Amtspersonen,   ist eine der Maschen von  Betrügern, sagt Andrea Kopp.

Die Kriminellen würden im Telefonbuch gezielt nach Menschen Ausschau halten, die dort schon längere Zeit  eingetragen seien oder  früher eher gängige  Vornamen hätten. Durch diese Suche hofften die Täter, auf ältere Mitbürger als Opfer ihrer üblen Machenschaften zu stoßen. Die Senioren werden dann durch Schockanrufe in Angst und Schrecken versetzt, ständig mit Telefonaten bombardiert und  verbal bearbeitet, sodass sie gar nicht zum Nachdenken kommen.

Viele Opfer würden sich nach der Tat in Grund und Boden schämen und weder ihre Angehörigen noch die Polizei informieren. Die Dunkelziffer sei darum  hoch, und eine Strafverfolgung der Täter sei so nicht möglich.

Grund für Scham gibt es laut Andrea Kopp aber nicht. Denn die Betrüger werden in ihrer Methodik immer ausgefeilter und raffinierter. Als Beispiel nennt die Pressefrau einen Vorgang Anfang August in Reutlingen, der sich so überall ereignen könne:  Ein Krimineller rief bei einem Senior an, gab sich als dessen Neffen aus und bat um Geld. Richtigerweise legte der Mann auf. Da kam ein erneuter Anruf. Ein angeblicher Polizeibeamter des Landeskriminalamts erklärte, der vorherige Anrufer sei ein Betrüger gewesen. Der Senior solle zum Schein auf die Forderungen des ersten Anrufers eingehen, damit der Kriminelle dingfest gemacht werden könne. Weisungsgemäß hinterlegte der 82-Jährige daraufhin einen fünfstelligen Geldbetrag auf dem Vorderreifen eines abgestellten Autos.

Keinen Namen nennen

Gerade  diese Kombination verschiedener Maschen sei äußerst perfide, betont Andrea Kopp: „Damit gelingt es den Betrügern geschickt, aufkommende Bedenken der potenziellen Opfer, die zunächst richtigerweise von einem Betrug ausgehen, zu zerstreuen.“ Die Täter melden sich mit aufgebrachter  Stimme und berichten von einer Notlage. Meist nennt der Angerufene dann den Namen eines Angehörigen. Etwa: „Andreas, bist du das?“ Diesen Hinweis greift der Täter auf und bestätigt es: „Ja, genau. Ich bin es.“ So erschleiche er sich zusätzlich das Vertrauen seines Opfers. Darum, so die Pressesprecherin, sollte in solchen Situationen nie ein Name genannt werde.

Krimineller Erfindungsreichtum

Der Respekt und die Glaubwürdigkeit von Amtspersonen und Uniformierten wird von den Betrügern  ausgenutzt. Das Vorgehen entspreche  mit leichten Veränderungen meist einem bestimmten Muster:  Ein angeblicher Polizeibeamter gibt bei einem Anruf vor,  ein Einbruch  stehe kurz bevor.  Die Wertsachen seien zu Hause nicht mehr sicher,  der Bank sei ebenfalls nicht zu trauen, die Angestellten seien  kriminell. Darum müsse das Ersparte sofort abgehoben werden. Falsche Polizisten würden dann Geld oder Wertsachen abholen und übernehmen. Diese scheinbar leicht durchschaubare Methodik hat ihre Tücken: Die Flexibilität und der kriminelle Erfindungsreichtum der Täter mache Prävention generell zu einer Herausforderung, erklärt Andrea Kopp.

Und die   Pressesprecherin des Reutlinger Präsidiums warnt nochmals eindringlich: „Wenn jemand anruft und egal aus welchem Grund Geld will – auflegen. Das ist immer richtig.“  Wer ganz sicher gehen wolle, könne bei der nächsten Polizeidienststelle anrufen und sich rückversichern: „Aber auf keinen Fall die Rückruftaste drücken, sonst landen Sie wieder bei den Kriminellen. Suchen Sie die Nummer selbst heraus oder wählen Sie den Polizeinotruf 110.“ 

sw / Foto: dpa


„Ich bin niemals Populist gewesen“

Ende September verabschiedet sich Oberbürgermeister Jürgen Zieger nach fast 24 Jahren aus dem Esslinger Rathaus – Feier im Neckar Forum und eine persönliche Bilanz

Fast 24 Jahre lang war Jürgen Zieger Esslinger OB. Ende September verabschiedet er sich aus dem Rathaus – als einer der dienstältesten Oberbürgermeister im Land. Eigentlich hätte seine Amtszeit erst im kommenden Jahr geendet, doch Zieger wollte den Zeitpunkt des Abschieds selbst bestimmen. Am vergangenen Freitag ist er bereits offiziell verabschiedet worden. Im Neckar Forum erwiesen dem 66-Jährigen zahlreiche Weggefährten und Vertreter des öffentlichen Lebens, aber auch viele Bürgerinnen und Bürger die Ehre. Selbst Ryan Sorensen, der Bürgermeister der US-Partnerstadt Sheboygan, war angereist. Die Laudatoren-Riege zeichnete das Bild eines kantigen Oberbürgermeisters, der sich stets mit ganzer Kraft für das Wohl seiner Stadt eingesetzt habe. Für seine Verdienste erhielt er die Ehrenplakette der Stadt.

Der Erste Bürgermeister Ingo Rust sagte an dem Abend an die Adresse des OB:    „Sie haben sich fast 24 Jahre lang mit Leib und Seele, mit Kraft und Einsatz, mit Haut und Haaren in den Dienst unserer Stadt gestellt. Dieses Amt fordert einen selbst, aber auch die Familie und das private Umfeld.“ Deshalb schloss Rust in den Dank an Zieger auch dessen Ehefrau Angela und die ganze Familie ein. Dank und Anerkennung des Ministerpräsidenten überbrachte Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann. Hermann sagte, Zieger habe Esslingen gestaltet, entwickelt, vorangebracht. Er sei Macher und Treiber einer nachhaltigen Entwicklung gewesen, die auf soziale, ökologische und ökonomische Ausgewogenheit geachtet habe. Sein Nachfolger Matthias Klopfer werde eine bestens aufgestellte Stadt übernehmen.

