Deutschland macht Inventur

Für den Zensus 2022 laufen erste Vorerhebungen – Von Mai an werden in Stichproben auch Esslinger Bürger befragt

Etwa 500 000 Wohnungsbesitzer und -verwalter im ganzen Land bekommen dieser Tage  Post vom Statistischen Landesamt: Sie werden aufgefordert, Angaben zu ihrem Haus oder ihrer Wohnung zu machen. Mit dieser Vorbefragung für den Zensus 2022 wollen die Statistiker  prüfen, ob ihre Datenlage noch aktuell ist. Und zwar in den Fällen, in denen sie Unklarheiten oder Widersprüche in ihren Unterlagen entdeckt haben. Denn ihre Eigentümer- und Gebäudedaten „stammen aus verschiedenen Quellen, wie zum Beispiel den Vermessungsbehörden oder den Grundsteuerstellen“, erläutert Alexander Grund vom Statistischen Landesamt.  In der Vorbefragung wird etwa überprüft, ob die Anschrift noch stimmt oder der Besitzer gewechselt hat. 

Denn im nächsten Jahr sollen zum Stichtag 15. Mai alle Gebäude und Wohnungen in ganz Deutschland erhoben werden.  Ergänzt wird die Wohnraumerhebung im Zensus 2022 durch eine zweite Säule: eine auf Stichproben basierte Volkszählung, für die  sogenannte Erhebungsbeauftragte persönlich ins Haus  kommen. In Esslingen werden davon etwa 6000 Menschen in Privathaushalten, 2900 in Wohnheimen und eine noch ungewisse Anzahl in Gemeinschaftsunterkünften betroffen sein. Die Fragen reichen  vom Alter über die Staatsangehörigkeit und den Familienstand bis hin zu den Wohnverhältnissen.  Zu den Antworten ist man verpflichtet.

Aber nicht nur Deutschland macht Inventur, sondern die gesamte Europäische Union. Mit dem bislang letzten Zensus 2011 hatten sich die Länder auf ein normiertes  Verfahren im zehnjährlichen Turnus festgelegt. Einige haben es trotz Pandemie schon 2021 über die Bühne gebracht, andere – wie Deutschland – haben es  verschoben. Unverändert bleibt das Ziel der Aktion: Der Zensus 2022  soll Bund, Ländern und Kommunen eine verlässliche Zahlenbasis für ihre Planungen der nächsten zehn Jahre liefern. Auf der Basis der ermittelten Einwohnerzahlen werden aber auch die Finanzmittel im  Länder- und  kommunalen Finanzausgleich verteilt und die Wahlkreise zugeschnitten.

1987 gab es in Deutschland die letzte Volkszählung im herkömmlichen Sinne, in der alle Haushalte erhoben wurden. Dagegen habe es großen Widerstand in der Bevölkerung gegeben, sagt Ralf Lauschke, der Leiter der Esslinger Erhebungsstelle Zensus 2022, die dem Stadtplanungsamt zugeordnet ist. Ralf Lauschke, Denis Noparlik und Andrea Weller residieren aus Datenschutzgründen jedoch abgeschottet vom übrigen Rathaus in der Schelztorstraße 38. 

Im Zensus 2011 hatte man für die Haushaltsbefragung nur noch Stichproben angesetzt. Auch das hatte seine Tücken. Kleinere Kommunen wurden anders erhoben als größere. Deshalb, so monierten die Größeren, seien ihre  Einwohnerzahlen schmerzlich niedriger ausgefallen, als die Angaben in ihren Melderegistern –  weshalb sie die Zählung nicht akzeptieren wollten.  Denn jeder Kopf weniger bedeutete pro Jahr rund 1000 Euro weniger Schlüsselzuweisungen vom Land. Allein Esslingen waren rund 5000 Einwohner abhandengekommen: Mit 92 629 hatte die Stadt gerechnet, der Zensus kam  auf 87 519. Auch Plochingen, Wernau, Kirchheim und Nürtingen mussten bluten. Nachdem das Bundesverfassungsgericht 2018 Klagen aus Berlin und Hamburg abgewiesen hatte, riet der Städtetag Baden-Württemberg seinen Klägerinnen zum Rückzug. Auch Esslingen nahm seine Klage zurück. 

Für den Zensus 2022 haben die Statistiker jedenfalls daran gearbeitet, die Fehler soweit wie möglich zu entfernen. Vom Grundsatz her basiert er aber erneut auf der vollständigen Erhebung der Gebäude und Stichproben in den Haushalten. Im Esslinger Rathaus hat man bereits Anfang dieses Jahres die Erhebungsstelle eingerichtet,  „weil eine gute Vorarbeit schon die halbe Miete ist“, sagt Ralf Lauschke. Welche Haushalte  in Esslingen betroffen sein werden, ermittelt  das Statistische Bundesamt. Das Rathaus ist nur Dienstleister, die Ergebnisse der Befragungen werden an das Statistische Landesamt weitergeleitet. Das wiederum schickt die Bögen an die Kollegen im Wiesbadener Bundesamt. Die einzelnen Datensätze sind nachher keinem Haushalt mehr zuordenbar, versichert das Esslinger Zensus-Team.  biz/Foto: Thomas Schröder/Archiv


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