Die Kinderstube der Steinkäuze

Bei einer Beringungsaktion gibt Dieter Schneider Einblicke ins Leben der bedrohten Eulenart


Der Steinkauz ist einer der Verlierer des enormen Siedlungsdrucks im Stuttgarter Raum. Immer seltener findet die kleine Eulenart, die bevorzugt in den Streuobstwiesen lebt, natürliche Nistmöglichkeiten. Bis auf einige wenige Exemplare ging der Bestand im Landkreis Esslingen zurück. Dank der ehrenamtlichen Arbeit der Artenschutzgruppe Steinkauz des Nabu Köngen-Wendlingen steigt die Zahl der Brutpaare aber wieder.

Schön ist es im Wohnzimmer der Steinkäuze. Alte Obstbäume, weite Felder und Wiesen hat die kleine Eule bei Köngen quasi direkt vor der Haustür. Gute Jagdgründe also für die Vertreter der Athene noctua. Mäuse, kleine Amphibien, aber auch Insekten wie die brummenden Junikäfer stehen auf dem Speiseplan der bis zu 23 Zentimeter großen Eulenart mit den schwefelgelben Augen. Nun allerdings steht jede Menge Besuch im Vorgarten: Mehr als 50 Teilnehmer hat Dieter Schneider von der Artenschutzgruppe Steinkauz zu einem ganz besonderen Ereignis im Geleit: der Beringung der jüngsten Steinkauz-Generation.

Bevor die Besucher jedoch einen Blick auf den flauschigen Nachwuchs werfen dürfen, gibt es erst einmal ein paar Daten und Fakten. Schneider ist ein echter Steinkauz-Kenner. Seit 39 Jahren bemüht er sich um den Fortbestand der nachtaktiven Vögel in der Region. 1972 – der Steinkauz ist gerade Vogel des Jahres – findet er kein einziges Brutpaar in seinem Bezirk. Ans Aufgeben denken der engagierte Naturschützer und seine Helfer nicht, sie bieten Nisthöhlen an und patrouillieren regelmäßig durch die Streuobstwiesen rund um Wendlingen, Köngen, Oberboihingen, Notzingen und Jesingen.

Nach zwanzig Jahren Arbeit wird der Erfolg langsam sichtbar: Acht Brutpaare verzeichnet er 1992 in seinem Gebiet. Inzwischen ist die Zahl sogar weiter gestiegen; im Schnitt sind es rund 25. Für Schneider nur ein Teilerfolg. Denn wo immer alte Streuobst-Hochstämme gefällt werden, geht ein Stück Lebensraum für die kleine Eule verloren. „Natürliche Nisthöhlen finden die Tiere kaum noch“, sagt der Nabu-Mann. „Früher haben die Steinkäuze auch nahe bei den Menschen gelebt, in Scheunen oder Unterständen, doch auch die gibt es kaum noch.“

Auch das Klima macht den Vögeln zu schaffen. Ist es so heiß und stickig wie vor wenigen Tagen, drohen die Jungen in den Niströhren zu verdursten. Bei seinen Kontrollgängen päppelt Schneider die Nestlinge deshalb schon mal mit einer Pipette voll Wasser auf. Anders als bei Reh oder Hase macht es den Kauz-Eltern übrigens nichts aus, dass er dazu die Vögel in die Hand nimmt: „Steinkäuze haben nur einen schlecht ausgeprägten Geruchssinn“, erklärt Philip Rösler, der Schneider seit Jahren assistiert. Nur wenn die Mutter auf den Eiern sitzt, ist Vorsicht geboten: „Stört man sie, kann es sein, dass sie das Gelege im Stich lässt.“

Mindestens 4000 Kilometer fährt Schneider Jahr für Jahr in Sachen Artenschutz. Neben dem Steinkauz kümmert er sich um Wanderfalke, Uhu und Kolkrabe. Die regelmäßige Kontrolle der Niströhren ist aufwendig, aber notwendig. Ist es nass, füttern die Elterntiere auch Regenwürmer. Da sie aber den Kot nicht ausräumen, entstehe ein ungutes Milieu in der Röhre, so dass gesäubert werden müsse.

In der Regel beginnen die Steinkäuze, die bei den Griechen als Vogel der Weisheit verehrt, in Mitteleuropa aber als Unglücksvogel verschrien und getötet wurden, Anfang April mit der Eiablage. In diesem Jahr verzeichnet Schneider aber einige Nachzügler. „Woran das liegt, kann ich nicht sagen“, sagt er. Trotz Marderverbiss rechnet er für 2015 mit rund 60 jungen Steinkäuzen, die dazu beitragen, die Eulenart in unseren Breiten zu erhalten.

Fünf davon werden gar zu Botschaftern ihrer Art. Als Gerhard ­Deusch­le die fast schon flüggen Jungtiere aus dem Jutesäckchen holt, klicken unzählige Fotoapparate und Handykameras, um die flauschigen Nachkommen mit ihren großen Augen in Pixeln festzuhalten. Auch Anfassen ist erlaubt. Dann aber geht Rösler daran, den Nachwuchs zu wiegen und zu vermessen. Die Daten bekommt das Max-Planck-Institut in Radolfzell zur Auswertung, um noch mehr über die fliegenden Kobolde der Streuobstwiesen zu erfahren.   mo / Foto: mo


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