Immer am Trauf entlang

Der Hauptwanderweg 1 wurde schon vor 100 Jahren angelegt – Auch Kenner der Schwäbischen Alb entdecken Neues


Die Schwaben lieben ihre Alb, und das mit gutem Grund: Auf Schritt und Tritt begegnen einem dort faszinierende Landschaft, geologische Sensationen und geschichtliche Bezüge. Der „Schwäbische Alb Nordrandweg“ bietet zudem reihenweise spektakuläre Ausblicke. Von Donauwörth bis Tuttlingen zieht er sich insgesamt 350 Kilometer weit an der nördlichen Kante des Karstgebirges entlang. Die sportliche Etappenempfehlung gliedert die Strecke in 15 Tage; die Genussvariante geht von 20 bis 25 Tagen aus. Auch individuelle Planung ist möglich.

Zum ersten Kennenlernen bietet sich ein nahe gelegener Einstieg im Mittelteil an: Geislingen oder Bad Urach sind mit der Bahn bestens zu erreichen. Natürlich kennen Neckartalbewohner hier schon die meisten Attraktionen, dennoch werden sie vieles entdecken und können die Natur auf alle Sinne wirken lassen: Werktags begegnet man oft stundenlang keiner Menschenseele.

Überraschend wie der Wanderturm Hohe Warte im Wald tauchen immer wieder Geschichten auf. Biologe Hermann Weber, der schon seit 65 Jahren an der gleichen Stelle Vögel beobachtet, erzählt von Wanderfalken und Kletterern, von Uhus, Kolkraben und arabischen Falknern. Der Wirt eines Jugendgästehauses in Honau zeigt, wo vor seiner Haustür bis Ende der 60er-Jahre eine Zahnradbahn direkt die Alb erklomm. Und eine Krankengymnastin in Jungingen verrät, wie man bei der Schwarzen Madonna der örtlichen Wallfahrtskirche Energie tanken kann. Pferdegestüte, Kräutergärten und Pumpspeicherwerk säumen den Pfad ebenso wie Sagen und Legenden. Und immer wieder fasziniert die karge Heidelandschaft im Wechsel mit Wäldern und Wiesen. Auch die Flora belohnt auf dem ganzen Weg für genaues Hinschauen, von Orchideen über Silberdisteln bis hin zu Frühlingsenzian und Küchenschellen.

Manchmal führt der Weg Kilometer um Kilometer dicht am Albtrauf entlang, wo immer wieder geschwungene Holzliegestühle zur kurzen Pause mit grandiosem Ausblick einladen. Aussichtspunkte und schroffe Felsen gehen nicht aus. Daneben warten Märchenschlösser wie Lichtenstein, dessen Architektur von einem Roman Wilhelm Hauffs inspiriert war und das vor einigen Jahren als Kulisse für die Neuverfilmung von „Dornröschen“ diente. Oder die Burg Hohenzollern, die man auf dem Albtrauf „umwandert“ und dabei immer im Blick hat. Sie sitzt auf der Kuppel eines Zeugenbergs, der das Umland gerade deshalb überragt, weil er einst in einem Graben lag – ein schwer verständliches Phänomen für Laien.

Der Bergrutsch am Hirschkopf, eine noch junge geologische Sensation, sieht zunächst unscheinbar wie eine große Geröllhalde aus. Erst oben auf dem Trauf erschließt sich dank der Info-Tafeln, was 1983 geschehen ist: Auf einen Schlag rutschte auf der Länge von 600 Metern ein gewaltiges Stück des Albtraufs in die Tiefe, bis zu 32 Meter der Hochfläche brachen weg. Man blickt auf Risse, Gräben und einige Flächen, die wie mit dem Aufzug um ein paar Meter abgesackt sind, und gruselt sich – zumal ein Schild darauf hinweist, dass man grade auf einer unterhöhlten Bergkante stehe.

Nicht Naturgewalt, sondern Menschen und ihre Maschinen haben die Kuppe des knapp über 1000 Meter hohen Plettenbergs ausgehöhlt. Wanderer gehen am Steinbruch entlang und queren auf einer kleinen Fußgängerbrücke die Seilbahn, die die Ausbeute ins Tal zum Zementwerk Dotternhausen bringt. Dort befindet sich ein lohnendes Fossilienmuseum samt Klopfplatz, aber auch in der Natur stehen die Chancen gut, mit offenen Augen auf urzeitliche Spuren wie versteinerte Muscheln oder Ammoniten zu stoßen.

Gen Westen steigt der Weg weiter Richtung Lemberg, dem höchsten Punkt der Alb, im Osten säumen ihn unter anderem keltische Fundstellen und der römische Limes – jeder Abschnitt des HW1 hat seinen eigenen Reiz.           aia / Foto: aia

 

Info: Der Schwäbische Alb Nordrandweg ist als „Hauptwanderweg 1“ (HW1) des Schwäbischen Albvereins bereits im Jahr 1903 angelegt worden. Wegzeichen war von Anfang an das rote Dreieck, das Richtung Tuttlingen zeigt. Der Weg zählt zu den 15 „Top Trails of Germany“ und ist als „Qualitätsweg wanderbares Deutschland“ ausgezeichnet. Kartenmaterial und Wanderführer gibt es beim Schwäbischen Albverein; aus dessen Wander-Datenbank im Internet kann man auch die GPS-Daten herunterladen. Im Internet unter www.schwaebischealb.de sind Unterkünfte verzeichnet.


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