Der unglückliche Klosterschüler

Denkendorf gedenkt Hölderlin – Brunnen und Gedenktafel  im Maierhof  enthüllt  – Vorträge im nächsten Jahr

Vor 250 Jahren wurde Friedrich Hölderlin  geboren, auch in Denkendorf hat der Dichter Spuren hinterlassen. Schließlich war er dort  von 1784 bis 1786 Seminarist in der Klosterschule. Zur Ehrung des Dichters wurden kürzlich dem Brunnen im Maierhof der Name „Hölderlin-Brunnen“ verliehen und daneben eine Gedenktafel enthüllt.

Eigentlich sollte das Jahr 2020 ein Hölderlin-Jahr in Denkendorf werden – mit zahlreichen Vorträgen,  Veranstaltungen und sogar einem Musical. Doch dann kam Corona und machte den Plänen einen Strich durch die Rechnung. Einiges davon soll nun im kommenden Jahr nachgeholt werden.

Doch der  Festakt mit feierlicher Enthüllung des Hölderlin-Brunnens und einer Gedenktafel wurde noch  im Jubiläumsjahr gefeiert. Im Maierhof, unterhalb der Denkendorfer Klosterkirche, erinnern nun      der Brunnen und eine   Gedenktafel an die Jahre Hölderlins als Klosterschüler.

Es waren keine glücklichen Jahre, wie Pfarrer Reiner Strunk    erklärt. Der promovierte Theologe  war über viele Jahre  Leiter der Evangelischen Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf und hat den Festakt kürzlich begleitet.

„Friedrich  Hölderlin haderte mit der Strenge und der  Humorlosigkeit   der Klosterschule“, sagt Strunk. Hölderlin war in seiner Zeit als Seminarist in Denkendorf ein Junge im Alter   zwischen  14 bis 16 Jahren. Im Kloster, das man sich wie ein Internat für angehende evangelische Theologen vorstellen muss, wurden die Zöglinge hart rangenommen, wie Strunk beschreibt. Um 5 Uhr in der Früh mussten dieJungen aufstehen, danach folgte die erste Andacht,  um 7 Uhr begann der Hebräisch-Unterricht. Die Nachmittage waren für Eigenstudien  bestimmt. „Höchstens an den Sonntagnachmittagen  gab es etwas Freizeit für die Klosterschüler“, so Strunk.

Überliefert ist , dass Hölderlin auch mal sanktioniert wurde, weil er es im sonntäglichen Gottesdienst wohl hat an Aufmerksamkeit fehlen lassen. So sei er in der Folge mit Entzug des Tischweins bestraft worden. In den Jahren in Denkendorf schrieb der junge Hölderlin erste, meist  fromme Gedichte.

Sie handeln laut Strunk  von Themen wie Buße und Reue und sind eher als erste Fingerübungen eines angehenden Dichters denn  als Werke von großer Bedeutung und Qualität zu sehen. „Es sind die Selbstbespiegelungen eines frommen jungen Mannes“, sagt  Strunk. Nach seinen zwei Jahren in Denkendorf wechselte Hölderlin ins Kloster Maulbronn, auch dort war er unglücklich. Für Reiner Strunk liegt Hölderlins Unglück zum Teil in der Strenge der Klosterwelt, zum anderen aber auch an der  inneren Zerrissenheit des Menschen Hölderlin. Ein Briefwechsel, den Hölderlin mit seinem Mentor, dem Diakon Köstlin in Nürtingen, pflegte, macht diese Zerrissenheit des jungen Dichters deutlich.

Dort heißt es: „Bald hatte ich viele gute Rührungen, die vermutlich von meiner natürlichen Empfindsamkeit herrührten und also nur desto unbeständiger waren. Es ist wahr, ich glaubte,  jetzt wäre ich der rechte Christ, alles war in mir Vergnügen, und in Sonderheit die Natur machte in solchen Augenblicken einen außerordentlich lebhaften Eindruck auf mein Herz; aber ich konnte  niemand um mich leiden, wollte nur immer einsam sein.“

Strunk sieht darin deutlich die Themen,  die Hölderlins Leben bestimmten und das in der Folge keinen glücklichen Verlauf genommen hat:  die Empfindsamkeit, sein Bemühen um Religiosität, seine Naturverbundenheit und sein Hang zum Einsamsein.  bob

Info: Die für dieses Jahr geplante dreiteilige Seminarreihe „Hölderlin verstehen“, die Reiner Strunk leitet, wird im nächsten Jahr nachgeholt. Ein Termin steht noch nicht fest. Das geplante Hölderlin-Musical wird nicht stattfinden. red Foto: Gemeinde Denkendorf


Ein Denkmaltag im Netz

Motto lautet „Chance Denkmal: Erinnern. Erhalten. Neu denken“ – Esslinger Stadtkirche per Videos  – Kleines Programm in Kirchheim und Nürtingen

Der Tag des offenen Denkmals am 13. September zum Thema „Chance Denkmal: Erinnern. Erhalten. Neu denken“ findet in diesem Jahr fast ausschließlich online statt – auch im Landkreis  Esslingen.