 Carmen Tittel, Grünen-Fraktionschefin im Gemeinderat, betonte: „Hier geht nicht einfach eine Amtszeit zu Ende, hier endet eine Ära.“ Zieger sei stets ein engagierter OB mit einem klaren Ziel vor Augen gewesen. Gemeinderat und Rathauschef hätten es nicht immer leicht miteinander gehabt: „Aber wir hatten immer das Wohl der Stadt im Blick – nur über den Weg waren wir uns nicht immer einig.“ Für die Personalräte der Stadtverwaltung betonte Astrid Happel, man habe Zieger immer als gradlinig und verlässlich geschätzt.

Der scheidende OB ist sich wohl bewusst, dass er seinem Umfeld genau wie sich selbst viel abverlangt habe. Zieger dankte besonders seiner Frau Angela, seiner Familie und seinen Freunden für deren Rückhalt. Und mit etwas Wehmut in der Stimme schloss der OB: „Ich habe es als großes Privileg empfunden, unserer Stadt dienen zu dürfen, es war mir nicht in die Wiege gelegt. Es war mir eine Ehre.“

Im Interview mit unserer Zeitung blickt Zieger auf seine Jahre im Rathaus zurück.

Herr Zieger, als Oberbürgermeister hat man niemals Feierabend.  Kann ein OB seinen Job einfach auslaufen lassen?

Zieger: Man kann diese Arbeit mit ganzer Kraft machen, oder man macht sie schlecht. Das gilt bis zum allerletzten Tag. Deshalb wird der Umstieg aus der Zeit der Hochbelastung in eine ruhigere Lebensphase eine Zäsur sein. Aber ich möchte das Positive darin sehen.

Wie soll Ihr Leben künftig aussehen?

Zieger: Ich werde weiter einen strukturierten Tagesrhythmus haben und freue mich darauf, dass ich mein Tun nach dem ausrichten kann, was ich will und nicht nach dem, was ich muss. Das ist ein großer Unterschied. Und ich freue mich darauf, noch mehr Zeit für Kultur zu haben. Nachdem ich 1997 meine OB-Kandidatur in Esslingen bekannt gegeben hatte, war mein erster politischer Satz in der Öffentlichkeit: „Ohne Kultur stirbt Leben.“ Das war für mich immer ein Leitspruch. Ein bisschen habe ich mich auch als Kulturbürgermeister verstanden. An meiner Leidenschaft für die Kultur wird sich bestimmt nichts ändern.

Wussten Sie, worauf Sie sich einlassen, als Sie 1997 als OB kandidiert haben?

Zieger: Das wusste ich nicht in jedem Detail, aber ich habe es nie bereut, dass ich dieses Amt übernommen habe. Es gab nicht nur schöne Tage, aber ich musste nie die Sinnhaftigkeit meines Tuns in Frage stellen. Dieses Mandat ist in Baden-Württemberg mit großen Möglichkeiten ausgestattet. Darin liegen Chance und Risiko. Ich habe versucht, dieser Chance gerecht zu werden. Wahrscheinlich nicht zu jedermanns Freude, und Debatten, in denen ich das Gewicht des Amtes einbrachte, sorgten mitunter für Reibungshitze. Das muss man aushalten im politischen Geschäft. Wenn ich Menschen verletzt haben sollte, war das nie Absicht. Dann entschuldige ich mich dafür. Aber ich habe auch mich selbst nie geschont. Ich bin niemals Populist gewesen und bin nie den einfachen Weg gegangen, sondern den, den ich als richtig empfunden habe.

Verändert das Amt den Menschen?

Zieger: Wenn man engagiert eine solche Aufgabe – egal, auf welcher Ebene – ausübt, hat das Auswirkungen auf die Persönlichkeit. Jeder tut gut daran, sich zu erden. Meine Erdung hat immer stattgefunden, wenn ich nach Hause kam. Dafür haben meine Frau und meine Kinder gesorgt, wofür ich ihnen sehr dankbar bin, aber auch unser Freundeskreis.

Was waren Höhepunkte Ihrer Amtszeit?

Zieger: Ich möchte keine einzelnen Projekte aufzählen – darüber sollen andere urteilen. Mein wichtigstes Anliegen war es, Menschen aus 130 Nationen ein friedliches Miteinander zu ermöglichen. Und Menschen aus allen Gesellschaftsschichten Teilhabe am Leben der Stadt – kulturell und sozial. Und nicht zuletzt wollte ich helfen, dass Menschen, die in der Bildung nicht bei null, sondern oft weit darunter beginnen, eine echte Chance bekommen. Mir war immer an einem Klima des Miteinanders und des Füreinanders gelegen.

Bleiben Momente in Erinnerung?

Zieger: Die persönlichen Begegnungen mit unseren Schwörtagsrednern haben große Wirkung bei mir hinterlassen. Das sind Menschen mit einem besonderen persönlichen Hintergrund – genau wie unsere Haecker-Preisträger. Mit ihnen zu reden und ihre Geschichten zu hören – das sind Momente, die prägen.

Woran denken Sie ungern zurück?

Zieger: Ich gehöre nicht zu denen, die die Zeit rückblickend verklären. Insofern gibt es viele solcher Momente. Sie einzeln zu nennen, würde diesen 23 Jahren aber nicht gerecht werden.

Wie hat sich Esslingen während Ihrer Amtszeit verändert?

Zieger: Man kann das anders beurteilen, aber in meiner persönlichen Bilanz waren das gute Jahre für die Entwicklung unserer Stadt. Wahrscheinlich erinnern sich viele schon gar nicht mehr daran, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse davor in Esslingen waren. Wie politisch verstrickt die Stadt war und was es bis dahin alles nicht gegeben hatte. Ich möchte gar nicht die großen Projekte nennen, die das Stadtbild prägen. Vor 23 Jahren hat sich so gut wie niemand getraut, auf offener Straße einen Kaffee zu trinken. Das ist heute ganz anders. Oder denken Sie daran, was aus dem Weihnachtsmarkt geworden ist. Daran erkennt man den Geist einer Stadt.

Hat sich Ihre Arbeit im Laufe der Jahre verändert – und wenn ja –  wie?

