Mit leerem Schnabel zur Brut

Schwalben und Mauersegler, aber auch die Wildtauben leiden unter Kälte und Regen

Der nasse und kalte Frühling macht den Vögeln zu schaffen. Sie leiden an der anhaltenden Kälte und dem Regen. Die Insektenfresser unter ihnen kehren  allzu häufig mit leerem Schnabel von der Jagd zurück. „Wir können davon ausgehen, dass viele Brutansätze in diesem Frühjahr verloren gehen“, sagt der Kirchheimer Vogelkundler Wulf Gatter.

Er hat die Forschungsstation am Randecker Maar bei Bissingen-Ochsenwang gegründet und beobachtet dort seit mehr als 50 Jahren den jährlichen Zug der Vögel über der Schwäbischen Alb. Nun leidet er mit der gefiederten Kreatur. Er selbst hat auf seiner Obstwiese in Bissingen schon verhungerte Jungmeisen aus dem Nistkasten holen müssen. Die Eltern hatten die Brut verlassen. Nicht viel besser geht es seinen Beobachtungen zufolge den Wildtauben. Die seien zwar vom Insektenflug unabhängig, würden aber auf  der Futtersuche nach  Getreide- und Unkrautsamen  häufig leer ausgehen. Auf den grünenden Feldern und den feucht-zugewachsenen Wiesen sei leicht zu ­pickende Nahrung in diesem Frühjahr Mangelware. Weil die Futtersuche entweder erfolglos sei oder zu lange dauere, leide die Brutpflege. „Bei den Ringel- und Hohltauben geht gerade ein Brutversuch nach dem anderen schief“, sagt Gatter.

Als typische Insektenfresser sind auch die Schwalben und die Mauersegler von der Natur in diesen  Tagen auf strenge Diät gesetzt. Allerdings sind laut Gatter die Mauersegler in der Lage, Schlecht­wetterzonen zu umfliegen. „An den Wernauer Baggerseen sind kleinere Trupps beobachtet worden, die schnell weitergezogen sind.“ Wenn das Nahrungsangebot nicht ausreiche, dann  würden Mauersegler ihre angefangenen Bruten verlassen. Weil sowohl die Altvögel als auch ihr Nachwuchs in der Lage seien, den Stoffwechsel und den Herzschlag herunterzufahren, könnten sie längere Kälte- und Hungerphasen überstehen. „Vor Jahren haben wir während eines Kälteeinbruchs im Juni die Totmeldung eines von uns beringten Altvogels aus Florenz bekommen. Das Nest mit den Jungen hatte er hier zurückgelassen“, sagt Gatter.

Es sei davon auszugehen, dass der Altvogel zurückgekommen wäre. „Mauersegler haben ein eingebautes Wetterradar. Sie können vor Gewitterfronten herziehen und die Luftströmung ausnützen. Unter optimalen Bedingungen brauchen sie nur wenige Stunden für eine Alpenüberquerung“, sagt Gatter.

Der Ornithologe denkt mit Schrecken  an den Herbst 1974 zurück, als ein Kälteeinbruch die Mauersegler, sowie die Rauch- und Mehlschwalben überrascht hatte.  Im Zuge einer spontan organisierten Hilfsaktion sammelten Vogelfreunde die geschwächten Tiere von Hausgiebeln, Fluren und Straßen, packten sie in Schuhkartons und transportierten sie zum Stuttgarter Flughafen. Dort wurden die Vögel verladen, über die Alpen geflogen und je nach Destination des Fliegers auf den Kanarischen Inseln, in Rom, in Algerien oder in Ägypten  freigelassen. Millionen von Vögeln entkamen  so dem Kältetod.   Adt /  Foto: Horst Rudel




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