Fast hätte Esslingen Aichwald geschluckt

Die Selbstständigkeit bewahrt: Die Gemeinden des Vorderen Schurwalds haben sich vor 40 Jahren freiwillig vereint


Wer heute in Aichwald wohnt, könnte auch in Drei-Eichen oder Beerendorf zu Hause sein – wäre die Namensfindung für die frisch vereinte Schurwaldgemeinde im Jahr 1974 anders verlaufen. Weit wichtiger war aber, dass sich die Gemeinden auf dem Vorderen Schurwald mit dem Zusammenschluss die Selbstständigkeit erhalten haben. Denn um ein Haar wären sie nach Esslingen eingemeindet worden.

Dass sie nur gemeinsam eine Zukunft haben würden, hatten die Gemeinden auf dem Vorderen Schurwald schon früh verstanden. Schon in den 60er-Jahren bestand eine gemeinsame „Nachbarschaftsschule“ in Schanbach und der übergreifende Sportverein „Vorderer Schurwald“. 1965 gründeten die Gemeinden Aichelberg,  Aichschieß – zu der schon seit dem frühen 19. Jahrhundert Krummhardt gehörte – und Schanbach mit Lobenrot einen gemeinsamen Planungsverband. Er sollte unter anderem einen übergreifenden Flächennutzungsplan schaffen. Damit wurde ein Planer aus Stuttgart beauftragt, der eine aus heutiger Sicht ein bisschen verrückte Vision zu Papier brachte: Die Lücken zwischen den drei Gemeinden sollten durch neue Siedlungen geschlossen werden, sodass eine „Schurwalderholungsstadt“ mit 20 000 Einwohnern entstünde. Zwölf Stadtteile, durch Grünzüge getrennt, bis zu 15-stöckige Gebäude und eine vierspurige Straße nach Esslingen umfassten die Pläne, erinnert sich Richard Hohler, der damals als Verwaltungsbeamter für Aichschieß und Aichelberg tätig war und später erster Bürgermeister des vereinten Aichwald wurde. Die Gemeinderäte standen hinter dieser Vision. Das Land legte dann aber zugunsten von Natur und Landschaftsschutz sein Veto ein.

Um diese Zeit liefen schon die Vorbereitungen für die Gemeindereform in Baden-Württemberg, mit der größere und leistungsfähigere Verwaltungseinheiten entstehen sollten. In der „Kernzone“ um Stuttgart, in der Aichwald gerade noch liegt, wurden 10 000 Einwohner als Minimum für die Selbstständigkeit vorausgesetzt. Aichwald hatte damals nur gut halb so viele Bürgerinnen und Bürger. Fürs Land war deshalb die Eingemeindung nach Esslingen der richtig Weg. Und Esslingen, das versuchte, die 100 000-Einwohner-Grenze zu knacken, befürwortete dies.

Anders die Aichwalder. Sie fürchteten, als abseits liegender Ortsteil unterzugehen. Ein Jahr vor dem vom Land vorgesehenen Termin für die Reform, schon am 1. Januar 1974, schlossen sie sich freiwillig zusammen – und machten politisch mobil für ihre Selbstständigkeit. „Wir haben landauf, landab die Abgeordneten abgegrast“, erinnert sich Richard Hohler. Er begleitete damals den Amtsverweser der frisch vereinten Gemeinde, Peter Kuhn. Der war zuvor Bürgermeister von Schanbach gewesen und wurde vom zusammengewürfelten Gemeinderat – bestehend aus den bisherigen drei Gremien – im dritten Wahlgang per Los zum Amtsverweser ernannt. Hohler hatte gegen ihn kandidiert und ebenso viele Stimmen bekommen.

„Bis zur zweiten Gesetzeslesung waren wir Stadtteile von Esslingen“, erinnert sich Hohler. Dann wurde der Einsatz belohnt: Bei der Verabschiedung des Gemeindereform-Gesetzes im Juli 1974 waren die drei Kommunen des Vorderen Schurwalds als eigene Gemeinde vermerkt. Jetzt waren die Weichen gestellt und man wählte einen gemeinsamen Bürgermeister, wobei sich Hohler gegen zwei weitere Kandidaten, darunter Peter Kuhn, durchsetzte.

Nicht nur die gemeinsame Verwaltungsstruktur musste in kurzer Zeit von Null aufgebaut werden, sondern auch die Infrastruktur für die wachsende Einwohnerzahl – schließlich strebte man die 10 000 an und schaffte es immerhin auf 8000 im Jahr 1983/84.

Die Bevölkerung und vor allem die Vereine hätten einen großen Beitrag zum Zusammenwachsen geleistet, sagt Hohler, es habe zwar Auseinandersetzungen gegeben, „aber man hat sich immer irgendwo getroffen“.

