Lektion für den ehemaligen Lehrer

Ministerpräsident Kretschmann auf Stippvisite im Landkreis Esslingen

Neuland hat der Ministerpräsident wahrlich nicht betreten, als er vergangene Woche eine Tour durch den Landkreis Esslingen machte. Schließlich ist der Nürtinger sein Wahlkreis, hat Winfried Kretschmann in Echterdingen eine Zeit lang gewohnt und in Esslingen gearbeitet. Und doch gab er sich wissbegierig, teils überrascht, auch leutselig. Dabei fühlten ihm hiesige Bürgermeister im Kreistag und Bürger beim Empfang in Wendlingen auf den Zahn. Neben Forderungen und Tadel bekam der erste grüne Landeschef in Deutschland auch Lob zu hören – und einige harmonische Töne aus Blechblasinstrumenten.

Das Früher, Morgen und Heute verband Kretschmann beim Besuch der Deizisauer Gemeinschaftsschule. Dort nahm sich der ehemalige Gymnasiallehrer mehr Zeit, als es der Terminplan vorgesehen hatte. Man hatte das Gefühl, als wolle er sich von Schülern und Lehrkräften vom Sinn des bildungspolitischen Prestigeprojekts der Landesregierung überzeugen lassen. Im zweiten Jahr wird in Deizisau die Gemeinschaftsschule gepflegt, bei 66 Schülern mittlerweile dreizügig. Einige der Schüler wurden zu „Fortbildungsexperten“ erklärt, die dem prominenten Gast das Lerntagebuch, individuelle Lernzeiten und Lernentwicklungsgespräche erläuterten. Die Vermittelnden legten ihre Nervosität schnell ab, der wieder die Schulbank drückende Ministerpräsident hörte aufmerksam zu, fragte interessiert nach. „Das habt ihr sehr gut gemacht. Wenn ich immer so geführt werden würde, würde ich die Welt besser verstehen“, lobte Kretschmann abschließend.

Im Kreis der Pädagogen wurde der einstige Kollege, der nach eigener Aussage seine schönste Zeit als Lehrer in den 80er-Jahren am Esslinger Theodor-Heuss-Gymnasium verbracht hatte, schon mal mit seinem vermeintlichen alten Lehrerdenken konfrontiert. Etwa wenn er bei der wegfallenden Notengebung nach der womöglich fehlenden Klarheit der Leistungseinstufung fragte. Oder er sich bei der „Kon­trolle“ von Erreichtem auf die Formulierung „Reflexion“ korrigieren ließ. Immer wieder fragte er nach, ob das Dargelegte denn auch von den Eltern verstanden werde. Der Kontakt zu den Vätern und Müttern sei sehr eng, bekam er dann zu hören. Am Ende nahm Kretschmann auch die Begeisterung der Lehrerinnen und Lehrer für die neue Schulform mit. Denn die Gemeinschaftsschule werde den Schülern sehr individuell gerecht, hieß es. Als die Sprache noch auf die mit dem Leistungspaket verbundene Mehrarbeit der Lehrer und die Bitte nach deren Vergütung kam, verwies Kretschmann auf politische Zwänge und versuchte sich als Motivator: „Sie müssen sich als Pioniere fühlen, wie ich als grüner Ministerpräsident.“

Zu Beginn der Stippvisite wurde Kretschmann von Landrat, Rathauschefs und Kreisräten auf den Zahn gefühlt. Wobei bei der Diskussion im Kreistag durchaus auch Gemeinsamkeiten festzustellen waren. So empfing Landrat Heinz Eininger „unseren Ministerpräsidenten in seinem Landkreis“. Und der erinnerte an seine Kreisratzeiten, als er „vor 30 Jahren ganz außen links saß“ und dem „strengen Regiment von Landrat Braun“ gehorchen musste. Und der Eininger-Brief vom vergangenen Jahr, in dem der einen Aufnahmestopp von Flüchtlingen zumindest andeutete? „Ich bin nicht nachtragend“, sagt Kretschmann. Überhaupt: Die riesige Herausforderung der Flüchtlingswelle lasse sich nur gemeinsam bewältigen. Neben der Bereitstellung von Wohnraum – Plochingens Bürgermeister Frank Buß forderte in diesem Zusammenhang Erleichterungen etwa bei Lärmschutzvorgaben – müsse die Bearbeitungszeit von Asylanträgen auf unter drei Monate gedrückt werden, betonte Kretschmann. Dann müssten die Flüchtlinge mit abgelehnten Asylanträgen – etwa die, die derzeit in großer Zahl vom Balkan kommen – von den Erstaufnahmestellen nicht an die Kommunen weiterverwiesen werden. Und alle Versammelten waren sich einig, dass die Pflanze der großen Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung weiter gepflegt werden müsse.

Auch beim Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs wurde in die gleiche Kerbe geschlagen: Ein Verkehrsinfarkt müsse nicht zuletzt mit Blick auf die Wirtschaft verhindert werden. So war vom „Lückenschluss“ mit Expressbuslinien die Rede. Und dass im Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz dringend Regelungen über das Jahr 2019 hinaus gefunden werden müssen, damit die geplanten Verlängerungen der S 2 nach Neuhausen und der U 6 bis zur Messe nicht noch scheiterten.

Zwischen Kreistag und Gemeinschaftsschule hatte der Ministerpräsident noch einen Halt im Institut für Textil- und Faserforschung in Denkendorf eingelegt. Dieses nannte er ein leuchtendes Beispiel für den Wissenschafts- und Forschungsstandort Baden-Württemberg, den es zu bewahren und auszubauen gelte.

Am Abend hatte das Landratsamt dann im Wendlinger Treffpunkt Stadtmitte zum Bürgerempfang mit dem Ministerpräsidenten geladen, ins „geografische Zentrum des Landkreises“, wie Eininger betonte. Dort fand Kretschmann ein durchaus gewogenes Publikum, Blech- und Saxofonensemble des Kreisjugend­blasorchesters sorgten für die musikalische Unterhaltung. Die Sued­link-Stromtrasse, ein ÖPNV-Ringschluss, der Fachkräftemangel, die Asylverfahren beschäftigten die Bürger, ehe sich Kretschmann unter die Leute mischte. Schmeichelnd verließ er die Stätte, bei deren Bereisung er sich bester Ortskenntnisse bediente: „Der Landkreis Esslingen ist ein ganz wichtiger in unserem Land.“       ch / Foto: bul


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