Wohin entwickelt sich der Wohnungsmarkt in Reichenbach angesichts rund 220 neuer Wohneinheiten?

Richtig teuer dürfte das Wohnen auf dem früheren Starmix-Gelände werden. Dort hat eine Tochtergesellschaft der Frankfurter Phoenix Real Estate Development unter der Überschrift „Das Domizil“ den alten Querbau kernsaniert und zu 44 Wohnungen umgewandelt sowie weitere 22 Wohnungen in zwei vorgelagerten Neubauten errichtet. Innerhalb kürzester Zeit gingen die Wohnungen weg. Käuferin ist eine Esslinger Investorengruppe. Nun geht es an die Vermietung, um die sich die Immobilienmaklerin Senta Hoffmann kümmert. „Ich bin sehr zufrieden. 60 Prozent sind bereits vermietet,“ sagt die Fachfrau, die von ihrem Reichenbacher Büro an der Ecke Schiller- und Stuttgarter Straße direkt auf die Immobilie blickt.
Mit rund 14 Euro pro Quadratmeter seien die Mieten teuer, räumt Hoffmann ein. Die Nachfrage sei trotzdem da, nicht nur bei Besserverdienern. Auch Zugführer und Zahnarzthelferinnen zählten zu ihren Kunden. Manche entschieden sich für kleinere Grundrisse. Neben Neubaustandard und Aufzug sprächen die zentrale Lage und die Nähe zum Bahnhof fürs Domizil.
Noch ist unklar, was mit den übrigen, weit größeren Starmix-Flächen geschieht. „Die Fabrik kommt weg“, sagt Bernhard Richter nur. Ansonsten gibt sich der Reichenbacher Bürgermeister zugeknöpft. Schwierig seien die Verhandlungen mit dem Eigentümer, das lässt er durchblicken. Man sei noch ganz am Anfang des Weges zum modernen Wohnareal. Attraktiv, nicht zu sehr verdichtet, aber dennoch bezahlbar soll das Wohnen dort einmal sein. Ein Spagat, so hatte es Richter im Zuge der Haushaltsberatungen erklärt.
Doch zurück zum Querbau und seiner hohen Anziehungskraft auf Investoren. Gleich gegenüber steht ein interessanter Gegenentwurf. Maklerin Senta Hoffmann logiert hier in einer Gewerbeeinheit, deren Besitzer deutlich andere Ziele verfolgen als Hoffmanns Auftraggeber. Das Gebäude gehört der Siedlungsbau Neckar-Fils. Die Nürtinger Bau- und Wohnungsgenossenschaft hat 2018 erstmals in Reichenbach gebaut. 18 Mietwohnungen, eine Arztpraxis und besagtes Immobilienbüro sind so entstanden. Pro Quadratmeter zahlen die Mieter hier im Schnitt 8,50 Euro. Dafür gibt es Fußbodenheizung, bodengleiche Duschen, elektrische Rollläden und einen Aufzug. Die Einstiegsmiete im Erdgeschoss beträgt acht Euro. Im beliebten Dachgeschoss würden zehn Euro fällig, sagt Carsten Martini, der als geschäftsführendes Vorstandsmitglied für mehr als 1000 Wohneinheiten zuständig ist.
„Wir betrachten es als unsere Hauptaufgabe, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen“, sagt der Wohnbaufachmann. Deshalb wolle man rund zehn Prozent unter dem örtlichen Mietspiegel bleiben. Allerdings seien solch relativ günstige Neubaumieten nur auf Basis einer Mischkalkulation möglich. Dabei handle es sich um eine Querfinanzierung der Solidargemeinschaft aller Genossen und Genossinnen, die sich 2020 über eine Dividende von vier Prozent freuen konnten.
Auch der richtige Standort spielt eine Rolle. Der Reichenbacher Gemeinderat und Bürgermeister Richter hätten den Bedarf an bezahlbarem Wohnraum erkannt und beim Grundstücksverkauf keine überzogenen Forderungen gestellt, lobt Martini.„Wir wollen nicht möglichst viel Kohle“, sagt Richter. Die Kommune mache unterschiedliche Preise. „Wir machen seit mehr als 20 Jahren Innenentwicklung. Dafür haben wir konsequent Grundstücke aufgekauft“, erläutert der Rathauschef. Reichenbach habe seine Einwohnerzahl seit 1990 um rund 1000 Köpfe gesteigert. Ohne Neubaugebiete auf der grünen Wiese habe man den Generationenwechsel im Ort geschafft. „Die Leute verkaufen auf dem Siegenberg ihre Häuser und ziehen ins Zentrum. So schaffen wir den Werterhalt,“ erläutert Richter den Wandel.
Die im Bau befindlichen innerörtlichen Areale Wilhelmsquartier und Paulinengarten seien gute Beispiele, denn die zugegebenermaßen hochpreisigen Eigentumswohnungen mit Quadratmeterpreisen von rund 5500 Euro gingen meist an Einheimische. Für Menschen mit kleinem Geldbeutel bleiben Mietwohnungen auf dem Siegenberg. Dort verwaltet die Baugenossenschaft Reichenbach einen Wohnungsbestand aus den Nachkriegsjahren.
com / Fotograf: Roberto Bulgrin