„Mehrsprachige Kinder sind im Vorteil“

Am 5. März ist Europäischer Tag der Logopädie: Interview mit Evelyn Knape, zweite Vorsitzende des Landesverbands der Logopäden

Mehrsprachige Kinder sind im Vorteil

Mama, was ist Bilingualismus?“ „Go, ask your Dad.“ Dieser Dialog beschreibt ganz gut das Phänomen der Zwei- oder Mehrsprachigkeit. Letzteres hat sich der Deutsche Bundesverband der Logopädie (dbl) zum Hauptthema des Europäischen Tags der Logopädie gemacht. Das Wochenblatt ECHO hat sich mit Evelyn Knape, der zweiten Landesvorsitzenden der Logopäden in Baden-Württemberg über Mehrsprachigkeit, Spracherwerb und darüber, wie Flüchtlingskinder die deutsche Sprache lernen, unterhalten.

 

Das Thema des Europäischen Tages der Logopädie 2016 ist die Mehrsprachigkeit. Was versteht man unter diesem Begriff?

Knape: Mehrsprachig ist eine Person, die regelmäßig mehr als eine Sprache aktiv oder passiv in ihrem Alltag nutzt. Dabei kommt es nicht darauf an, ob die Sprachen „gut“ beherrscht und aktiv gesprochen werden.

 

Sind mehrsprachige Kinder im Vorteil oder im Nachteil?

Knape: Kinder, die zwei oder mehr Sprachen beherrschen, sind klar im Vorteil: Zum einen, weil sie durch das Erlernen mehrerer Sprachen ihr Gehirn trainieren. Zum anderen, weil sie in einer globalisierten Welt später im Beruf Vorteile haben werden.

 

Kann man zwei Sprachen gleich gut sprechen?

Knape: Das ist durchaus möglich – auch mehr als zwei Sprachen. Entscheidend ist das richtige Sprachangebot – also vor allem gute Sprachvorbilder und viel Kommunikation in den entsprechenden Sprachen. Auch das Alter, in dem die Kinder mit den Sprachen in Kontakt kommen, spielt eine Rolle. Allerdings entscheiden die Kinder selbst, welche der Sprachen sie wie intensiv nutzen.

 

Angesichts der vielen Flüchtlinge in Deutschland ist das Thema Mehrsprachigkeit derzeit hochaktuell. Wie lernen Kinder überhaupt Sprache?

Knape: Kinder lernen ihre Muttersprache vor allem durch Beobachtung und Nachahmung. Sie achten auf Blicke, Körperhaltung, Handbewegungen, Gestik und Mimik ihrer Eltern, imitieren diese und verknüpfen sie allmählich mit dem, was die Eltern an Sprache dazu anbieten. Eltern unterstützen ihr Kind beim Spracherwerb meist intuitiv richtig und achten ihrerseits auf dieselben Dinge: Sie erzählen, was sie gerade tun und verbalisieren, was sie verstanden haben. Etwa mit zwölf Monaten beginnen die meisten Kinder, die ersten Wörter zu sprechen.

 

Und wie lernen die Flüchtlingskinder die neue Sprache?

Knape: Mehrsprachige Kinder, also auch Flüchtlingskinder, brauchen zunächst einmal Zeit, sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden. Die meisten von ihnen werden nach etwa einem Jahr mit der zunächst fremden Sprachumgebung ganz gut klarkommen. Zu Beginn werden sie sich auf die inhaltlich wichtigen Sprachbausteine wie Nomen und Verben konzentrieren. Andere Wortarten wie Artikel, Pronomen werden erst später hinzukommen, da sie für die Alltagskommunikation zunächst nicht gar so wichtig sind.

 

Wie können Eltern, Erzieher und ehrenamtliche Helfer den Spracherwerb von Flüchtlingskindern unterstützen?

