Industriegeschichte geht zu Ende

Spinnerei Otto in Unterboihingen schließt nach 160 Jahren – Rund 40 Beschäftigte betroffen

Die heimische Textilindustrie wird in absehbarer Zeit um einen Standort ärmer sein. Zum Jahresende wird die Otto Textil GmbH die Spinnerei in Unterboihingen schließen. Etwa 40 Beschäftigte werden ihren Arbeitsplatz verlieren. Damit geht eine 160 Jahre alte  Gewerbetradition ihrem Ende entgegen.

Die traditionsreiche Textilindustrie in der Region erlebt schon seit Jahren einen tiefgreifenden Wandel. Viele Unternehmen haben Standorte geschlossen, die Produktion verlagert oder aber den Betrieb gänzlich eingestellt. Nun ist es auch bei der Otto Textil GmbH so weit. Ende Mai hat das Unternehmen, das zur HOS-Gruppe gehört, mitgeteilt, die Spinnerei in Unterboihingen zum Jahresende zu schließen. Das Unternehmen verwies dabei auf die Rahmenbedingungen, mit denen die Textilindustrie in Deutschland zu kämpfen habe, und die Konkurrenz durch  süd- und osteuropäische Unternehmen sowie die weit günstigeren Produkte asiatischer Hersteller.

Die Spinnerei in Unterboihingen hatte sich als Anbieter von Garnen für Bekleidungs- und Heimtextilien sowie für die Medizintechnik etabliert. Neben im  Kundenauftrag entwickelten Spezialgarnen werden hauptsächlich synthetische Garne hergestellt. In den vergangenen Jahren war es jedoch  für das Unternehmen immer schwieriger geworden, auch für  Neuentwicklungen  lukrative Aufträge zu erhalten. Die Corona-Pandemie hat nun das Ende der Spinnerei eingeläutet. Die Nachfrage nach Garnen ging gegen null, da verarbeitende Betriebe die Produktion einstellten, dazu kamen unterbrochene Lieferketten bei den Rohstoffen. Laufende Produktions- und Lieferaufträge werden nun noch erfüllt, zum Jahresende jedoch wird der Betrieb geschlossen.

Mit der Schließung werden die rund 40 Mitarbeiter des Betriebs ihre Arbeitsplätze verlieren. Wie das Unternehmen mitgeteilt hatte, sollen für sie jedoch Lösungen gefunden werden, die sie vor dem Gang zur Arbeitsagentur bewahren. So soll ein Sozialplan erarbeitet werden, dazu soll den Mitarbeitern eine Weiterbeschäftigung in einer Transfergesellschaft angeboten werden, was ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen könnte.

Mit der Schließung geht  eine 160-jährige Industriegeschichte in Unterboihingen zu Ende. Das Unternehmen blickt allerdings auf mehr als 200 Jahre zurück. Im Jahr 1816 gründete Immanuel Friedrich Otto eine Färberei in Nürtingen. Ungeachtet des  weitgehend agrarisch strukturierten Umfelds im Königreich Württemberg sah Otto Chancen in der maschinellen Fertigung und ließ sich nach englischen Plänen  eine Spinnmaschine bauen. Die Antriebsenergie lieferte die Wasserkraft des Neckars. Dank der Mechanisierung der Produktion wuchs das Unternehmen, acht weitere Standorte zwischen Neckartenzlingen und Reichenbach wurden gegründet, darunter im Jahr 1861 Unterboihingen.

Nach der Schließung des Werks wird die HOS-Gruppe noch in der Energiewirtschaft und im Immobiliensektor tätig sein. Dabei wird auf regenerative Energie gesetzt. So betreibt die HOS-Gruppe drei Laufwasserkraftwerke am Neckar mit einer Leistung von insgesamt 1,3 Megawatt. Bei der Entwicklung des Areals des früheren Werks in Wendlingen kommt die Erfahrung im Energiebereich zum Tragen. Dort soll ein urbanes Quartier entstehen, in dem  die thermische Energie des Neckars, eine Wasserkraftanlage, Plusenergiebauweise und Fotovoltaik zum Einsatz kommen.   pst / Foto: Jürgen Holzwarth


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