Abgestimmt!

Das Jahr 2023 steht vor der Tür. Für viele Anlass, mit schlechten Gewohnheiten zu brechen: das Rauchen lassen, mehr Sport treiben . . . Haben Sie gute Vorsätze fürs neue Jahr?

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Gute Vorsätze?

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Müllabfuhr wird teurer

Im Januar steigen im Landkreis die Preise für die Leerung von Restmüll- und Biotonne im Schnitt um neun Prozent

Im Jahr 2023 erhöhen sich die Gebühren für die Entsorgung von Haus- und Gewerbemüll im Landkreis Esslingen um durchschnittlich neun Prozent. Die Gebühr für die Biotonne wird um rund acht Prozent steigen. Das hat der Esslinger Kreistag im November beschlossen.
Für einen Vier-Personen-Haushalt bedeutet das: Die Leerung der 80 Liter fassenden Restmülltonne und der 60er-Biomülltonne im Zwei-Wochen-Turnus kostet künftig 156,84 Euro im Jahr – und damit fast 13 Euro mehr. Die Jahresgebühr für die monatliche Leerung beträgt 112,20 Euro, das sind neun Euro mehr.
Die Anhebung sei unvermeidlich, sagte der Landrat Heinz Eininger. Schon allein wegen der sogenannten Kostenüberdeckung: Während bei der letzten Abfallgebührenkalkulation jährlich noch rund 1,5 Millionen Euro pro Jahr zugunsten der Gebührenzahler verrechnet werden konnten, stehen jetzt nur noch knapp 400 000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Als Grund nannte Eininger Kostensteigerungen etwa bei Diesel (50 Prozent mehr gegenüber 2021) und Strom (plus 20 Prozent), steigende Preise für die Verwertung und Entsorgung von Abfällen, Schwankungen bei den Wertstofferlösen und höhere Kosten bei Dienstleistungen. Auch der Tarifabschluss für die Beschäftigten des Abfallwirtschaftsbetriebes (AWB) des Kreises Esslingen werde zu Buche schlagen. Das führe dazu, dass die Kosten der Abfallentsorgung nicht mehr mit den bisher erhobenen Gebühren gedeckt werden können. Die gesamten Entsorgungskosten steigen der Kalkulation zufolge um satte fünf Millionen auf rund 35,7 Millionen Euro pro Jahr.
„Angesichts der derzeitigen Rahmenbedingungen können die Preisentwicklungen für die Zukunft kaum noch zuverlässig prognostiziert werden“, erläuterte der Landrat, weshalb der Kreis Esslingen diesmal nur für einen zweijährigen Zeitraum plant. Erklärtes Ziel sei es, die Gebühren auch für die nächsten Jahre stabil zu halten, was aber immer schwieriger werde.
Viele Gründe, die zu dem Kostensprung führten, seien fremdbestimmt. Unter anderem rechnet der Kreis mit höheren Kosten bei der Restmüllentsorgung im Heizkraftwerk in Stuttgart-Münster – im nächsten Jahr mit 3,5 Prozent mehr, 2024 mit weiteren 1,5 Prozent. Wobei das jüngst geänderte Brennstoffemissionshandelsgesetz die Entsorgung des Restmülls noch teurer machen könnte. Der AWB kalkuliert bei den Abfallmengen mit nur geringfügig höheren Zahlen als in den Vorjahren. Er geht von 66 000 Tonnen Restmüll und 7600 Tonnen Sperrmüll pro Jahr aus, die durch die turnusgemäße Sammlung zusammenkommen. An häuslichem Gewerbemüll werden weitere 5700 Tonnen pro Jahr erwartet, sodass insgesamt 79 200 Tonnen Abfall der Müllverbrennung in Stuttgart zugeführt werden. Seit 2003 ist der Kreis zur Anlieferung vertraglich verpflichtet. Dadurch habe man die Müllgebühren niedriger halten können als in den Jahren zuvor, sagte Eininger.
Die Aufschläge betreffen fast alle Entsorgungsbereiche. Das Heißt: Gebühren beim Bodenaushub und Bauschutt für Selbstanlieferer auf Deponien und Entsorgungsstationen plus rund 21 Prozent, Containergebühren im Gewerbe zehn Prozent mehr, zusätzliche Leerungen auf Abruf je nach Behältergröße zwischen 31 und 33 Prozent mehr. Die Entsorgung von Altreifen verteuert sich um 20 bis 25 Prozent.
Aber es gibt auch gute Nachrichten: Die Expresszuschläge für Sperrmüll, Kühl- und Haushaltsgroßgeräte bleiben mit 20 Euro pro Anfahrt unverändert. Der Restmüllsack kostet weiterhin sechs Euro pro Stück, für Biomüll- und Laubsack werden wie bislang drei Euro erhoben.

