Die mit den Ohren sehen

Seit 50 Millionen Jahren gibt es Fledermäuse – Die Bestände in Deutschland gehen dramatisch zurück – Im Haus Quartiere anbieten

Die mit den Ohren sehen

An Halloween müssen sie wieder als Party-Deko und Gruselsymbole herhalten – dabei sind die Klischees über Fledermäuse ganz weit weg von der Realität. Alle in Deutschland lebenden Fledermausarten stehen auf der Roten Liste gefährdeter Arten und sind streng geschützt. Die AG Fledermausschutz geht davon aus, dass es noch gut 20 Fledermausarten in Baden-Württemberg gibt. Ob sie nun Großer Abendsegler, Kleines Mausohr oder Hufeisennase heißen – bei allen sind die Bestände in den vergangenen Jahrzehnten stark geschrumpft. Als vor einigen Jahren der Kot der Kleinen Hufeisennase in der Basilika von Weingarten am Bodensee gefunden wurde, war die Aufregung groß: Von überall reisten Fledermausfreunde an, in der Hoffnung, einen Blick auf diese Art, die in Baden-Württemberg als ausgestorben gilt, zu erhaschen. Es war vergebens, niemand sichtete die Kleine Hufeisennase, die keine zehn Gramm wiegt – bei einer Flügelspannweite von bis zu 25 Zentimetern.

Der Nachweis der Dämmerungs- und Nachtschwärmer ist schwierig und oft nur indirekt über den Kot möglich, erklärt Ralf Hilzinger. Der Altbacher ist Biologe, Naturschützer und ausgewiesener Fledermausexperte. Mit akustischen Verfahren kann man Fledermäuse anhand ihrer für jede Art charakteristischen Rufe identifizieren. Neben den für uns unhörbaren Ultraschalllauten zur Orientierung gehören auch Soziallaute im hörbaren Bereich zum Repertoire der fliegenden Säugetiere. Damit kommunizieren sie zum Beispiel bei der Balz oder auch im Quartier, was teilweise wie ein Zwitschern oder Grillen klingt. Selbst die Ortungsrufe grenzen teilweise ans menschliche Hörvermögen: „Die Abendsegler rufen mit ihren tiefen Frequenzen bis 16 Kilohertz herunter, Kinder können bis 20 Kilohertz hinauf hören“, erklärt Hilzinger, der vor Jahren diese Laute öfter mal in Esslingen über der Maille wahrgenommen hat.

Auf den Internetseiten der AG Fledermausschutz Baden-Württemberg kann man Karten mit den Beständen von 24 Arten einsehen. Die Rückgänge sind durch die Bank drastisch, wobei ein ganzes Bündel von Ursachen eine Rolle spielt. So finden die faszinierenden Säugetiere immer weniger Brutplätze und vor allem Wochenstuben: So nennt man die Quartiere, in denen die Weibchen mancher Arten den Sommer über ihre Jungen aufziehen, in Kolonien von teils mehr als 1000 Tieren. Große Dachböden oder Scheunen mit Einflugöffnungen werden jedoch immer seltener.

Die Behandlung des Dachgebälks mit Holzschutzmitteln war einer der schwerwiegenden Gründe für den Rückgang von Fledermäusen, bei empfindlichen Arten wirken die Giftstoffe noch heute nach. Beim Fressen von Insekten, ihrer Hauptnahrung, reichern Fledermäuse zudem Pestizide an. Dadurch werden sie und ihr Nachwuchs geschwächt. Außerdem wird die Nahrung insgesamt knapper, gerade dieses Jahr seien extrem wenig Falter und Insekten unterwegs gewesen, sagt Hilzinger. Das könnte ein Grund dafür sein, dass ihm mit sieben Tieren – meist verwaisten Jungtieren – deutlich mehr Patienten zum Pflegen und Aufpäppeln gebracht wurden als im Vorjahr. Der Altbacher füttert die Kleinen zunächst alle zwei bis drei Stunden mit der Pipette und Hundewelpen-Ersatzmilch. Neben den Jungtieren werden ihm immer wieder „Bruchpiloten“ gebracht. So hat er eine Zwergfledermaus bekommen, die einen Flügel nicht mehr öffnen kann und wohl zu seinem ständigen Mitbewohner wird. Sie frisst zum Glück schon Mehlwürmer aus dem Napf.

Den Winter verbringen die Nachtschwärmer möglichst ungestört in Höhlen, ungenutzten Kellern, Baumhöhlen oder auch Holzbeigen. Mit dem Aufhängen von Fledermauskästen, dem Offenlassen von Spalten am Haus und weiteren Maßnahmen kann man Fledermäusen Quartierplätze anbieten, beim Um- oder Ausbau von Dachböden müsse der Fledermausschutz beachtet werden. Dabei kann man sich von Naturschützern beraten lassen. Manche Arten „kommen mit moderner Architektur klar“, sagt Hilzinger. Dazu gehöre die Zwergfledermaus, die wieder „vergleichsweise häufig und quasi überall in Deutschland verbreitet ist“. Den Minis, die in eine Streichholzschachtel passen, reichen kleinste Spalten als Quartier. So halten sie sich zum Beispiel gern in Rollladenkästen oder den nach unten offenen Blenden auf, die den Rand von Flachdächern verkleiden. Ein Spalt von ein bis zwei Zentimetern genüge, sagt Hilzinger, „wenn sie Rücken- und Bauchkontakt haben, fühlen sie sich sicher“. Wenn es in der Dämmerung schrill zwitschert und grillt, können das also Zwergfledermäuse an der Attika sein.    aia / Foto: Nabu / Eberhard Menz


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