Insektensterben äußerst dramatisch

Eine Langzeitstudie am Randecker Maar bringt laut Forschern niederschmetternde Ergebnisse – „Völlig verfehlte Agrarpolitik“

Das Insektensterben hat weit größere Dimensionen erreicht, als das Experten bislang angenommen haben. Das belegt eine Studie, die Wulf Gatter, der langjährige Leiter der Forschungsstation für Vogel- und Insektenzug am Randecker Maar (Landkreis Esslingen), vor Kurzem  vorgestellt hat. Sie weist bei den  Schwebfliegen-Arten, deren Larven sich von Blattläusen sowie weiteren kleinen Insekten und Milben ernähren, seit dem Jahr 1970 einen Rückgang von 97 Prozent nach. Bei den ebenfalls erfassten Waffenfliegen und den parasitischen Schlupfwespen ist das Minus mit 84 beziehungsweise 86 Prozent nicht viel geringer.

„Was wir heute noch sehen ist niederschmetternd“, sagte Gatter  bei der Landespressekonferenz im baden-württembergischen Landtag in Stuttgart. „Eigentlich lohnt es sich gar nicht mehr, Fangreusen für Insekten aufzustellen, weil  es so wenige sind.“ Wo noch vor 40 oder 50 Jahren mit Tausenden nach Süden ziehender Schwebfliegen  die Luft regelrecht flimmerte, stoße man  heute nur noch auf wenige Exemplare, sagt der 76-Jährige, der für seine Verdienste Anfang des Jahres zusammen mit seiner Frau Dorothea mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden war.

Große Aussagekraft

Für Professor Lars Krogmann vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart hat die europaweit einmalige Langzeitstudie, die auf einem standardisierten Zählverfahren basiert und Vergleiche zwischen den 1970er- und den 2010er-Jahren zieht, große Aussagekraft. Die Ergebnisse repräsentierten nicht nur die lokale Insektenwelt rund um die Forschungsstation und nicht nur wenige dort vorkommende Lebensraumtypen. Sie zeigten vielmehr, dass es sich bei den drastischen Rückgängen um ein großräumiges Phänomen handele. Krogmann sprach von einer „dramatischen Verarmung der Insektenfauna“. In Deutschland gibt es nach seinen Angaben rund 33 000 Insektenarten. Diese seien „enorm wichtig für unser Ökosystem und damit für unser aller Überleben“. Das Verhältnis der Menschen zu den Insekten sei zwiespältig, meist würden die Tiere, beispielsweise Wespen, als ausgesprochen lästig empfunden.

2017 hatte die sogenannte Krefeldstudie nicht nur die Fachwelt, sondern die ganze Öffentlichkeit aufgeschreckt. Sie zeigte damals auf, dass die Insekten-Biomasse in nur 27 Jahren um 75 Prozent zurückgegangen sei. Die Politik habe zwar gleich im  Jahr darauf begonnen, mit Gesetzen und Förderprogrammen gegenzusteuern, berichtete Krogmann. Doch die jetzige Studie belege: „Nichts ist auf einem guten Weg.“ Ursache des Übels ist für den Insekten-Fachmann, der als Experte für parasitische Wespen auch an der Universität Hohenheim tätig ist, eine „völlig verfehlte Agrarpolitik“, die intensive Nutzung fördere statt bremse.

Als „einen katastrophalen Spiegel unseres menschlichen Umgangs mit der Natur“ bezeichnet Markus Rösler die Studie. Er gehörte früher selbst zu den mittlerweile rund 600 Ehrenamtlichen, die seit den 1970er-Jahren in der Forschungsstation Randecker Maar mithelfen, Vögel und Insekten zu erfassen. Heute ist er als naturschutzpolitischer Sprecher der Grünen im baden-württembergischen Landtag tätig. Die Studie über  Schwebfliegen sei exemplarisch für den Verlust von Quantität und Vielfalt der Insekten zu werten. Das  auf der Albhochfläche gelegene Maar wirke wie ein Trichter.

Die dramatischen Verluste sind nach seiner Überzeugung Spiegel für die „großflächige Artenverarmung in unseren Kulturlandschaften über Tausende von Quadratkilometern“. Als wesentliche Ursache dafür sieht Rösler, dass die Streuobstflächen als wichtiger Lebensraum für die Insekten seit den 1950er-Jahren um etwa 80 Prozent zurückgegangen seien. Problem Nummer zwei sei die zunehmende Überdüngung der Böden.

Artenreiche Blumenwiesen

Baden-Württemberg habe die artenreichsten Blumenwiesen in ganz Deutschland und trage damit für deren Erhalt europaweit eine hohe Verantwortung. Rösler hält es für unabdingbar, sich stärker denn je für den Ausbau des Bio-Landbaus und den Verzicht auf Pestizide einzusetzen. Auch das Förderprogramm für biologische Vielfalt müsse fortgeführt werden.

Der Grünen-Politiker fordert deshalb, den Naturschutzetat des Landes von  100 auf 150 Millionen Euro aufzustocken. Das seien gerade mal 0,3 Prozent des Haushalts. „Der Stopp des Artenschwundes wird eine der zentralen Aufgaben für die nächste Landesregierung sein müssen, sagte Markus Rösler. Als „unsäglich“ bezeichnete er die aktuelle EU-Agrarreform. Seiner Ansicht nach müssten mindestens 30 Prozent der Fördergelder aus dem Agrarhaushalt der EU an Umweltleistungen gebunden sein.  hf / Foto: Wulf Gatter


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