„Glücklichsein kann man lernen“

Interview mit Glücksforscher Tobias Rahm: Dankbarkeit und Achtsamkeit anstatt Neid und Missgunst

Zu allen Zei¬ten und in allen Kul¬tu¬ren haben sich Menschen die Frage gestellt: „Was ist Glück?“ Und: „Wir werde ich glücklich?“ Ant¬worten auf diese Fragen suchen Psy¬cho¬lo¬gen, Sozio¬lo¬gen und Hirn¬for¬scher. Für den Menschen bleibt die Frage: „Kann man Glück lernen?“ Und wenn ja, wie funktioniert das? Das ECHO hat dies zum „Internationalen Tag des Glücks“ (20. März) von dem Psychologen Tobias Rahm von der Technischen Universität Braunschweig wissen wollen.

Herr Rahm, was verstehen Sie unter
einem glücklichen Leben?
Rahm: Glück bedeutet, im Leben möglichst viele positive Emotionen zu erleben. Und weniger negative. Und eine hohe Zufriedenheit mit dem eigenen Leben ist Glück im Allgemeinen. Das Thema Glück hat auch die Philosophen der Antike beschäftigt. Die hedonistische Betrachtungsweise kommt der oben genannten sehr nahe: Glück als Fülle positiver Erlebnisse. Eine andere Sichtweise, die eudaimonistische, sieht die Einheit von Glück und Gutsein als Inbegriff eines gelungenen sinnerfüllten Lebens an. Aber beides bedingt sich gegenseitig.

Und Glücklichsein kann man erlernen?
Rahm: Ein deutliches Ja. Glücklichsein lässt sich erlernen. Es geht darum, möglichst häufig gute Gefühle zu erleben. Und gleichzeitig negative Wahrnehmungen runterzuregulieren. Das lässt sich im Alltag durchaus trainieren.
Und wie sieht das praktisch aus?
Rahm: Zunächst muss ich offen für positive Wahrnehmungen sein. Ein Beispiel: Sie machen Mittagspause und gehen im Park spazieren. Wenn Sie die ganze Zeit in Ihr Smartphone schauen, entgeht Ihnen das lustige Eichhörnchen, das durch die Äste fegt und Ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. In so eine Situation kann man sich fallen lassen. Aber Sie müssen offen sein für die Gelegenheiten, etwas Positives und Schönes zu erfahren.

Und wie gehe ich mit negativen
Erfahrungen um?
Rahm: Zunächst einmal: Ein Leben ohne negative Erfahrungen und Emotionen ist nicht denkbar. Unangenehme Emotionen haben durchaus ihre Berechtigung, sie können uns warnen und vor Schlimmem bewahren. Denken Sie an das Hupen des Autos, wenn wir nachlässig und ohne zu schauen auf die Straße treten. Das Hupen verhindert Schlimmeres. So kann etwas Negatives durchaus Sinn machen. Das Hupen eines Autofahrers hinter uns, dem wir zu langsam auf der Straße unterwegs sind, sollten wir jedoch abhaken und uns nicht darüber ärgern. Dieser Ärger bringt nichts. Gelassenheit ist angesagt.

Glück ist aber wohl mehr als die
Aneinanderreihung von positiven
Erfahrungen?
Rahm: Ja. Wenn wir jung sind, kann es sein, dass wir genau danach streben – viele glückliche Momente erleben. Das ist natürlich sehr kurzfristig gedacht. Langfristig betrachtet kann das so aussehen: Zwar steht eine Party an, aber auch eine Prüfung, für die ich dringend lernen muss. Die Entscheidung für das letztlich Unangenehmere, das Büffeln für die Prüfung, kann zu einem langfristigen Glücksempfinden führen. Vor allem deshalb, weil ich mit eigenen Aktionen, dem Lernen, eine positive Erfahrung gemacht habe. Auch die Begriffe Achtsamkeit und Dankbarkeit möchte ich hier nennen: Achtsam wahrnehmen, was man hat und dafür dankbar sein, anstatt sich mit anderen zu vergleichen und auf Defizite zu fokussieren.

Was sollte man auf dem Weg zum Glück
auf keinen Fall tun?
Rahm: Sorgen sind Glückskiller. Menschen vor dem Tod, gefragt, was sie im Rückblick anders machen würden, antworten verblüffend oft: „Ich würde mir weniger Sorgen machen.“ Das bedeutet im Leben, auch mal Mut zu haben, etwas zu riskieren, dann passieren einem positive Dinge, dann hat man „Luck“, wie es im Englischen heißt.

Es heißt, glückliche Menschen seien
produktiver, kreativer und gesünder?
Rahm: Eine der Lehren der „Positiven Psychologie“ besagt, dass die offene Grundhaltung eines Menschen zur psychischen Widerstandsfähigkeit, zur Resilienz, beiträgt, ihn stärker macht und ihn Probleme besser lösen lässt. Zufriedene Menschen schlafen besser, daran gekoppelt ist eine höhere Lebensgesundheit und durchaus auch ein längeres Leben.

Sie schulen auch Lehrer. Warum?
Rahm: Es geht zum einen um die Lehrergesundheit angesichts zahlreicher Erkrankungen wie Burnout oder Depressionen. Zum anderen gilt aber auch, dass nach dem Training glücklichere Lehrer bessere Problemlöser und damit bessere Lehrer sind. Das gilt quer durch alle Fachbereiche und kommt wiederum den Schülern zugute.

Welche Übungen können Sie unseren
Lesern empfehlen?
Rahm: Meine Lieblingsübung, die ganz einfach in den Alltag zu integrieren ist, heißt „Drei gute Dinge“. Dabei führen Sie für sieben oder 14 Tage ein kleines Heft. Schreiben Sie jeden Abend drei Dinge auf, die an diesem Tag gut waren. Das können auch ganz kleine Dinge sein, wie das Lächeln eines Menschen oder das lustige Eichhörnchen. Schreiben Sie außerdem auf, was Sie dazu beigetragen haben, dass Sie diese guten Dinge erleben konnten. Die Übung zielt darauf ab, Ihr subjektives Wohlbefinden nachhaltig zu erhöhen. Wenn Sie die Übung durchführen, werden Sie leichter und häufiger Positives wahrnehmen, Erfolge häufiger als Ergebnis eigener Aktivitäten sehen und außerdem bereits während der Übung positive Gedanken haben. bob

Info: mehr zum Thema unter www.tu-braunschweig/gluecksempfinden.de

bob / Foto: privat


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