Graue Busse in den Tod

Esslinger Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt spricht zum Gedenken an die Euthanasie-Morde am Freitag, 9. Oktober, in Stetten


Das Wort Euthanasie ist griechischen Ursprungs und bedeutet soviel wie „sanfter Tod“. Pervertiert wurde der Begriff unter der Herrschaft der Nazis, die unter Euthanasie verstanden, behinderte Menschen zu ermorden und so „krankes Erbgut aus der Volksgesundheit“ zu verbannen.

Seit 75 Jahren gedenkt die Diakonie Stetten der Ermordeten, die aus der Obhut des Heims in Kernen-Stetten gerissen und mit grauen Bussen in eine der Tötungsanstalten in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb oder nach Hadamar in Hessen abtransportiert wurden. Am Freitag, 9. Oktober, 20 Uhr, spricht die Esslinger Kulturwissenschaftlerin Gudrun Silberzahn-Jandt im Wildermuthsaal in Stetten unter dem Titel „Esslingen – Stetten – Grafeneck“ über ihre Forschung zur Euthanasie und Zwangssterilisation im Nationalsozialismus.

In ihrem aktuellen Buch „Esslingen am Neckar im System von Zwangssterilisation und Euthanasie während des Nationalsozialismus“ beschäftigt sich Silberzahn-Jandt mit den Opfern aus dem Euthanasieprogramm T4, das im Jahr 1940 angelaufen war. 10 654 Männer und Frauen sind zwischen Januar und Dezember 1940 aus württembergischen Betreuungs- und Pflegeheimen abgeholt und auch in Grafen­eck ermordet worden. Grafeneck war der erste Ort der Euthanasie-Morde in Nazi-Deutschland. In einer Gaskammer auf dem Gelände des Schlosses wurden die behinderten  Menschen durch Kohlenmonoxyd getötet. Darunter waren auch 323 Männer, Frauen und Jugendliche aus der Anstalt Stetten, die an unterschiedlichen geistigen Erkrankungen litten. Für Esslinger Familien, die ihre Kranken gut betreut wissen wollten, besaß die Anstalt im Remstal aufgrund ihrer Nähe und ihres guten Rufs besondere Attraktivität. Elf von ihnen lebten in der Anstalt Stetten, als die grauen Omnibusse vorfuhren, um sie abzutransportieren.

Insgesamt 83 in Esslingen geborene oder in Esslingen lebende Menschen sind als Patienten dem T4-Programm zum Opfer gefallen. Neben Stetten hat Kennenburg Kranke aufgenommen. Der Arzt Reinhold Krauß und sein Sohn Paul leiteten die private psychiatrische Heilanstalt in Esslingen. Auch dort wurden die Anstaltsleiter vom Erbgesundheitsgericht aufgefordert, Krankenlisten abzugeben. Diese Menschen wurden in andere Einrichtungen „verlegt“. Kurz darauf erhielten die Angehörigen eine Todesnachricht – verpackt in einen heuchlerisch-bedauernden Ton mit erfundenen Todesursachen und gefälschtem Todesdatum.  Man wusste, was da passiert. Nach Silberzahn-Jandts Forschungen ist es den Heimleitern immer wieder gelungen, Menschen vor dem sicheren Tod zu retten, indem sie die Familien informiert und aufgefordert haben, ihre Angehörigen nach Hause zu holen. „Es gab dabei ganz tragische Geschichten“, sagt Silberzahn-Jandt. Eltern wollten ihr Kind aus der Anstalt Stetten abholen, doch der angesagte Abtransport  war vorverlegt worden.

Eine andere Rettung glückte. Ein Vater musste sich ein Auto leihen, unentschuldigt bei der Arbeit fehlen, konnte aber seinen Sohn rechtzeitig abholen. In Zeiten, in denen nicht jede Familie ein Telefon besaß, war auch der Informationsweg ein langer. Und die Angehörigen waren auf die Mitarbeit der Heimleiter oder des Personals angewiesen. Andere Eltern gaben den Heimen freie Hand: „Machen Sie, was Sie wollen.“ Oder:  „Führen Sie ruhig Forschungen an ihm durch.“

Auch die Kriterien, nach denen Heimleiter Patienten zur Rettung auswählten, waren laut Silberzahn-Jandt höchst fragwürdig: „Es fällt auf, dass beispielsweise Frauen, die an Schizophrenie litten und schon lange im Heim lebten, wohl weniger rettungswürdig waren als Männer, die als schwachsinnig bezeichnet wurden“, sagt Silberzahn-Jandt. „Die konnte man noch zur Arbeit gebrauchen“, vermutet die Wissenschaftlerin. Es entstand für sie auch der Eindruck, dass Kliniken sich die Patienten aus betuchten Familien erhalten wollten – aus wirtschaftlichen Gründen.

Menschenverachtend muten heute die Diagnosen an: Von Idiotie und Schwachsinn ist die Rede, von trunksüchtigen und kriminellen Personen. Die Krankenakten zeigen nicht nur die Grausamkeit der Nazis, sondern auch den damals üblichen großbürgerlich geprägten Umgang mit Abweichlern. „Charaktereigenschaften wurden pathologisiert, obwohl Normalität nicht definiert wird“, schreibt Silberzahn-­­Jandt in ihrem Buch. Besonders Frauen wurden rasch als geisteskrank bezeichnet, sobald sie vom braven, ruhigen Mädchenbild abwichen. Sie wurden als „unsauber“, „aufsässig“ oder „schamlos“ bezeichnet.

Silberzahn-Jandt will den Opfern dieser Tötungswelle ein Gesicht geben und ihre Geschichten erzählen. In ihrem Vortrag spricht sie über Menschen in Stetten. Über Lina Möck beispielsweise, die Metzgerstochter aus Esslingen, die 1919 geboren war und 1940 mit einem Sammeltransport nach Grafeneck verlegt und am selben Tag ermordet wurde. Die Eltern hatten ihr Kind regelmäßig besucht und es in den Ferien oft nach Esslingen genommen. Auch von Albrecht Halm soll erzählt werden. Der unehe­liche Sohn einer Winzerstochter aus Kimmichsweiler lebte in Stetten. Besuch, Pakete oder Postkarten bekam er keine. Nach seinem Abtransport und seiner Ermordung schreibt die ihn betreuende leitende Herrenberger Schwester von ihm als „Halmle“, den alle gern hatten und der so gern „kleine Dienstle“ verrichtet hatte. Ihn zu retten hat niemand versucht.

Es sei nicht leicht gewesen, an Quellen zu kommen, sagt die Autorin. Immer noch werde eine psychische Erkrankung als stigmatisierend empfunden. In ihrem Buch widmet sie ein Kapitel der Esslingerin Magdalene Maier-Leibnitz, die 1916 geboren und 1941 ermordet wurde. Ihr Schicksal lässt sich an den zahlreichen Briefen zwischen ihr und ihrer Familie nachvollziehen. Die Familie war bekannt. Der erste baden-württembergische Ministerpräsident war Magdalenes Onkel Reinhold, ihr Vater war Oberingenieur der Esslinger Maschinenfabrik, ihr Bruder später Professor für Physik und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Magdalene ist in Esslingen ein Stolperstein gewidmet – er liegt vor dem Haus der Familie in der Deffner­straße 5/1.

 

Info: Vortrag, Freitag, 9. Oktober, 20 Uhr, Wildermuthsaal in Kernen-Stetten, Gudrun-Silberzahn-Jandt, „Esslingen im System von Zwangssterilisation und Euthanasie während des Nationalsozialismus.“ Esslinger Studien, Schriftenreihe 24.                bob / Foto: bul


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