eh / Foto: Horst Rudel


Das Ende der großen Träume

Gemeinderat hebt Bürgerentscheid zur Esslinger Stadtbücherei auf – Statt Modernisierung und Erweiterung gibt es wegen hoher Kosten eine Sanierung im Bestand

Mit deutlicher Mehrheit hatten die Esslingerinnen und Esslinger beim Bürgerentscheid im Februar 2019 die Modernisierung und Erweiterung der Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof beschlossen. Nun hat der Gemeinderat in seiner Sitzung vor Weihnachten die damalige Entscheidung aufgehoben. Die Kostenschätzung ist von knapp 25 auf 61,5 Millionen Euro gestiegen – zu viel für die knappen Kassen der Stadt. Mitte Mai hatte OB Matthias Klopfer anstelle der großen Lösung nur eine „kleine, feine Sanierung“ in den bisherigen Räumen empfohlen. Seither wurde in der Stadt heiß diskutiert. Nun hat der Gemeinderat entschieden: Bis 2029 sollen insgesamt 17,3 Millionen Euro investiert werden – sofern die jeweilige Kassenlage dies zulässt.
Gesetzt waren für die Stadt sogenannte „Sanierungsmindestmaßnahmen zur Aufrechterhaltung des Büchereibetriebs“. Zunächst waren dafür 7,6 Millionen Euro veranschlagt. Mehrere Ratsfraktionen hatten jedoch zusätzlich Barrierefreiheit und flächendeckendes WLAN im Pfleghof beantragt, wodurch die Kosten für den ersten Sanierungsbaustein auf gut neun Millionen Euro steigen. Zusätzlich sollen ebenfalls bis 2029 für rund 8,3 Millionen Euro alle vom Eigenbetrieb Städtische Gebäude (SGE) vorgeschlagenen Maßnahmen zur Verbesserung der Raum- und Aufenthaltsqualität sowie zur konzeptionellen Verbesserung der Büchereiarbeit realisiert werden. Das Budget soll in der mittelfristigen Finanzplanung der SGE vermerkt werden.
Grünen-Chefin Carmen Tittel sagte, eine Minimalsanierung der Bücherei werde deren Bedeutung und der guten Arbeit des Teams nicht gerecht. Ihre Fraktion will das Nachbarhaus Heugasse 11 zumindest bis 2029 als Erweiterungsfläche im Besitz der Stadt behalten – „auch als vertrauensbildende Maßnahme“. Ulrike Gräter bekannte sich für die SPD „ohne Wenn und Aber zum Standort Bebenhäuser Pfleghof“. Die Heugasse 11 soll kurz- und mittelfristig als Flächenreserve zur Erweiterung vorgehalten werden – bis dahin sei eine Zwischennutzung nötig. Freie-Wähler-Chefin Annette Silberhorn-Hemminger befand, die Bibliothek sei zunehmend zum Politikum geworden. Nun sei man es dem „hoch motivierten und engagierten Team“ schuldig, innerhalb des eng gesteckten Finanzrahmens der Stadt das Mögliche zu tun und rasch loszulegen: „So weit waren wir in den letzten 20 Jahren noch nie.“ Für die Heugasse 11 brauche es eine ergebnisoffene Darstellung der Fakten und Ideen, wann und wie das Nachbarhaus in die Bibliothek einbezogen werden könne. Sven Kobbelt (FDP) befand, mit dem Bürgerbegehren sei bereits 2018 die Pausentaste für das Projekt gedrückt worden: „Damals wäre ein Neubau in der Küferstraße finanzierbar gewesen.“ Die Mindestsanierung ist für die FDP gesetzt, für die weiteren Bausteine fehle derzeit das Geld. Angesichts geschätzter Kosten von zwölf Millionen Euro für die Heugasse 11 ist für Kobbelt eine Sanierung für die Bücherei nicht denkbar. CDU-Chef Tim Hauser hätte sich in der Bücherei-Debatte „von Anfang an mehr Ehrlichkeit gewünscht“. Die Finanzlage sei schon vor Corona schwierig gewesen. Viele hätten das Projekt mit Herzblut begleitet und seien jetzt enttäuscht. Von einer Zwischenlösung für die Heugasse 11 hält Hauser wenig: „Wenn man das Haus dafür herrichten würde, könnte gleich die Bücherei einziehen.“ Martin Auerbach forderte für die Linken, „nicht noch mehr Zeit unnütz verstreichen zu lassen und die vom damaligen OB Zieger unwidersprochen zugesagten 25 Millionen Euro für die beschlossene Erweiterung und Sanierung endlich zu verwenden“. Dilek Toy (FÜR) forderte ebenfalls, den Bürgerentscheid umzusetzen. Große Teile der Kostensteigerungen seien auf eine beim Architektenwettbewerb noch gar nicht vorgesehene Flächenerweiterung zurückzuführen.
Auf Antrag der Linken wurde namentlich über die Aufhebung des Bürgerentscheids abgestimmt, Annette Silberhorn-Hemminger argumentierte dagegen: „Wir lassen das Projekt erst mal laufen.“ Doch der OB drängte auf einen formellen Beschluss, der nach einigem Spektakel mit 24 zu 14 Stimmen gefasst wurde. Ob die Stadt das Nachbarhaus Heugasse 11 als Erweiterungsfläche behält oder verkauft, soll sich im Frühjahr entscheiden. Die Grundsanierung der Bücherei wurde einstimmig beschlossen, die weiteren Sanierungsbausteine mit klarer Mehrheit.

