Die Trauer hat nun einen Platz

Im Wernauer Stadtwald erinnert eine Lindenallee an die Toten, die der Pandemie im Landkreis zum Opfer gefallen sind

Knapp 30 neu gepflanzte Winterlinden säumen den idyllischen Waldweg im Gewann Sulzhau oberhalb von Wernau. Eine Linde steht für 20 Corona-Tote im Landkreis Esslingen. Bisher – denn über der kleinen Gedenkstunde, in deren Verlauf der Esslinger Landrat Heinz Eininger, tatkräftig unterstützt vom Wernauer Bürgermeister Armin Elbl, vergangene Woche die Allee mit der Pflanzung des letzten Baumes komplettierte, schwebte unausgesprochen eine Befürchtung: Das Verhältnis von 1:20 könnte sich, bis die vierte Welle der Pandemie endlich  überstanden sein wird, noch dramatisch verschlechtern.

„Nur selten machen wir uns im Alltag bewusst, dass hinter jedem Todesfall in Folge einer Covid-19-Erkrankung ein Mensch, ein Schicksal steht“, sagte der Kreischef unter Hinweis auf die 594 Menschen, die dem Virus im Landkreis Esslingen bis Ende vergangener Woche  zum Opfer gefallen waren. Ihnen allen zum Gedenken, aber auch in Würdigung all jener, die an vorderster Front gegen das Virus kämpfen, die Sterbende begleitet haben, die Hinterbliebene unterstützen, die unter den Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit leiden, deren Seele Schaden genommen hat, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen oder die mit den Folgen einer Infektion zu kämpfen haben, ist die Lindenallee gepflanzt worden.

Am Anfang und am Ende der Baumreihe laden zwei Holzbänke zum Innehalten und Verweilen ein. Zwei Stelen erinnern zudem an die Bestimmung der Gedenkallee. „Der Ort soll Trauer einen Platz geben und Trost spenden in der Natur“, sagte Eininger. Der Landrat nutzte das Gedenken,  um angesichts der sich zuspitzenden Situation in den Krankenhäusern eindringlich an die Impfbereitschaft der Menschen im Landkreis zu appellieren. Die Kapazität an Intensivbetten im Landkreis sei  erschöpft. Meist lägen dort Ungeimpfte. „Lassen Sie sich impfen. Impfen ist mehr denn je eine Bürgerpflicht! Wer sich impft, schützt nicht nur sich selbst, sondern übernimmt auch Verantwortung für andere“, so der Kreischef.

Viel zu viele hätten auf den Intensivstationen um ihr Leben gekämpft und seien gestorben, oftmals einsam. „Sterben in der Pandemie, das ist oft ein Tod ohne Abschied, ohne Beistand, ohne eine letzte Umarmung geliebter Menschen“, erinnerte der Landrat. Aber auch die Angehörigen hätten nicht Abschied nehmen können von ihren geliebten Menschen und seien  ohne ein letztes Wort, einen letzten Wunsch, eine letzte Berührung, einen letzten Gedanken zurückgeblieben. Mit der Allee im Wernauer Stadtwald setze der  Landkreis ein Zeichen der Verbundenheit und der Hoffnung, sagte Eininger: „Ich möchte die Trauernden in unserem Landkreis einladen, hierher nach Wernau zu kommen und die Allee des Gedenkens zu besuchen. Setzen Sie sich auf die Bänke. Verweilen Sie, halten Sie inne. Trauern Sie. Suchen Sie Trost unter den Bäumen.“ 

adt/Foto: Ines Rudel


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