Es geht immer mehr als man denkt

Gesundheitsförderungsprogramm Gorilla macht Station an Esslinger Rohräckerschule – Bewegung, gesundes Essen und Nachhaltigkeit

Was ist heutzutage bei Jungen und Mädchen cool: hochwertiges Essen, Bewegung und Sport, ein von Nachhaltigkeit geprägtes Leben? Eher nicht. Es sei denn, die Leute vom Projekt Gorilla bringen diese Werte den jungen Menschen nahe. So wie kürzlich in der Rohräckerschule in Esslingen, wo die Stiftung mit ihrem gemeinnützigen Sport- und Pädagogikprogramm Station gemacht hat.

Freestyle-Sportarten wie Footbag, Frisbee, Skateboard, Breakdance und Biken für behinderte und nicht behinderte Schüler hat Gorilla im Programm, ebenso leckeres nahrhaftes Essen. Acht Coaches, darunter etliche deutsche und internationale Meister ihres Fachs, haben ihre Ideen, ihr Wissen und Können den rund 120 Schülern der Rohräckerschule und der Zollberg-Realschule vermittelt. Und das alles ohne den erhobenen Zeigefinger, sondern lässig und selbstverständlich auf Augenhöhe.

„Wir leben das, was wir weitergeben“, sagt Rosalie Kubny, die ein gesundes Frühstücksbüfett für die Jungen und Mädchen gerichtet hat – mit Getreideflocken, Nüssen, und frischem Obst. „Viele Kinder kennen ein Frühstück gar nicht“, hat Kubny, Tanzpädagogin sowie Friedens- und Konfliktforscherin, registriert. Letztlich ist sie zufrieden. Der lange Tisch mit dem Essen war am Ende fast ganz leer gefegt. Die Kinder hätten sich auch an Lebensmittel getraut, die sie nicht gekannt haben, wie an Hafer- und Mandelmilch beispielsweise. Manch einer habe nach Zucker gefragt und sei dann auch mit Honig und Agavendick­saft recht zufrieden gewesen. Aber auch Kubnys Begeisterung für gesundes Essen mag die Schüler überzeugt haben. Kubny: „Wir Coaches müssen Vorbilder sein.“

Nach dem Frühstück standen verschiedene  Workshops auf dem Programm: Frisbee werfen, Skaten, Longboarden, Breakdancen, Rollstuhl-Skaten  und anderes mehr. Die rund 120 Fünft- bis Siebtklässler klettern am Container hoch, springen parkourgemäß über Hindernisse, drehen Moves auf dem Boden oder beschleunigen ihren Rollstuhl die Rampe hoch.  „Es geht immer mehr als du denkst“,  ist das Credo von David Lebuser. Er und seine Partnerin Lisa Schmidt sind Begründer des Sit‘n‘skate – skaten im Rollstuhl also.

„Es geht Gorilla um Bewegung, gesundes Essen und um Inklusion“, erklärt Tobias Kupfer, der Gorilla Deutschland nach einem Schweizer Vorbild gegründet hat. Der 41-jährige Vater von fünf Kindern ist mehrfacher Weltmeister im Streetskating und damit der coole Typ, der junge Leute motivieren kann. Er kann den Kids nahebringen, dass es sich lohnt, eine „Challenge“ anzunehmen, auch wenn man Rückschläge erleidet.

„Verletzungen, Schrammen, Schmerzen sind Begleiterscheinungen im Leben, nicht nur beim Skaten“, sagt Kupfer, der in der Skater-Szene unter seinem Künstlernamen Albertross bekannt ist. So könnten junge Menschen zu selbstsicheren und bewussten Erwachsenen werden, die Verantwortung für sich und den Planeten übernehmen. Kupfers eigene Geschichte eignet sich überdies auch gut als Rollenmodell. In der DDR begann er als Neunjähriger, inspiriert von einem heimlich angeschauten West-Fernsehfilm über das Skaten, mit dem Sport. Der Vater baute ihm aus einem Brett und ein paar Rollschuhen ein Board, auf dem der Junge übte. Bis zu zehn Stunden am Tag. Nach der Wende ging er in die USA, nannte sich Albertross und gewann die wichtigsten Wettbewerbe.

Und wenn Kupfer mit dem grün-schwarzen Rucksack und der schwarzen Trinkflasche mit dem Gorilla-Emblem über den Schulhof schlendert, dann hat er die Kids im Schlepptau. „Der hat‘s drauf“, raunt ein Junge seinem Freund zu. Und versucht es selbst auf dem Brett.

Vor drei Jahren ist das Projekt  Gorilla in der Johannes-Wagner-Schule in Nürtingen gestartet – gecoacht vom Schweizer „Gorilla“ Roger Grolimund. Schirmherr war Matthias Berg, mehrfacher Paralympics-Goldmedaillengewinner und damals noch stellvertretender Landrat im Kreis Esslingen. Berg war auch auf dem Zollberg dabei und er ist von der Aktion überzeugt: „Sport ist das perfekte Mittel, um Verbindungen unter Menschen herzustellen.“ Und ihm habe der Sport so manche Tür geöffnet.

Die Rektorin der Rohräckerschule, Claudia Schmidt, ist sicher, dass die Gorillas bei ihren Schülern ankommen: „Es ist immer besser, wenn so eine Anregung von außen kommt, wenn junge Sportler unseren Kids etwas vormachen“, sagt sie. Und Freestylesport begeistere mehr als herkömmliche Sportarten.

Ob das Gorilla-Prinzip wirkt, überprüfen Kupfer und seine Kollegen und sehen sich bestätigt. „Es funktioniert“, sagt Kupfer. „An den Schulen, an denen wir waren, bleiben mehr Kids beim Sport. Und die Frage nach dem gesunden Essen tragen sie in ihre Familien.“  bob / Foto: dpa

 

Info: www.gorilladeutschland.de


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.