Mit welcher Größe ist die Bibliothek zukunftsfähig?

Zahlen: Einschließlich der Zweigstelle Berkheim hat die Esslinger Stadtbücherei derzeit 2050 Quadratmeter Fläche zur Verfügung. Nach DIN müssten es jedoch 3860 Quadratmeter sein. Fachverbände empfehlen sogar 5700 Quadratmeter.

Bewertung 2018: SGE-Chef Oliver Wannek hat im März 2018 betont: „Unter einer Nutzungsfläche von etwa 3600 Quadratmetern wird ein kritischer Punkt erreicht. Sollte die letztlich realisierbare Nutzungsfläche zu deutlich unter diesem Schwellenwert liegen, ist ein zukunftsfähiges Bücherei­­­­­programm nicht möglich.“

Bewertung 2022: Vorerst soll es ohne Erweiterung bei 2050 Quadratmetern Fläche bleiben. Mit diesen Plänen werde eine attraktive und zukunftsfähige Bücherei auf den Weg gebracht, befand Ulrike Gräter (SPD).

adi/Foto: Roberto Bulgrin


Brandgefährlich

In der Nähe von Kirchen, Kliniken und Altenheimen sowie in mancher Innenstadt gilt zu Silvester ein Feuerwerksverbot

Ein Jahr geht zu Ende, das im Zeichen von Krieg, Pandemie, Energiekrise, Klimawandel und hoher Inflation stand und steht. Derart global betrachtet wird so mancher sagen, es sei eines zum Vergessen gewesen. Um dieses Jahr nun entsprechend zu verabschieden, wird der eine oder andere an Silvester auf Lautstärke und Feuerglanz setzen. Auch, weil es zu den vergangenen beiden Jahreswechseln in Corona-Zeiten Ausgangsbeschränkungen und ein Verkaufsverbot von Feuerwerksartikeln gab. Doch Vorsicht: Nicht überall ist das Böllern erlaubt. Gerade Städte mit historischem Kern wie Esslingen, Tübingen und Kirchheim setzen auf ein Feuerwerksverbot. Es gibt aber auch andere Gründe, um Kracher und Raketen zu verbannen.
Generell gilt: Das Abbrennen von pyrotechnischen Gegenständen ist in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Altenheimen verboten. Dieses Verbot hat der Gesetzgeber im Jahr 2009 auf die Nähe zu besonders brandempfindlichen Gebäuden erweitert. Eine Konsequenz daraus, dass zuvor so manch Fachwerkhaus zu Silvester durch Rakete oder Böller in Brand gesetzt worden war.


Esslingen hat sich daher vor Jahren entschieden, für die Altstadt an Silvester und Neujahr ein vollständiges Abbrennverbot für pyrotechnische Gegenstände auszusprechen. Dieses Verbot gilt auch für die Esslinger Burg, die Stadt sperrt daher „aus Sicherheitsgründen“ den Zutritt zu Kanonenbuckel, Burgstaffel und Seilergang. Maßgebend für den einzuhaltenden Abstand ist laut Mitteilung der Stadt „die Eigenart des jeweiligen pyrotechnischen Artikels“. Für Raketen ist demnach grundsätzlich deren Steighöhe ausschlaggebend, die maximale Steighöhe von in Deutschland zugelassenen Raketen betrage 100 Meter.


Der Plochinger Gemeinderat hat Anfang Dezember auch für die Stadt am Neckarknie ein Feuerwerksverbot an Silvester und Neujahr ausgesprochen; und zwar für die Innenstadt und den „publikumsstarken“ Bahnhofsbereich. Die Verwaltung verweist in diesem Zusammenhang auch darauf, dass übermäßiger Alkoholgenuss den leichtfertigen Umgang mit Pyrotechnik fördere.