Knape: Die Eltern sollten mit ihren Kindern weiter in ihrer Muttersprache beziehungsweise in der Sprache sprechen, die sie am besten beherrschen. Gleichzeitig sollten sie aber auch bemüht sein, selbst Deutsch zu lernen. So zeigen sie ihrem Kind, dass es wichtig ist, die Sprache des neuen Landes zu lernen. Darüber hinaus brauchen diese Kinder viel Kontakt und Kommunikation mit Menschen, die die deutsche Sprache gut beherrschen, zum Beispiel im Kindergarten, in der Schule oder auch auf dem Spielplatz. Ob Zuhause in der Erstsprache oder in der deutschsprachigen Kita beziehungsweise Schule: Notwendig ist ein „sprachreicher“ Alltag mit guten Sprachvorbildern. Medien wie Fernsehen, Hörbücher und Ähnliches können diesen nicht ersetzen.

 

Woran erkennt man, ob ein Kind eine Sprachentwicklungsstörung hat oder nur mehr Zeit beim Spracherwerb braucht?

Knape: Grundsätzlich ist uns die Fähigkeit, sprechen zu lernen, von Geburt an mitgegeben. Wie schnell die Sprachentwicklung verläuft, ist individuell durchaus unterschiedlich. Eine Orientierung bietet jedoch die Erfahrung, dass die meisten Kinder mit zwei Jahren etwa 50 Wörter produzieren und auch schon zwei Wörter zu kurzen Sätzen aneinanderreihen können – „Ball weg“, „Papa da“. Wenn Eltern das Gefühl haben, dass ihr Kind hiervon noch weit entfernt ist, sollte der Kinderarzt aufgesucht werden. Dies gilt übrigens auch, wenn das Kind in den ersten Lebensmonaten nicht auf Geräusche reagiert oder ab dem ersten Geburtstag keine Lall-Laute erzeugt.

 

Wie hängen Sprechen, Lesen und Schreiben zusammen?

Knape: Das Lesen- und Schreibenlernen baut auf das Sprechen auf. Wenn ein Kind seine Muttersprache beziehungsweise die in der Schule gesprochene Sprache nicht oder nur unzureichend beherrscht, wird es große Probleme haben, richtig lesen und schreiben zu lernen.

 

Welchen Stellenwert hat die Logopädie bei der Integration von Flüchtlingen?

Knape: Die Aufgabe der Logopädie liegt nicht darin, Kindern von Flüchtlingen die deutsche Sprache zu vermitteln. Gerne helfen Logopädinnen und Logopäden aber mit, Wissen über die Themen Mehrsprachigkeit und Sprachentwicklung in der Gesellschaft zu verbreiten und auf die große Bedeutung der Sprachentwicklung – gerade bei mehrsprachig aufwachsenden Kindern – aufmerksam zu machen.  bob / Foto: dbl

 

Info: Originäre Aufgabe der Logopädie ist es, dafür Sorge zu tragen, dass alle Kinder die Chance haben, ihre Sprache(n) zu entwickeln. Dazu ist es notwendig, Probleme ausfindig zu machen, die einem physiologischen Spracherwerb im Wege stehen. Die Kinder mit Hör-, Sprachentwicklungs- oder Aussprachestörungen benötigen logopädische Therapie, um ihre Sprache(n) möglichst effizient lernen zu können. Das Wort Logopädie kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich wörtlich „Sprecherziehung“. Heute bezeichnet der Begriff die Fachdisziplin, die Sprach-, Sprech-, Stimm-, Schluck- oder Hörbeeinträchtigung zum Gegenstand hat. Die Logopädie beschäftigt sich mit Prävention, Beratung, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation, Lehre und Forschung auf den Gebieten der Stimme, des Sprechens, der Sprache sowie des Schluckens. Am 6. März zwischen 17 bis 20 Uhr beantworten Experten des Bundesverbands für Logopädie Fragen zum Thema Mehrsprachigkeit unter der Hotline  0 18 05/35 35 32.


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