Der hohe Preis für politischen Mut

Steinhaus für Haecker-Preisträgerin Laísa Santos Sampaio – Esslinger Kulturausschuss berät über Auswahlverfahren – Preis schützt seine Träger

Der hohe Preis für politischen Mut

Seit dem Jahr 1995 vergibt die Stadt Esslingen alle zwei Jahre den internationalen Theodor-Haecker-Preis für politischen Mut und Aufrichtigkeit. Er geht an Männer und Frauen, die sich gegen Ungerechtigkeiten und Unterdrückung in ihren Heimatländern einsetzen. Derzeit läuft das Auswahlverfahren für den Preisträger im nächsten Jahr. Mit 10 000 Euro ist der Haecker-Preis dotiert. Der Blick zurück auf die Preisträger der vergangenen Jahre zeigt aber auch, mit welch hohem Preis manche Preisträger ihren Mut bezahlen – mit ihrer Freiheit und auch mit ihrem Leben.

Aktuelle Preisträgerin ist die Brasilianerin Laísa Santos Sampaio. Die Lehrerin setzt sich in Ipixuna im Amazonasgebiet für den Erhalt des Regenwalds ein. Damit geht sie in Opposition zu mächtigen holzverarbeitenden Großunternehmen, die die meist illegale Abholzung betreiben. Ihr Frauenprojekt lebt vom Regenwald: Die Frauen stellen Salben und Naturheilmittel aus Nüssen und Früchten des Waldes her. Landbesitzer und Holzbarone terrorisieren die Menschen vor Ort. Laisas Schwester Maria do Esprito da Silva und ihr Schwager José Claudio Ribeiro – beide politisch aktiv – wurden von Auftragskillern auf offener Straße getötet. Auch Laisa Santos Sampaio wurde bereits mit dem Tod bedroht.

Das Frauenprojekt musste seine Arbeit auch schon einstellen, viele Menschen sind bereits aus der Gegend geflohen. Santos Sampaios größter Wunsch ist ein Steinhaus, mit dem sie für das Frauenprojekt bessere Arbeitsbedingungen und einen besseren Schutz vor Übergriffen bieten könnte. Mit dem Preisgeld sind neue Maschinen angeschafft worden. Die Herstellung der Produkte sei dadurch sehr erleichtert, meldete Sampaio nach Esslingen.

Nach der Preisverleihung an die Brasilianerin hat sich in Esslingen ein Unterstützerkreis gebildet. Der Bau des Steinhauses kostet noch einmal 10 000 Euro. Eine gemeinsame Aktion von Kulturamt, Referat für Chancengleichheit, VHS und Waldorfschule will mit dem Projekt  „200 x 50“ die nötigen 10 000 Euro für den Hausbau aufbringen.

Zum ersten Mal hat sich in Esslingen nach einer Preisverleihung ein Unterstützerkreis gebildet. Die Hilfe über die Preisverleihung hinaus ist nötig. Wie sehr, zeigt die nach wie vor prekäre Sicherheitslage der Brasilianerin. Ende vergangenen Jahres entkam einer der Mörder ihrer Schwester aus dem Gefängnis. Seither traut sich Sampaio nicht mehr, alleine das Haus zu verlassen. Sie verbringt viel Zeit bei ihrer Tochter in der nächstgrößeren Stadt.

Ein Steinhaus würde zum einen ihre persönliche Sicherheit deutlich erhöhen, zum anderen ermöglichten die besseren Produktionsbedingungen den Frauen vor Ort größere Absatzmöglichkeiten. „Wir arbeiten weiter bei der Aktion 200 x 50“, erklärt Barbara Straub vom Referat für Chancengleichheit im Esslinger Rathaus. Wenn 200 Esslingerinnen und Esslinger jeweils 50 Euro spenden, kann Santos Sampaio ihren Traum verwirklichen und ein Steinhaus errichten lassen, laut Unterstützerkreis. „Derzeit liegen bereits die Baupläne für das Haus vor“, berichtet Straub.