Zieger: Die Kommunikation in aktuellen Debatten hat heute eine ganz andere Geschwindigkeit, eine ganz andere Intensität und eine ganz andere Härte. Politische Entscheidungen wurden vor 20 Jahren respektiert – heute geht das Theater dann erst los. Es genügt vielen nicht mehr, anderer Meinung zu sein. Heute wird der Andersdenkende oft diskreditiert. Bei den wichtigsten Debatten kann man sich nur noch aussuchen, ob die Pfeile von rechts oder von links kommen. Früher war es schwieriger, OB zu werden, aber leichter, OB zu sein. Heute ist das umgekehrt.

Wie steckt man das weg?

Zieger: Zu glauben, dass das im Gehalt inbegriffen sei, finde ich ziemlich falsch. Es gibt Menschen, die glauben, ich hätte ein dickes Fell. Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe Mechanismen entwickelt, um persönliche Angriffe zu kompensieren. Sport ist ein sehr wichtiges Ausgleichsinstrument. Und natürlich haben mir mein familiäres Umfeld und meine Freunde geholfen, vieles wegzustecken.

Gibt es Themen, die Sie gerne noch angepackt hätten?

Zieger: Ich hätte große Lust, den Transformationsprozess der Innenstadt weiter zu begleiten. Ich hätte große Lust, den Neckaruferpark, den ich auf den Weg gebracht habe, einzuweihen, damit die Stadt Esslingen am Neckar wieder stärker an den Neckar rückt. Ich hätte große Lust, den Hochschulneubau in der Weststadt zu begleiten und die Transformation des bisherigen Hochschulstandorts auf der Flandernhöhe mitzugestalten. Und ich hätte große Lust, den Wohnungsbau und den weiteren Ausbau regenerativer Energien bei den Stadtwerken weiter zu forcieren. Oder den Ausbau des Klinikums und die Herausforderungen, die im Stadtkompass 2027 formuliert sind, konsequent anzupacken. Vieles ist bereits vorbereitet, und eine Stadt ist nie zu Ende entwickelt. Aber ich habe keine Sekunde an meiner Entscheidung gezweifelt, nun aus dem Amt zu scheiden.

Als Ex-OB soll man sich aus der Kommunalpolitik heraushalten. Schaffen Sie das?

Zieger: Ich werde selbstverständlich in Esslingen wohnen bleiben. Die Stadt ist unser Lebensmittelpunkt und unsere Heimat geworden. Ich werde die weiteren Entwicklungen aufmerksam verfolgen, aber auf Leserbriefe von mir werden Sie vergeblich warten. Und ich bleibe der Kultur in Esslingen eng verbunden. Ich leite zwei Stiftungen, bin beim Podium und beim Jazz-Festival aktiv und werde weiterhin WLB, Dieselstraße oder Jazzkeller besuchen, an dem ich sehr hänge.

Wo sehen Sie Esslingens Zukunft?

Zieger: Es wird darauf ankommen, ob es gelingt, den großen Bogen zu spannen. Ob es gelingt, den 450 Millionen Europäern in einer Weltbevölkerung von neun bis zehn Milliarden Gewicht zu geben. Ob wir unseren technologischen Fortschritt, der gerade schmilzt, halten. Ob es gelingt, nach den Klimadebatten nun konkrete Klimaprojekte auf den Weg zu bringen, damit wir unser Klimaziel erreichen. Und die Zukunft der Stadt wird sich daran entscheiden, ob es gelingt, die Wirtschaftskraft der Stadt und der Region zu erhalten. Aber ich habe nie aufgehört, zu träumen, dass es uns gelingt, die Welt jeden Tag ein bisschen besser zu machen. Daran sollten wir alle zusammen mitarbeiten.

Das Gespräch führte Alexander Maier / Foto: Roberto Bulgrin


Markus Grübel und Michael Hennrich holen Direktmandate

CDU-Bundestagsabgeordnete verteidigen die Wahlkreise im Landkreis – In Esslingen zieht auch der Grüne Sebastian Schäfer in den Bundestag ein – Quartett als Nürtinger Vertreter in Berlin

Es war ein Wahlabend voller Spannung. Während sich SPD und CDU bundesweit ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten, deuteten sich am Sonntag im Wahlkreis Esslingen zwar schon frühzeitig klare Verhältnisse in Sachen Direktmandat an. Dennoch waren starke Nerven gefragt, weil die Stimmauszählung in vielen Kommunen ungewöhnlich lange auf sich warten ließ: Während etwa Altbach sein Endergebnis bereits kurz nach 19.30 Uhr vermeldete, wurde anderswo bis in die Nacht ausgezählt. Der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Markus Grübel sicherte sich im Wahlkreis Esslingen einmal mehr das Direktmandat. Ein Blick auf die Zahlen dürfte seine Freude allerdings getrübt haben: Die 40 Prozent der Erststimmen, die schon 2017 nicht zu Jubelstürmen Anlass gegeben hatten, hat Grübel mit 32,0 Prozent klar verfehlt.  Nach einer  Zitterpartie hat es auch für Sebastian Schäfer (Grüne) für den Einzug in den Bundestag gereicht.

Die aktuelle politische Großwetterlage zeigte auch im Wahlkreis  Esslingen Wirkung. Anders als im Bund haben die Christdemokraten hier zwar noch die Nase vorn, doch die SPD hat zugelegt. Die Grünen gewannen gegenüber 2017 ebenfalls hinzu, blieben jedoch hinter den eigenen Erwartungen zurück. Deutliche Zugewinne gab es hingegen für die FDP, während AfD und Linke  Verluste verzeichneten.

Für  Markus Grübel, der auf der CDU-Landesliste nicht abgesichert war, hatte der Wahlkampf bereits im vergangenen Jahr begonnen – innerhalb der eigenen Partei. Denn mit dem Esslinger CDU-Stadtrat Tim Hauser hatte sich ein junger Parteifreund ebenfalls um die Kandidatur bemüht, war allerdings in der innerparteilichen Kandidatenkür deutlich unterlegen. „Mir geht es gut – nach der Vorgeschichte“, sagte Grübel am Wahlabend. Wochenlang sei die CDU gegen den Wind gesegelt, nun sei er aber doch als Erster ins Ziel gekommen. „Es freut mich persönlich“, sagte der 61-Jährige mit Blick auf das von ihm verteidigte Direktmandat im Wahlkreis Esslingen. Das Gesamtergebnis im Landkreis und im Bund sei jedoch für seine Partei nicht befriedigend. Nun gelte es für die Christdemokraten, das Wahlergebnis zu analysieren.