Das war auch bei der Namensfindung so, die nicht ganz reibungslos verlief. Der Name Aichwald war den Schanbachern eigentlich zu nah an den bisherigen Namen der Partnergemeinden. Überzeugen ließen sie sich schließlich vom pragmatischen Einwand eines Gemeinderates, dass ein Ortsname, der mit A beginne, nur von Vorteil sein könne. Damit sei man immer bei den Ersten.       aia / Foto: aia


Eine weitere Aufstiegshilfe

Der Landkreis hat einen zweiten Radwanderbus bekommen – Bis Oktober jeden Sonntag unterwegs


Von Oberlenningen aus bringt der Biosphärenbus im Anhänger bis zu 20 Fahrräder auf die Albhochfläche. Das Angebot hat sich in mehreren Jahren bewährt, jetzt hat der Landkreis nachgelegt. Seit Anfang Juli führt eine zweite Radwanderbuslinie von Kirchheim hinauf zum Wanderparkplatz Reußenstein. Er ist eine Kooperation mit dem Landkreis Göppingen.

Die Anregung war aus der Stadt Weilheim gekommen: Lässt sich auch dort mit einem Bus die „Blaue Mauer“ überwinden? Der Verwaltungs- und Finanzausschuss des Landkreises Esslingen sah die Sache positiv. Dennoch dauerte die Sache. Im Nachbarkreis Göppingen, wo es noch keinen anderen Radwanderbus als Vorbild gab, vertagte der Kreisrat die Entscheidung im März 2015. Doch dann ging alles ganz schnell. Prospekte wurden gedruckt, am Wanderparkplatz ein stabiles Haltestellenschild aufgestellt, Anfang Juli fuhren die ersten Busse. Die Line ab Kirchheim hat die VVS-Nummer 170. Der Radtransport stand auf der Kippe, weil der vom Landkreis für knapp 15 000 Euro bestellte Fahrradanhänger eine Lieferzeit von vier bis fünf Monaten hat. Zum Glück hatte die Regionalbus Stuttgart, eine Bahn-Tochter, noch einen Anhänger in Reserve. Er kommt zum Einsatz, bis das neue Exemplar geliefert ist.

Der Betrieb der Linie ab Kirchheim kostet pro Jahr knapp 28 000 Euro, bei fünf Fahrten pro Sonntag. Weil die Linie auf der Bergfahrt durch den Kreis Göppingen fährt, zahlt der Landkreis Göppingen ein Drittel der Kosten. Die zweite Linie, die von Göppingen kommt, zahlt der Landkreis Göppingen alleine. Der Fahrplan ist so gestaltet, dass ab dem Boßlerparkplatz, ab Gruibingen, Mühlhausen und Wiesensteig ein Stundentakt zum Parkplatz Reußenstein entsteht.

Gleich am ersten Wochenende nutzten Radler und Wanderer die neue Aufstiegsmöglichkeit. Unter ihnen war – in offizieller Mission – die neue Erste Landesbeamtin im Landkreis Esslingen, Marion Leuze-Mohr. Sie brachte ihr neues Rad mit der S-Bahn mit und fuhr später mit einer kleinen Gruppe vom Wanderparkplatz Reußenstein wieder zurück bis Kirchheim.

Zu den beliebtesten touristischen Zielen gehören der Filsursprung und die nahe Schertelshöhle. Am nächsten liegt jedoch die Ruine Reußenstein. Voraussichtlich ab September sei deren Innenhof wieder zugänglich, versprach Peter Keck, Sprecher des Landratsamts. Die Pfannensteige hinunter ins Tal bleibt noch bis 2016 gesperrt, dort müssen zuerst Felsen gesichert und ein Schutzzaun errichtet werden.

Auf der Rückfahrt nimmt der neue Radwanderbus den direkten Weg über Neidlingen nach Weilheim und dann nach Kirchheim zurück. Auf der Hinfahrt erschließt die Linie auch das Urweltmuseum Hauff und den gegenüberliegenden Urweltsteinbruch Fischer. Die Linie wird nun bis zum Jahr 2017 erprobt. Ist die Nachfrage groß genug, wird sie zur Dauereinrichtung. Der Biosphärenbus ab Oberlenningen hat sich so gut entwickelt, dass in Einzelfällen die Plätze nicht reichen.