Am 13. November, 17 Uhr, gibt es im Restaurant Galeria Zeus in Esslingen einen Benefizabend für Santos Sampaio, organisiert von den Frauen von Soroptimist Esslingen. Weitere Aktionen wurden bereits durchgeführt: Über Straubs Referat wurden Flipflops bestellt, die von Santos Sampaios Kooperative hergestellt wurden. Rund 1000 Euro sind eingenommen worden. Zum Bürgerfest hat die Waldorfschule einen Flohmarkt veranstaltet und das Geld für das Steinhaus gespendet. Der Erlös aus dem Herbstmarkt am 19. November soll ebenfalls ins Amazonasgebiet fließen.

Sampaios Schicksal steht stellvertretend für die Schicksale vieler Haecker-Preisträger. Wer sich in Diktaturen für Menschenrechte einsetzt, setzt sein Leben aufs Spiel. So wie der Weißrusse Viktor Gontschar, der im Jahr 2000 posthum die Auszeichnung erhielt. Der Oppositionspolitiker, der für Demokratie in der Diktatur Weißrussland eintrat, ist seit 1999 verschwunden. Niemand zweifelt daran, dass Gontschar ermordet wurde. Die Auszeichnung erhielt er 2000 außerhalb des Zwei-Jahres-Rhythmus’. Seine Frau nahm ihn entgegen.

2013 ist die aserbaidschanische Menschenrechtlerin Leyla Yunus für ihr Engagement gegen Korruption und Willkürherrschaft in Aserbaidschan ausgezeichnet worden. Die Leiterin des Instituts für Frieden und Demokratie (Institute of Peace and Democracy, IPD), ist den Herrschenden ein Dorn im Auge. Vor zwei Jahren wurden sie und ihr Mann inhaftiert. Der Vorwurf: Landesverrat. Yunus, die gesundheitlich angeschlagen war, saß monatelang ein. Medikamente aus Esslingen kamen nicht an. Sie und ihr Mann haben nach ihrer Freilassung ihr Land verlassen, weil sie dort nicht mehr sicher sind. Sie wohnen bei ihrer Tochter in Holland.

Die kurdisch-türkische Anwältin Eren Keskin wurde 2005 ausgezeichnet, berichtet Barbara Antonin, die beim Kulturamt zuständig für die Organisation des Preises ist. Die Anwältin darf nicht praktizieren, kürzlich wurde sie als Co-Chefredakteurin der mittlerweile geschlossenen prokurdischen Tageszeitung Özgür Gündem verhaftet. Keskin ist zwar wieder auf freiem Fuß, es werden aber Verfahren gegen sie vorbereitet. Der Vorwurf: Unterstützung einer terroristischen Organisation.

Die iranische Menschenrechtlerin und Journalistin Shiva Nazar Ahari ist 2011 in Abwesenheit mit dem Theodor-Haecker-Preis geehrt worden. „Sie ist inhaftiert“, sagt Antonin. Da sie mittlerweile verheiratet sei, dürfe sie tageweise aus dem Gefängnis. Antonin berichtet aber auch, dass der Preis und die damit verbundene internationale Aufmerksamkeit die Betroffenen auch schützten. Das hätten viele Preisträger berichtet. Derzeit beschäftigt sich der Esslinger Kulturausschuss mit dem Auswahlverfahren für die nächste Preisverleihung im kommenden Jahr.

Theodor Haecker war ein deutscher Schriftsteller und Kulturkritiker. Aufgewachsen in Esslingen, war er beim Schreiber-Verlag beschäftigt und wurde ab 1936 von den Nationalsozialisten mit einem Publikationsverbot belegt. Er starb am 9. April 1945 wegen fehlenden Insulins.             bob / Foto: Stadt Esslingen

 

Info: http://www.esslingen.de/,Lde/start/es_themen/haecker-preis.html. Spenden für das Steinhaus, Konto: Amigos de America Latina, KSK Esslingen/IBAN: DE14 6115 0020 0101 9846 16, Verwendungszweck: Spende für Laísa.


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