In Kirchheim ist am 31. Dezember und am 1. Januar das Zünden von Böllern und Raketen innerhalb des Alleenrings und generell in der Nähe von Fachwerkhäusern untersagt. Auch in der Teckstadt gilt es einen reichen Fachwerkschatz zu bewahren. Mit Schildern wird an den Stadteingängen auf das Feuerwerksverbot aufmerksam gemacht. Verstöße gegen das Abbrennverbot können – nicht nur in Kirchheim – mit einer Geldbuße geahndet werden.

Stuttgart hat den Schlossplatz und Bereiche innerhalb des Cityrings erneut zur Sperrzone für Feuerwerkskörper erklärt. Dort war es in der Vergangenheit immer wieder zu Exzessen und Randale gekommen, Personen wurden durch geworfene Kracher verletzt. Das Böllerverbot soll ebenso zur Befriedung beitragen wie ein Unterhaltungsprogramm. In Stuttgart soll es aber auch an anderer Stelle ruhig bleiben. So gelten etwa die Grabkapelle auf dem Württemberg und das Schloss Solitude als beliebte Aussichtspunkte, um das Silvesterfeuerwerk zu beobachten. Um diese historischen Monumente und natürlich auch die Besucher zu schützen, ist auch dort das Zünden von Raketen und Böllern untersagt.


Der Deutsche Tierschutzbund und Landwirte verweisen auf einen anderen Aspekt der Silvesterknallerei: Diese löse bei vielen Tieren Stress, Angst oder sogar Panik aus. Böllerverzicht sei daher angesagt. Haltern wird geraten, den Tieren den Jahreswechsel so angenehm wie möglich zu gestalten.


Zudem lässt sich eine (Selbst-)Gefährdung für den Menschen durch unkontrolliert umherfliegende und zündende Raketen und Kracher nicht von der Hand weisen. Auch die Feinstaubbelastung ist in dieser Nacht besonders hoch. Immer wieder wird daher gefordert, Geld nicht für Feuerwerk auszugeben, sondern für notleidende Menschen zu spenden; der Slogan „Brot statt Böller“ der Evangelischen Kirche steht für dieses Ansinnen exemplarisch.
Und doch wird vielerorts gezündelt werden, wird das Böllern weiter zur Silvestertradition gehören. Schließlich gilt es nach diesem Jahr einiges zu verarbeiten – und das kann mit Wumms durchaus besser gelingen.

hin/Archivfoto: StN


Abgestimmt!

Auf dem Uno-Weltnaturgipfel haben sich rund 200 Staaten verständigt: Mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen sollen bis 2030 unter Schutz stehen. Wird dieses ambitionierte Ziel erreicht?

Foto: dpa

Ist das machbar?

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Weihnachten getrennt

Viele geflüchtete ukrainische Frauen und Kinder müssen Heiligabend auf ihre männlichen Familienmitglieder verzichten