Dagegen geht Argyri Paraschaki (SPD), die ihre Kandidatur ebenfalls gegen innerparteiliche Konkurrenz durchsetzen musste, gestärkt aus der Bundestagswahl hervor. Ihr Erststimmenergebnis (21,8 Prozent) lag  über dem des Grünen-Kandidaten Sebastian Schäfer (18,4 Prozent). Dass Paraschaki den Einzug in den Bundestag verfehlt hat, hatte sich schon frühzeitig angedeutet: Platz 31 auf der baden-württembergischen SPD-Landesliste war eine zu hohe Hürde, um doch noch ein Mandat zu holen. „Das sind für mich gute Ergebnisse“, freute sich die 44-Jährige über den Stimmenzuwachs für ihre Partei in Bund und Wahlkreis.  

Der Grünen-Kandidat Sebastian Schäfer hat es nach einer „ganz engen Kiste“ geschafft. Schäfer reichte Platz 18 der Landesliste für den Einzug ins Parlament. Doch nicht nur das eigene Ergebnis hat Schäfer am Wahlabend beschäftigt: „Wir haben unser Ergebnis als Grüne zwar gegenüber 2017 gesteigert, aber das selbst gesteckte Ziel nicht erreicht. Die politische Situation in Berlin ist durch dieses Wahlergebnis nicht einfacher geworden. Ich kann nur hoffen, dass alle ihrer staatspolitischen Verantwortung nun gerecht werden und dass wir eine stabile Regierung bilden können.“

Robert Langer von der FDP blieb im Rennen um ein Bundestagsmandat chancenlos, weil  er  auf der Landesliste seiner Partei nicht abgesichert war. Der Kandidat der Linken,  Anil Besli,  hat mit seiner Partei die Erwartungen klar verfehlt, und auch für AfD-Bewerber Boris Malewski,   dessen Partei ebenfalls Stimmverluste  verbuchte, war mit einem Einzug in den Bundestag nicht zu rechnen.

Auch der Wahlkreis  Nürtingen bleibt eine sichere Bank für die CDU.  Deren Kandidat,  Michael Hennrich,  zieht dort erneut in den Deutschen Bundestag ein – zum sechsten Mal von den Wählerinnen und Wählern mit dem Direktmandat versehen. Dazu haben am Sonntag  30,1   Prozent der  Erststimmen gereicht. Dabei hat Hennrich, ebenso wie die CDU bundesweit, ordentlich Federn lassen müssen. Vor vier Jahren hatten ihm noch 39,4 Prozent der Wählerinnen und Wähler ihr Vertrauen ausgesprochen.  Von „mehr als einem blauen Auge“ spricht  denn auch der Christdemokrat.

In dem ländlich geprägten Wahlkreis zwischen Filderebene,  Neckartal und Schwäbischer Alb kam Nils Schmid auf den zweiten Rang. Der Sozialdemokrat legte im Vergleich zur Wahl von 2017 um gut  zwei   Prozentpunkte auf 21 Prozent zu. Für ihn ist klar:  „Die Leute wollen Scholz und nicht Laschet.“ Entsprechend liebäugelt Schmid mit einer Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP.

Während sich der persönliche Stimmenzugewinn   des SPD-Kandidaten angesichts   des bundesweiten Höhenflugs seiner Partei relativiert und auch das Wahlkreisergebnis des  Grünen-Bewerbers Matthias Gastel  („Wir sind als Partei längst in der Mitte der Gesellschaft mit hoher Akzeptanz angekommen“) mit gut drei Punkten auf nun rund 18 Prozent  einen geringen Ausschlag nach oben ausweist,  darf sich Renata Alt als heimliche Gewinnerin fühlen.   Die FDP-Kandidatin lag mit 13,8 Prozent nicht nur deutlich über dem Bundesergebnis ihrer Partei, sie hat auch ihr eigenes Erststimmenergebnis  von  2017 um fast sechs Prozent  übertroffen.

Der Wahlkreis Nürtingen wird damit in den kommenden vier Jahren in Berlin weiterhin von einem erfahrenen Politiker-Quartett vertreten werden.  Hennrich war im Jahr 2002 erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt worden.   Gastel vertritt den Wahlkreis 262 dort immerhin schon seit der Wahl im Jahr 2013. Sowohl für  Schmid als auch für  Alt beginnt mit der ersten Sitzung des 20. Deutschen Bundestags am Sonntag, 24. Oktober, die zweite Wahlperiode im Parlament.

Den Kandidatinnen und Kandidaten der anderen Parteien waren schon im Vorfeld wenig Chancen auf einen Sitz im Bundestag eingeräumt worden. Das Verfolgerfeld hinter den großen Vier führt die AfD-Bewerberin Kerstin Hanske an (8,3  Prozent). Der Linken-Kandidat Hüseyin Sahin vereinigte lediglich 2,4 Prozent der Stimmen auf sich. Im Wahlkreis 262 haben sich  elf Kandidatinnen und Kandidaten um die Gunst der mehr als 200 000 Wahlberechtigten beworben.  Lediglich die Freien Wähler mit Markus Mangold und die Partei Die Basis mit Ilona Timmermann haben bei den Erststimmen noch die Zwei-Prozent-Hürde übersprungen.  Die Wahlbeteiligung liegt mit knapp über 80 Prozent auf dem Niveau von 2017. 

adi/adt / Foto: Horst Rudel


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Das knappe Ergebnis bei der Bundestagswahl  lässt langwierige Koalitionsverhandlungen erwarten. Was glauben Sie? Wird Angela Merkel wieder die Neujahrsansprache halten?

