Das Objekt als Geschichtenerzähler

Kulturvermittlung am Landesmuseum Stuttgart baut Brücken zwischen Exponaten und Besuchern – „Geschichte wird begreifbar“

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Das Landesmuseum Württemberg zeigt in der Ausstellung „Wahre Schätze“ im Alten Schloss in Stuttgart Kunstwerke und Alltagsgegenstände aus den antiken Kulturen am Mittelmeer, Fundstücke aus der keltischen Zeit der Region und eine Vielzahl von kunsthandwerklichen Preziosen aus den Sammlungen der württembergischen Herzöge. Zwei Kulturwissenschaftlerinnen haben bei einem Rundgang erläutert, wie aus Objekten in den Vitrinen Geschichtenerzähler werden.

Das Gesicht eines bärtigen Mannes in Bronze blickt aus dem Dunkel einer schmalen Vitrine, eingelassen in eine schmucklose blaue Wand. Es ist ein Gesicht mit Aufforderungscharakter, nachdenklich, mit leicht hängenden Augenlidern und einem abschätzenden Ausdruck. Der Besucher bleibt gebannt stehen, ein stummer Dialog beginnt.

„Wir wollen den Brückenschlag zwischen den Exponaten und den Besuchern schaffen. Damit werden die Erzählungen hinter den Objekten erfahrbar“, beschreibt Franziska Soehring. Die Kulturwissenschaftlerin ist gemeinsam mit ihrer Kollegin Ida Schneider im Landes­museum in Stuttgart für die Kulturvermittlung zuständig. Bei einer Führung durch die Ausstellung „Wahre Schätze“ haben die Wissenschaftlerinnen berichtet, wie eine Ausstellung mit dieser kulturellen Bandbreite gestaltet wird, damit sie für Familien mit Kindern und wissenschaftlich vorgebildeten Laien gleichermaßen spannend und aussagekräftig ist.

„Kulturvermittlung bedeutet nicht, einen großen Budenzauber zu veranstalten. Vielmehr stehen immer das Exponat und seine Ausstrahlung im Mittelpunkt. Der Besucher soll am einzelnen Objekt hängenbleiben, staunen, fragen und mehr wissen wollen“, beschreibt Soehring.

Am Beispiel einer prachtvoll bemalten antiken Vase wird während der Führung deutlich, dass sich Kinder und Erwachsene dem Gezeigten sehr unterschiedlich nähern. Menschen in Alltagssituationen sind dort zu sehen, darunter auch einige spielende Kinder. Während sich die Erwachsenen nach dem Kunsthandwerk erkundigen, wundern sich die jungen Besucher, dass man keine fröhlichen Gesichter sieht. „Mit Texten für Kinder und für Erwachsene und zusätzlichen Vitrinen in kindgerechter Höhe können wir an diesem Beispiel den Alltag und die gesellschaftliche Stellung der Kinder damals erklären. So erzählt das Objekt die Geschichten hinter der Geschichte und zugleich wird der kulturelle Hintergrund des Exponats und des Künstlers begreifbar“, erläutert Franziska Soehring.

„Die Orientierung an der Lebenswelt der Museumsbesucher ist entscheidend, damit es gelingt, die Bedeutung der Objekte zu vermitteln“, sagen Soehring und Schneider. Anhand der thematischen Bandbreite und der künstlerischen Qualität der Stücke, die einst in den Schatzkammern der Herzöge von Württemberg zusammengetragen wurden und in der Ausstellung zu sehen sind, ließen sich gute Einblicke in das Weltbild der Mächtigen zu jener Zeit gewinnen. Kurioses und Teures, aztekische Federschilde, fili­gran bearbeitete Muscheln, prachtvolles Kunsthandwerk in Glas und Gold wurden im Lauf von drei Jahrhunderten zusammengetragen. „Das geschah oft um des Sammelns willen und um Gästen zu zeigen, was man hat und was man sich leisten kann“, erklärt Soehring.

Demgegenüber zeigen die Wissenschaftlerinnen mit einem Schrank, dass das Sammeln und Präsentieren von Besonderem auch heutzutage nach diesem Prinzip abläuft. Dort sind Erinnerungsstücke ausgestellt, die Kinder und Erwachsene aus dem Urlaub mitgebracht oder einfach nur aufgeklaubt haben: Muscheln vom Strand, ein indischer Elefantengott aus dem Andenkenladen, ein Stoffhase. „Wir zeigen damit, dass ein Museum lebt und etwas zu sagen hat“, erklärt Franziska Soehring.              pst / Fotos: pst

Info: Ausstellung „Wahre Schätze“, Landesmuseum im Alten Schloss, Stuttgart, geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr.


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