Abschied mit ein wenig Wehmut

Letzte Sitzung des Esslinger Kreistags im alten Landratsamt – Ende 2025 soll Neubau in den Pulverwiesen fertig sein

Dem besonderen Anlass entsprechend waren die Fahnen vor dem Gebäude gehisst: Am Donnerstag vergangener Woche kam der Esslinger Kreistag zu seiner letzten Sitzung im Landratsamt in den Pulverwiesen zusammen. Von feierlicher Stimmung war wenig zu spüren im großen Saal – was nicht nur daran lag, dass die Volksvertreter zunächst der Opfer des Ukraine-Krieges und der 761 Menschen aus dem Landkreis gedachten, die im vergangenen Jahr an Corona verstorben waren. Für viele der 98 Kreistagsabgeordneten und rund 20 anwesenden ehemaligen Kreisräte war es „ein Abschied mit ein wenig Wehmut“, wie Landrat Heinz Eininger sagte. Viele Erinnerungen würden sie mit diesem Haus verbinden, in dem 44 Jahre lang Politik gestaltet wurde. Kreisarchivar Manfred Waßner blickte auf die Geschichte des Landratsamts zurück.
Rauchende Schlote, klirrende Hämmer: Wo heute rund um das Landratsamt eine planvoll angelegte Parkanlage am Neckar zum Flanieren und Erholen einlädt, sah es noch 1960 ganz anders aus. Eines der ältesten und bedeutendsten Esslinger Industriereviere nutzte die Wasserkraft aus den Kanälen, um Metalle zu verarbeiten oder Wolle zu spinnen und zu färben. Der Standort hatte Tradition: Im 18. Jahrhundert standen unweit des Vogelsangtors fünf Gebäude: zwei Pulvertürme, eine Pulvermühle, eine Tuchbleiche und eine Walkmühle.
In der mit Wasserkraft angetriebenen Pulvermühle wurden Holzkohle, Schwefel und Salpeter gemahlen und zum Schwarzpulver weiterverarbeitet. Wegen der Explosionsgefahr bei dessen Herstellung und Lagerung hatte man Türme und Mühle am Rand der Stadt, auf dem „ Pulverwasen“ errichtet. „Aus dem Pulverwasen wurden, vermutlich im 20. Jahrhundert durch nicht angemessenen sprachlichen Eifer eines städtischen Katasterbeamten, irgendwann die Pulverwiesen“, so Waßner. Im 19. Jahrhundert entstand dort die Metallwarenfabrik Deffner. An ihrer Stelle wurde 1978 das Landratsamt errichtet. Die ersten Überlegungen zum Bau gab es im Altkreis Esslingen bereits Anfang der 1960er- Jahre. „Als Standort war zunächst das Gebiet des Oberen Metzgerbachs vorgesehen“, berichtete Waßner. Mit dem Bau der Vogelsangbrücke wurden diese Pläne aber zu Makulatur.
In Absprache mit der Stadt Esslingen erwarb der Landkreis 1969 mit dem Deffnerschen Anwesen ein geeignetes Grundstück, um die damals auf 14 verschiedene Gebäude in der Innenstadt und zwei weitere in Nürtingen verteilte Kreisverwaltung zu zentralisieren. Bis zum Neubau des Landratsamtes in Esslingen dauerte es aber noch zwei weitere Jahre. Denn hier spielte die Kreisreform, der Zusammenschluss der Kreise Nürtingen und Esslingen und der Streit um den Kreissitz eine entscheidende Rolle, schilderte Waßner.
Die Esslinger Vorarbeit machte ein rasches Vorgehen möglich: 1970 hatte man bereits einen Architektenwettbewerb ausgelobt und den Abbruch der Deffnerschen Fabrikgebäude im Jahr darauf beschlossen. 1975 erfolgte der erste Spatenstich. Der Stahlbetonskelettbau beherbergte 250 Büros, Großraumbüros für die Kfz-Zulassung und die Führerscheinstelle, Kasino, großzügige Sitzungsbereiche und Fraktionszimmer, Zentralregistratur, Hausdruckerei sowie eine Tiefgarage. 47,8 Millionen Mark hat das Gebäude gekostet, das im Februar 1978 bezogen wurde.
Nach 44 Jahren gilt „der grüne Koloss“ am Esslinger Neckarufer nun aber als nicht mehr zeitgemäß. Fast zehn Jahre lang wurde über die Zukunft des Gebäudes gestritten – und die Sanierung schlussendlich verworfen. Die Kosten für das neue Landratsamt inklusive der Mietkosten für die Ausweichquartiere während der knapp vierjährigen Bauzeit sowie die Anschaffung von Mobiliar und Bürotechnik belaufen sich auf insgesamt 144 Millionen Euro. Bis zur Einweihung des Neubaus finden die Sitzungen des Kreistages in verschiedenen Stadthallen statt, die Ausschüsse tagen im Konferenzraum der Medius Klinik Nürtingen.
Für einen Kreisrat schloss sich an diesem Tag der Kreis: Wolfgang Drexler, inzwischen Ehrenbürger Esslingens, war dereinst beim Baubeschluss dabei und ebenso bei der letzten Sitzung des Gremiums in jenem Landratsgebäude. 50 Jahre gehörte er dem Kreistag an. „Für bleibende Verdienste“ erhielt er die goldene Landkreismedaille – und das Recht auf Zwischenrufe von den Zuschauerplätzen aus, fügte Eininger bei der Verleihung augenzwinkernd hinzu. Für langjähriges Ratsengagement wurden auch Solveig Hummel (27 Jahre) und Helmut Schumacher (15 Jahre) geehrt.

eh / Foto: Roberto Bulgrin


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