Fast hätte Esslingen Aichwald geschluckt

Die Selbstständigkeit bewahrt: Die Gemeinden des Vorderen Schurwalds haben sich vor 40 Jahren freiwillig vereint


Wer heute in Aichwald wohnt, könnte auch in Drei-Eichen oder Beerendorf zu Hause sein – wäre die Namensfindung für die frisch vereinte Schurwaldgemeinde im Jahr 1974 anders verlaufen. Weit wichtiger war aber, dass sich die Gemeinden auf dem Vorderen Schurwald mit dem Zusammenschluss die Selbstständigkeit erhalten haben. Denn um ein Haar wären sie nach Esslingen eingemeindet worden.

Dass sie nur gemeinsam eine Zukunft haben würden, hatten die Gemeinden auf dem Vorderen Schurwald schon früh verstanden. Schon in den 60er-Jahren bestand eine gemeinsame „Nachbarschaftsschule“ in Schanbach und der übergreifende Sportverein „Vorderer Schurwald“. 1965 gründeten die Gemeinden Aichelberg,  Aichschieß – zu der schon seit dem frühen 19. Jahrhundert Krummhardt gehörte – und Schanbach mit Lobenrot einen gemeinsamen Planungsverband. Er sollte unter anderem einen übergreifenden Flächennutzungsplan schaffen. Damit wurde ein Planer aus Stuttgart beauftragt, der eine aus heutiger Sicht ein bisschen verrückte Vision zu Papier brachte: Die Lücken zwischen den drei Gemeinden sollten durch neue Siedlungen geschlossen werden, sodass eine „Schurwalderholungsstadt“ mit 20 000 Einwohnern entstünde. Zwölf Stadtteile, durch Grünzüge getrennt, bis zu 15-stöckige Gebäude und eine vierspurige Straße nach Esslingen umfassten die Pläne, erinnert sich Richard Hohler, der damals als Verwaltungsbeamter für Aichschieß und Aichelberg tätig war und später erster Bürgermeister des vereinten Aichwald wurde. Die Gemeinderäte standen hinter dieser Vision. Das Land legte dann aber zugunsten von Natur und Landschaftsschutz sein Veto ein.

Um diese Zeit liefen schon die Vorbereitungen für die Gemeindereform in Baden-Württemberg, mit der größere und leistungsfähigere Verwaltungseinheiten entstehen sollten. In der „Kernzone“ um Stuttgart, in der Aichwald gerade noch liegt, wurden 10 000 Einwohner als Minimum für die Selbstständigkeit vorausgesetzt. Aichwald hatte damals nur gut halb so viele Bürgerinnen und Bürger. Fürs Land war deshalb die Eingemeindung nach Esslingen der richtig Weg. Und Esslingen, das versuchte, die 100 000-Einwohner-Grenze zu knacken, befürwortete dies.

Anders die Aichwalder. Sie fürchteten, als abseits liegender Ortsteil unterzugehen. Ein Jahr vor dem vom Land vorgesehenen Termin für die Reform, schon am 1. Januar 1974, schlossen sie sich freiwillig zusammen – und machten politisch mobil für ihre Selbstständigkeit. „Wir haben landauf, landab die Abgeordneten abgegrast“, erinnert sich Richard Hohler. Er begleitete damals den Amtsverweser der frisch vereinten Gemeinde, Peter Kuhn. Der war zuvor Bürgermeister von Schanbach gewesen und wurde vom zusammengewürfelten Gemeinderat – bestehend aus den bisherigen drei Gremien – im dritten Wahlgang per Los zum Amtsverweser ernannt. Hohler hatte gegen ihn kandidiert und ebenso viele Stimmen bekommen.

„Bis zur zweiten Gesetzeslesung waren wir Stadtteile von Esslingen“, erinnert sich Hohler. Dann wurde der Einsatz belohnt: Bei der Verabschiedung des Gemeindereform-Gesetzes im Juli 1974 waren die drei Kommunen des Vorderen Schurwalds als eigene Gemeinde vermerkt. Jetzt waren die Weichen gestellt und man wählte einen gemeinsamen Bürgermeister, wobei sich Hohler gegen zwei weitere Kandidaten, darunter Peter Kuhn, durchsetzte.

Nicht nur die gemeinsame Verwaltungsstruktur musste in kurzer Zeit von Null aufgebaut werden, sondern auch die Infrastruktur für die wachsende Einwohnerzahl – schließlich strebte man die 10 000 an und schaffte es immerhin auf 8000 im Jahr 1983/84.

Die Bevölkerung und vor allem die Vereine hätten einen großen Beitrag zum Zusammenwachsen geleistet, sagt Hohler, es habe zwar Auseinandersetzungen gegeben, „aber man hat sich immer irgendwo getroffen“.

Das war auch bei der Namensfindung so, die nicht ganz reibungslos verlief. Der Name Aichwald war den Schanbachern eigentlich zu nah an den bisherigen Namen der Partnergemeinden. Überzeugen ließen sie sich schließlich vom pragmatischen Einwand eines Gemeinderates, dass ein Ortsname, der mit A beginne, nur von Vorteil sein könne. Damit sei man immer bei den Ersten.       aia / Foto: aia


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