Für Lichtblicke sorgen

Mit neuem Hilfsfonds will der Kreisdiakonieverband bei Bedürftigen die hohen Energiepreise abfedern

Die Preise für Strom und Gas steigen. Auch Lebensmittel werden teurer. Ein Ende der Preissteigerung scheint nicht in Sicht. Das Ifo-Institut rechnet 2022 in Deutschland mit einer Inflationsrate von vier Prozent. Die finanziellen Belastungen treffen vor allem jene Menschen hart, die ohnehin knapp bei Kasse sind. Hinzu kommt, dass die Folgen der Pandemie noch spürbar sind. Viele Menschen befinden sich in Kurzarbeit oder haben infolge der Krise ihren Arbeitsplatz verloren. Mit dem neuen Hilfsfonds „Lichtblick“ will der Esslinger Kreisdiakonieverband Menschen unterstützen, die durch die hohen Energiepreise in eine finanzielle Schieflage geraten sind. Der Gedanke: Handwerk, Handel und Dienstleister spenden pro Arbeitsstunde oder Einkauf einen Euro, der in den neuen Hilfsfonds fließt.
Die Idee zu dem Projekt hatte der Unternehmer Jürgen Schietinger aus Neuffen. Als er in einem Zeitungsartikel von Menschen las, die durch die Nachzahlung von Nebenkosten in Not geraten sind, regte ihn das zum Nachdenken an. „Das sind Menschen, die keine Chance haben, obwohl sie etwas unternehmen wollen“, sagt er. Für ihn stand fest: Er muss was unternehmen. Aber wie kann er solchen Menschen helfen? Als Besitzer eines Baustoffhandels kam ihm schließlich der Gedanke, dass die handwerklichen Betriebe pro Arbeitsstunde einen Euro abgeben könnten. Denn der Branche gehe es finanziell sehr gut, sagt Schietinger. Mit seiner Idee sei er schließlich auf den Kreisdiakonieverband zugegangen.
Und stieß dort auf offene Ohren. Denn dass die Not groß ist, das bekommt auch Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands, zu spüren. Die Tafelläden, die der Verband betreibt, verzeichnen mehr Zulauf. Während manche Menschen von der Coronakrise profitiert hätten, hätten andere durch die Pandemie viel verloren. Die Politik müsse handeln, fordert Haußmann. Die Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro im Oktober reiche nicht aus. Auch der Beschluss der Ampelkoalition, Hartz IV durch ein Bürgergeld zu ersetzen, sei nur eine verbale Veränderung, die jedoch keine Verbesserungen bringe.
Reinhard Eberst kennt Schicksale von Menschen, die durch Corona den Boden unter den Füßen verloren haben. Als Leiter der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim wird er mit den Nöten der Betroffenen konfrontiert. Und die steigenden Stromkosten geben ihm Anlass zur Sorge. Wer durch Kündigung oder Krankheit seinen Arbeitsplatz verloren und wenig Rücklagen habe, der stehe nun schlimm da. Menschen mit bestehenden Stromverträgen seien einigermaßen geschützt. Doch Bürger, die einen neuen Vertrag zum Beispiel aufgrund eines Umzuges brauchen, müssten in den sauren Apfel beißen, sagt Eberst.
In seinen Beratungsgesprächen versucht Eberst erst mal aufzuklären, wie Bedürftige ihren Stromverbrauch senken können. Er schaut, welche Ressourcen derjenige hat und ob das Jobcenter eine Nachzahlung leisten kann. Der Hilfsfonds sorge dafür, dass die Betroffenen nicht mehr so einen Druck verspüren. „Die hohen Rechnungen sorgen dafür, dass die Leute nicht schlafen können“, sagt er.
Auch Dekan Bernd Weißenborn, Vorsitzender des Kreisdiakonieverbandes, wird in seinem Alltag oft mit Armut konfrontiert. Gerade in den Monaten vor Weihnachten und dem Jahreswechsel hätten sich verstärkt Bedürftige an das Dekanat gewandt. Die Corona-Krise habe einiges verändert. Es sei eine neue wirtschaftliche Schieflage entstanden, sagt Weißenborn. Die höheren Kosten fürs Heizen und Tanken setzten den Menschen zu. Bei der Politik sei das Thema Armut angekommen, jedoch befinde es sich noch nicht ganz oben auf der Agenda. Auch viele Kinder und Jugendliche seien von Armut betroffen, sagt der Dekan. Man müsse als Gesellschaft alles tun, um das aufzufangen. Als Geistlicher sieht Weißenborn auch die Kirche in der Pflicht, das Thema Armut ins Bewusstsein zu rücken. Das Evangelium gebe den Christen eine Verpflichtung mit. Daher unterstütze die Kirche das Projekt „Lichtblick“ mit 10 000 Euro.
Das Projekt befindet sich noch in den Kinderschuhen. Mit seinem Beruf ist Unternehmer Jürgen Schietinger viel in Baden-Württemberg unterwegs. Sein Ziel ist es, andere Betriebe für das Projekt zu gewinnen. Und seine Bemühungen tragen erste Früchte. Erste Kunden habe er bereits für den Hilfsfonds erwärmen können. Auch private Spenden sind natürlich willkommen.

ap / Foto: oh


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