Der zweite Streich reicht dem Landkreis noch nicht. Die Freizeitlinie, die von Owen aus das Freilichtmuseum Beuren, die Panoramatherme und den Hohenneuffen anfährt, soll ab 2016 ebenfalls einen Radanhänger bekommen. Ein Knackpunkt ist das Wenden am Hohenneuffen. Dort sucht das Landratsamt nach einer Lösung.         pd / Foto: pd

 

Fahrzeiten und Fahrpreise:

• Der neue Radwanderbus (VVS-Linie 170) startet bis Oktober jeden Sonn- und Feiertag um 8.20 Uhr, 10.20 Uhr, 12.20 Uhr, 14.20 Uhr und 16.20 Uhr ab Kirchheim Bahnhof. Die Fahrt zum Wanderparkplatz Reußenstein dauert eine knappe Stunde. Die direkte Rückfahrt über Neidlingen, ab 9.25 Uhr im Zweistundentakt, dauert eine gute halbe Stunde.

• Räder können unterwegs in Kirchheim, Weilheim, am Boßlerparkplatz, in Gruibingen, Mühlhausen und Wiesensteig auf- und abgeladen werden, auf der Rückfahrt in Weilheim.

• Auf der Linie ab Kirchheim gilt der VVS-Tarif, ab dem Boßlerparkplatz auch der Tarif des Filsland-Mobilitätsverbunds. Es gelten VVS-Einzelfahrscheine, Tageskarten und Zeitkarten. Das Rad fährt gratis mit.

• Die Line ab Göppingen (RW1) startet in Göppingen um 9.25 Uhr, 11.25 Uhr, 13.25 Uhr und 15.25 Uhr. Aus dem VVS-Tarif wird in ihr nur die Tageskarte Netz anerkannt, außerdem das Baden-Württemberg-Ticket und das Metropol-Tagesticket. Besonders günstig ist der SparBus-Tarif des Filslandes: Sonntags geht es für nur 1,50 Euro pro Person von Göppingen bis zum Wanderparkplatz Reußenstein.

 

Foto: Der neue „RadWanderBus“ hinauf zum Wanderparkplatz Reußenstein – Ankunft, in Orange Esslingens neue Erste Landesbeamtin Dr. Marion Leuze-Mohr.


Abgestimmt

Wundermittel und teure Rheumadecken – Teilnehmer von Kaffeefahrten
werden oft abgezockt.  Auf Initiative des Bundesrats soll nun gegen
Auswüchse vorgegangen werden. Der richtige Weg?

Foto: bul

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Stars unter Sternen

Kino auf der Burg vom 29. Juli bis 8. August – Neues Einlasssystem


Der Vorverkauf läuft bereits: Der Esslinger Klassiker, das Kino auf der Burg, läuft in diesem Jahr vom 29. Juli bis zum 8. August. Die Macher vom Kommunalen Kino setzen wieder auf die bewährte Mischung: Ein ausgewähltes Filmprogramm wird von Live-Musik mit Bands aus der Region, mit Vorfilmen und einem gastronomischen Angebot ergänzt. Modernisiert ist das Einlasssystem.

An zehn Tagen laufen zehn Filme unter freiem Himmel. Vom Drama bis zur Familienkomödie, vom Thriller bis zum romantischen Melodram, von  der Superheldenfilm-Persiflage bis zum Wohlfühlstreifen soll das Programm möglichst viele Kinofans ansprechen. Mit dabei sind auch aktuelle Kassenschlager.

Los geht es am Mittwoch, 29. Juli, 21.45 Uhr, mit „Guardians of the Galaxy“. Star-Lord, Gamora, Rocket Raccoon, Groot und Drax, der Zerstörer, gehören zum Universum der Marvel Comics. Die Vorankündigung lobt die „selbstironische Haltung und den  hinreißenden Soundtrack aus Hits der 90er- und 80er-Jahre“. Am Donnerstag, 30. Juli, 22 Uhr, steht „The Imitation Game“ an. Der Oscar-gekrönte Film erzählt das Leben des Briten Alan Turing: seine Jugend im Internat, als brillanter Codeknacker  von Enigma und sein Bekenntnis zur Homosexualität. „Madame Mallory und der Duft von Curry“ mit Helen Mirren zeigt am Freitag, 31. Juli, 21.45 Uhr, was passiert, wenn ein junger indischer Koch auf eine französische Haute-Cuisine-Sterneköchin trifft. „Ein Schotte macht noch keinen Sommer“ am Samstag, 1. August, 22 Uhr, lebt vom „absurden Humor und einem einfallsreichen Plot“, schreiben die Veranstalter. Das schwierige Thema Demenz hat Til Schweiger in „Honig im Kopf“ am Sonntag, 2. August, 21.30 Uhr, verarbeitet. In den Hauptrollen sind Dieter Hallervorden als dementer August und Schweigers Tochter Emma als Enkelin Tilda zu sehen. Zwei parallele Liebesgeschichten hat Nicholas Sparks zum Roman „Kein Ort ohne dich“ verwoben. Der gleichnamige Film läuft am Dienstag, 4. August, 21.45 Uhr. Sönke Wortmann hat mit Darstellern wie Anke Engelke und Justus von Donahnyi die Komödie „Frau Müller muss weg“ inszeniert: am Mittwoch, 5. August, 22 Uhr, zu sehen. „Who am I – Kein System ist sicher“ am Donnerstag, 6. August, 22 Uhr, ist ein Thriller und erzählt die Geschichte von zwei Hackern, die in einem Mordkomplott landen. „Kiss the Cook“ am Freitag, 7. August, ist „eine Komödie, angerichtet mit Wortwitz, einer Prise Romantik, einer Vater-Sohn-Geschichte und kubanischen Rhythmen“ – so die Vorankündigung. Den Schlusspunkt setzt „Verstehen Sie die Beliers?“ am Samstag, 8. August, 22 Uhr – ein unterhaltsamer Familienfilm über die Welt von Hörenden und Gehörlosen.     bob / Foto: bul