Etliche Esslinger Beiträge beziehen sich auf die Stadtkirche St. Dionys. Um deren Schätze ins richtige Licht zu rücken, hat sich ein Film-Team um Stadtkirchenpfarrer Christoph Bäuerle gebildet.

Drehbücher geschrieben

 In kurzen Video-Clips werden bisher eher verborgene Facetten an schwer zugänglichen Orten der Stadtkirche mit Mitteln moderner Film- und Kameratechnik beleuchtet: Glasfenster in schwindelerregender Höhe, die Steinmetzkunst des Lettners oder das leicht übersehene Wandbild des Heiligen Leonhard. Christoph Bäuerle schrieb „Drehbücher“ für drei kurze Filme. Dann verwandelte sich die Stadtkirche  in ein Filmstudio. Von hohen Metallleitern und mittels einer durch den Kirchenraum schwebenden Drohne entstanden Bilder selbst von Glasfenstern in 25 Metern Höhe. Auch ins Ausgrabungsmuseum unter der Kirche führt ein Video. Es zeigt die Entstehungsgeschichte und die wesentlichen Inhalte des Städtischen Ausgrabungsmuseums.

Holzmodell der Stadtkirche

Virtuelle Einblicke gibt es auch in die Kirchenbibliothek. Kirchenführer Manfred Wörner präsentiert ein Video zu einem lang verschollenen und nun wiedergefundenen großen Holzmodell der Stadtkirche von Schreiner Otto Nord aus Esslingen.

„Die Türme erleben“ heißt ein digitaler Rundgang in den Türmen der Stadtkirche von Inge Rembold mit Informationen zur Geschichte der Türme und des Glockengeläuts. Alle Videos und Beiträge finden sich auf der Internetseite der Evangelischen Stadtkirchengemeinde  unter www.stadtkirchengemeinde-esslingen.de

Auf dem Esslinger Ebershaldenfriedhof befindet sich auf dem jüdischen Teil ein schon 1948 angelegtes Grab- und Mahnmal für die Toten der Konzen­trationslager Echterdingen und Hailfingen-Tailfingen. Darüber spricht  die Esslinger Kulturwissenschaftlerin  Gudrun Silberzahn-Jandt. Der Rundgang kann mit der App DigiWalk online oder direkt am Computer angesehen oder angehört werden.

Als ein  Ort für alle präsentiert sich der  „Dicke Turm“. Das Bauwerk wird seit 2019 saniert. Der Burgverein  gewährt einen  Einblick zum  Stand der Arbeiten und einen Ausblick, wie es nach der Fertigstellung aussehen wird.

Baugeschichte des Pfleghofs

Der Pfleghof des Klosters Bebenhausen in Esslingen wurde erstmals im Jahr 1229 urkundlich erwähnt. Der Filmbeitrag von Denkmalpfleger Andreas Panter und Jonathan Panter (Kamera) spürt aus nicht allgemein zugänglichen Blickwinkeln der  Baugeschichte des Anwesens vom 13.  bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts  nach.

Einzige Präsenzveranstaltungen sind die im Rahmen des Denkmaltags von der Stadt Esslingen organisierten Glockenspielkonzerte  und der liturgische Abschluss in der Frauenkirche ab 17 Uhr – mit Orgelmusik von Wonjin Min und einem Gespräch zwischen Architektin Christine Keinath und Pfarrerin Cornelia Krause.

 Im Landkreis Esslingen ist das Programm zum Tag des offenen Denkmals erheblich ausgedünnt. Viele Städte wie Plochingen und Ostfildern sowie Gemeinden im Kreis verzichten  gänzlich auf Beiträge.

 Kirchheim jedoch beteiligt sich mit einem „kleinen Programm aus Stadtführung, Vorträgen und Aktionen“, wie Pressesprecher  Robert Berndt erklärt.

