Ein Mörder kalt wie Eis

ECHO-KRIMIRÄTSEL

Überrollt: Ein Toter im Esslinger Eisstadion – Kommissar Blickle lernt viel über die Technik der Eisaufbereitung

Hauptkommissar Horst Blickle hatte in seiner langen Zeit bei der Mordkommission schon so manchen schlimmen Tatort gesehen. Dieser jedoch ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Sprichwörtlich. Vor ihm, auf dem Eis, lag ein Mensch, oder vielmehr das, was die Eisbearbeitungsmaschine aus ihm gemacht hatte, als sie über ihn gefahren war.
Das Richard-Hirschmann-Eisstadion der ESG auf der Neckarinsel in Esslingen, ein beliebter Ort bei Eisläufern und Eissportlern, wimmelte an diesem Morgen von Mitarbeitern der Mordkommission und der Spurensicherung. Kurz vor 9 Uhr hatte die völlig aufgelöste Reinigungskraft den Vereinsvorsitzenden Dieter Fingerle angerufen. Es hatte gedauert, bis Fingerle verstand, was die Frau schrie: „Alles voller Blut, das Eis, so rot, überall Blut, oh mein Gott.“
Fingerle hatte die Polizei gerufen und war zum Stadion geeilt. Dort bot sich ihm ein grauenhaftes Bild. Die sechs Tonnen schwere Eisaufbereitungsmaschine, die das Eis des Stadions regelmäßig aufpoliert, war über den Körper des Unglücklichen gefahren und hatte ihn fürchterlich zugerichtet. Nicht nur das Gewicht des Fahrzeugs hatte Grauenvolles angerichtet, sondern auch noch die Messerwalze des „Mammoth“, die das Eis abhobelt, bevor es mit warmem Wasser versiegelt und glatt poliert wird. Ein paar Meter weiter auf dem Eis stand das Elektrofahrzeug, weiß und blau, aber keineswegs bedrohlich.
Fingerle kannte das Opfer überdies, sein Gesicht war im Gegensatz zu seinem Körper nicht zerstört. Der Tote war Sven Muth, der bis kurz zuvor noch Eismeister bei der ESG war und eben den „Mammoth“ regelmäßig gefahren hatte.
Fingerle stand jetzt bei Blickle und seiner Kollegin Bettina Schnell am Tatort. Blickle ließ sich vom ESG-Vorsitzenden in die Technik der Eiserneuerung einführen. Er erfuhr, dass beim Eissport Kufen das Eis zerkratzen und einen leichten Schnee hinterlassen, der das Eis stumpf macht. Alle 90 Minuten wird deshalb der Betrieb unterbrochen und der Eismeister glättet mit der Maschine das Eis. „Die Eisschicht muss immer drei bis vier Zentimeter dick sein“, erklärt Fingerle. Minus elf Grad ist das Eis kalt. 60 Grad das Wasser zum Auffüllen der Fugen warm. Spezialwissen, dachte Blickle und schrieb fleißig mit.
Das Gespräch wurde unterbrochen, als Pathologe Hades antrabte: „Todeszeitpunkt am Vorabend“, sagte er. Und er vermutete: „Der Mann ist wohl ausgerutscht als er versuchte, davonzulaufen, und lag auf dem Eis, als der Wagen ihn überrollte.“ Das überzeugte auch den Kommissar, der sich gefragt hatte, wie der Täter das Opfer erwischen konnte. Schneller als 14 Stundenkilometer konnte man mit dem „Mammoth“ nicht fahren.
Der Kommissar machte sich nun daran, mehr über den Toten zu erfahren. Jemand musste Sven Muth sehr gehasst haben. Muth war in der Tat nicht beliebt. Auch nicht bei Fingerle. „Muth war arrogant, skrupellos, geldgierig, ein Frauenheld und äußerst rücksichtslos“, sagte er. Die ESG hatte sich kürzlich von ihm getrennt, als er bei einer seiner Touren ein junges Mädchen, das trotz Betriebspause noch seine Pirouetten auf dem Eis drehte, mit Gewalt von der Bahn geholt hatte. So grob, dass die kleine Tatjana einen Faserriss erlitt, nicht trainieren konnte und Wettkämpfe verpasste. Für die ehrgeizigen Eltern eine Katastrophe. Es gab auch so manchen wütenden Ehemann, da Muth jede Frau anbaggerte und zumindest teilweise damit Erfolg hatte. Jüngst wohl auch bei der Frau seines Kollegen, des anderen Eismeisters im Verein.
Und dann gab es noch den älteren Lehrer, den Muth mit einer betrügerischen Geldanlage um sein komplettes Erspartes geprellt hatte. Drei Menschen, die ein Motiv hatten, den ehemaligen Eismeister um die Ecke zu bringen. Und die Gelegenheit ebenfalls, denn von den Wirtsleuten in der Vereinsgaststätte Iglu, Harald Panse und seiner Frau, hatte Blickle erfahren, dass alle drei Personen am Abend zuvor im Restaurant waren. Um 22 Uhr hatte das Iglu geschlossen, Muth war da noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt.
Auf der zu dieser Zeit völlig einsamen Neckarinsel hätte sich jeder der Verdächtigen wieder anschleichen und Muth angehen können. Blickle und Schnell beschlossen, die drei herzuholen und getrennt zu verhören. Sie erfuhren, dass sowohl Eismeister Gerald Glatt als auch der Vater der Turnierhoffnung, Klaus Kader, die Eismaschine gut kannte. Lehrer Peter Prell hingegen hatte weder vom Eissport eine Ahnung, noch wusste er, dass es solche Maschinen überhaupt gibt.
Alle einte ihre Abscheu gegenüber dem Opfer. Glatt machte kein Hehl daraus, dass er über Muths Tod froh sei. „Getötet habe ich ihn jedoch nicht“, sagte er. „Nein, den schönen neuen „Mammoth“ so zu missbrauchen. Ich bin aus dem Iglu direkt nach Hause.“ Der von Muth betrogene Geschichtslehrer, Peter Prell, versuchte, seine Verachtung gar nicht erst zu verbergen. Muth hätte den Tod verdient. „Mein Erspartes, eine halbe Million Euro, ist futsch.“
Er habe das Iglu besucht, nur um zu sehen, in welcher Umgebung Muth arbeitet. Dieser sei ein primitiver Mensch gewesen, ohne Niveau, der nichts gekonnt habe, außer vielleicht mit einem 6-Tonner Eis aufzukratzen.
Der Vater der jungen Eisläuferin, Klaus Kader, grinste. „Tot ist der?“, fragte er. „Gut so!“ Die Karriere seiner kleinen Tatjana sei ruiniert. Das Geld, das er investiert habe, sei verloren. „Ich hab es mir oft vorgestellt, was ich mit dem mache“, gestand er. „Aber das ist nur Fantasie, auch wenn es mir gefällt, das mit der Eismaschine.“ Blickle sinnierte noch, als seine Kollegin Schnell ihm zuzischte: „Blickle, da lügt doch einer.“ Da fiel es auch dem Hauptkommissar auf und „klick“ machten die Handschellen. Bei wem? Und warum? bob / Foto: ESG


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