Als Jane dreht Jenny auf

Jenny Grace Hohlbauch aus Altbach spielt im Musical „Mary Poppins“ mit – Zwölfjährige liebt das Singen – Kleid ist Stoff für Mädchenträume

   

Drei oder vier Mal im Monat wird Jenny Grace Hohlbauch zur frechen, zickigen Göre. Obwohl das eigentlich gar nicht ihrem Naturell entspricht, freut sie sich jedes Mal darauf: Die Zwölfjährige aus Altbach spielt im Musical „Mary Poppins“ im Stage Apollo Theater des Möhringer SI-Centrums als Jane Banks eine der Hauptrollen.

Gesungen hat Jenny schon immer gern und gut, das wissen ihre Mitschüler ebenso wie die Nachbarn in Altbach, die sie öfter mal Whitney-Houston-Songs üben hören. „Da scheppern schon die Wände hier“, sagt ihre Mutter, Iris Hohlbauch. Sie stuft sich selbst wie auch ihren Mann als absolut unmusikalisch ein; das Gesangstalent, das auch Jennys ältere Schwester Joy-Lia hat, komme wohl von der Oma.

Jennys Musiklehrerin im Gymnasium war es, die sie vor gut einem Jahr auf das Casting für „Mary Poppins“ hinwies. Mit 400 anderen Kindern ging Jenny ins Rennen, trug Kinderlieder und Texte vor, machte Tanzschritte. Der Mary-Poppins-Ausdruck „Supercalifragilisticexpialigetisch“ war dabei noch eine der leichteren Übungen. Jenny machte das Ganze Spaß, sie kam Runde um Runde weiter. Und je mehr sie lernte und sich vorbereitete, desto größer wurde der Drang, auf der Bühne zu stehen. Als dann die Nachricht kam, dass sie es geschafft hat, freute sie sich riesig.

Dass Arbeit auf sie zukommt, wurde der Familie „von Anfang an ganz klar gesagt“, sagt Iris Hohlbauch. Ferien waren erst mal gestrichen, ebenso der geplante Sommerurlaub. Jennys Schwester trägt das mit, sie ist selbst musikbegeistert und spielt mit Jenny in der Schülerband „Traffic Lights“. Bei deren wöchentlichen Proben ist Jenny nach wie vor fast immer dabei. Das Fußballspielen hat sie allerdings vorläufig auf Eis gelegt.

„Mary Poppins ist für mich gar kein Stress, ich habe genug Zeit“, sagt die pfiffige Zwölfjährige. Mit Vor- und Nachbereitung kommen pro Show rund vier Stunden zusammen, wobei die Kinderdarsteller drei bis vier Auftritte im Monat und laut Jugendschutzgesetz maximal 30 im Jahr haben. Deshalb sind die Kinderrollen zwölffach besetzt.

Während der Vorbereitungs- und Probenzeit war das Programm strammer: Stimmbildung, Gesang, Tanz und Schauspiel standen auf dem Stundenplan. Anders als viele andere Kinderdarsteller hatte Jenny vorab nie Unterricht in dieser Richtung, trotzdem tat sie sich leicht, auch mit dem Textlernen. Mal waren die Regisseure des Original-Musicals aus London zu Gast und arbeiteten mit den Darstellern, schließlich durften sie – lange ersehnt – in die Kostüme schlüpfen. Vom Pony, den sie sich schneiden lassen musste, ist Jenny zwar weniger begeistert: Man gewöhne sich dran, lacht sie. Aber das rosarote viktorianische Kleid von Jane Banks ist schon ein Stoff für Mädchenträume.

Das Musical vereint Elemente aus der Romanvorlage von P. L. Travers und dem bekannten Disney-Film aus den 1960er-Jahren. Es erzählt die Geschichte der Familie Banks und ihrer verzogenen Kinder Jane und Michael, die vom Kindermädchen Mary Poppins mit den magischen Kräften gezeigt bekommen, was wirklich wichtig im Leben ist. Neben Zauberei und Fantasie finde sich darin auch durchaus Realitätsnahes, sagt Jenny, zum Beispiel, dass die Familie Banks „eine Person von außen braucht, die sie zusammenführt“.

Das Team des Stage Apollo Theaters ist für die Altbacherin inzwischen „wie eine Familie“, sie fühlt sich auch unter den Profi-Schauspielern rundum wohl: „Da fließt Energie!“ Am schwersten fiel ihr, die Rotzgöre zu geben und vor den Zuschauern zu schreien. Das musste sie üben, mittlerweile „macht es sogar ein bisschen Spaß“, sagt sie verschmitzt. Es sei wichtig, die Rolle nicht nur zu spielen, „sondern wirklich zu fühlen, so viel wie möglich von der eigenen Persönlichkeit reinzubringen“. Dass sie sogar für eine der Premieren ausgewählt wurde, freute die Zwölfjährige besonders. Die Kinder spielen bei „Mary Poppins“ tatsächlich eine tragende Rolle, sie sind in allen Akten und teilweise lange auf der Bühne. Souffleuse gibt es keine, im Notfall helfen sie sich gegenseitig aus oder improvisieren. Klar komme das vor, dass man mal „einen Hänger“ habe, falsch stehe oder das Umziehen hinter den Kulissen nicht schnell genug klappt, sagt Jenny.

Bei den Proben war viel Geduld und Disziplin gefragt. Vielleicht habe sie da sogar was für die Schule gelernt, meint das Naturtalent. Ihre Noten haben nicht gelitten, sonst wäre das Abenteuer womöglich schnell zu Ende. Und wenn die Darsteller einen Wachstumsschub haben oder nicht mehr ins kindliche Schema passen, ist ihre Zeit auf der Bühne ebenfalls vorbei. Bislang ist noch nicht bekannt, wie lange das Stück überhaupt läuft; bis Oktober ist der Kartenvorverkauf derzeit geöffnet.

Die Frage, ob sie später mal ins Showbusiness einsteigen will, kommt ein bisschen früh. Aber Jenny weiß, dass sie das Singen ganz besonders liebt. Und wie sagt doch Mary Poppins? „Alles, was wir wollen, kann passieren.“            aia / Foto oben: Stage Entertainment, Fotos unten: aia


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.