Zweimal im Jahr Weihnachten feiern – das klingt nach einem Traum vieler Kinder. Für Familie Hnativ ist das bittere Realität: Das erste Mal feierte die Familie Weihnachten am 7. Januar 2022 nach dem julianischen Kalender in der Ukraine, unbekümmert, ohne den bevorstehenden Krieg zu erahnen. Das zweite Weihnachten in diesem Jahr wird sie am 25. Dezember nach dem gregorianischen Kalender feiern – aufgrund des Krieges jedoch getrennt. Svitlana Hnativ feiert mit ihrem Sohn und ihrer Mutter in Stuttgart; ihre Brüder mit deren Familien und ihr Vater sind in der Westukraine. Ähnlich zerrissen sind viele Familien, die von Kriegen in die Flucht getrieben wurden oder diesen fast schutzlos ausgeliefert sind.
Die 36-jährige Svitlana Hnativ schaut auf ihrem Smartphone wehmütig die Bilder vom Januar an. An Heiligabend ist die Familie, feierlich in Tracht gekleidet, um den Tisch im Haus der Eltern in Polyany, einem kleinen Ort in der Nähe von Lwiw, vereint. Auf dem Tisch stehen zwölf Speisen, angerichtet im Festtagsgeschirr. Ein glückliches Familienfoto. Damals ahnt niemand von ihnen, dass sie das nächste Weihnachten getrennt sein werden. Als Svitlana mit ihrer Mutter Sophia und ihrem Sohn Danylo Anfang März nach Stuttgart flieht, hat sie nur wenig Gepäck dabei. Schließlich ist die Hoffnung groß, bald wieder in die Heimat zurückkehren zu können.
Mit dem Essen werde an Heiligabend traditionell gewartet, bis der erste Stern am Himmel zu sehen ist, erklärt Sophia Hnativ. Bevor jedoch gegessen wird, breiten die Männer unter normalen Umständen Heu im Wohnzimmer aus – ein Hauch der Umstände von Christi Geburt. Anschließend beten alle gemeinsam, der Familienälteste zündet eine Kerze an. „Dann nimmt jeder seinen Löffel. Diesen darf man erst wieder ablegen, wenn man alle zwölf Speisen gegessen hat. Legt man ihn davor ab, wird einem das ganze Jahr der Rücken weh tun“, erzählt Svitlana Hnativ von ihrer speziellen Familientradition.
Nach dem Essen werden Weihnachtslieder gesungen. Und es folgen weitere Traditionen: Abends ziehen Jugendliche von Tür zu Tür und singen Weihnachtslieder, bei „Vertep“ führt eine Gruppe Erwachsener ein Krippenspiel auf. Am späten Abend trifft sich dann das ganze Dorf in der Ortsmitte, neben Weihnachtsbaum und Krippe wird gesungen. „Im Haus bleiben die Gerichte für die Seelen der Verstorbenen auf dem Tisch stehen. Erst am nächsten Morgen räumen wir sie ab“, berichtet die 59-jährige Sophia Hnativ. Am ersten Weihnachtsfeiertag geht die Familie morgens in die Kirche. Drei Tage wird nun gefeiert, bevor der Familienälteste das Heu wieder aus dem Haus bringt.
Ohne Heu, aber mit den zwölf Gerichten und vielen Liedern wollen Sophia, Svitlana und Danylo Hnativ ihr erstes Weihnachten in Deutschland feiern. Die ukrainische griechisch-katholische Kirche Stuttgart hat die Familie und andere eingeladen, die Weihnachtszeit gemeinsam zu verbringen. Mit den Männern wird man, wenn es die Stromversorgung in der Ukraine zulässt, per Video zusammenkommen. Svitlana Hnativs Brüder mit den Familien und ihr Vater werden sich in kleiner Runde in Polyany treffen. Die Schwägerin wird die zwölf Speisen zubereiten. Svitlana Hnativ ist froh, dass keiner ihrer Lieben im Krieg kämpfen muss. Ihre Brüder und ihr Vater unterstützen vor Ort, wo Hilfe benötigt wird, zum Beispiel nehmen sie Binnenflüchtlinge auf.
Allein bei dem Gedanken an das getrennte Weihnachtsfest kommen den beiden Frauen die Tränen. Und trotzdem: „Wir danken Gott, dass alle Mitglieder der Familie am Leben und gesund sind und dass wir überhaupt Weihnachten feiern können“, sagt Sophia Hnativ. „Mit dem Herzen sind wir zu Hause, und dennoch freuen wir uns auf Weihnachten hier“, ergänzt ihre Tochter. Ihr Dank richtet sich an „die deutschen Bürger“, die Kirchengemeinde und an direkte Unterstützer. Sophia Hnativ sagt aber auch: „Dieses Jahr feiern wir Weihnachten in der Hoffnung, dass wir nächstes Jahr wieder alle gemeinsam in der Ukraine vereint an einem Tisch sind.“ 

Info: Helfer, Spendensammler und -vermittler für Menschen in der Ukraine oder auf der Flucht gibt es in der Region etliche. Darunter Kommunen wie die Stadt Esslingen, Kirchengemeinden, Hilfsorganisationen und private Initiativen. „Yes! Ehrenamt-Initiative Esslingen“ sucht etwa zur Unterstützung von Flüchtlingen Dolmetscher.

red / Foto: privat


Liebenswertes Porträt eines lebenswerten Landstrichs

Der Kreis Esslingen wird 50 Jahre alt, die Kreissparkasse 175 – In einem Buch werden beide Jubilare gewürdigt