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Mehr Auswahl als vor vier Jahren

Am Sonntag wird der 20. Deutsche Bundestag gewählt – Trend zur Briefwahl hält an

Es wird spannend: Wenn am Sonntag, 26. September, ein neuer Bundestag gewählt wird, lassen die Umfragen eine Konstellation erwarten, die Koalitionen in vielfältigen Farbvariationen ermöglicht. Bei der Frage nach der stärksten Kraft stehen die Kanzlerkandidatin und die zwei -kandidaten im Fokus und kämpfen bis zum Schluss um jede Stimme: Annalena Baerbock (Grüne), Armin Laschet (CDU/CSU) und Olaf Scholz (SPD). Doch das Parteienspektrum bei der Wahl des 20. Deutschen Bundestags ist ausgesprochen groß, neben den Etablierten treten viele „Kleine“ an – auch im Landkreis Esslingen. In den Wahlkreisen Esslingen und Nürtingen wird nicht nur um Zweitstimmen gebuhlt, die über viele Jahre  stets von der CDU besetzten Direktmandate scheinen am Sonntag nicht mehr ganz selbstverständlich dem schwarzen Lager zugeschlagen zu werden. 

Natürlich hat das Coronavirus auch den Landkreis Esslingen im Griff. Natürlich sind die Folgen des Klimawandels auch hier zu spüren. Natürlich werden die Flüchtenden vor der Taliban-Herrschaft in Afghanistan über kurz und lang auch in der Region Schutz suchen. Und natürlich macht die Transformation in der Automobilindustrie gerade vor den Automobilkonzernen und deren Zulieferern am Neckar nicht halt. Natürlich klafft über allem zudem die Schere zwischen Arm und Reich auch in den blühenden Landschaften hier immer weiter auseinander. Die großen Probleme unserer Zeit sind also auch in den beiden hiesigen Wahlkreisen greifbar – und der Parteienwettstreit um die besten Lösungen herausfordernd.

Fest steht: Die Menschen im Landkreis Esslingen haben mehr Auswahl als vor vier Jahren. Im Wahlkreis Esslingen hatten sich im Jahr 2017 die Kandidatinnen und Kandidaten von sieben Parteien um die Gunst des Wahlvolks bemüht, jetzt sind es deren zwölf. Platzhirsch ist CDU-Kandidat  Markus Grübel, der  seit 2002 (stets mit Direktmandat) und seit neun Jahren als einziger lokaler Interessenvertreter von immerhin knapp 170 000 Wählerinnen und Wählern im Berliner Parlament sitzt. Mit Grübel konkurrieren Argyri Paraschaki (SPD),  Sebastian Schäfer (Grüne), Robert Langer (FDP), Boris Malewski (AFD) und Anil Besli (Linke), zudem Daniela Negt (Die Partei), Holger Fritz (Freie Wähler), Hubert Bauer (MLPD), Stefan Zweifel (Die Basis), Wolfgang Hamberger (Humanisten) und Andreas Jakobi (Volt). Grübel hat noch vor neun Jahren mehr als die Hälfte aller Erststimmen auf sich vereinigt. Mit Blick auf die Umfragen ist von solchen Werten nun allerdings nicht auszugehen.

Im Wahlkreis Nürtingen sind am Sonntag  mehr als 207 000 Wahlberechtigte aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Der Nürtinger ist gegenüber dem Esslinger Wahlkreis derzeit ungleich stärker in Berlin vertreten. Michael Hennrich (CDU), Nils Schmid (SPD), Matthias Gastel (Grüne) und Renata Alt (FDP) sind die Abgeordneten. Hennrich sicherte auch hier für die CDU in den vorausgegangenen fünf Abstimmungen das Direktmandat. Der  ländlich geprägte Wahlkreis zwischen Filderebene, Neckartal und Schwäbischer Alb ist sogar seit seinem Neu-Zuschnitt 1965 bei  Bundestagswahlen schwarz  geprägt. Neben Schmid, Gastel und Alt konkurrieren mit Hennrich  Kerstin Hanske (AfD),  Hüseyin Sahin (Die Linke), Markus Mangold (Freie Wähler),  Ilona Timmermann (Die Basis), Dieter Jakob Rupp (MLPD), Sigrid Ott (Demokratie in Bewegung) und Daniel Friesch (Die Partei).

Fest steht auch, dass am Wahlsonntag weniger entschieden wird als bei den Urnengängen zuvor. Denn der Trend zur Briefwahl hält auch bei der Bundestagswahl an. Überall in den Kreiskommunen lässt sich dies konstatieren, die Stadt Wernau etwa geht von rund 4000 Briefwählerinnen und Briefwählern gegenüber 2025 im Jahr 2017 aus. 

Claus Hintennach, Thomas Schoradt / Foto: dpa/Michael Kappeler


Protest gegen das Ende des Impfangebots

Nicht nur Esslingens OB Jürgen Zieger will das Impfzentrum  in Oberesslingen über den 30. September hinaus betreiben

Der Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger will sich nicht damit abfinden, dass das Impfzentrum in der Zeppelinstraße in Oberesslingen zum 30. September geschlossen wird  – und damit auch das Ende der erfolgreichen Impfbuskampagne besiegelt wäre. In einem offenen Brief an den zuständigen  baden-württembergischen Minister für Soziales und Integration, Manfred Lucha (Grünen), äußert der Ratschef den „dringenden Wunsch“,  jener möge sich doch für eine Verlängerung der Kreisimpfzentren und dem damit einhergehenden niederschwelligen mobilen Impfangebot des Impfbusses stark machen.

„Mit Erstaunen mussten wir leider feststellen, dass die Impfbuskampagne nun auch abhängig von der Lebensdauer der Kreisimpfzentren  gemacht wird. Dies wird zur Folge haben, dass niederschwellige Impfangebote für die Bevölkerung wegbrechen. Dadurch erhöht sich gleichzeitig der Druck auf die niedergelassenen Arztpraxen“, schreibt Zieger. Der Oberbürgermeister begründet seine Befürchtung mit dem Hinweis, dass schon jetzt einige Arztpraxen das Impfen aus Kapazitätsgründen eingestellt hätten. Sollte eine Verlängerung der Kreisimpfzentren nicht möglich sein, dann fordert der Esslinger OB den Sozialminister auf, „zum Erhalt der Motivation zum Impfen“ für ein regelmäßiges Angebot über Impfbusse oder ähnlichem in den jeweiligen Stadtteilen zu sorgen.

