Der Mann mit dem goldenen Kreuz

Landesdenkmalamt präsentiert Grab eines alemannischen Kriegers aus Bissingen – „Archäologischer Volltreffer“


Im vergangenen Frühjahr haben Archäologen des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg bei der Untersuchung des Bodens eines Neubaugebiets im Ortskern von Bissingen die Spuren einer großen alemannischen Siedlung entdeckt. Bei den Grabungen fanden sie auch das Grab eines Kriegers aus dem siebten Jahrhundert. Die reiche Ausstattung, darunter ein Kreuz aus Goldblech, weist auf einen bedeutenden Mann und auf die Frühzeit der Christianisierung in der Region hin. Kürzlich haben die Experten die Funde im Landesamt für Denkmalpflege in Esslingen präsentiert und ihre Restaurierung erläutert.

Die Gemeinde Bissingen, im Jahr  769 erstmals urkundlich erwähnt, geht auf eine alemannische Siedlung zurück, die vermutlich im fünften oder sechsten Jahrhundert gegründet wurde. Zwar ist ein alemannisches Reihengräberfeld nachgewiesen, Hinweise auf die Siedlung hatten aber bislang gefehlt. Im vergangenen Frühjahr stand die Bebauung einiger großer Gartengrundstücke in der Ortsmitte an, und Bissingens Bürgermeister Marcel Musolf informierte das Landesdenkmalamt, „weil wir ein ständiges Verdachtsgebiet für mittelalterliche Funde sind“. Die Experten fanden bei der Analyse von Luftbildern des 2000 Quadratmeter großen Areals klare Hinweise auf bedeutende Siedlungsstrukturen im Boden. „Also wurde eine Rettungsgrabung erforderlich“, sagte der Archäologe Jonathan Scheschkewitz, der gemeinsam mit seiner Kollegin Dorothee Brenner die Grabung leitete.

Bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse im Landesamt für Denkmalpflege in Esslingen erläuterten die Wissenschaftler, dass das frühe Bissingen aus Einzelgehöften bestand und eine „dichte Siedlungsstruktur“ aus Pfostenhäusern und halb in die Erde eingegrabenen Grubenhäusern für die Textilbearbeitung aufwies. Als „Besonderheit in Bissingen“ bezeichnete Brenner die vielen nachgewiesenen Öfen, die der Eisenverarbeitung dienten.

Mitten in der Siedlung gelang den Experten sogar „ein archäologischer Volltreffer“, berichtete Scheschkewitz. In einem der Gehöfte entdeckten die Archäologen das ungestörte Grab eines Mannes, der durch seine Ausrüstung und die Grabbeigaben als zumindest im Dorf bedeutender und wohlhabender Krieger gekennzeichnet ist. Der nach Einschätzung der Wissenschaftler mit 1,78 Metern für die damalige Zeit sehr große Mann wurde mit voller Bewaffnung, bestehend aus Lang- und Kurzschwert, Lanze und Schild, beigesetzt. Ein Pferdegeschirr und ein Metallsporn am Fuß weisen ihn als Reiter aus. „Das ist state of the art der damaligen Kriegstechnik“, beschrieb Scheschkewitz. Außerdem trug er einen wertvollen Gürtel.

Als besonders bedeutend werten die Archäologen den Fund eines Kreuzes aus Goldblech, das dem Toten, vermutlich auf ein Stück Tuch aufgenäht, auf das Gesicht gelegt worden war. „Die Christianisierung nahm im siebten Jahrhundert auch im alemannischen Raum Fahrt auf“, erläuterte Scheschkewitz. Das Kreuz ist mit vorchristlichen germanischen Symbolen geschmückt. Neben der Bestattung in einer eigenen Hofgrablege und den reichen Grabbeigaben weist dies laut Scheschkewitz auf einen Angehörigen der Oberschicht hin. „Sie spielte zu der Zeit mit solchen Symbolen“, sagte der Wissenschaftler. „Er war ein angesehener Mann, vielleicht hatte er das Sagen im Dorf. Vermutlich wollten seine Hinterbliebenen, dass er auch im Jenseits seinen Status behält. Die Familie konnte damit aber auch ihren eigenen gesellschaftlichen Rang demonstrieren“, erklärte Jonathan Scheschkewitz.

Um das Baufeld freizumachen, wurde die Grablege in vier Einzelblöcken in Gips gegossen und geborgen. In der Restaurierungswerkstatt des Landesdenkmalamts  arbeitet die Restauratorin Jelena Rieg derzeit daran, die Funde freizulegen, zu reinigen und in filigraner Kleinarbeit, teilweise unter dem Mikroskop, für eine Präsentation vorzubereiten. Marcel Musolf versicherte, dass die Funde eines Tages auch in Bissingen gezeigt werden können, wenn auch wahrscheinlich nur als Repliken. „Immerhin sind sie von hoher Bedeutung für die Ortsgeschichte“, sagte er.         pst / Fotos: pst


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