Klassischer Most ist etwas für Liebhaber

In der Region gibt es nach wie vor etliche Mostereien – Das traditionsreiche Getränk ist (fast) in Vergessenheit geraten

Hans-Martin Grammlich bringt eine späte Fuhre, gerade war er noch auf dem Stückle. Kurz vor Sonnenuntergang fährt er mit dem Traktor vor und liefert eine Kiste Äpfel ab. Wie praktisch, dass seine Söhne Benjamin (23) und Silas Grammlich (25) die Moste in Denkendorf betreiben. 2015 ist das Duo in den fruchtigen Nebenerwerb eingestiegen. Eigentlich sind beide in der Industriemontage tätig. Obwohl die große Presse an diesem Abend stillsteht, duftet es in der Halle intensiv nach Äpfeln. Es ist Erntezeit. Etwa 100 000 Liter Saft werden pro Jahr hergestellt, erklärt Benjamin Grammlich. Eigene Produkte gehen in den Verkauf, zudem können sich Privatleute den Saft ihrer Äpfel abfüllen lassen. Nur Most, der ist in der Moste kaum nachgefragt.

„Wir haben letztes Jahr 1000 Liter gemacht – 900 sind noch da“, sagt Hans-Martin Grammlich. Er spricht von einem Versuch, auch aus Nostalgiegründen. „In der Familie hatten wir schon immer Most.“ Das Ergebnis lagere im Holzfass. „Der geht nicht kaputt“, betont der 51-Jährige.

„Der klassische Most ist out.“ Das sagt Hannes Bürckmann, der Leiter der Geschäftsstelle des Vereins Hochstamm Deutschland. Der Geschmack sei herb, das Image altbacken. Laut dem Verein gibt es etwa sieben Millionen Streuobstbäume im Land. Hauptsächlich Mostobst hänge daran. Einen Teil verarbeiteten Kleinbrennereien, das allermeiste Obst werde aber zu Saft. Most trinken demnach fast nur Liebhaber. Oliver Briem, der in Filderstadt-Sielmingen eine Saft- und Most-Manufaktur betreibt, bestätigt dies. Vor allem in den entbehrungsreichen Kriegsjahren habe man Most getrunken, „da gab es nichts anderes“, heute machten sich die Leute lieber ein Fläschchen Wein auf.   Auch Rüdiger Bayer, der Chef der Esslinger Mosterei Bayer, sagt, andere Produkte hätten den Most verdrängt. „Ehemals war das ein günstiges Getränk, heute ist der Kostenvorteil weg.“ 

Doch auch mit der Saftproduktion ist das so eine Sache. Grundsätzlich ist mit Streuobst kaum mehr etwas verdient. Zwar haben in diesem Jahr die Obstpreise wegen der schwächeren Ernte etwas angezogen, dennoch gibt es laut Hannes Bürckmann für 100 Kilogramm Nicht-Bio-Obst aktuell im Schnitt gerade mal sechs bis neun Euro. „Das Bücken lohnt sich definitiv nicht“, sagt er. Wiesen verkommen daher vielerorts, weil sich keiner kümmert. Hannes Bürckmann zitiert eine Studie der Uni Hohenheim, wonach die Streuobst-Flächen im Land seit 2009 um mehr als 20 Prozent zurückgegangen sind.

Es gibt Versuche, den Trend umzukehren. Die Tradition des Streuobstanbaus wurde vor einigen Monaten ins Immaterielle Kulturerbe aufgenommen. Der Verein Hochstamm hatte sich dafür eingesetzt. Vom Land gibt es eine Baumschnittprämie für die, die Grundstücke pflegen.  Bei Briem in Sielmingen  gibt es einen finanziellen Zuschlag für unbehandeltes Obst, das nachweislich aus Filderstadt stammt. Das scheint zu funktionieren. „Letztes Jahr hatte ich über 400 Kunden“, sagt Oliver Briem. Eigener Saft sei in, vor allem junge Familien sammelten gern das Obst auf Wiesen von betagten Eigentümern. „Das macht Sinn und den Leuten Spaß“, sagt er. Allerdings: Die Most-Nachfrage profitiere von dem Trend nicht.