 

Info: Preise: 9 Euro Abendkasse, 9,50 Euro im Vorverkauf (ermäßigt 6/6,50 Euro), Ticketvorverkauf im EZ-Haus am Esslinger Marktplatz, Provinzbuch in der Küferstraße und online: Karten können zu Hause ausgedruckt oder auf dem Smartphone gespeichert werden, am Einlass wird die Karte abgescannt. Parkplätze gibt es im Parkhaus Flandernstraße.


Neue Routen für Mentalreisende

Lesetipps für die entspannten Sommertage


An zwei Orten gleichzeitig zu sein ist für Lesebegeisterte keine Hexerei. Der Körper liegt entspannt im Liegestuhl, während der Geist mit Sprachwanderern auf Tour geht. Das ECHO hat aus den Frühjahrserscheinungen neue belletristische Routen herausgesucht, die Mentalreisende zu neuen Orten führen.

 

Eigentlich ist der 15-jährige Loris ein ziemlich fröhlicher Junge. Und das, obwohl er weiß, dass er an Duchenne Muskeldystrophie leidet und nicht mehr lange leben wird. Seine Eltern leiden sehr unter der Vorstellung, dass ihr Kind sterben muss. Aber Loris hat auch einen Traum: Er möchte einen echten Olympia-Star treffen. Sein Vater setzt alles daran, ihm diesen Wunsch zu erfüllen und so viel sei verraten: Loris wird einige Olympiasieger treffen. Jochen Weebers Geschichte lebt von dem Wechsel der Erzähltöne: Von heiter bis melancholisch spannt der ehemalige Esslinger Bahnwärterstipendiat sein Emotionsspektrum im Buch und schafft es bis zum Schluss, Hoffnung zu schüren.

Jochen Weeber: Herr Lundquist nimmt den Helm ab; Drey-Verlag.

 

Der Architekt Felix ist auf dem besten Weg, Karriere zu machen. Wenn er nicht so ein ungewöhnliches Handicap hätte, das sein Wohlbefinden erheblich beeinträchtigt: Er leidet unter einer Glücksallergie. Sobald ihm etwas gelingt oder etwas Erfreuliches widerfährt, reagiert sein Körper mit üblen Symptomen. Er muss also Strategien entwickeln, um ein gewisses Niveau der Genervtheit zu halten. Gar nicht so einfach, wenn soeben die Traumfrau ins Leben tritt. Die Stuttgarter Autorin Hannah Simon hat die heitere Geschichte um den Glückspilz, der keiner sein darf, ersonnen. Herausgekommen ist eine leichte, schön-schräge, unterhaltsame Komödie, die so manchen Liegestuhl-Moment angenehm verkürzt.

Hannah Simon: Felix oder zehn Dinge, die ich an dir liebe; Frankfurter Verlagsanstalt.

 

Helge Thun ist eigener Aussage gemäß auch Allergiker. Er leidet unter einer Erdnuss-Unverträglichkeit. Seinem skurrilen Humor, der Lust an wortakrobatischen Spielereien und seinem Einfallsreichtum schadet dies jedoch nicht. In seinem Buch sammelt er Reime, Sketche, Kurzprosa, die einen vergnüglichen Einblick in sein Schaffen liefern. Wer die Texte gern im Originalton des Verfassers hören möchte, kann dies ebenfalls tun: Dem Buch liegt eine CD bei.

Helge Thun: Wollte Waldemar wegen Wetter warnen; Klöpfer & Meyer.