Zieger sieht in der Schließung ein „fatales Signal an alle die Menschen, die sich jetzt doch noch impfen lassen wollten“. Sollten sie sich  jetzt für ein Impfangebot des Impfbusses entscheiden würden, könne nicht sicher sein, dass sie ihre Zweitimpfung rechtzeitig erhalten.  Der Aufrechterhaltung niederschwelliger Impfangebote komme eine entscheidende Rolle zu, wenn es darum gehe, die  Coronapandemie zu besiegen, so Zieger.  Die Stadt Esslingen übernehme dort, wo es  nur möglich sei, den Aufruf der Landesregierung an die Bürgerinnen und Bürger, sich impfen zu lassen.

Der Impfbus, der angedockt an das Esslinger Impfzentrum den ganzen Landkreis Esslingen bedient, verzeichnete wie das Zentrum selbst zuletzt einen steigenden Zulauf. „Wir verabreichen in dem Bus derzeit 150 Impfungen pro Tag. Mehr geht aus organisatorischen Gründen nicht“,  sagt Markus Müller, der ärztliche Leiter des Esslinger Impfzentrums. Ebenso wie Marc Lippe, dem als Geschäftsführer des Malteser Kreisverbands die Leitung der beiden Kreisimpfzentren in Esslingen und Leinfelden-Echterdingen obliegt, befürchtet Müller nicht nur, dass das Impfziel im Land verfehlt werden könnte, sondern auch, dass viele Menschen am Ende nur unvollständig geimpft sein könnten und dadurch die Verbreitung weiterer Virusmutationen  begünstigt werden könnte.

Das Sozialministerium dagegen besteht darauf, die noch 45  Impfzentren im Land planmäßig zum 30. September zu schließen. Die Impfungen sollen dann noch stärker als schon bisher durch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie die Betriebsärzteschaft durchgeführt werden. Für eine Übergangszeit von drei Monaten sollen  zusätzlich mobile Impfteams die Arbeit der  niedergelassenen Ärzteschaft  landkreisübergreifend unterstützen.  Für die impfwillige Bevölkerung in der Landeshauptstadt und in den drei Landkreisen Esslingen, Ludwigsburg und Rems-Murr soll dann ein Team zuständig sein, das seine Operationsbasis am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart haben wird. Weitere Standorte sind einer Mitteilung des Ministeriums zufolge Freiburg, Heidelberg, Heilbronn, Karlsruhe, Konstanz, Offenburg, Ravensburg, Schwäbisch Hall, Tübingen, Ulm und Villingen-Schwenningen.

„Mittlerweile haben rund 64 Prozent der Baden-Württembergerinnen und Baden-Württemberger mindestens eine erste Impfung erhalten, 61 Prozent sind bereits voll immunisiert. Auf dieser Grundlage können die Impfzentren wie geplant schließen und die Impfungen, wie bei allen anderen Impfungen üblich, wieder vorrangig in die Regelversorgung übergehen“, begründete Lucha vor einigen Tagen  das Aus für die Impfzentren.

Dagegen berichten die Helfer vor Ort  von Menschen, die sich verzweifelt fragten, wo sie denn ihre Zweitimpfung bekommen sollen, wenn die Zentren schließen. Auch seien die  Ärzte sehr zurückhaltend, wenn es darum gehe, nur wegen der Impfung neue Patienten aufzunehmen. Deshalb setzen sich Müller wie auch Lippe mit Nachdruck dafür ein,  im bevölkerungsreichen Kreis Esslingen das kostengünstigere und zentral gelegene Impfzentrum in Esslingen fortzuführen und das Angebot  an der Messe zu schließen. Mit diesem Kompromiss ließe sich auch das Aus für den Impfbus verhindern. 

Von Thomas Schorradt / Foto: Ines Rudel


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Der Fußball-Weltverband Fifa plant, die Weltmeisterschaften künftig alle zwei Jahre austragen zu lassen. Halten Sie das für eine gute Idee?

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WM alle zwei Jahre?

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Mängelliste hat rund 150 Punkte

Evangelisches Gemeindehaus in Hochdorf wird umfassend saniert –  Beginn der Arbeiten für kommendes Frühjahr geplant

Im Saal des evangelischen Gemeindehauses in Hochdorf funktioniert nur noch eine Steckdose. Die Bühne, auf der früher gern mal Theater gespielt wurde, dient jetzt als Stuhllager. Als „Rumpelkammer“ bezeichnet sie Pfarrer Gerald Holzer, bevor er im kleinen angrenzenden Nebenraum die Funktion der Handkurbel für den Bühnenvorhang demonstriert. Neu ist anders. Der Saal im Erdgeschoss ist  sehr in die Jahre gekommen und wirkt wenig einladend.

Das Mobiliar ist ebenso veraltet wie die Holztheke, der Raumtrenner ist schon mal geschmeidiger gelaufen. Dass hier etwas geschehen muss, sieht man auf den ersten Blick. Das setzt sich beim Gang durch das Erdgeschoss des Gemeindehauses fort. Anfang der 1960er-Jahre wurde das Flachdachgebäude  als Begegnungsort für viele Gruppen unterschiedlicher Altersstufen errichtet. In den 90er-Jahren folgte eine Aufstockung um ein weiteres Geschoss.

Im Erdgeschoss hat sich seit der Erbauung nicht viel getan. Jetzt soll das Gebäude umfassend renoviert und technisch sowie energetisch auf den heutigen Stand gebracht werden. Es ist nach der Kirchturmsanierung das nächste Großprojekt für die evangelische Kirchengemeinde. Einen Beginn der Arbeiten, die von der örtlichen Architektin Christine Hautz geplant werden, hält Holzer ab dem nächsten Frühjahr für realistisch. Derzeit müsse erst noch das denkmalgeschützte ehemalige Waschhäusle im Pfarrgarten saniert werden, dessen Decke durchgebrochen ist   –   das Dach war undicht.