Ganz abgeschrieben ist der Trunk dennoch nicht. Als Mitglied der Interessengemeinschaft Streuobst Ostfildern stellt Steffen Kaiser aus Nellingen Edelmostsorten her – Kombinationen mit Holunder, mit Beeren oder oberösterreichischer Weinbirne.

Auch Bernhard Hahn besetzt die Nische. In Esslingen-Wäldenbronn betreibt er einen Most- und Weinbesen. „Zu mir kommen die Leute gezielt“, sagt er. Seinen Most baue er selbst aus, in den Versionen normal, säurereduziert, rot mit Sauerkirschen und braun mit Trollingertrauben. Beim Stammpublikum komme das an, der 80-Jährige – im Mai 2022 startet sein Besen wieder in die Saison – weiß aber auch: Grundsätzlich ist der Most in Vergessenheit geraten, „weil es niemand mehr macht“.

In Denkendorf wird jedenfalls bald wieder Most ausgeschenkt. Sofern Corona es zulässt, wird in der Moste am 13. November der Saisonabschluss mit einem Fest gefeiert. „Da gibt es auf jeden Fall Most“, verspricht Benjamin Grammlich. Liebhaber werden sich sicherlich finden, mindestens bei den älteren Gästen. Das weiß auch Benjamin Grammlich. „Von meinem Opa weiß ich, der hatte immer Sprudel und Most.“ 

car / Foto: Caroline  Holowiecki


Das Miteinander funktioniert

Der TSV Denkendorf wird 125 Jahre alt und blickt auf eine interessante Geschichte zurück

Die Geburtsstunde des TSV Denkendorf schlug im Gasthaus „Lamm“. Rund 30 Bürger trafen sich dort am 20. August 1896, um einen Turnverein aus der Taufe zu heben. „Der Verein wurde als Arbeitersportverein gegründet“, erinnert sich der frühere Denkendorfer Bürgermeister Walter Dieterich in der Jubiläumschronik. Anfangs wurde vor allem Handball gespielt und geturnt – auf primitiven, selbst gebauten Geräten aus Holz. Geturnt wurde ab 1911 im Winter im Saal des Gasthauses „Krone“, im Sommer wurde der Garten der „Germania“ genutzt, weiß Peter Nester, der heutige TSV-Vorsitzende. Gefeiert wird das Jubiläum voraussichtlich erst im kommenden Jahr.

Dem Fußballboom nach dem Ersten Weltkrieg trug 1922 die Gründung eines zweiten Sportvereins in Denkendorf Rechnung. Im selben Jahr wurde eine Leichtathletikabteilung gegründet. Der SV Denkendorf war laut Dieterich eher bürgerlich geprägt, Vorsitzender war Gottlieb Krinn. Der Verein hatte einen Sportplatz mit selbst gebauter Vereinshütte im „Klingen­äckerle“.

Als 1933 die Arbeiterturnvereine und damit auch der TV von den Nazis verboten wurden, spielte man im SV auch Handball und turnte. Zwar konnte man im Zweiten Weltkrieg fast bis zuletzt Sport treiben. „Der Sportplatz war allerdings im letzten Kriegsjahr zu Ackerland umgepflügt worden“, so Nester. Mit Hilfe des Bauunternehmers Gottlob Müller wurde das Sportgelände nach dem Krieg wieder hergerichtet: „Er war ein Glücksfall für den Verein. Er hatte die Kenntnisse vom Bau und die Geräte.“

Der Wunsch nach angemessenen Sportstätten wurde in den 50er-Jahren laut. Gottlob Müller habe den Bau eines Stadions mit Fußballfeldern und Leichtathletikanlagen angeregt, erinnert sich Dieterich: „Für mich war klar, dass nur ein gemeinsamer Weg der Vereine den Wunsch nach einem Stadion erfüllen könnte.“ Im Juni 1956 erfolgte im Saal der „Krone“ der offizielle Zusammenschluss von TV und SV zum TSV Denkendorf. Zum Vorsitzenden wurde Gottlieb Krinn  gewählt. Stellvertreter wurde der TV-Vorsitzende Wilhelm Oßwald.