Planung zum Kornhaus-Umbau

Die Architekten Jelena Bozic und  Peter Cheret stellen ab 14 Uhr im großen Sitzungssaal des Rathauses  die Planungen zum Umbau des Kirchheimer Kornhauses vor und wollen  Fragen beantworten. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, Interessierte sollen sich bei der Kirchheim-Info telefonisch unter 0 70 21/ 5 02-5 55 oder per E-Mail an tourist@kirchheim-teck.de anmelden. Es ist jedoch geplant, die Veranstaltung per Livestream zugänglich zu machen. Mehr dazu soll  es  zeitnah auf der Facebook-Seite der Stadtverwaltung geben.

Eine Führung setzt sich auf die Spuren der ehemaligen Stadtbefestigung.  Rainer Laskowski beschäftigt sich mit dem Thema „Die Kirchheimer Stadtbefestigung zwischen Dekanat und Rollschuhplatz“ (ab 14.30 Uhr). Es geht um den Zeitraum zwischen 1538 bis 1541, als Herzog Ulrich die Stadt   zur Landesfestung ausbauen ließ. Die Teilnahme kostet fünf  Euro pro Person, eine Anmeldung bei der Kirchheim-Info ist erforderlich.

Auch ein Webinar steht auf dem Programm: Unter dem Titel  „Kirchheimer Kunstweg –  Moderne Kunst im Stadtgebiet entdecken“ zeigt die Kunsthistorikerin Barbara Honecker  ab 15 Uhr Skulpturen und Objekte  unterschiedlicher Formen und Materialien, die im gesamten Stadtgebiet verteilt sind. Man findet sie auf Plätzen, in Seitenstraßen, in Form eines Brunnens oder als Kunst am Bau. Insgesamt setzt sich der Kunstweg aus 16 Werken zusammen und erstreckt sich bis nach Ötlingen.

Das Webinar findet voraussichtlich über Zoom statt. Der Link zum Webinar  soll  zeitnah auf der Facebook-Seite der Stadtverwaltung veröffentlicht werden  oder kann per E-Mail an tourist@kirchheim-teck.de erfragt werden.

 Hobbyfotografen sind gefragt: Zum diesjährigen Tag des offenen Denkmals veranstaltet die Kirchheim-Info einen Fotowettbewerb auf Instagram, bei dem das vielseitige architektonische Flair von Kirchheim eingefangen werden soll. Hauptgewinn ist ein Gutschein für eine kulinarische Stadtführung. Weitere zehn besonders gelungene Schnappschüsse werden jeweils mit einer gut gefüllten Souvenirtasche ausgezeichnet. Mitmachen kann jeder, der mindestens 14 Jahre alt ist.  Wer seine selbst fotografierten Bilder am 13. September bis 23.59 Uhr bei Instagram unter dem Hashtag #tdodkirchheim veröffentlicht, nimmt am Wettbewerb teil.  Das persönliche Profil muss auf „öffentlich“ gestellt sein. Es kann auch die Instagram-Seite der Stadt verlinkt werden: @stadt.kirchheimteck.

Historische Führung

Auf eine Führung weist An­drea Vöhringer  von der Pressestelle der Stadt Nürtingen hin. „Unsere  historische Sonntags-Führung findet statt.“ Diese beginnt um 11 Uhr am Stadtmuseum, Wörthstraße 1, heißt es in der Pressemitteilung der Stadt.  Die Teilnehmerzahl ist auf 20 Personen begrenzt, es ist eine Anmeldung nötig unter E-Mail: touristinfo@nuertingen.de oder unter der Telefonnummer 0 70 22 /7 53 81.

 Da der Tag des offenen Denkmals insgesamt digitaler ablaufen soll, will die Stadtverwaltung Nürtingen auch auf ihre „Zeitreise-App“ hinweisen.

„Der Besuchermagnet, der Kirchturm der Stadtkirche St. Laurentius, ist wegen Corona vom Kirchendekanat für den Rest des Jahres für Besucherverkehr geschlossen worden und deswegen  auch am 13. September nicht geöffnet“, heißt es weiter.  red/bob Foto: Weller


Produktion wird stillgelegt

Balluff will am Stammsitz Neuhausen 200 Arbeitsplätze abbauen

Es ist ein Schock für die Belegschaft, eine Hiobsbotschaft für die Gemeinde und eine die Aussicht trübende Nachricht für die Region: Der Sensor- und Automatisierungsspezialist Balluff aus Neuhausen hat angekündigt, Stellen abzubauen. Demnach sollen 400 der weltweit 3600 Arbeitsplätze im Unternehmen wegfallen. Am Stammsitz Neuhausen soll die Produktion geschlossen werden und an Standorte in China (Chengdu) und Ungarn (Veszprém) verlagert werden, mehr als 200 der rund 1100 Mitarbeiter auf den Fildern droht der Jobverlust. Die Belegschaft wehrt sich gegen die Pläne, die Geschäftsleitung hält an diesen fest. Begründet wird der drastische Schritt nicht nur mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie, sondern auch mit der konjunkturellen Schwäche, die bereits vor den Covid-19-Zeiten eingesetzt hatte.