Hätten Sie’s gewusst? 839 Menschen leben rein rechnerisch auf einem Quadratkilometer im Landkreis Esslingen, hier gibt es 220 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze und 800 000 Streuobstbäume. 3811 Kunstwerke umfassen die Kunstsammlungen der Kreissparkasse sowie der Kreisverwaltung. Und 618 Kilometer Länge entsprechen die in einem Jahr als Verbandsmaterial benötigten Binden an den drei Standorten der kreiseigenen Medius-Kliniken, würde man sie aneinanderreihen.
Diese und weitere wissenswerte Fakten sind in einem eigens herausgegebenen Buch zusammengetragen, das zwei runde Jubiläen vereint: Im kommenden Jahr begeht der Landkreis Esslingen sein 50-jähriges Bestehen, die Kreissparkasse (KSK) Esslingen-Nürtingen kann auf eine 175-jährige Geschichte blicken. Und weil beide Institutionen nicht nur geschichtlich eng miteinander verbunden sind, wird 2023 auch gemeinsam gefeiert: Ein Jubiläumsjahr voller Programm erwartet die Bewohnerinnen und Bewohner des Kreises. Die Planungen dafür laufen auf Hochtouren.
Der Auftakt indes ist bereits gemacht: Das Buch zum Doppeljubiläum haben Landrat Heinz Eininger und Burkhard Wittmacher, der Vorstandsvorsitzende der KSK, kürzlich voller Stolz präsentiert. Gut eineinhalb Jahre Arbeit stecken in dem Druckwerk, das kein historischer Rückblick, sondern eine Art Lesebuch ist. „Es zeigt die Verbundenheit von Landkreis und Kreissparkasse und die Verbundenheit beider mit den Menschen hier“, betonen Eininger und Wittmacher.
Auf 180 Seiten werden beispielhaft Themen aus Kommunalpolitik, Leben, Umwelt, Gesundheit, Bildung, Arbeit, Tourismus und Kultur aufgegriffen – „aus ungewöhnlichen Perspektiven und mit leichter Feder geschrieben“, fügt Eininger hinzu. Dafür würden die fünf Autoren stehen, die allesamt als langjährige Journalisten im Kreis unterwegs waren und „beeindruckende, bewegende und berührende Geschichten zu Papier gebracht haben“. Zusammen mit vielen großformatigen Bildern des Nürtinger Fotoateliers Ebinger werde so deutlich, was den Landkreis Esslingen ausmache: seine wirtschaftliche Stärke, seine faszinierende Landschaft, sein kultureller Reichtum, sein gesellschaftlicher Zusammenhalt und vor allem seine Menschen.
Erzählt werden zum Beispiel die Geschichten von Feuerwehrfrau Daniela Lohrmann aus Neckartenzlingen, vom Owener Schäfer Jörg Schmid, von Diakonissin Renate Mosch aus Kirchheim sowie von Matti Zeh, der sich in Esslingen ehrenamtlich um Demenzkranke kümmert. Erzählt wird aber auch von Burgen und Museen, von Messe und Flughafen, von Filderkraut und Steillagenweinbau, von Weltmarktführern und Familienbetrieben, von internationalen Partnerschaften und lokalen Kooperationen. „Dieses Buch macht sich auf Spurensuche nach dem Wesen des Landkreises“, sagt Eininger, der das umfangreiche Werk Einheimischen wie Zugezogenen gleichermaßen ans Herz legt. Für ihn ist es zugleich „ein ideales Repräsentationsgeschenk“. 2000 Exemplare wurden in erster Auflage gedruckt.
Das Buch „50 Jahre Landkreis Esslingen. 175 Jahre Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen“ ist im Buchhandel zum Preis von 24,90 Euro erhältlich. Eine Übersicht über die geplanten Veranstaltungen ist auf der eigens initiierten Internetseite www.jubilaeum2023.de zu finden.

eh / Foto: Roberto Bulgrin


Ausländeramt erhöht die Schlagzahl

Lange Schlangen, langer Antragsstau: Damit war der Esslinger Bürgerservice Einwanderung in die Schlagzeilen gerückt – Die Situation hat sich verbessert

