Luxus Selbermachen

Do-it-yourself-Trend erlebt Boom – Phase der Gegenkultur zum Massenkonsum – Repair-Cafés: Erhalten statt wegwerfen

Gerade ist der Esslinger Weihnachts- und Mittelaltermarkt zu Ende gegangen. Der Renner beim Kulturprogramm waren die zahlreichen Workshops, die in alten Handwerkskünsten angeboten wurden. Selber machen und Werte erhalten liegen im Trend – das zeigen Kurse bei den Volkshochschulen oder Einrichtungen wie die Repair-Cafés. Die Hinwendung zu grundsoliden Dingen wie handwerklichen Tätigkeiten geschieht nicht, um Geld zu sparen, sondern um sich von einer vom Mainstream geprägten Welt abzusetzen.

Wer heute in den Programmheften der Volkshochschulen oder der Familienbildungsstätten blättert, dem fallen die vielen unterschiedlichen kreativen Kurse auf, die dort angeboten werden: Man kann stricken, häkeln, nähen, filzen, weben, klöppeln, quilten, töpfern, Papier schöpfen – die Liste scheint endlos. Aber auch Kochen und Backen stehen hoch im Kurs.

Julia Brielmann, die den Fachbereich Kultur und Gestalten an der VHS in Esslingen leitet, bestätigt die große Nachfrage nach den Kreativkursen, die sehr häufig von jungen Menschen gebucht werden. Ein Trend, der anhält, wie Brielmann erklärt. Oft müssten Zusatzkurse angeboten werden, um die Wartelisten abzuarbeiten. „Wir dürfen nicht vergessen, dass handwerkliche Fähigkeiten wie Stricken, Häkeln und Nähen nicht mehr in den Schulen unterrichtet werden“, erklärt Brielmann das Phänomen. Der Selfmade-Trend sei also auch ein Versuch, alte Handwerkstechniken wieder aufleben zu lassen und sie auf diese Art zu bewahren. „Es ist das politisch sehr angesagte  Thema Nachhaltigkeit, das da reinspielt“, ist Brielmann überzeugt.

Eine dieser alten Techniken ist das Klöppeln. Margarete Hund unterrichtet diese Fertigkeit seit fast zehn Jahren, unter anderem an der Landvolkshochschule in Wernau. „Klöppeln ist sehr alt, es wurde im 16. Jahrhundert in Italien entwickelt. Geklöppelte Spitze war sehr wertvoll, es war ein Statussymbol.“ Sie weiß aber auch, warum Klöppeln Jüngere fasziniert. Denn je nachdem, welches Material im Wechsel systematisch verdreht, verkreuzt, verknüpft und verschlungen wird, entstehen die unterschiedlichsten Objekte – längst nicht nur die dekorative Spitze. „Schmuck wie Ketten oder Ringe lassen sich ebenso gut herstellen“, sagt Hund. In einem ihrer Kurse klöppelt ein Mann: Der pensionierte Eisenbahner fertigt gerade ein abstraktes modernes Bild aus metallischen Fäden. Hunds älteste Schülerin ist eine 86-jährige Klöppel-Einsteigerin, die jüngsten Eleven sind die Kinder, die jedes Jahr zu ihrem Klöppel-Camp kommen.

Wer früher selbst geschneiderte Röcke und Mäntel trug, tat das, weil er sich meist den Kauf von Kleidern im Laden nicht leisten konnte. Das Selbstgenähte war ein Ausdruck fehlender finanzieller Mittel. Heute hingegen demonstriert das Eigengefertigte das exakte Gegenteil: „Diese Bewegung ist von der Mittel- und der Oberschicht getragen“, sagt Gudrun Silberzahn-Jandt. „Also von Menschen, die über ausreichende Mittel verfügen.“

Die Esslinger Kulturwissenschaftlerin erzählt, dass sie in den 80er-Jahren als Studentin häufig strickend den Vorlesungen gelauscht hat. Das damals verbreitete Nadelgeklapper speiste sich laut Silberzahn-Jandt aus einer ähnlichen Quelle wie der Selbermach-Boom heutzutage.

Es ist eine Gegenbewegung zum massenhaften Konsum, mit dem individuellen Stück will man einen Gegenwert zum Mainstream setzen.“ Auch der Wunsch nach Entschleunigung spiele eine Rolle: „Handarbeit als Mittel gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit. Vielfach ist selber stricken oder selber nähen deutlich teurer als sich im Laden das entsprechende Teil zu kaufen. „Mit meiner Arbeit demon­striere ich, dass ich es mir leisten kann, selbst tätig zu werden,“ so Silberzahn-Jandt. Menschen, die sich abheben möchten, leisten sich dann nicht mehr nur den Handwerksbetrieb am Ort, sondern die Manufaktur für Zahntechnik, Manufaktur für Park und Garten oder die Manufaktur für Innenausbau. Man kann es sich eben leisten.

Ebenso muss man es sich zuweilen leisten können, etwas zu reparieren anstatt es neu zu kaufen. In Reparatur-Cafés wird der Luxus des Bewahrens gegenüber dem Wegwerfen gepflegt – politisch ist das angesagt. Dem Ziel, weniger Müll zu produzieren, hat sich auch die Upcycling-Bewegung verschrieben. An der VHS Kirchheim beispielsweise kann man lernen, aus alten Bildkalendern ausgefallenes Weihnachtspapier anzufertigen.

Das Phänomen des Do-it-yourself beschäftigt auch die Wissenschaft. Die promovierte Biologin und Philosophin Nicole Karafyllis hat eine Professur in Philosophie an der Technischen Uni in Braunschweig. In der Zeitschrift für Kulturphilosophie, Themenheft Technik (2013), schreibt sie in „Handwerk, Do-it-yourself-Bewegung und die Geistesgeschichte der Technik“ über Selfmade als progressive Kraft. Karafyllis erinnert an die IT-Tüftler Steve Jobs und seine Freunde, die in den 80er-Jahren aus einen ausrangierten Fernsehgerät den Apple-Computer entwickelt haben – zu Hause in ihrer Hobbywerkstatt in der Garage.              bob

Foto: bul


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