Die Balluff-Geschäftsführung stellt ihren Plan unter das Leitmotiv der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit. Eine Konsequenz daraus sei, dass die am Stammsitz verbliebenen Produktionskapazitäten  verlagert werden, heißt es in einer Pressemitteilung.  Neuhausen werde  zu einem Innovations- und Kompetenzzentrum entwickelt. Der Abbau der 400 Stellen weltweit soll bis Ende 2021 abgeschlossen sein.

Hoher Preisdruck

Im vergangenen Jahr  sank der Umsatz des Familienunternehmens um 3,9 Prozent auf 469 Millionen Euro, im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres sackten die Erlöse dann um mehr als sieben Prozent (siehe Info-Kasten) ab. Schon 2019 habe sich eine spürbare wirtschaftliche Eintrübung in für Balluff wichtigen Bereichen wie der Automobilbranche oder dem Maschinen- und Anlagenbau eingestellt.  Gleichzeitig habe sich der Wettbewerbsdruck durch fallende Preise aufgrund weltweiter Überkapazitäten erhöht.

„Wir haben es mit einer Kombination aus den Auswirkungen von Covid 19, einer längerfristigen konjunkturellen Schwächephase und einem tief greifenden strukturellen Wandel zu tun. Dem können wir nicht allein mit temporären Maßnahmen wie Kurzarbeit oder tariflichen Einigungen zur Arbeitsplatzsicherung begegnen“, sagte die Balluff-Geschäftsführerin Katrin Stegmaier-Hermle. Der Stellenabbau solle so sozialverträglich wie möglich gelingen, Gespräche mit dem Betriebsrat laufen. „Aber wir sehen leider keinen anderen Weg, die Wettbewerbsfähigkeit der Gruppe für die Zukunft zu sichern.“ Noch vor zwei Jahren hatte Balluff angekündigt, die Zahl der Mitarbeiter in Neuhausen zu erhöhen.

Mitarbeiter wehren sich

Die IG Metall reagierte angesichts der von Umsatzsteigerungen geprägten Entwicklung der zurückliegenden Jahre und in Anbetracht des gut aufgestellten Unternehmens mit Unverständnis auf die Jobabbau-Entscheidung. Ende Juli verschaffte sich die Belegschaft in Neuhausen bei einer Kundgebung Gehör. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die teils Jahrzehnte im Betrieb sind, wollen ihre Arbeitsplätze nicht kampflos räumen.

Langfristig sieht sich das Unternehmen trotz der aktuellen Krise gut aufgestellt. Der Trend zu einer immer stärkeren Vernetzung der Automatisierungskomponenten und dem „Industrial Internet of Things“ biete für Balluff  große Chancen, heißt es in der Mitteilung. Das existierende Portfolio biete hierfür eine „perfekte Basis, um in Zukunft Hardware mit Software zu Smartware zu verknüpfen und damit noch mehr nützliche Daten der Maschinen und Anlagen zur Verfügung zu stellen“, sagte Geschäftsführer Florian Hermle.  Ch

Anhang

Das 1921 von Gebhard Balluff in Neuhausen als Reparaturwerkstatt für Fahrräder und Nähmaschinen  gegründete Unternehmen ist kurz vor dem 100-jährigen Bestehen in die Krise geschliddert, während die Jahre zuvor von einem kontinuierlichen Wachstum gekennzeichnet waren. Weltweit hat Balluff derzeit 3600 Mitarbeiter, rund 1100 davon am Stammsitz auf den Fildern. Das Familienunternehmen in vierter Generation bezeichnet sich selbst als führender Sensor- und Automatisierungsspezialist, neben Sensor- werden Identifikations-, Netzwerk- und Softwarelösungen angeboten. Neben dem  Firmensitz in Neuhausen  verfügt Balluff rund um den Globus über Vertriebs-, Produktions- und Entwicklungsstandorte und ist mit 38 Tochtergesellschaften und weiteren Vertretungen in 68 Ländern aufgestellt.