„Die Mängelliste, die wir für das Gemeindehaus zusammengetragen haben, umfasst gut 150 Punkte“, berichtet der Pfarrer. „Das fängt bei defekten Steckdosen und Lichtschaltern an und reicht bis zur energetischen Sanierung und technischen Aufrüstung sowie einer teilweisen Umstrukturierung einzelner Räume.“ Im großen Saal etwa soll die Bühne weichen und ebenerdig zum sinnvoll nutzbaren Stauraum werden.

Auch die alte Theke sowie der sperrige Raumtrenner sollen verschwinden. Alternativ könnte man einzelne mobile Raumteiler nutzen. Ebenso wie leicht erhöhte Elemente, die bei Bedarf zu einer kleinen Bühne zusammengeschoben werden könnten. „Die Akustik im Saal ist ebenfalls nicht gut, da bräuchten wir eine neue Decke und einen anderen Boden. Zudem    ist von der derzeitigen Anlage nur noch eine Box intakt“, zählt Gerald Holzer weitere Mängel auf. WLAN fehle komplett. „Allein schon die neuen Bücher für den Konfirmandenunterricht haben einen QR-Code integriert, zur Nutzung braucht es WLAN. Ebenso beispielsweise bei Vorträgen mit entsprechender Präsentation.“

Marode sei zudem die Heizungssteuerung im Gebäude. Sie soll zentralisiert werden, derzeit wird noch in jedem Raum einzeln an den Heizkörperschaltern gedreht. Auch im Sanitärbereich sind Umbauten angedacht. So fehlt derzeit eine behindertengerechte Toilette. Sie soll im Bereich der aktuellen Damentoilette entstehen, die wiederum inklusive Wanddurchbrüchen und räumlichen Erweiterungen auf die gegenüberliegende Flurseite verlegt wird, wo aktuell eine kleine Putzmittelkammer eingerichtet ist. Barrierefrei ist bisher dank einer Rampe am Haupteingang zwar der Zugang zum Gemeindehaus, „dann kommt allerdings erst mal die Tür, im Innenbereich gibt es an den Räumen immer mal wieder kleine Absätze, auch die Durchgangstüren muss man auf ihre Breite prüfen“, so Gerald Holzer. Was die energetische Sanierung  angeht, stehe der Austausch der kompletten Fensterfronten auf der Agenda. Im Kellergeschoss müsse in dem vom CVJM genutzten Raum ein Fluchtweg aufs Außengelände entstehen. „Ganz wichtig ist es, dass die Renovierung an die Bedürfnisse  aller angelehnt ist, die die Räumlichkeiten hier nutzen. Da gab es coronabedingt bisher eine Online-Abfrage, und auch weiterhin wird man gemeinsam entscheiden, was dringend benötigt wird und wo man eventuell etwas Geld einsparen kann beziehungsweise was vielleicht an Eigenleistungen möglich ist“, erklärt der Pfarrer Gerald Holzer.  eis/Foto: Katja Eisenhardt


Geflüchteten-Zahl steigt wieder

Rund 900 Menschen in der vorläufigen Unterbringung des Landkreises – Seit Juli registriert die Verwaltung einen Anstieg

Die politische Großwetterlage in Afghanistan und den angrenzenden Staaten ist unübersichtlich. Niemand vermag derzeit verlässlich abzuschätzen, ob, wann und wie viele Menschen auf der Flucht vor dem Taliban-Regime nach Deutschland kommen werden. Mit entsprechend vielen Fragezeichen sind denn auch die Pläne versehen, mit denen sich der Landkreis Esslingen auf einen möglicherweise verstärkten Zuzug von Flüchtenden vorbereitet.

Nach Schätzungen des Flüchtlingshilfswerks UNHCR könnten in Folge des Machtwechsels eine halbe Millionen Afghanen ihrer Heimat den Rücken kehren. Die unmittelbaren Nachbarländer Usbekistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Pakistan haben deutlich gemacht, dass sie keine weiteren Flüchtlinge aus Afghanistan aufnehmen wollen. Angaben aus dem Bundesinnenministerium zufolge haben von den  rund 34 000 Menschen, die auf den US-Militärstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz ausgeflogen worden waren, bis Mitte vergangener Woche rund 90 Menschen einen Asylantrag gestellt. Rund 21 000 der im Zuge der Luftbrücke nach Deutschland  gelangten Menschen waren den Worten eines Ministeriumssprechers zufolge zu diesem Zeitpunkt in die USA ausgeflogen worden.

„Der Kreisverwaltung liegen bislang noch keine konkreten Zahlen vor, wie viele weitere Personen aus Afghanistan zu welchem Zeitpunkt als Kontingentflüchtlinge dem Landkreis zugewiesen werden“, sagt Sarah Panten, die Sprecherin der Kreisverwaltung. Ob und wie lange die in Deutschland verbleibenden Flüchtlinge vom Bund oder dem Land Baden-Württemberg in den Erstaufnahmeeinrichtungen aufgenommen werden und wann sie dann von dort in die Obhut und Verantwortung der Landkreise gegeben würden, sei noch nicht geklärt.

Bis Mitte vergangener Woche sind laut Kreisverwaltung 42 Kontingentflüchtlinge aus Afghanistan aufgenommen worden. Ungeachtet der noch nicht gelösten Frage der Aufnahme der vor den Taliban geflüchteten Menschen aus Afghanistan zeichnet sich den Worten Sarah Pantens zufolge bereits seit Juli dieses Jahres eine generelle Zunahme von Flüchtlingen im Landkreis Esslingen ab. Die Kapazität in der vorläufigen Unterbringung des Landkreises beträgt derzeit 1210 Plätze. Davon sind rund 900 belegt.

„Aufgrund erforderlicher Umzüge und zur Berücksichtigung sozialer, kultureller und ethnischer Gesichtspunkte können die Gemeinschaftsunterkünfte nicht vollständig belegt werden“, sagt Sarah Panten. Ihren Worten zufolge legt die Kreisverwaltung Wert darauf, die mögliche Aufnahme von zusätzlichen Kontingentflüchtlingen aus Afghanistan im Schulterschluss mit den Kommunen zu bewerkstelligen.