 

Liegt die nächste Fernreise zeitlich in weiter Ferne, dann kann ein attraktives Nahziel die naheliegende Alternative sein. Zum Beispiel die Region Oberschwaben, Westallgäu bis hin zum Bodensee. Diese Landschaft bietet Erholung in schönster Umgebung, wie der Bildband  des Fotografen Peter Sandbiller beweist. Herrliche Aufnahmen und ein animierender Text von Bernhard Bitterwolf dokumentieren einen malerischen Landstrich mit all seinen Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten, der auf jeden Fall eine Reise wert ist.

Peter Sandbiller/ Bernhard Bitterwolf: Bilderbuch Oberschwaben-Bodensee; Silberburg Verlag.

 

Der junge Pole Matse Blitz erlebt seine Jugend im badischen Schwetzingen der 90er-Jahre. Dass sich sein Freundeskreis aus einem kiffenden Türken, einem Russlanddeutschen, einem Quasi-Skinhead und einem Halb-Thai zusammensetzt, erschwert die einsetzende Adoleszenz in dem kleinbürgerlichen Idyll. Nach ihrem Werkrealschulabschluss wollen die Freunde an Silvester noch einmal so richtig die Korken knallen lassen, bevor sich die Lebenswege trennen. Es wird eine unvergessliche Nacht für alle Beteiligten. Mit schnoddriger Sprache, viel Witz und zeitgeistigen Momenten skizziert Aleks Wiercinsky das Erwachsenwerden in der 90er-Jahren. Daran werden nicht nur Vertreter der Generation Golf Gefallen finden.

Aleks Wiercinsky: Die letzte Nacht des Matze Blitz; Sammlung Zauberberg.

Schlechte Zeiten für Mörder und Totschläger: Jetzt ermittelt Pfarrer Andreas Goettle aus Biberach. Der Esslinger Autor Olaf Nägele lässt den sturköpfigen und eigenwilligen Amateurdetektiv in einem Fall mit aktuellem Bezug ermitteln. Der Mäzen des aufstrebenden 1. FC Oberschwaben wurde ermordet, der Mittelfeldspieler halb totgeschlagen. Goettle bruddelt und schwäbelt und ist schließlich äußerst erfolgreich mit seinen höchst ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden, während Hauptkommissarin Greta Gerber und ihr Team lange im Dunkeln tappen. In diesem für ihn neuen Genre ist Nägele der Erzähler einer durchaus authentischen Geschichte, aber auch der Unterhalter, der mit schwäbischer Wort- und Situationskomik spielt.

Olaf Nägele: Goettle und der Kaiser von Biberac; Silberburg Verlag.

 

Für Jonas, den Frontmann der Band „The pretty Green“, scheint dieser Sommer der beste seines Lebens zu werden. Erst überzeugt er bei seinem Auftritt beim Soundrise Festival, dann verliebt er sich in die schöne Sängerin Cold der Girlband Riottt. Doch sein Glück steht auf einem fragilen Fundament. Denn unglücklicherweise hat er sich auf eine Wette eingelassen, die sich als folgenschwer erweist. Die Esslinger Autorin Sabine Bartsch legt mit dem spannenden und unterhaltsamen Roman ihr zweites Werk vor und beweist ihre große erzählerische Gabe.

Sabine Bartsch: A song about Love; Books on Demand.        on/bob / Foto: on


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Bernd Lucke hat wieder eine Partei gegründet, nach dem Austritt
aus der AfD hat er die Allianz für Fortschritt und Aufbruch (ALFA)
ins Leben gerufen. Glauben Sie, dass ALFA den Einzug in Parlamente
schaffen wird?

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Frauen ein Vorbild?

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Tödliche Falle am Kanzleiufer

Toter Esslinger Gastronom gibt Kommissar Blickle Rätsel auf: Hat die Mafia zugeschlagen? – EST hilft bei Ermittlung


Das Alte Rathaus in Esslingen mit seiner Fassade von Meisterarchitekt Schickhardt, der Astronomischen Uhr und dem wunderbaren Glockenspiel war das Ziel der geführten Tour.  Die Leute lauschten gebannt den Geschichten des Stadtführers. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, was sich Schreckliches wenige Meter entfernt zutrug. Niemand hörte den Schuss, niemand hörte, wie ein Körper schwer aufschlug, dann in den Kanal am Kanzleiufer rutschte und im flachen Wasser liegen blieb. Der italienische Gastronom Salvatore Marrazzo, ein bekannter Mann in Esslingen, war tot, mausetot.

Der Fall schlug hohe Wellen. Der Mord geschah mitten in der Stadt, am frühen Abend, während gerade eine Führung der Esslinger Stadtmarketing und Tourismus GmbH (EST) durch die Altstadt lief. Eben an jenem Kanzleiufer entlang mit dem Ziel Altes Rathaus, wo Eckart Hirschmann die Teilnehmer mit seinem Glockenspiel zur vollen Stunde erfreuen sollte. Zum Abschluss hätte die Gruppe dann im Accanto neben dem Alten Rathaus getafelt: Doch Wirt Marrazzo konnte ihnen nichts mehr servieren. In seinem Kopf steckte eine Kugel.