Donnerstagmorgen, 8 Uhr: Rund 60 Menschen haben sich in die Schlange vor dem Esslinger Bürgeramt eingereiht. Rote Pylonen und ein paar Ordnungskräfte leiten die Wartenden in kleineren Gruppen in den ersten und zweiten Stock. Dort wartet eine Mitarbeiterin des Ausländeramts, das seit ein paar Monaten Bürgerservice Einwanderung heißt.
In den vergangenen Wochen hat es intensiv daran gearbeitet, diesem Namen irgendwann auch gerecht werden zu können. Die Mitarbeiterin nimmt die Kundinnen und Kunden in Empfang und verteilt sie je nach Anliegen und Anfangsbuchstaben auf rund zehn Zimmer. Vor denen warten sie dann abermals, bis sie an der Reihe sind. Denn in den jeweiligen Zimmern finden sie einen Ansprechpartner oder eine Ansprechpartnerin speziell für ihre Belange.
„Ein Quantensprung“ – so bewertet der Esslinger Sozialamtsleiter Marius Osswald die Umstrukturierungen und deren Folgen für die Betroffenen. Noch im Oktober hatte die 90 000-Einwohner-Stadt, in der rund 25 000 Ausländer leben, mit ihrer Ausländerbehörde Negativschlagzeilen gemacht. Mails, Kontaktformulare und Anrufe liefen ins Leere. Die Betroffenen warteten monatelang auf eine Reaktion – und noch viel länger auf einen Termin. Mit teilweise fatalen Folgen. Auch die anderen Ausländerbehörden im Land sind überlastet, hatte eine SWR-Umfrage im Sommer ergeben. Grund seien der Krieg in der Ukraine, die Mehrbelastungen und der Personalmangel.
Dennoch waren die Probleme in Esslingen besonders eklatant. Mehr als 100 Menschen reihten sich am einzigen offenen Sprechtag in der Woche teils schon in den frühen Morgenstunden in einer Schlange im Freien ein, um überhaupt an das Amt heranzukommen. Bis einem Esslinger der Geduldsfaden riss, als seine Lebensgefährtin aus Kenia ihre neue Stelle wegen eines fehlenden Stempels nicht antreten konnte. Seine Online-Petition, die für Kundschaft und Mitarbeitende „unzumutbare Situation“ in der Ausländerbehörde endlich anzugehen, unterschrieben mehr als 300 Menschen. Die Kommentare dazu berichteten von Menschen, denen wegen fehlender Dokumente der Verlust von Wohnung und Arbeitsplatz drohte oder die gar nicht erst anfangen konnten zu arbeiten. Oder die ihre Familien im Ausland nicht besuchen konnten.
Wie bei dem ebenfalls kritisierten Bürgeramt, das mittlerweile ebenfalls große Schritte nach vorne gemacht hat, hat sich die Stadt in den vergangenen Wochen intensiv um den Service für ihre ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger bemüht. Ende Oktober begann der Umzug aus den beengten Räumen in die ersten beiden Stockwerke des Bürgeramts. Dort stehen nunmehr zehn Räume zur Verfügung, in denen die Kundinnen und Kunden am offenen Sprechtag ein Gegenüber finden. Mehr noch: Da sie jetzt bereits in die Zimmer verwiesen werden, in denen sich auch ihre Unterlagen befinden, kommen sie laut Osswald an diesem Tag mit ihrem Anliegen auch wirklich ein Stück weiter. „Statt 80 können wir jetzt mehr als 400 Menschen bei der offenen Sprechstunde bedienen.“ Auch die Termine nach Vereinbarung stiegen von 80 auf 120 in der Woche.
Osswald will die derzeit mehr als 2000 offenen Anträge auf 750 drücken. „Auf null werden wir nie kommen, weil ja immer neue dazukommen. Aber wir haben jetzt die Struktur und das Personal so aufgestellt, dass wir unser Ziel auch angehen können.“ Ob das aufgeht, könne man frühestens drei Monate nach dem Umzug einschätzen. Erste Tendenzen machen jedenfalls Mut: Von rund 3100 Kontaktformularen, mit denen die Kunden ihr Anliegen online bei der Behörde äußern können, sind in diesem Monat gut 1500 noch offen oder in Bearbeitung, aber knapp 1600 erledigt – in den Monaten davor sah das Verhältnis deutlich schlechter aus. Durch die strukturelle Umstellung habe man auch mehr Zeit für die Sachbearbeitung der aufgelaufenen Fälle gewonnen, sagt die Abteilungsleiterin Stephanie Gutbrod. Von Januar an ist der Bürgerservice Einwanderung mit 26 Vollzeitstellen besetzt. Allein 2020 waren sieben Stellen dazugekommen, drei weitere werden noch ausgeschrieben.
Die Kundschaft äußert sich noch etwas verhalten in der Bewertung der Situation. „Ja, es ist hier draußen etwas besser geworden“, sagt ein Mann. „Aber das heißt noch nicht, dass die Arbeitsabläufe innen besser funktionieren“, ergänzt eine Ehrenamtliche, die einen jungen Asylbewerber begleitet. Wer kein Deutsch spreche und keinen Druck mache, komme nach wie vor nicht richtig voran. Die Verwaltung verweist auf die Komplexität der Verfahren. Osswald: „Aber unser Weg geht in eine gute Richtung. Und wir haben jetzt eine ganz andere Stimmung hier. Die Menschen sind deutlich entspannter.“

biz / Foto: Roberto Bulgrin


Abgestimmt!

Sportdirektor Sven Mislintat durch Fabian Wohlgemuth ersetzt, Bruno Labbadia ist der neue, wohlbekannte Trainer: Hat der VfB Stuttgart damit die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft gestellt?

