Mediziner verstehen den Krebs besser

Weltkrebstag: Interview mit Michael Geißler, dem Chef-Onkologen und ärztlichen Leiter des Klinikums Esslingen

Am 4. Februar war der Internationale Krebstag. Das Wochenblatt ECHO hat sich mit Michael Geißler, Onkologe und ärztlicher Direktor des Klinikums Esslingen, unterhalten.

 

Professor Geißler, welches war für Sie die erfreulichste Nachricht zum Thema Krebs in den vergangenen Jahren?

Geißler: Das waren drei Punkte: Forschung und medizinische Betreuung haben zu einer über fast alle Krebserkrankungen hinweg nachweisbaren Steigerung der Überlebensraten geführt. Die Lebensqualität der Patienten steht außerdem immer mehr im Fokus der Onkologen und mit dem Durchbruch der Immuntherapie hat sich ein enorm wirksames und spannendes Behandlungskonzept aufgetan.

 

Aber 14 Millionen Menschen erkranken jährlich neu an Krebs und laut WHO verdoppelt sich die Zahl bis 2030.

Geißler: Der Anstieg hängt einerseits an der weltweiten Bevölkerungsexplosion und zumindest in den westlichen Industriegesellschaften an der immer älter werdenden Gesellschaft. Krebs ist meist eine Erkrankung des Alters. Eine immer ungesündere Lebensweise in den westlichen Industrienationen mit Übergewicht, Rauchen, falscher Ernährung und immer weniger Bewegung erhöht das Krebsrisiko zusätzlich.

 

„Versteht“ die Medizin Krebs heute besser?

Geißler: In der Tat haben wir über das weltweite humane Tumorgenomprojekt inzwischen praktisch jede Krebserkrankung molekular entschlüsselt, das heißt, wir kennen die einzelnen Erbbausteine und lernen, inwieweit Veränderungen der Erbsubstanz bei bestimmten Tumoren die Krebsentstehung beeinflussen und wie wir sie für die Entwicklung neuer Medikamente nutzen können.

 

Wo gibt es die größten Fortschritte, was ist gleich schlecht geblieben?

Geißler: Große Fortschritte bei der Erforschung und dem Verständnis der Tumorbiologie sowie der Entwicklung von neuen Krebsmedikamenten gibt es bei Leukämien und Lymphomen, bei den soliden Tumoren zeigen sich deutliche Fortschritte beim Brustkrebs, Lungenkrebs, dem schwarzen Hautkrebs (Melanom), Nierenzellkarzinomen und gastrointestinalen Tumoren, vor allem beim Darmkrebs. Weiterhin schwierig in der Behandlung sind Speiseröhrenkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs und bösartige Lebertumore.

 

Welche neuen Therapieansätze gibt es? Verliert die Chemotherapie an Bedeutung?

Geißler: Neben der Weiterentwicklung von klassischer Chemotherapie, die bei einigen wenigen Tumorerkrankungen an Bedeutung verliert, wie beim Lungenkrebs, bei Sarkomen und Nierenkarzinomen, setzen wir Onkologen zunehmend sogenannte zielgerichtete Therapien und Immuntherapien ein. Diese Therapeutika besetzen ein bestimmtes Schlüsselloch auf dem Tumor, das für das Tumorwachstum von zen­traler Bedeutung ist. Das führt zum Absterben der Tumorzelle. Diese Therapeutika werden als Antikörper oder sogenannte Small Molecules dem Patienten über die Vene oder als Tablette verabreicht. Zu nennen sind auch die sogenannten Angiogenesehemmer, die die Blutversorgung von Tumorzellen hemmen, oder neue Medikamente, die das umgebende Bindegewebe so modifizieren, dass das Metastasierungsrisiko sinkt und klassische Chemotherapeutika besser an den Tumor gelangen können. Bei der Immuntherapie können wir therapeutisch Fluchtmechanismen von Krebszellen ausschalten, sodass das Immunsystem die Tumorzellen im Körper finden und vernichten kann. Hier sind die genannten  Checkpointhemmer  von großer Bedeutung.

 

Gibt es insgesamt weniger Nebenwirkungen und kann man sie besser behandeln ?

Geißler: Das Nebenwirkungsspek­trum der neuen Therapeutika hat sich verschoben, insbesondere bei den neuen Immuntherapeutika treten ganz andere Autoimmunnebenwirkungen auf, die wir aber behandeln können. Dies erfordert ein Umdenken. Auch bei den zielgerichteten Therapien gibt es häufig andere Nebenwirkungen als bei klassischen Chemotherapeutika wie Hautreizungen wie bei einer Akne im Jugendalter.

 

Welchen Stellenwert hat die Vorsorge?

Geißler: Einen hohen: Es gibt Tumorerkrankungen wie Brustkrebs, Darmkrebs, Prostatakrebs und Hautkrebs, bei denen der  Krebs dadurch in einem noch gut heilbaren Frühstadium gefunden wird. Andererseits gibt es Krebserkrankungen, bei denen es keine sinnvolle Früherkrankungsmaßnahmen gibt und eine Krebserkrankung dann erst auffällt, wenn sie sich in einem fortgeschrittenen Stadium befindet.

 

Was sollte der Einzelne tun?

Geißler: Giftstoffe wie Rauchen und Alkohol vermeiden und den regelmäßigen Verzehr von gebratenem roten Fleisch verringern. Dagegen scheint der regelmäßige Verzehr von Obst und Gemüse für einige Krebserkrankungen einen positiven Effekt zu haben. Ein weiteres Thema ist Übergewicht. Da das Übergewicht bei uns schon im Kindes- und Jugendalter beginnt, appelliere ich, dass die Schulen mehr aufklären und mehr Sportunterricht anbieten.

 

Gibt es aus Ihrer Sicht sinnvolle alternative Behandlungsmethoden?

Geißler: Als Schulmediziner bin ich auf die neuen Therapieverfahren fokussiert. Ich habe aber durchaus positive Erfahrungen bei einigen Krebserkrankungen mit der zusätzlichen Misteltherapie gemacht, wenn sie mit dem Onkologen abgesprochen ist. Ich warne eindringlich vor Scharlatanen, denen es ums Geld verdienen geht. Zum Beispiel die teuren und nutzlosen Krebsdiäten, die sogar die Lebensqualität der Patienten verschlechtern. Wir haben bei uns im Onkologischen Schwerpunkt in Esslingen eine Kooperation mit der Filderklinik, wo ja ein Schwerpunkt bei ganzheitlichen Behandlungsmethoden zusätzlich zur Schulmedizin liegt.

 

Lesen wir eines Tages die Schlagzeile „Krebs endgültig besiegt“?

Geißler: Auch wenn ich diese Frage gerne mit Ja beantworten würde, werden wir dies meiner Ansicht nach aber nicht erreichen können. Krebszellen sind ähnlich komplex anpassungsfähig wie das HI-Virus. Auch da haben wir trotz Milliardengeldern in der Forschung es nicht geschafft, einen zuverlässigen Impfstoff zu entwickeln. Wir werden sicher immer stärkere Erfolge verzeichnen, einzelne Krebserkrankungen zu behandeln. Alle Krebserkrankungen heilen zu können wird aber auch in den nächsten 50 Jahren ein illusorisches Ziel bleiben.   bob / Foto: bul


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