Die Standort-Debatte hält an

Bürgerinitiative kritisiert Windpark-Ausbeute auf dem Schurwald als zu gering – Betreiber EnBW ist zufrieden

Es ist kein Geheimnis, dass die Propeller häufig still stehen. Die Rede ist von den drei Windkraftanlagen, die die EnBW seit 2017 auf dem Schurwald im Windpark Goldboden-Winterbach (Rems-Murr-Kreis) betreibt. Seit Jahren werden die Anlagen des Typs Nordex N 131 – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kreis Esslingen gelegen – von Anwohnern und einer Bürgerinitiative beobachtet. Die Gruppierung Pro Schurwald bezeichnet den Standort inzwischen als „Windpark Lahmer Flügel“. Der Betreiber EnBW sieht das anders.
Die Propeller in 164 Meter Nabenhöhe standen zuletzt wieder einige Wochen still. Der Grund: technische Probleme. Das Thema Stillstand der drei Windkraftanlagen dient genauso als Zankapfel wie die grundsätzliche Frage, wie gut sich der Standort überhaupt für die Stromgewinnung eignet. In ihrer jüngsten Stellungnahme erklärt die Bürgerinitiative Pro Schurwald: „Der Windkraftstandort WN-34 Goldboden verfehlt die Planung nachhaltig.“ Begründet wird dies mit der Analyse von Daten, die die EnBW-App geliefert habe. Diese Daten ermöglichen es, die monatlichen und jährlichen Erträge der Anlage zu ermitteln. Anschauen können die Ergebnisse alle, die die kostenlose App E-Cockpit herunterladen.
Die Gruppe hat die Stromausbeute des Windparks mit den Planungen des Betreibers EnBW sowie dem Windatlas des Landes von 2019 verglichen. Nach den Plänen der EnBW sollten am Goldboden 25 Gigawattstunden Strom pro Jahr erzeugt werden, so die Bürgerinitiative. Ein Ertragsziel, das sich beim Blick auf die Projektdetails, die die EnBW veröffentlicht hat, bestätigt.

Ziel deutlich verfehlt
Hier ist von insgesamt 7500 Haushalten die Rede, die die drei Anlagen rechnerisch versorgen können. Legt man einen Drei-Personenhaushalt mit einem durchschnittlichen Stromverbrauch von 3500 Kilowattstunden pro Jahr zugrunde, müssten die Anlagen gut 26 000 Megawattstunden produzieren. Das ist bisher deutlich verfehlt worden. Das zeigen die Werte, die sowohl die EnBW als auch die Bürgerinitiative für die vergangenen drei Jahre melden – und die fast bis aufs Komma übereinstimmen.
Demnach wurden 2019 und 2020 je rund 19,7 Gigawattstunden sowie im vergangenen Jahr 17,7 Gigawattstunden Strom gewonnen. Für die überdurchschnittlichen Windjahre 2019 und 2020 stellt die Bürgerinitiative ein Minus von 21 bis 29 Prozent fest und folgert: „Wenn in Rekordwindjahren die Planung so deutlich verfehlt wird, muss von einer Fehlplanung ausgegangen werden.“
Und weiter heißt es, die schlechte Leistung des Windkraftstandortes Goldboden zeige, dass der windschwache Schurwald für die Windkraft ungeeignet sei. Der niedrige Stromertrag stehe in keinem Verhältnis zu den Beeinträchtigungen und Nachteilen, die die Anlagen für Landschaft, Natur und Menschen bedeuteten.

„Nachhaltig erzeugt“
Die EnBW erklärt hingegen, sie sei mit dem Windparkstandort Winterbach nach wie vor zufrieden. „Wichtig sind hier die Langfristbetrachtungen über die Laufzeit von 25 Jahren.“ Bei dem Ertrag handle es sich um „nachhaltig erzeugte Strommengen, die letztendlich auch zur Netzstabilität in der Region beitragen.“ Das Windangebot der vergangenen Jahre im Südwesten sei allerdings „leider unterdurchschnittlich“. Und 2021 sei über ganz Deutschland gesehen ein schlechtes Windjahr gewesen. Damit verbundene Stillstände seien bei der Wirtschaftlichkeitsberechnung aber mit eingerechnet worden.
Die EnBW-Sprecherin Dagmar Jordan erinnert an die Ziele der Klimawende, die gesellschaftlich breiten Konsens fänden, und ergänzt: „Jede Kilowattstunde, die CO2-frei erzeugt wird, ist sinnvoll.“ Die Entlastung der Umwelt vom klimaschädlichen CO2 durch den Windpark Goldboden beziffert die EnBW in den vergangenen drei Jahren auf 7000 bis 7900 Tonnen pro Jahr.
Die Bürgerinitiative Pro Schurwald führt auch die Anzahl der Flautetage als Argument gegen den Windpark ins Feld. Demnach soll im vergangenen Jahr an 180 Tagen am Goldboden Flaute geherrscht haben, wobei Flaute bedeute, die erbrachte Leistung habe weniger als zehn Prozent der Nennleistung erbracht. An 48 Tagen habe sogar totale Windstille geherrscht. Stillstand sei somit „der häufigste Betriebszustand der Wind-Industrieanlagen am Goldboden“. Zur Zahl der Stillstand-Tage will sich die EnBW aus Wettbewerbsgründen nicht äußern. Sie listet aber – nach Häufigkeit – Gründe für Stillstand auf: Fledermausschutz, Schattenwurf, Eisansatz oder Schallschutz, negative Strompreise, Wartungsarbeiten sowie Vorsorge bei hoher Einspeiseleistung, Netzüberlastung und zu viel oder zu wenig Wind.

com / Foto: Roberto Bulgrin


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