Foto: dpa

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Vollgas auf neuer Strecke

Zwischen Wendlingen und Ulm rollen Züge nun mit bis zu 250 km/h – Stuttgarter Tiefbahnhof erst in drei Jahren fertig

Die Bahn spricht von einem neuen Kapitel, das mit der Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm aufgeschlagen worden sei. Mit viel Brimborium ist die Strecke am vergangenen Wochenende – mit dem Fahrplanwechsel – eröffnet worden, nun rollen die Züge mit Vollgas über die Schienen. Allerdings: Das ganze Buch zum Bahnprojekt Stuttgart-Ulm ist noch lange nicht fertig. Denn erst in drei Jahren wird nach dem bisher gültigen Zeitplan der neue Stuttgarter Tiefbahnhof im Rahmen von Stuttgart 21 fertiggestellt. Und selbst dann werden Teile des Rekordprojekts noch nicht umgesetzt sein.
Bereits jetzt aber soll zwischen Wendlingen und Ulm ein Teil des Versprechens eingelöst werden, das Land, Bahn, Region und Stadt Stuttgart beim S-21-Baubeginn im Jahr 2010 gegeben haben: Mit der Schnellfahrstrecke werden Fahrzeiten teils deutlich verkürzt. „60 Kilometer Strecke mit elf Tunneln und 37 Brücken in nur zehn Jahren zu bauen, ist eine großartige Leistung“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann bei der Inbetriebnahme. „Mit der neuen Schnellfahrstrecke Wendlingen-Ulm werden völlig neue Verbindungen möglich“, wirbt Bahn-Infrastrukturvorstand Berthold Huber. „Die Fahrzeitverkürzungen gehen deutlich über Stuttgart und Ulm hinaus.“
Profitieren werden etwa Zugreisende zwischen Ulm und Wendlingen. Hier verkehren künftig stündlich Regionalverkehrszüge – über die neue Filstalbrücke, mit Tempo 200 und mit Halt am neuen Bahnhof Merklingen. Zwischen Tübingen, Reutlingen und Ulm verkürzt sich die Fahrzeit über die Neubaustrecke um bis zu 40 Minuten. In beide Richtungen fährt außerdem einmal pro Stunde ein ICE über die Neubaustrecke. Mit ihr gibt es laut Bahn ein verbessertes tägliches Angebot zwischen Stuttgart und München um rund 20 auf 90 Fahrten. Über die neue, recht steile Strecke können Züge bis zu 250 Kilometer je Stunde schnell unterwegs sein. Baustart war 2012. Die Kosten betrugen nach Angaben der Deutschen Bahn knapp vier Milliarden Euro.
Wermutstropfen: Die Trasse deckt nur einen Teil der geplanten Strecke zwischen Stuttgart und Ulm ab. Je nach Fahrtrichtung wird vor oder hinter Wendlingen erst mal noch oder wieder gebremst. Wegen der hohen Streckenbelastung zwischen Wendlingen, Plochingen und Stuttgart können die Regionalzüge laut Bahn nicht direkt nach Stuttgart geleitet werden. In Wendlingen heißt es also „Umsteigen“ für Reisende im Regionalverkehr, sie müssen mit der Neckar-Alb-Bahn weiter. Der Fernverkehr fährt neben der neuen Trasse nach wie vor auch über die bisherige Strecke via Geislingen und Göppingen durch das Filstal.
Zum Auftakt hat es allerdings auf der neuen Strecke Probleme gegeben, eine technische Panne führte zu erheblichen Verzögerungen. Teils mussten Züge Richtung Stuttgart zurück nach Ulm geführt und über die alte, langsamere Strecke über die Alb geleitet werden.
Mit dem Start der Neubaustrecke, die teilweise parallel der Autobahn 8 verläuft, verkürzt sich die Reisezeit im Regionalverkehr zwischen Ulm und Stuttgart zunächst um vier bis sieben Minuten. ICE-Züge brauchen laut Bahn auf dieser Strecke dann rund 15 Minuten weniger. Erstmalig wird zudem der neue Regionalhalt Merklingen angesteuert. Wird schließlich auch der Stuttgarter Tiefbahnhof in Betrieb genommen, soll die Fahrzeit zwischen Stuttgart und Ulm insgesamt rund eine halbe Stunde kürzer sein.
Die Inbetriebnahme des Tiefbahnhofs samt unterirdischer Anbindung an den Flughafen ist für das Jahr 2025 geplant. Doch auch damit ist das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm noch nicht vollendet: Der Filderbahnhof wird wohl frühestens 2027 fertig. Und dann gibt es noch abseits von S 21 die Diskussionen um die Anbindung der Gäubahn über den Pfaffensteigtunnel. Diese wird noch weitere Jahre dauern.
Stuttgart 21 kostet mehr als neun Milliarden Euro. Im Finanzierungsvertrag waren im Jahr 2009 noch 4,5 Milliarden Euro festgelegt worden. 1995 hatten Bahn, Bund, Land und Stadt die Kosten sogar bei „nur“ rund 2,6 Milliarden Euro veranschlagt.

dpa/hin / Foto: DB AG/Volker Emersleben