Gemüse als gemeinsame Sache

Der Hopfenhof in Oberensingen hat auf „solidarische Landwirtschaft“ umgestellt – Das beeinflusst auch den Lebensstil

Im Folientunnel wächst Schnittsalat: David Traub mit den Töchtern Lois (links) und Pua.

Daniela Solimando holt Gemüse auf dem Hopfenhof ab und unterhält sich mit Landwirt David Traub.

 

Der Bauer kann nichts fürs Wetter, trotzdem trägt er in der Regel das Risiko für Ernteausfälle. Beim Modell „Solidarische Landwirtschaft“ ist das anders: Kosten, Risiko und Ernte werden geteilt. Der Hopfenhof in Oberensingen praktiziert im dritten Jahr „Solawi“ und Familie Traub ist von dem Modell überzeugt.

„Für mich ist es ganz toll, dass ich regionales Bio-Gemüse habe“, sagt Daniela Solimando. Ihre fünfköpfige Familie deckt mit einem Anteil am Hopfenhof einen Großteil ihres Bedarfs an Gemüse ab und liebt besonders die Karotten. Die zu putzen sei zwar aufwendig, weil sie nicht so glatt sind, sagt das Solawi-Mitglied, aber „der Geschmack wiegt alles auf“. Gerade stehen den Mitgliedern pro Anteil festgelegte Mengen an Spinat, Salat, Schnittsalat, Kohlrabi und Pastinaken zu. Solimando wiegt im Verteilraum ihre Mengen ab und hält nebenbei ein Schwätzchen mit David Traub, der gerade vorbeikommt.

Traub ist auf dem Hopfenhof, der 1983 auf Bioland-Betrieb umgestellt hat, aufgewachsen. Der gelernte Landwirt hat zusätzlich Betriebswirtschaft studiert. Er weiß, dass viele Bauern auf einen Stundenlohn von zwei bis drei Euro kämen, wenn sie ihn ausrechnen würden. Das wollte der vierfache Vater sich und seiner Familie nicht antun – und er sieht darin auch kein Zukunftsmodell. Mit seiner Frau Damaris dachte er über solidarische Landwirtschaft nach, als sich in Nürtingen eine Initiative gründete, die genau darauf hinarbeiten wollte.

So begann die Geschichte der Solawi auf dem Hopfenhof. Wobei es nicht das eine Modell gibt, manchmal ist ein Verein oder eine Genossenschaft die Basis. Bei Traubs ist das Ganze aus dem bestehenden Hof heraus gewachsen, der weiterhin vom Eigentümer geführt bleibt. Jedes Mitglied kauft einen Anteil für ein Wirtschaftsjahr von April bis Ende März und bezahlt als Richtwert 75 Euro im Monat. Dafür gibt es jeden Freitagnachmittag in zwei Verteilräumen bestimmte Gemüsearten und -mengen abzuholen, je nachdem, was gerade verfügbar ist. Immerhin 57 verschiedene Gemüsearten wachsen übers Jahr auf den mehr als 30 Hektar Ackerland von Traubs, von den Bohnen bis zum Zuckermais.

Für den Landwirt hat das den Vorteil, „dass wir vorfinanziert sind“, sagt Traub. Er beziehungsweise die Mitarbeiter beziehen ein Gehalt, auch die Kosten sind, soweit vorher kalkulierbar, gedeckt. „Es geht aber nicht um Gewinne“, stellt der Landwirt klar. Dafür wäre die Teilnehmerzahl zu klein, es entspräche aber auch nicht dem Solidaritätsgedanken. 40 Teilnehmer waren im ersten Jahr dabei, 62 im zweiten. Das dritte Wirtschaftsjahr startet mit 87 Anteilen, Quereinstieg ist möglich. „Wir sind sehr begeistert, dass es so viele sind“, sagt David Traub. Wirklich stabil und tragfähig sieht er das Modell ab rund 100 Anteilen. Aber schon jetzt ist es aus seiner Sicht „im Prinzip kein Experiment mehr“.

Was nicht ausschließt, dass immer wieder Neues ausprobiert wird. So fand dieses Jahr erstmals eine Bieterrunde statt, bei der finanzkräftigere Mitglieder ein Stückchen vom Anteil anderer übernehmen. Abstriche machte man bei der Idee, dass möglichst viele Mitglieder im Betrieb mithelfen sollen. „Es ist recht schnell klar geworden, dass Zeit ein höheres Gut ist als Geld“, sagt Traub. Auch waren die meisten Teilnehmer einfach nicht so flexibel, wie es der Gemüseanbau erfordert. Dennoch gibt es mehrere Arbeitsgruppen, die Aufgaben auf dem Hopfenhof übernehmen, von der Feldarbeit bis hin zu Reparaturen an den Maschinen.

Das Risiko verteilt sich auf alle, denn wenn ein Teil der Ernte ausfällt, bekommen die Teilnehmer eben entsprechend weniger. In einer Marktwirtschaft hat man theoretisch denselben Effekt, ein kleineres Angebot erhöht den Preis. Durch die Globalisierung ist dieser eigentlich natürliche Vorgang aber verloren gegangen; was fehlt, wird von irgendwoher importiert.

Die Solawi-Teilnehmer sind deutlich näher an der Natur. Sie bekommen Ausfälle und Probleme mit, lernen etwas über Gemüseanbau und erhalten ausschließlich saisonale, vor Ort gewachsene und ganz frische Produkte. Für viele habe sich damit auch der Lebensstil verändert, sie wüssten das sehr zu schätzen, sagt Traub. In der „Werkstatt“ probieren Teilnehmer gelegentlich gemeinsam Rezepte aus, kochen ein oder Ähnliches.

David Traub war auch wichtig, „dass das, was ich erzeuge, komplett konsumiert wird“: Das ist jetzt der Fall, auch bei Früchten, die nicht der EU-Norm entsprechen. Das Modell fördere zudem die gefährdete kleinbäuerliche Struktur und die Direktvermarktung, sagt der Landwirt.                aia / Fotos: aia

 

Info: Solidarische Landwirtschaft wird auch auf dem Reyerhof in Stuttgart-Möhringen praktiziert, der Kreuthof in Heiningen bei Göppingen baut sie gerade auf. Auf www.ernte-teilen.org findet man eine Karte mit allen Projekten in Deutschland.


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