Die jugendliche Vielfalt begreifen

Sozialwissenschaftler Peter Martin Thomas beim IHK-Neujahrsempfang in Nürtingen – Chancen bei der Werbung um Auszubildende

Sie sind schwer zu fassen, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Generell, wenn die Altersgruppe pauschal kategorisiert werden soll. Aber auch für Unternehmen, die den beruflichen Nachwuchs für eine duale Ausbildung begeistern wollen. Beim Neujahrsempfang der Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen der Industrie- und Handelskammer (IHK) in der Nürtinger Stadthalle K3N eröffnete Gastredner Peter Martin Thomas dem Publikum vor wenigen Tagen Einblicke in Kinderzimmer und Lebenswelten. Er gab den Betriebschefs aber auch eine Art Leitfaden an die Hand, wie sie im Rennen um Auszubildende besser zum Zug kommen können.

Thomas hat im Auftrag der IHK Baden-Württemberg im Land tausend 16- bis 24-Jährige nach ihrem Leben, ihren Hoffnungen und Wünschen befragt. Thomas stammt aus Sindelfingen, hat Erziehungswissenschaften studiert, hat Lehraufträge an mehreren Hochschulen und ist Leiter der Sinus-Akademie in Heidelberg. In seiner Studie kommt er zu dem Schluss, dass die Jugendlichen durchaus ehrgeizig sind, in ihrem Leben darf der Spaßfaktor allerdings nicht zu kurz kommen. Und vielfach ist eine Familiengründung zentraler Bestandteil der Lebensplanung. Doch auf Beständigkeit solle sich der Betrachter nicht einstellen. „Die Jugendlichen schaffen sich einen Wertemix, der sich ständig verändert“, sagt der Sozialwissenschaftler.

Thomas wies in seinem Vortrag nicht nur darauf hin, dass sich die Kommunikation im Zuge der Digitalisierung in nur wenigen Jahren radikal verändert hat. Insbesondere durch den demografischen Wandel habe sich auch die Optionsvielfalt der jungen Generation vergrößert. „Früher waren wir immer überall zu viele“, sagte der Spross der Babyboomer-Generation. Die Möglichkeiten gerade in der Berufswelt seien heute deutlich vielfältiger. Und: „Im Gegensatz zu vor 20, 30 Jahren ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern besser.“ Es werden sogar generationenübergreifend die gleichen Klamotten angezogen, dieselben Konzerte besucht. Bei so großer Freiheit und Harmonie, so viel Mitbestimmung innerhalb der Familie
gingen allerdings Streit- und Reibungspunkte verloren, die sich dann beim Lehrer oder Ausbilder entladen könnten.

Thomas hat ein Lebensweltenmodell für die U-18-Generation erstellt, in dem er die Jugendlichen in sieben Gruppen einteilt. Drei davon zeichnete er etwas präziser. Die konservativ-bürgerliche Gruppe lebe Werte wie Sicherheit und Geborgenheit, sie habe klare Vorstellungen von Job und Familie. Bei den materialistischen Hedonisten bekämen der Spaßfaktor im Leben, Geld und Luxus eine größere Rolle. Und dann wird die expeditive Gruppe genannt, die immer vorne dran sei, der vieles leichtfalle. Deren Mitglieder seien die Unabhängigen, die Kreativen. Fleiß und Ehrgeiz wird den Jugendlichen fast durchweg beschieden.

Mit derlei Ansatzpunkten versuchte Thomas, Strategien vorzugeben, wie auf Jugendliche als künftige Auszubildende zugegangen werden kann. Denn dabei müssen sich die Unternehmen etwas einfallen lassen. Nach den Forschungen der Sinus-Akademie streben aktuell nur 24 Prozent des Nachwuchses eine Berufsausbildung an. „Ein Warnsignal“, sagte Thomas. 35 Prozent wollen studieren, 13 Prozent wollen nach dem Schulabschluss weiterführende Schulen besuchen. „Aus der Vielfalt der Jugendlichen gilt es, die passenden Auszubildenden zu finden“ sagte Thomas. Und Überzeugungsarbeit zu leisten.

Da könnten auch Mittelständler und Kleinbetriebe punkten. Denn eines der Studienergebnisse besagt, dass der Spaß im Beruf, das Einbringen der eigenen Fähigkeiten, auch das Verhältnis zu Vorgesetzten und Kollegen den Jugendlichen besonders wichtig ist. Das Gehalt spiele eine nachrangige Rolle. Und ganz wichtig: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Das sind super Chancen für die Betriebe“, unterstrich Thomas.

Für sich zu werben, gelinge am besten über Praktika. Auch über Ausbildungsmessen, Bildungspartnerschaften oder Aktionstage an Schulen lassen sich die Jugendlichen erreichen. Im Feld der Studien- und Gymnasialabbrecher sollten sich die Betriebe umschauen.

Die potenziellen Auszubildenden gelte es dabei stets ernst zu nehmen, auch schnell auf Fragen und Anforderungen zu reagieren. Werde soziales Verantwortungsbewusstsein demonstriert, etwa beim Sponsoring des örtlichen Sportvereins, komme das gut an. Zudem seien Vorzüge des Unternehmensstandorts wie Wohnmöglichkeiten und Verkehrsanbindung hervorzuheben. Aufstiegschancen, Möglichkeiten wie ein Studium nach der Ausbildung, seien aufzuzeigen. Damit die Bewerber an Informationen kommen, sei eine gute Unternehmens-Webseite wichtig. Die Güte einer Ausbildung verbreite sich zudem unter Jugendlichen schnell.

Heinrich Baumann, der Präsident der IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen, schätzte derlei Hinweise in Bezug auf „unsere wichtigste nachwachsende Ressource – unsere Jugend“. Und der Präsident gab sich selbstbewusst. „Wir dürfen die duale Ausbildung nicht schlecht machen lassen“, sagte Baumann.           ch / Foto: bul


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