Kleiner Unterschied ist noch groß

Internationaler Frauentag am 8. März – Landkreis Esslingen muss Stelle einrichten – Lesungen, Kabarett, Schnittkurs

Am 8. März findet der Internationale Frauentag statt, mittlerweile bereits seit 106 Jahren. Auch wenn sich die Themen geändert haben – das Frauenwahlrecht als eines der ersten Themen ist heute keines mehr –, der Frauentag macht auf Zustände aufmerksam, die Frauen nach wie vor benachteiligen.

„Wir sind weit davon entfernt, von einer Gleichstellung sprechen zu können“, sagt Barbara Straub. Sie ist die Beauftragte für Chancengleichheit der Stadt Esslingen und außerdem eine der drei Sprecherinnen der Landesarbeitsgemeinschaft der Gleichstellungsbeauftragten im Land Baden-Württemberg.

Die Themen heute heißen mangelnde Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft, häusliche und sexualisierte Gewalt, ungerechte Entlohnungen und Ähnliches mehr. Straub sieht auch gesellschaftliche Veränderungen hinzukommen: „Ich denke dabei an die vielen Flüchtlingsfrauen, die in patriarchalischen Strukturen sozialisiert worden sind.“

Internationale Ausmaße mit lokalem Bezug hat ein weiteres Thema: Genitalverstümmelung. Laut Straub gibt es Schätzungen, die von etwa 30 000 betroffenen Frauen in Deutschland ausgehen.

Barbara Straub ist eine der beiden Gleichstellungsbeauftragten in Kreiskommungen. Ihre Kollegin, die promovierte Sozialwissenschaftlerin Susanne Omran, sitzt in Filderstadt. Auch für sie ist das Feld noch lange nicht beackert. Omran sieht die ungerechte Behandlung von Frauen als gesellschaftliches Problem und nennt Lohnungleicheit und die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie als Beispiel. „Gerade junge Menschen haben doch einen Wunsch nach einem partnerschaftlichen Umgang miteinander“, sagt sie. Das bedeute, dass man gemeinsam eine Familie gründe und sich in gemeinsamer Sorge um die Kinder kümmere. „Diese Strukturen bremsen aus und sie betreffen Männer und Frauen gleichermaßen.“ Rund 21 Prozent, so Omran, beträgt der Lohnunterschied zu Lasten der Frauen.

Dass Frauen kaum in Führungspositionen großer Konzerne anzutreffen seien, dass Altersarmut meist Frauen treffe oder dass Frauen sexuelle Übergriffe im öffentlichen Raum fürchten müssten, alles dies sind Themen, mit denen sich Frauen wie Omran und Straub auseinandersetzen. Beide werden unterstützt von Gremien wie dem Frauenbeirat in Filderstadt, der direkt vom Gemeinderat eingesetzt wird, und dem Frauenrat in Esslingen, der von 54 Organisationen gespeist wird.

Demnächst wird es eine weitere Stelle zur Chancengleichheit im Landkreis Esslingen geben. Laut Gesetz vom Februar 2016 müssen Kommunen mit mehr als 50 000 Einwohnern eine solche Stelle einrichten.

Das betrifft auch den Landkreis Esslingen. Ein Jahr hat der Gesetzgeber den Kommunen eingeräumt, die Vorgabe umzusetzen. „Die Stelle ist jetzt ausgeschrieben und wird sobald wie möglich besetzt“, erklärt Landkreis-Pressesprecher Peter Keck auf Nachfrage des Wochenblatts ECHO. Andere Landkreise wie Reutlingen haben die Vorgaben bereits umgesetzt. Auch kleinere Städte wie beispielsweise Fellbach „leisten“ sich eine Gleichstellungsbeauftragte. In Städten und Gemeinden mit weniger als 50 000 Einwohnern ist jeweils eine Person oder Organisationseinheit zu benennen, die Aufgaben der fachlichen und inhaltlichen Begleitung wahrnimmt. So liegen in Ostfildern solche Themen bei Manuela Kreuzer, der persönlichen Referentin des Oberbürgermeisters, auf dem Tisch – allerdings schon seit Jahren. Wern­au wiederum hat die Gleichstellungsfrage im Personalamt bei dessen Leiterin Iris Pöschlke und ihren Mitarbeiterinnen angesiedelt.

Vielerorts ist der Frauentag Anlass für entsprechende Veranstaltungen. In Esslingen lautet das Motto „FrauenWelten“. Dahinter steht die Idee, innerhalb von 16 Tagen das Thema Frauen in der Welt in unterschiedlichsten Facetten zu beleuchten. 31 Veranstaltungen setzen sich in Vorträgen, Workshops und Seminaren mit dem Thema auseinander. Die Frauenwochen beginnen mit einem Frauenfest am 8. März im Mütterzentrum, das sich an Frauen aus unterschiedlichen Ländern richtet. Ausdrücklich sind geflüchtete Frauen mit ihren Kindern eingeladen. Frauenrollen in der Türkei, Militärdienst in Israel, die seltene Möglichkeit für Mädchen, in Ghana eine Flugschule zu besuchen, konfrontieren mit unterschiedlichen Lebensrealitäten.

Einen Blick in die Geschichte wirft der Film „Suffragette“, der den Kampf um das Wahlrecht der Frauen, um Würde und Selbstbestimmung am Beispiel einer Textilarbeiterin aufzeigt. Die Lesung „Astern im Frost“ erzählt von Frauenleben am Rand der Schwäbischen Alb zur Zeit des Ersten Weltkriegs.

Referentinnen sprechen über die Geschichte des Feminismus und den Kampf um körperliche und sexuelle Selbstbestimmung, über weibliche Moral, über Altersarmut, über Lohn- und Rentendifferenzen von Frauen und Männern.  Es geht auch um Hilfen für Alleinerziehende, Selbstbehauptungskurse für Mütter und Töchter, Sport und Training. Ein kultureller Höhepunkt ist das Frauenkabarett „Frauengold“ mit dem neuen Programm „Mit Glanz und Gloria“.

In Filderstadt wird der 8. März mit einer Lesung begangen. Ab 20 Uhr spricht Renate Daimler in der Stadtbibliothek über „Die Lust am Älterwerden“.

In Kirchheim lädt das Frauenhaus Kirchheim um 19 Uhr in die Aula der Alleenschule in der Jahnstraße ein. Die Fotoausstellung „Irans Herz schlägt“, eine Dokumentation der Menschenrechtsarbeit von Frauen im Iran, wird eröffnet. Außerdem berichtet die Menschenrechtsaktivistin Padmi Liyanage aus Sri Lanka.

Zum Internationalen Frauentag lädt der Landkreis Esslingen zu einem Baumschnittkurs extra für Frauen im Freilichtmuseum Beuren ein.

Der Frauentag hat in Deutschland zum ersten Mal 1911 stattgefunden. Initiatorinnen waren Clara Zetkin und Rosa Luxemburg. 99 Jahre später, im Jahr 2010, plädierte Alice Schwarzer für eine komplette Streichung des Tages: „Schaffen wir ihn ab, diesen gönnerhaften 8. März. Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer.“          bob / Foto: dpa

 

Info: Esslingen, www.esslingen.de/frauenwochen, Filderstadt: www.filderstadt.de/start, auf internationaler Frauentag klicken, Kirchheim: www.frauenhaus-kirchheim.de/aktuell


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.