Da es sich bei den Flüchtlingen aus Afghanistan um Menschen handelt, die auf der Grundlage einer humanitären Hilfsaktion von der Bundesrepublik Deutschland direkt aufgenommen werden, müssten sie kein Asylverfahren durchlaufen. Im Esslinger Landratsamt geht man deshalb davon aus, dass die Kontingentflüchtlinge nach einem sechsmonatigen Zwischenaufenthalt in den Gemeinschaftsunterkünften des Landkreises zügig der kommunalen Anschlussunterbringung in den Städten und Gemeinden zugewiesen werden.

„Deshalb ist es wichtig, dass die Kommunen die erforderlichen Kapazitäten in der Anschlussunterbringung schaffen“, betont  die Sprecherin des Landkreises. Dass das im Landkreis Esslingen mit seiner hohen Bevölkerungsdichte und vor dem Hintergrund einer angespannten Lage am Wohnungsmarkt kein leichtes Unterfangen sei, wisse man auch im Landratsamt.  adt/Foto: Horst Rudel


Deutschland macht Inventur

Für den Zensus 2022 laufen erste Vorerhebungen – Von Mai an werden in Stichproben auch Esslinger Bürger befragt

Etwa 500 000 Wohnungsbesitzer und -verwalter im ganzen Land bekommen dieser Tage  Post vom Statistischen Landesamt: Sie werden aufgefordert, Angaben zu ihrem Haus oder ihrer Wohnung zu machen. Mit dieser Vorbefragung für den Zensus 2022 wollen die Statistiker  prüfen, ob ihre Datenlage noch aktuell ist. Und zwar in den Fällen, in denen sie Unklarheiten oder Widersprüche in ihren Unterlagen entdeckt haben. Denn ihre Eigentümer- und Gebäudedaten „stammen aus verschiedenen Quellen, wie zum Beispiel den Vermessungsbehörden oder den Grundsteuerstellen“, erläutert Alexander Grund vom Statistischen Landesamt.  In der Vorbefragung wird etwa überprüft, ob die Anschrift noch stimmt oder der Besitzer gewechselt hat. 

Denn im nächsten Jahr sollen zum Stichtag 15. Mai alle Gebäude und Wohnungen in ganz Deutschland erhoben werden.  Ergänzt wird die Wohnraumerhebung im Zensus 2022 durch eine zweite Säule: eine auf Stichproben basierte Volkszählung, für die  sogenannte Erhebungsbeauftragte persönlich ins Haus  kommen. In Esslingen werden davon etwa 6000 Menschen in Privathaushalten, 2900 in Wohnheimen und eine noch ungewisse Anzahl in Gemeinschaftsunterkünften betroffen sein. Die Fragen reichen  vom Alter über die Staatsangehörigkeit und den Familienstand bis hin zu den Wohnverhältnissen.  Zu den Antworten ist man verpflichtet.

Aber nicht nur Deutschland macht Inventur, sondern die gesamte Europäische Union. Mit dem bislang letzten Zensus 2011 hatten sich die Länder auf ein normiertes  Verfahren im zehnjährlichen Turnus festgelegt. Einige haben es trotz Pandemie schon 2021 über die Bühne gebracht, andere – wie Deutschland – haben es  verschoben. Unverändert bleibt das Ziel der Aktion: Der Zensus 2022  soll Bund, Ländern und Kommunen eine verlässliche Zahlenbasis für ihre Planungen der nächsten zehn Jahre liefern. Auf der Basis der ermittelten Einwohnerzahlen werden aber auch die Finanzmittel im  Länder- und  kommunalen Finanzausgleich verteilt und die Wahlkreise zugeschnitten.

1987 gab es in Deutschland die letzte Volkszählung im herkömmlichen Sinne, in der alle Haushalte erhoben wurden. Dagegen habe es großen Widerstand in der Bevölkerung gegeben, sagt Ralf Lauschke, der Leiter der Esslinger Erhebungsstelle Zensus 2022, die dem Stadtplanungsamt zugeordnet ist. Ralf Lauschke, Denis Noparlik und Andrea Weller residieren aus Datenschutzgründen jedoch abgeschottet vom übrigen Rathaus in der Schelztorstraße 38. 

Im Zensus 2011 hatte man für die Haushaltsbefragung nur noch Stichproben angesetzt. Auch das hatte seine Tücken. Kleinere Kommunen wurden anders erhoben als größere. Deshalb, so monierten die Größeren, seien ihre  Einwohnerzahlen schmerzlich niedriger ausgefallen, als die Angaben in ihren Melderegistern –  weshalb sie die Zählung nicht akzeptieren wollten.  Denn jeder Kopf weniger bedeutete pro Jahr rund 1000 Euro weniger Schlüsselzuweisungen vom Land. Allein Esslingen waren rund 5000 Einwohner abhandengekommen: Mit 92 629 hatte die Stadt gerechnet, der Zensus kam  auf 87 519. Auch Plochingen, Wernau, Kirchheim und Nürtingen mussten bluten. Nachdem das Bundesverfassungsgericht 2018 Klagen aus Berlin und Hamburg abgewiesen hatte, riet der Städtetag Baden-Württemberg seinen Klägerinnen zum Rückzug. Auch Esslingen nahm seine Klage zurück. 

Für den Zensus 2022 haben die Statistiker jedenfalls daran gearbeitet, die Fehler soweit wie möglich zu entfernen. Vom Grundsatz her basiert er aber erneut auf der vollständigen Erhebung der Gebäude und Stichproben in den Haushalten. Im Esslinger Rathaus hat man bereits Anfang dieses Jahres die Erhebungsstelle eingerichtet,  „weil eine gute Vorarbeit schon die halbe Miete ist“, sagt Ralf Lauschke. Welche Haushalte  in Esslingen betroffen sein werden, ermittelt  das Statistische Bundesamt. Das Rathaus ist nur Dienstleister, die Ergebnisse der Befragungen werden an das Statistische Landesamt weitergeleitet. Das wiederum schickt die Bögen an die Kollegen im Wiesbadener Bundesamt. Die einzelnen Datensätze sind nachher keinem Haushalt mehr zuordenbar, versichert das Esslinger Zensus-Team.  biz/Foto: Thomas Schröder/Archiv