Allein gelassen mit Dr. Google?

Zahl der Hausärzte nimmt ab – Vielfältige Gründe für Praxisschließungen – Oft suchen Patienten erfolglos nach einem Arzt

Unterensingen hat trotz aller Anstrengungen noch keine Nachfolgerin, keinen Nachfolger für den Arzt Harald Weidner gefunden, der seine Praxis schließt. „Wäre auch ein ganz großes Wunder“, sagt Bürgermeister Sieghart Friz. „Ein mittelgroßes ist, wenn wir überhaupt jemanden finden.“ Bis auf weiteres hat die 5000-Einwohner-Gemeinde nur eine Hausärztin. Weidners Patienten kann sie nur zum geringsten Teil übernehmen.
Unterensingen ist beileibe kein Einzelfall. Allein im Kreis Esslingen sind rund 20 sogenannte Hausarzt-Sitze – also Vollzeit-Praxen – unbesetzt, sagt Marc Alexander Meinikheim, Vorsitzender der Kreisärzteschaft. Im ganzen Südwesten fehlen 800 Hausärztinnen und -ärzte, ergänzt Nicola Buhlinger-Göpfahrt, die Vorsitzende des Hausärzteverbands Baden-Württemberg. Nimmt man die von ihr präsentierten Daten zusammen, kommt ein echtes medizinisches Versorgungsproblem auf die gesamte Gesellschaft zu. Denn verschärft wird die Lage durch den hohen Altersdurchschnitt der praktizierenden Hausärzte.
Im Land sind laut dem Versorgungsbericht 2022 der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) 37 Prozent der Hausärzte über 60 Jahre alt. Im Kreis Esslingen sind es 36 Prozent, 59 (von insgesamt 329) praktizieren sogar noch im Alter zwischen 65 und 93. In den kommenden Jahren werden altersbedingt etliche Hausärzte aufhören, „während der Bedarf aufgrund einer alternden Gesellschaft steigen wird“, folgert Buhlinger-Göpfahrt. „Viele Patientinnen und Patienten haben Schwierigkeiten, einen Hausarzt zu finden. Es droht weniger Arztzeit für mehr kranke Menschen.“
Die Ursachen des absehbaren Desasters sind laut Buhlinger-Göpfahrt „vielfältig“: unter anderem schwierige Vereinbarkeit von Hausarztberuf und Familie wegen ungeregelter Arbeitszeiten, aber auch fehlende Infrastruktur von der Kita bis zu öffentlichen Verkehrsmitteln außerhalb von Städten. Nicht alle Vorbehalte seien begründet, aber gleichwohl unterm Ärzte-Nachwuchs verbreitet. Meinikheim sagt: „Kaum ein junger Mediziner oder eine junge Medizinerin hat noch Interesse daran, die Nachfolge in einer Hausarztpraxis anzutreten.“
Dass der Wunsch nach Work-Life-Balance für Ärzte nicht nur ebenso legitim ist wie für andere Berufstätige, sondern auch ebenso eingefordert wird, zeigen die steigenden Teilzeitquoten und die zunehmende Zahl der Ärztinnen und Ärzte, die ein Angestelltenverhältnis dem unternehmerischen Risiko der Selbstständigkeit vorziehen. Als Minus-Faktoren bei einer Praxisübernahme nennt Meinikheim hohe Kosten von mindestens 100 000 Euro, die je nach Investitionsbedarf auf ein Mehrfaches steigen könnten, außerdem den Mangel an medizinischem Fachpersonal und den bürokratischen Aufwand.
Die Gesundheitspolitik kommt bei alldem schlecht weg: Für den Unterensinger Arzt Weidner hat die politisch verordnete Einführung der Telematikinfrastruktur – einer digitalen Vernetzung des Gesundheitswesens – den Bürokratismus noch gesteigert. Buhlinger-Göpfahrt kritisiert dieses System als „wenig durchdacht“ und „praxisfern“, es koste die Ärzte nur Zeit und Geld. Ebenso wie das Apothekenstärkungsgesetz von 2020, das hausärztliche Leistungen de facto zu „pharmazeutischen Dienstleistungen“ erkläre. Oder das neue Gesetz zur Finanzstabilisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung, das „dem ambulanten Sektor Finanzmittel entzieht“, also den Arztpraxen Umsätze. Aus Meinikheims Sicht wurzelt der Ärztemangel aber bereits beim Numerus clausus, der Zulassungsbeschränkung für das Medizinstudium.
Werden also immer mehr Patienten künftig allein gelassen mit Dr. Google? Immerhin habe das Land mit der „Schaffung neuer Medizinstudienplätze“ reagiert, sagt Heike Kallfass, Geschäftsführerin der AOK Neckar-Fils. Es brauche aber ein „Gesamtpaket“, zu dem sie etwa den Einsatz qualifizierter Telemedizin zählt. Und vor allem die „Anpassung der Versorgungsstrukturen an die Bedürfnisse junger Mediziner“. Der Schwund der klassischen Einzelpraxen – in Baden-Württemberg seit 2015 um neun Prozent – spricht jedenfalls eine eindeutige Sprache. Buhlinger-Göpfahrt fordert: „Der Hausärztemangel muss in der Politik endlich zur Chefsache werden.“

mez / Foto: dpa


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