Der Ikarus vom Lautertal

Gustav Mesmer und der Traum vom Fliegen – Flugfahrräder, Doppelhalsgeigen und Sprechmaschinen ersonnen

Der Korbmacher Gustav Mesmer verbrachte ab 1929 35 Jahre in psychiatrischen Anstalten. Zwischen 1964 und 1993 lebte er in einem Altenheim in Buttenhausen im Lautertal. Dort zeigte sich seine Genialität als Zeichner, Poet und Konstrukteur von Flugapparaten.
Gustav Mesmer hatte eine Vision: Es musste möglich sein, mit unkomplizierten Hilfsmitteln die Schwerkraft zu überwinden und die Distanz zwischen zwei Orten fliegend zurückzulegen. Dafür ersann er Flugapparate auf der Grundlage eines Damenrads, auf das ein Träger aus Latten gesetzt wurde. Daran wurden Schwingen mit hölzernem Rahmen befestigt, bespannt mit Plastikfolie. Die Geschwindigkeit, die mit dem Fahrrad erreicht wurde, und eine ausgefeilte Tragflächenkonstruktion sollten ausreichen, den Boden hinter sich zu lassen.
Stefan Hartmaier und Martin Mangold haben 1996, zwei Jahre nach Mesmers Tod, die Gustav-Mesmer-Stiftung gegründet. Sie kümmert sich um den schriftlichen Nachlass sowie die Fülle der Zeichnungen und restauriert seine Kon­struktionen. „Wir haben mit Gustav Mesmers Werk ein bedeutendes künstlerisches Erbe, das wir für kommende Generationen bewahren müssen“, erklärt Hartmaier.
Die Grundlage für Mesmers Schaffensdrang ist in seiner Lebensgeschichte zu finden. Gustav Mesmer wird im Jahr 1903 in Altshausen nahe Ravensburg geboren. Für Schulbildung bleibt nicht viel Zeit. Bereits im Alter von elf Jahren wird er zur Arbeit bei Großbauern geschickt. Sechs Jahre verbringt er danach als Laienbruder im Kloster Beuron. In Altshausen gilt Mesmer nach seiner Rückkehr aus Beuron als kauziger Sonderling. Nach der Störung einer Konfirmationsfeier in der evangelischen Kirche bescheinigt ein Arzt eine „fortschreitende Schizophrenie“, hinter Mesmer schließen sich die Türen der Heilanstalt Bad Schussenried.
Bei seiner Arbeit in der Buchbinderei der Anstalt stößt Mesmer auf Texte zum Bau von Flugmaschinen – und findet seine Vision: Es musste möglich sein, Mauern zu überwinden. Eine erste Konstruktionszeichnung datiert aus dem Jahr 1932, fortan beschäftigt er sich mit dem Fliegen und entwirft Apparate. „Erfinderwahn“ schreiben die Ärzte in die Akte.
1964, nach 35 Jahren hinter Mauern, erhält Gustav Mesmer einen Platz in einem Altenheim in Buttenhausen. Dort bekommt er eine Werkstatt für die Korbflechterei, vor allem aber kann er dort ohne jede Einschränkung seine Erfindungen in die Praxis umsetzen. In kurzer Zeit entsteht eine Fülle von Flugapparaten. Mesmer verwendet ausschließlich gebrauchte Materialien für seine Konstruktionen. Alte Düngemittelsäcke aus Plastik werden zu Tragflächen, Sprungfedern aus Bettrosten machen Schwingen beweglich. Etwa 1000 Studien zu Flugrädern, Konstruktionszeichnungen für Tragflächen, Flugdrachen, Gleiter und Luftschiffe verwahrt die Stiftung. Ob der „Ikarus vom Lautertal“, wie er bald genannt wird, je geflogen ist, bleibt ungeklärt. „Er hat einige Male erzählt, er sei ein paar Zentimeter oder auch mal 50 Meter weit geflogen. Bloß sei grad in dem Moment niemand dabei gewesen“, erzählt Hartmaier.
Neben den Flugapparaten hat Gustav Mesmer noch anderes ersonnen: Musikinstrumente wie eine Doppelhalsgeige, hölzerne Rollschuhe oder Sprungschuhe, die das Aufsetzen nach einem Flug erleichtern sollen. Zu den bemerkenswertesten Objekten gehören die Sprechmaschinen. Mesmer hat auf in konzentrischen Kreisen angeordneten Holzklötzen kleine Zungen aus Metall geschraubt. Unterschiedlich groß und zugeschnitten, durch weitere Materialien verfeinert, ergeben sie, in Schwingungen versetzt, verschiedene Laute. Nacheinander angeschlagen können so „Worte“ erzeugt werden.
Mesmers schriftlicher Nachlass harrt noch der Aufarbeitung. „Es gibt viele Texte zu den Zeichnungen, eine Menge Gedichte und etliches, das sich mit Gott und dem Lauf und der Funktion der Welt auseinandersetzt“, erzählt Hartmaier. Er vermutet im literarischen Werk Mesmers „eine eigenständige Facette des Künstlers mit hoher Bedeutung“.
In den 80er-Jahren erfährt Mesmer erste Anerkennung. Hartmaier und Mangold organisieren Ausstellungen seiner Werke in Mannheim, Wien, Lausanne und New York. 1992, zwei Jahre vor seinem Tod, wird eines seiner Flugfahrräder bei der Weltausstellung in Sevilla gezeigt. „Die Ausstellungsverantwortlichen in Lausanne und in New York haben uns sehr deutlich klar gemacht, dass wir mit Mesmers Arbeiten einen künstlerischen Schatz haben“, erzählt Hartmaier.
Ein Ziel der Stiftung ist die Einrichtung einer Dauerausstellung der Werke in Buttenhausen. So könnte ihre wissenschaftliche Aufarbeitung gewährleistet und der Mensch Gustav Mesmer angemessen gewürdigt werden, sagt Hartmaier. „Ein Mann mit einem bitteren Lebenslauf, der nie verbittert war. Er hat seine eigene Welt geschaffen – der Traum vom Fliegen, das war zum Überleben notwendig. So hat er seine Autarkie und seine Würde bewahrt.“
pst / Foto: Gustav-Mesmer-Stiftung/Hartmaier


Eine Antwort auf „Der Ikarus vom Lautertal“

  1. Wer sich an dem Erhalt des Werkes von Gustav Mesmer beteiligen will,
    ist dazu herzlich eingeladen: die Stiftung vergibt Patenschaften für Flugfahrräder, Sprungschuhe und Musikinstrumente:
    http://gustavmesmer.de/dokumentation/
    Wir freuen uns über jede Unterstützung zur Erhaltung des fantastischen Werkes von Gustav Mesmer. Sehr sehenswert ist gerade die Ausstellung „schweben, fliegen, fallen“ in Bad Schussenried.

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