Kommissar Blickle schaute sich gerade die Speisekarte in der Trattoria Accanto an und gab leise zustimmende Geräusche von sich, als die Tür aufflog und seine Assistentin Bettina Schnell herein eilte. „Chef, Polizeiarzt Hades sagt, der Marrazzo wurde um 17.30 Uhr ermordet. Seine Armbanduhr blieb stehen, als er auf den Boden aufschlug“, sagte sie und zog ihn am Ärmel. „Wir sollten mal rasch um die Ecke zum Tatort.“ Blickle, eher unwillig, da er gerade erwogen hatte, sich Spaghetti Accanto mit Brokkoli-Sardellen-Soße kommen zu lassen, vielleicht mit einem klitzekleinen Weißen aus dem Trentin, stand auf und folgte seiner wie immer hellwachen Partnerin.  „Ein ermordeter Sizilianer“, sagte er. „Was wird da schon dahinterstecken? Die Mafia, die Cosa Nostra, die Corona Unita oder die N‘drangheta“, zählte er auf, um mit seinem Halbwissen über die italienische Kriminaltradition anzugeben. Schnell rollte die Augen: Der Chef wurde immer ignoranter. Marrazzo hatte sich immer als italienischen Schwaben bezeichnet, betrieb seit Jahrzehnten das Restaurant Reichsstadt und seit 2013 das Accanto neben dem Alten Rathaus. Mafia? So ein Quatsch!

Immerhin ließ sich Blickle informieren: Die Führung – unterwegs waren zehn Männer und Frauen, etliche davon aus einem Schützenverein – war bei der EST vor zwei Wochen gebucht worden. EST-Chef Michael Metzler und  Stellvertreterin Charlotte Fink waren zum Kanzleiufer geeilt, um die Polizei mit Infos zu versorgen. Denn Blickle und Schnell vermuteten, dass der Täter unter den Teilnehmern der Führung zu suchen war.

In der Tat gab es Auffälligkeiten: „Da waren drei Personen, die unbedingt diese Führung haben wollten“, erinnerte sich Fink. „Wir haben ja insgesamt 40 Führungen, aber diese Leute fragten exakt nach dieser, die am Kanzleiufer vorbeiführt und im Accanto zum Essen endet.“ Von den Teilnehmern der Führung konnte sich aber niemand daran erinnern, dass jemand am Alten Rathaus gefehlt haben sollte.

Die drei auffälligen Personen sollten unter die Lupe genommen werden: Da war ein Esslinger namens Peter Schaf, der Mitglied eines Schützenvereins war und als Buchhalter in Plochingen arbeitete, eine Frau aus Kirchheim namens Petra Hahn, die Italienisch-Dolmetscherin war  und in Sizilien gelebt hatte. Der Dritte war Gianni Corleone aus Ostfildern, der als Gärtner in Nürtingen arbeitete. „Da steckt doch eine Frauengeschichte dahinter“, sagte Blickle und machte dabei eine pubertäre Handbewegung. Bettina Schnell funkelte ihren Chef wütend an – zum Glück hatte niemand etwas davon bemerkt.

Vielleicht lag Blickle gar nicht so falsch: Die beiden Ermittler begannen, über die drei auffälligen  Personen Infos zu sammeln. In der Tat traten erstaunliche Dinge zu Tage. Die Frau kannte Marrazzo, es wurde von einem Verhältnis der beiden gemunkelt, das die Frau wesentlich ernster als der Italiener genommen haben sollte. Das berichtete Marrazzos Angestellte Ivana. Marrazzos Landsmann Corleone wiederum wollte vor Jahren ein Lokal am Alten Rathaus in Esslingen eröffnen, zog aber gegen seinen gewichtigen Mitbewerber den Kürzeren. War da eine alte Schuld zu begleichen? Interessant hörte sich auch der Background des dritten Verdächtigen an: Peter Schaf war Buchhalter und arbeitete bei Marrazzos Steuerberater. Sollte er auf Ungereimtheiten bei dessen Steuer gestoßen sein? Ist da ein Erpressungsversuch aus dem Ruder gelaufen? Dunkle Geschäfte?  „Geldwäsche“, dachte Blickle.

Marrazzo hatte man offensichtlich in die Falle gelockt. Kellnerin Ivana sagte, dass der Chef noch kurz wegwollte. Er sei am Kanzleiufer mit jemandem verabredet gewesen. Eine unangenehme Geschichte, habe er nur angedeutet.

