Mehr Auswahl als vor vier Jahren

Am Sonntag wird der 20. Deutsche Bundestag gewählt – Trend zur Briefwahl hält an

Es wird spannend: Wenn am Sonntag, 26. September, ein neuer Bundestag gewählt wird, lassen die Umfragen eine Konstellation erwarten, die Koalitionen in vielfältigen Farbvariationen ermöglicht. Bei der Frage nach der stärksten Kraft stehen die Kanzlerkandidatin und die zwei -kandidaten im Fokus und kämpfen bis zum Schluss um jede Stimme: Annalena Baerbock (Grüne), Armin Laschet (CDU/CSU) und Olaf Scholz (SPD). Doch das Parteienspektrum bei der Wahl des 20. Deutschen Bundestags ist ausgesprochen groß, neben den Etablierten treten viele „Kleine“ an – auch im Landkreis Esslingen. In den Wahlkreisen Esslingen und Nürtingen wird nicht nur um Zweitstimmen gebuhlt, die über viele Jahre  stets von der CDU besetzten Direktmandate scheinen am Sonntag nicht mehr ganz selbstverständlich dem schwarzen Lager zugeschlagen zu werden. 

Natürlich hat das Coronavirus auch den Landkreis Esslingen im Griff. Natürlich sind die Folgen des Klimawandels auch hier zu spüren. Natürlich werden die Flüchtenden vor der Taliban-Herrschaft in Afghanistan über kurz und lang auch in der Region Schutz suchen. Und natürlich macht die Transformation in der Automobilindustrie gerade vor den Automobilkonzernen und deren Zulieferern am Neckar nicht halt. Natürlich klafft über allem zudem die Schere zwischen Arm und Reich auch in den blühenden Landschaften hier immer weiter auseinander. Die großen Probleme unserer Zeit sind also auch in den beiden hiesigen Wahlkreisen greifbar – und der Parteienwettstreit um die besten Lösungen herausfordernd.

Fest steht: Die Menschen im Landkreis Esslingen haben mehr Auswahl als vor vier Jahren. Im Wahlkreis Esslingen hatten sich im Jahr 2017 die Kandidatinnen und Kandidaten von sieben Parteien um die Gunst des Wahlvolks bemüht, jetzt sind es deren zwölf. Platzhirsch ist CDU-Kandidat  Markus Grübel, der  seit 2002 (stets mit Direktmandat) und seit neun Jahren als einziger lokaler Interessenvertreter von immerhin knapp 170 000 Wählerinnen und Wählern im Berliner Parlament sitzt. Mit Grübel konkurrieren Argyri Paraschaki (SPD),  Sebastian Schäfer (Grüne), Robert Langer (FDP), Boris Malewski (AFD) und Anil Besli (Linke), zudem Daniela Negt (Die Partei), Holger Fritz (Freie Wähler), Hubert Bauer (MLPD), Stefan Zweifel (Die Basis), Wolfgang Hamberger (Humanisten) und Andreas Jakobi (Volt). Grübel hat noch vor neun Jahren mehr als die Hälfte aller Erststimmen auf sich vereinigt. Mit Blick auf die Umfragen ist von solchen Werten nun allerdings nicht auszugehen.

Im Wahlkreis Nürtingen sind am Sonntag  mehr als 207 000 Wahlberechtigte aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Der Nürtinger ist gegenüber dem Esslinger Wahlkreis derzeit ungleich stärker in Berlin vertreten. Michael Hennrich (CDU), Nils Schmid (SPD), Matthias Gastel (Grüne) und Renata Alt (FDP) sind die Abgeordneten. Hennrich sicherte auch hier für die CDU in den vorausgegangenen fünf Abstimmungen das Direktmandat. Der  ländlich geprägte Wahlkreis zwischen Filderebene, Neckartal und Schwäbischer Alb ist sogar seit seinem Neu-Zuschnitt 1965 bei  Bundestagswahlen schwarz  geprägt. Neben Schmid, Gastel und Alt konkurrieren mit Hennrich  Kerstin Hanske (AfD),  Hüseyin Sahin (Die Linke), Markus Mangold (Freie Wähler),  Ilona Timmermann (Die Basis), Dieter Jakob Rupp (MLPD), Sigrid Ott (Demokratie in Bewegung) und Daniel Friesch (Die Partei).

Fest steht auch, dass am Wahlsonntag weniger entschieden wird als bei den Urnengängen zuvor. Denn der Trend zur Briefwahl hält auch bei der Bundestagswahl an. Überall in den Kreiskommunen lässt sich dies konstatieren, die Stadt Wernau etwa geht von rund 4000 Briefwählerinnen und Briefwählern gegenüber 2025 im Jahr 2017 aus. 

Claus Hintennach, Thomas Schoradt / Foto: dpa/Michael Kappeler


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