 Die Gemeinde war dann bereit, für ein Stadion tief in die Tasche zu greifen. Gottlob Müller übernahm kostenlos die Erdarbeiten und den Rohbau des Vereinsheims. Dort gab es später zeitweise am Samstagabend sogar ein Tanzcafé. Die Vereinsmitglieder erbrachten unzählige Arbeitsstunden. 1960 wurde das Stadion als eines der ersten im Kreis Esslingen eingeweiht. 1971 wurde die Tennisabteilung gegründet, und im Laufe der Jahre wurden sieben Tennisplätze angelegt. 1984 folgte die Tennishalle. Die Gemeinde baute zwei große Sporthallen. „Heute verfügen wir in Denkendorf über tolle Sportstätten“, sagt Christine Schäfer, zweite Vorsitzende und Leiterin der TSV-Geschäftsstelle.

Kontinuierlich wurde das Sportangebot für alle Altersklassen auf heute zehn Abteilungen ausgebaut, die Mitgliederzahl wuchs stetig. Das Ehrenamt steht weiter hoch im Kurs. Im vergangenen Jahr wurde die Tennisanlage mit tatkräftiger Hilfe der Mitglieder saniert. „Wir haben keine Nachwuchssorgen“, freut sich Nester. Viele seien bereit, Verantwortung zu übernehmen. Dazu trage bei, dass die Geschäftsstelle mit Schäfer als hauptamtlicher Kraft den Ehrenamtlichen viel Administratives abnimmt. Damit das Miteinander der verschiedenen Abteilungen gut funktioniert, hat man vor einiger Zeit Klausurtagungen eingeführt. Auch wenn die Verbundenheit vielleicht nicht mehr so groß sei wie in den Anfangsjahrzehnten: Dass Mitglieder und Übungsleiter ihrem Verein auch während der Corona-Pandemie treu blieben, wertet Schäfer als klares Bekenntnis zum TSV.

Der TSV bringt sich auf vielfältige Weise ins Gemeindeleben ein. Und er versteht sich als Verein des Breitensports. Dennoch ist Nester stolz, dass der Verein unter anderem deutsche Meister in der Leichtathletik oder Weltmeister der Kegler hervorgebracht hat. 

urh / Foto: Ulrike Rapp-Hirrlinger


Die LesART startet wieder durch

Nach einjähriger Coronapause finden die Esslinger Literaturtage vom 7. November bis 2. Dezember statt

Bücher bringen die Menschen ins Gespräch, machen nachdenklich, lassen sie streiten im allerbesten Sinne und Übereinstimmungen finden, setzen Gedanken und Gefühle in Gang und wecken Assoziationen.“ Für EZ-Chefredakteur Johannes M. Fischer gibt es jede Menge guter Gründe, ein Buch zur Hand zu nehmen. Und viele Literatur-Fans dürfen sich auf einen spannenden Lese-Herbst freuen, wenn die Esslinger Literaturtage LesART zum 27. Mal zu Ausflügen in die Welt der Bücher einladen. Vom 7. November bis zum 2. Dezember präsentieren Stadtbücherei und Eßlinger Zeitung ein Festival, das weit über die Stadtgrenzen hinaus strahl. Nun haben die LesARTisten ihr Programm vorgestellt. Am 23. Oktober startet der Vorverkauf.