Blickle und Schnell mussten die  drei Verdächtigen verhören. Petra Hahn, aktive Schützin, gab sich cool. Sie habe Marrazzo längst den Laufpass gegeben. Ihr Alibi: Sie sei immer bei der Führung gewesen. Sie erinnerte sich an die Geschichte über Baumeister Schickhardt. Buchhalter Peter Schaf hatte Marrazzo ebenfalls nicht am Kanzleiufer getroffen. Er bestritt nicht, den Namen aus seiner Arbeit zu kennen. „Ich wollte aber auch mal bei ihm essen.“ Zum Todeszeitpunkt hätte er am Rathaus gestanden. „Ich hörte dieses wunderbare Glockenspiel, das war einzigartig.“

Gianni Corleone war wütend: Er werde nur verdächtigt, weil er Italiener sei. Und wenn er als Sizilianer einen Sizilianer ermorden würde, dann  bestimmt nicht mit einer Kugel, sondern mit der sizilianischen Kravatte, bei der das Opfer. . . Blickle unterbrach die folkloristischen Ausführungen und fragte nach dem Alibi. „Ich war die ganze Zeit bei der Führung und habe zum Beispiel von der Astronomischen Uhr gehört. Marrazzo hätte ich später im Accanto gesehen und ihm gesagt, dass ich ihm nichts nachtrage. Er ist ein Ehrenmann, wie ich auch.“  Schnell schaute ihren Chef an, der stutzte kurz, dann machte es bei ihm Klick – und Klick machten die Handschellen. Bei wem? Und warum? Foto: bul


Jobs in letzter Minute

Ferienarbeitsstellen noch vereinzelt frei – Arbeitgeber direkt ansprechen


Wer jetzt noch einen Ferienjob finden will, muss Glück haben. Meistens haben die Firmen, die Aushilfsjobs in den großen Ferien anbieten, ihre Leute schon unter Dach und Fach. Aber es gibt noch einzelne Plätze.

„Die gute Auftragslage bei den produzierenden Unternehmen in der Region Stuttgart macht es möglich, dass viele Ferienjobs angeboten werden“, hat Andreas Richter, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart festgestellt. Bei kleinen und mittelgroßen Betrieben sei der Bedarf an Aushilfen im gewerblich-technischen Bereich ebenfalls gestiegen. In der IT- und Medienbranche und beim Handel gibt es laut IHK kaum Ferienjobs.

Anders als früher vermittelt die Agentur für Arbeit jedoch keine Ferienarbeitsplätze mehr. Pressesprecherin Kerstin Fickus sagt: „Das läuft mittlerweile nicht mehr über uns.“ Nachfrage und Bedarf würden direkt abgewickelt. „Schüler und Studenten fragen direkt bei den Firmen nach.“  Oft seien es die Kinder von Firmenangehörigen, die bei großen Unternehmen die  begehrten Arbeitsplätze bekommen. So läuft es  auch bei Ceramtech in Plochingen. 30 bis 40 Plätze besetzt das Unternehmen jedes Jahr mit Ferienarbeitern. „Das sind überwiegend Kinder unserer Mitarbeiter“, sagt Sabine Dedecius, die Personalleiterin für den Tarifbereich. Die Plätze seien bereits seit dem Frühjahr vergeben. Im Landkreis Esslingen  gibt es noch einzelne Plätze für Kurzentschlossene. Die Deutsche Post DHL Group nimmt noch Jobber an – laut Pressesprecher Hugo Gimber vornehmlich für das Paketzentrum in Köngen. Auch Thorsten Hirsch, Geschäftsführer der Firma Schwaben Personal in Esslingen, nimmt noch Bewerbungen an. Sein Unternehmen arbeitet meist mit Studenten zusammen.

Etliche Kommunen arbeiten mit Ferienarbeitern: Städte und Gemeinden, auch der Landkreis, der in diesem Jahr etwa 30 Plätze anbietet. Dort werden Jobber zu so genannten Verwaltungshilfstätigkeiten eingesetzt, wie Pressesprecher Peter Keck erklärt. Wer eine Chance haben will, hat sich laut Keck frühzeitig bewerben müssen. Der Abfallwirtschaftsbetrieb setzt keine Ferienarbeiter mehr ein. Der Grund: Die Arbeitsbedingungen zum Beispiel im Kompostwerk seien für junge Leute schwierig, die Auflagen streng. In der Stadt Ostfildern sind Ferienkräfte beim Bauhof im Einsatz sowie beim Großputz in den Schulen. Vier bis fünf freie Plätze gibt es noch. „Wer mindestens 16 Jahre alt ist, kann sich noch melden“, sagt Rathaussprecherin Andrea Wangner.

