Der Mann mit dem goldenen Helm

Fürstengrab von Gammertingen dauerhaft im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart – Gesicht rekonstruiert

Seit vergangener Woche kann man im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart einen weiteren Schatz aus der Geschichte des Landes bewundern. Das „Fürstengrab von Gammertingen“ aus dem 6. Jahrhundert nach Christus zeigt die letzte Ruhestätte eines Mannes gehobener Herkunft. Das Grab, das in der Nähe von Sigmaringen vor mehr als 100 Jahren gefunden worden ist, war unberaubt und fast vollständig erhalten.

Der tote Mann trug einen goldenen Helm und ein Kettenhemd. Neben ihm lagen seine Waffen: ein Schwert, Spatha genannt, ein einschneidiges Hiebschwert, das Sax heißt, eine Axt, eine Wurflanze,  die so genannte Ango, und eine verzierte Lanze. Daneben noch verschiedene Utensilien wie ein versilbertes Seihlöffelchen, feines Essgeschirr, silbernes Zaumzeug, Kamm und Schere.

„Das ist wie ein Sechser im Lotto“, schwärmt Cornelia Ewigleben, die Direktorin des Museums, vom neuen Ausstellungsstück, das die Abteilung Meisterwerke perfekt ergänze. Die Qualität der Grabbeigaben, darunter ein reich verzierter byzantinischer Spangenhelm sowie das einzige in dieser Vollständigkeit erhaltene Kettenhemd aus dem 6. Jahrhundert, macht den Fund zu einem der „bedeutendsten Männergräber in Europa“, so lautet die Einschätzung von Klaus Georg Kokkotidis, der Referatsleiter der Archäologe des Landesmuseums.

An den Fundstücken lässt sich die Handwerkskunst der damaligen Zeit nachvollziehen: Das Kettenhemd besteht aus 45 000 einzelnen Eisenringen, abwechselnd gestanzt und genietet, die vermutlich in Byzanz gefertigt worden sind. Das Hemd reichte seinem Träger bis auf die Oberschenkel, war kurzärmelig und mit einer Kapuze versehen. Das Hemd liegt in voller Größe und fast wie gebrauchsfähig in der Vitrine. Für Kokkotidis ein einzigartiges Stück: „Wir haben zwar Teile anderer Kettenhemden geborgen, aber das größte Stück aus dieser Zeit ist so groß wie ein Handteller.“

Ebenfalls kostbar und selten ist der Helm. Aus Mittel- und Südeuropa sind insgesamt nur etwa 40 Exemplare der sogenannten Spangenhelme bekannt. Das Gammertinger Exemplar besteht aus sechs eisernen Platten, die von sechs Spangen aus Kupfer und einem eisernen, mit Kupferblech belegten Stirnreif zusammengehalten werden. Alle Teile sind reich verziert und waren ursprünglich vergoldet. Es handelt sich um byzantinische Offiziershelme, die in Werkstätten auf dem Balkan oder in Italien für den Bedarf des oströmischen Heeres hergestellt wurden.

Doch wie kommt ein byzantinischer Helm auf den Kopf eines süddeutschen Fürsten im Germanenreich? Schon ab dem späten 4. Jahrhundert stützte sich Byzanz verstärkt auf germanische Söldnereinheiten, die „foederati“, die von ihrer eigenen Stammesaristokratie befehligt wurden. Die Ausrüstung für die Söldner wurde von den byzantinischen Militärwerkstätten, den „fabricae“, gestellt. Aus schriftlichen Aufzeichnungen der Zeit ist bekannt, dass Spangenhelme generell zur Ausstattung schwerbewaffneter Truppenkommandeure gehörten.

Nach Ende ihres Dienstes nahmen die germanischen Söldnerführer ihre Waffenausstattung mit zurück in ihre Heimat, während niederrangige Söldner ihre Waffen wieder abgeben mussten. Da diese Helme im germanischen Raum eigentlich fremd waren, dürften sie – neben ihrer eigentlichen Schutzfunktion – für ihre Träger auch ein nicht unerhebliches Statussymbol gewesen sein.

Seit Juli befindet sich das Grab im Landesmuseum. Zuvor war es im Besitz von Karl Friedrich Fürst von Hohenzollern, der es in Sigmaringer Schloss ausgestellt und jüngst dem Museum verkauft hat. Etliche Untersuchungen sind seither gemacht worden – mit zum Teil erstaunlichen Ergebnissen. So hat man den Toten, aufgrund der prächtigen Ausstattung seiner Grablege, auf rund 50 Jahre geschätzt. Bei der Untersuchung der Zahnreste stellte sich jedoch heraus, dass er nicht älter als 35 Jahre alt gewesen sein konnte.

Aus dem Wunsch heraus, sich ein Bild des jungen Mannes zu machen, hat das Landesmuseum ein Gesichtsmodell des Toten anfertigen lassen. Die erhaltenen Kiefer- und Gesichtsknochen sind in der biologischen Anthropologie der Universität Freiburg vermessen und berechnet worden. Anhand der Daten entstand so das Gesicht des Toten, das nun als Modell über der Vitrine angebracht ist und die Besucher anschaut – ein junger,  gesund aussehender Mann mit rundem, bubenhaftem Gesicht.

Die Untersuchungen an den Überresten gehen weiter. Eine spannende Frage bleibt zu klären: War der junge Mann ein Alamanne oder ein Franke? Die Zeit, in der er im süddeutschen Raum gelebt hat, gilt als Umbruchzeit. Die alamannische Vorherrschaft war am Bröckeln, die Franken drängten vor und übernahmen die Herrschaft auch in Süddeutschland. Anhand der Strontium-Isotopen-Analyse lässt sich über die Strontium-Einlagerung in den Zähnen die Gegend des Wassers bestimmen, das der Mann als Kind getrunken hat. Die Antwort auf die Frage Alamanne oder Franke soll laut Kokkotidis bis Ende des Jahres beantwortet sein.                 Bob / Fotos: Landesmuseum

 

Info: Landesmuseum Württemberg, Altes Schloss Stuttgart, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, montags geschlossen (außer an Feiertagen), Gruppenführungen nach Vereinbarung unter t 07 11/ 89 53 51 11; mehr unter  www.landesmuseum-stuttgart.de


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