Für Kulturbürgermeister Yalcin Bayraktar zählen die Esslinger Literaturtage zu den arrivierten Literaturfestivals im Lande: „Die LesART zeichnet sich durch eine stringente konzeptionelle Linie und einen hohen kulturpädagogischen Wert mit vielen Lesungen für Kinder und Jugendliche aus. Sie ist ein Ort, an dem aktuelle Strömungen deutschsprachiger Literatur und gesellschaftspolitisch relevante Themen vorgestellt und diskutiert werden.“ Das sei neben Büchereileiterin Gudrun Fuchs und ihren Kolleginnen Bettina Lan­genheim und Renate Luxemburger auch den langjährigen Unterstützern zu danken: der Stiftung der Kreissparkasse, dem örtlichen Buchhandel und dem Mitveranstalter Eßlinger Zeitung.

EZ-Chefredakteur Johannes M. Fischer bescheinigt der LesART, sie sei immer hochaktuell, vereine dauerhaft leuchtende und neue Sterne am Literaturhimmel – und sie sei gut für die Stadt.

Nachdem die Literaturtage 2020 coronabedingt abgesagt werden mussten, freut sich Kulturamtsleiterin Alexa Heyder umso mehr auf das kommende Festival – auch wenn es in Zeiten einer Pandemie aufwendiger ist, ein Literaturfestival zu veranstalten: „Die Pandemie hat uns gezeigt, wie stark wir auf Kultur und Sozialkontakte angewiesen sind. Wir schätzen jetzt noch mehr die Qualität der Begegnung, des Gesprächs, der Debatte, die uns Kultur und Literatur schenken.“ Das gelte besonders fürs junge Publikum: „Ohne die Vielfalt und Kraft der Literatur wäre es für viele Kinder und Jugendliche noch schwerer gewesen, das letzte Jahr zu überstehen.“ Das sieht Felix von Heißen, Regionaldirektor der Kreissparkasse, genauso: „Es ist wichtig, Signale zu setzen. In stürmischen Zeiten müssen wir Kunst und Kultur noch mehr Raum geben.“

25 Literaturveranstaltungen mit 15 Autorinnen und Autoren stehen während der 27. LesART auf dem Programm. Manche der Autorinnen und Autoren für Erwachsene waren schon für 2020 eingeplant. „Wir mussten damals absagen, wollten aber auf die Begegnungen nicht verzichten und haben diese Gäste wieder eingeladen. Ihre Werke haben keineswegs an Aktualität verloren“, sagt Gudrun Fuchs und denkt dabei etwa an Ilija Trojanow, Joachim Zelter, Ingo Schulze oder Markus Orths. Eröffnet wird das Festival von einem hochkarätigen Gast: der israelischen Autorin Zeruya Shalev.

Dass die LesART am verkaufsoffenen Sonntag startet, fügt sich für Bayraktar vorzüglich: „Wir haben bei ‚Stadt im Fluss’ gesehen, wie wichtig die Kultur für eine lebendige Innenstadt sein kann.“ Für Kinderbücherei-Leiterin Bettina Lan­genheim sind die Literaturtage nicht zuletzt ein wichtiger Beitrag zur Leseförderung. Deshalb hat sie ein hochwertiges Programm für Kinder und Jugendliche zusammengestellt – mit Autorinnen und Autoren, die die Sprache der Jüngeren treffen. 

Info: Für Personen ab 18 Jahren gilt die 2G-Regel – geimpft oder genesen. Der Vorverkauf beginnt am 23. Oktober um 11 Uhr. Karten gibt es bei der EZ in der Küferstraße 1, der Stadtinfo und unter www.reservix.de

adi / Foto: Roberto Bulgrin


Abgestimmt

Die Preise steigen, getrieben durch Energiekosten. Rund vier Prozent beträgt die Inflation. Experten erwarten im kommenden Jahr aber eine Beruhigung. Haben Sie Inflationsangst?

Foto: dpa

Inflationsangst?

  • Ja! (100% )
  • Nein! (0% )
Loading ... Loading ...