Nicht alle Unternehmen setzen Zeitkräfte ein. So wie der Sitzehersteller Recaro in Kirchheim: Die Einarbeitungszeiten für die speziellen Tätigkeiten seien zu lang, heißt es dort. Auch die Stuttgart Flughafen GmbH ist seit etlichen Jahren ferienarbeiterfrei. Aus Sicherheitsgründen. „Früher hatten wir viele Ferienarbeiter im Gepäckbereich“, sagt Flughafen-Pressesprecher Volker Krämer. Heute seien die Vorgaben so streng, dass sich die Überprüfungen der Mitarbeiter zu lange hinziehen würden.

Info: Wer jobben will, fragt am besten bei Arbeitgebern direkt nach, auch in den Rathäusern. Die Homepage der Hochschule Esslingen führt zu Jobangeboten ebenso wie weitere Webseiten im Netz.           bob / Foto: bob


Abgestimmt

Die Euroländer haben sich mit Griechenland auf einen Weg
zu neuerlichen Hilfen geeinigt. Ist es richtig, das griechische
Euro-Aus und eine Staatspleite mit Reformen im Land,
ESM-Krediten und Treuhandfonds abzuwenden?

Foto: dpa

Frauen ein Vorbild?

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Zusammengewachsen

75 Jahre Wendlingen: Ein Jubelwochenende von allen für alle


Vor 75 Jahren zwangen die Nationalsozialisten Wendlingen und Unterboihingen zu einer ungeliebten Vermählung. Lange hat es gedauert, bis die beiden Orte zusammenwuchsen, doch inzwischen sind die Animositäten Geschichte. Am kommenden Wochenende feiert die Stadt am Neckar ihr 75-jähriges Bestehen mit einem Fest von allen für alle.

Es waren keine guten Startbedingungen, die Wendlingen 1940 hatte. NS-Gauleiter Wilhelm Murr verordnete den Zusammenschluss der beiden Gemeinden – und vor allem die Unterboihinger wehrten sich damals gegen den Verlust ihrer Selbstständigkeit. Ein Riss, der lange in der Stadt zu spüren war. Doch Wendlingen hat sich gemacht, findet Bürgermeister Steffen Weigel. Hüben die einen, drüben die anderen – das war einmal. Das hat der Schultes vor allem in der Vorbereitung zu den Feierlichkeiten vom 10. bis 12. Juli intensiv gespürt. „Fast alle in der Stadt haben den Drang gehabt, dabei zu sein“, freut sich Weigel über eine breite Beteiligung nahezu aller Vereine und Organisationen aus der Stadt. Auch Klaus M. Müller vom Ortsring der Wendlinger Vereine ist begeistert über die Resonanz. „Zum 50-jährigen Bestehen wäre das nicht möglich gewesen“, sieht er darin ein deutliches Indiz dafür, dass aus den zwei Orten eine Stadt geworden ist.

Vor allem auf den Festzug am Sonntag ist der Andrang groß.

Müller rechnet mit gut 1600 Zugteilnehmern, rund 50 Zugnummern sollen sich am Sonntag um 13.30 Uhr auf den Weg machen. Alle Schulen und Kindergärten sind mit von der Partie und auch viele Tiere und Festwagen werde man sehen, verspricht Bürgermeister Weigel: „Jeder hat versucht, etwas Besonderes beizutragen.“

Mit der vielfältigen Teilhabe der Bürger und Vereine ist den Organisatoren genau das gelungen, was am Anfang der Planungen zu dem Jubelwochenende stand: „Wir wollten keinen teuren Event einkaufen, sondern die Wendlinger sollen miteinander feiern“, so der Wunsch von Weigel und dem aus Ehren- und Hauptamtlichen bestehenden Organisationsteam.       mo / Foto: Stadt Wendlingen

Das Festprogramm: Freitag, 10. Juli, 16.30 Uhr: Eröffnung der Ausstellung zum Fotowettbewerb „Mein Wendlingen am Neckar“ im Rathaus, 18 Uhr: Party mit DJ Wolle; Samstag, 11. Juli, ab 14 Uhr: bunter Nachmittag, 19 Uhr: Konzertnacht der Vereine im Treffpunkt Stadtmitte und auf dem Marktplatz; Sonntag, 12. Juli,  9.30 Uhr: ökumenischer Gottesdienst, anschließend:  Musik, Show und Spiele für Kinder auf der Festmeile, 13.30 Uhr: Festumzug, 17 Uhr: Luftballonwettbewerb und Unterhaltung mit den Musikvereinen Wendlingen und Unterboihingen.

Info: mehr zur Geschichte im Stadtmuseum und in der Ausstellung des Robert-Bosch-Gymnasiums, zum Festprogramm unter www.wendlingen.de