Fürs Auge und für die Insekten

„Blühender Landkreis“ setzt auf spezielle Samenmischungen – Kurse und Seminare für Gartenfreunde

Es gibt immer weniger Insekten. Im vergangenen Jahr war das Insektensterben auch ein Thema in den Medien; Natur- und Umweltschützer sind schon länger alarmiert. Um etwas für die kleinen Tiere mit der großen Bedeutung fürs Ökosystem zu tun, hat der Kreis Esslingen 2014 das Projekt „Blühender Landkreis“ begonnen. Privatleute können dazu ebenso beitragen wie Firmen, Institutionen oder Kommunen.
Die Gründe fürs Insektensterben sind vielfältig: Insektizide wie Neo­nicotinoide tragen dazu bei, ebenso landwirtschaftliche Monokulturen. Blühstreifen an Acker- und Wegrändern und hohe Wiesen sind selten geworden. Zudem fehlen Erdlöcher und andere geeignete Hohlräume zum Nisten. Der Rückgang von Schmetterlingen, Wildbienen und anderen Insekten hat nicht nur gravierende Folgen für die Landwirtschaft, sondern betrifft das gesamte Ökosystem, denn mit der Zahl der Insekten schwindet das Futter für Vögel und Fledermäuse.
Vor diesem Hintergrund ist der Kreis Esslingen auf Anregung der Grünen 2014 ins Projekt „Blühender Landkreis“ eingestiegen: Mit geeigneten Pflanzen sollen insektenfreundliche Blühflächen geschaffen werden, von öffentlichen Grünflächen bis hin zu Privatgärten oder Balkonkästen.
Auch um Nistmöglichkeiten für Insekten geht es, das Thema sei „sehr vielschichtig“, sagt Matthias Weigert, Kreistagsmitglied der Grünen und im Umweltzentrum Neckar-Fils aktiv. Er hat den Impuls für den „Blühenden Landkreis“ gegeben. Blühen soll es zum Beispiel auf Verkehrsinseln und Randstreifen von Straßen. So hat der Landkreis die Mitarbeiter von kommunalen Bauhöfen zu einem Seminar über insektenfreundliche Bepflanzung eingeladen. Das sei sehr gut angenommen worden, erzählt Weigert, der weiß: Einfach nur Gras wachsen lassen und höchstens zweimal jährlich mähen ist nicht genug. Es sei wichtig, die Beete vorzubereiten und die richtige Samenmischung zu verwenden. Die für ihre Blütenpracht bekannte „Mössinger Mischung“ ist für heimische Insekten gar nicht besonders wertvoll, stattdessen setzt der Landkreis auf Samen der Firma Rieger-Hoffmann, die auf „gebietsheimische Wildpflanzen“ spezialisiert ist. Die Gemeinden können sie beim Landkreis kostenlos beziehen, was einige in Anspruch nehmen.
Die Stadt Esslingen hat schon früher begonnen, naturnahe Grünstreifen anzulegen – auch aus Kostengründen, wie Florian Pietsch vom Grünflächenamt berichtet. Man ersetzte damit nach und nach die pflegeaufwendigen Gehölze auf Verkehrsinseln. Insgesamt „haben wir in Esslingen eine positive Resonanz von der Bevölkerung“, sagt Pietsch. Man habe sich allerdings der Optik wegen auf eine Blüh-Mischung ohne Gräser entschieden und in repräsentativen Bereichen pflanze man keine Wiese. Aber an Straßen oder Radwegen schon, auch Kräutermischungen und Schmetterlingssäume würden dort ausgesät. Zweimal jährlich mäht die Stadt, beim ersten Schnitt teilweise nur einen Sicherheitsstreifen am Weg entlang. Allerdings könne so eine Blühwiese selbst bei der richtigen Pflege in einem heißen, trockenen Sommer auch mal gelb und dürr werden: Da sei dann Öffentlichkeitsarbeit gefragt, sagt Pietsch. Ihre Erfahrungen wird die Stadt Esslingen im Juni beim Regionaltag „Naturnahes öffentliches Grün“ weitergeben.
Firmen oder Schulen sind vom Projekt „Blühender Landkreis“ ebenfalls angesprochen. So hat die Garten-AG der Grundschule Lichtenwald kürzlich „Blühinseln“ an ihrem Schulhaus ausgesät. Landkreis-Mitarbeiter zeigten den Dritt- und Viertklässlern, wie sich die Samen am einfachsten auf die Fläche verteilen lassen: indem man sie mit Sand oder Getreideschrot mischt, sodass man mehr Volumen bekommt. Die neun Jungs von der Garten-AG wussten auch genau, wofür die Aktion gut ist: Nicht nur, „damit die Schule schöner aussieht“, sondern auch, „damit die Bienen mehr zu essen haben und Honig machen“.
Wer Anregungen sucht, um privat etwas für den Insektenschutz zu tun, ist bei den Kursen und Veranstaltungen im Naturschutzzentrum Schopflocher Alb und im Umweltzentrum Neckar-Fils richtig. Da werden Wildbienen-Nisthilfen und Trockenmauern gebaut, Blühstreifen angelegt, Wiesen mit der Sense gemäht, Wildkräuter in der Küche verarbeitet und verspeist, samt Käse und Wein: Denn, sagt Weigert, Umweltschutz hänge „auch mit Genuss zusammen“. Er freut sich, dass bei diesem Thema so viele verschiedene Akteure zusammenarbeiten. Auch das Freilichtmuseum Beuren mit seinem Programm oder die Obst- und Gartenbauvereine gehören dazu, denn letztlich haben alle das Ziel, heimische Produkte und folglich heimische Flora und Fauna zu erhalten.
Das Umweltzentrum bietet zudem im Rahmen des „Grünen Klassenzimmers“ Aktionen für Kindergärten und Schulklassen an, die dank einer Förderung durch die Bildungsstiftung der Kreissparkasse kostenlos sind. Aktuell: noch bis zum 22. Juli zeigt das Zentrum in Plochingen eine Ausstellung zum Thema Fledermäuse, für die Schulklassen und Gruppen ebenfalls eine Führung buchen können. aia / Foto: aia


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