Im Jahr 2019 verzeichnete die Balluff-Gruppe einen Umsatz von  469 Millionen Euro, was gegenüber dem Vorjahr ein Minus von 3,9 Prozent bedeutet. Zum Gewinn macht das Unternehmen keine Angaben. Die  weltweiten wirtschaftlichen Unsicherheiten und Transformationsprozesse in den Schlüsselindustrien hätten sich schon vor Corona  bemerkbar gemacht. „Wir hatten uns für 2019 ein Wachstum im knapp zweistelligen Bereich vorgenommen“, sagte Geschäftsführerin Katrin Stegmaier-Hermle. Die konjunkturelle Dynamik kühlte in der zweiten Jahreshälfte aber merklich ab. Dies habe exportorientierte Branchen wie den Automobilsektor oder den Maschinen- und Anlagenbau als die beiden wichtigsten Kundensegmente von Balluff besonders getroffen.

„Sorgenkinder sind und bleiben dabei unsere Heimatmärkte – Deutschland, Österreich und die Schweiz. Aber auch die Umsatzentwicklung in anderen Märkten wie Nord- und Südamerika sowie Asien blieb hinter unseren Erwartungen zurück“, erklärte Stegmaier-Hermle. Die eingeleitete Diversifizierungsstrategie habe allerdings Früchte getragen. Der Geschäftsbereich Packaging, Food and Beverage legte um rund neun Prozent zu. Verluste gab es in den Geschäftsbereichen Machine and Plant Engineering (minus vier Prozent)  sowie Mobility (minus sechs Prozent). Der Ausbruch der Corona-Pandemie führte dann zu einem Einbruch der Auftragseingänge, der Umsatz ging allein im ersten Quartal um sieben Prozent zurück. Für Balluff sei zentral gewesen, in dieser Phase die Liefer- und Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, sagte Frank Nonnenmann, der zum 1. Februar dieses Jahres Michael Unger als Geschäftsführer abgelöst hat. Das Produktionsvolumen wurde reduziert, auf der Kostenseite wurden Hebel angesetzt, in Neuhausen wurde zum 1. April  für einen Teil der Belegschaft Kurzarbeit angemeldet.

Stegmaier-Hermle geht  von einer sehr langsamen wirtschaftlichen Normalisierung aus. Konzentrieren will sich Balluff nun vor allem auf Wachstumsbranchen wie die Pharma- und Verpackungsindustrie sowie die Bereiche E-Mobilität und erneuerbare Energien. ch / Foto: Balluff


Kompaktere Struktur

Hochschule Esslingen stellt sich neu auf – Weniger Fachbereiche – Veränderungen auch am Standort Göppingen

Die Zeiten sind auch für die Hochschule Esslingen nicht mehr einfach: Das schwindende Interesse an Technik,  die Umwälzungen in der Automobilindustrie, der harte Wettbewerb unter den Hochschulen,  Doppelstrukturen und  die teilweise alt hergebrachte  Organisation von Fachbereichen setzen die Hochschule unter Handlungsdruck. Mit einer Reduzierung von elf auf sechs Fachbereiche und einer neuen Gliederung der Fakultäten will sich die Hochschule den Herausforderungen stellen.

Die Studienthemen werden sich künftig auf sechs Fakultäten verteilen: „Maschinen und Systeme“, „Mobilität und Technik“, „Angewandte Naturwissenschaften, Energie- und Gebäudetechnik“, „Informatik und Informationstechnik“, „Wirtschaft und Technik“ sowie „Soziale Arbeit, Bildung und Pflege“. Dazu kommen fünf grundlegende wissenschaftliche Lehrbereiche, die zuvor in den  Fachbereichen eingegliedert waren.  „Digitalisierung“, „Forschung und Transfer“, „International Centre and Graduate School“, „Studieneingang und Grundstudium“ sowie  „Weiterbildung“ werden künftig gesondert angeboten; damit sollen Doppelstrukturen vermieden werden.  „Das Thema Digitalisierung ist für jeden Fachbereich relevant“, erklärt Rektor Christof Wolfmaier. Aber nicht jeder Fachbereich benötige einen eigenen IT-Experten. „Die neue Organisation ist eine große Chance für uns, weil sie Synergien schafft und dadurch Neuausrichtungen möglich macht. So können wir verstärkt gesellschaftlich relevante Themen in unserer Lehre aufgreifen“, betont    Wolfmaier.

Ein gutes Beispiel für die Aktualisierung der Studiengänge sieht Wolfmaier in der  „zukunftsorientierten“ Ausrichtung des  Fachbereichs Mobilität und Technik. Dieser entsteht durch die Zusammenführung der Studiengänge Elektrotechnik und Fahrzeugtechnik. Das soll der ganzheitlichen Betrachtung künftiger Mobilitätswelten entsprechen. Die neue Konstellation soll einen stärkeren Fokus auf die gesamte Mobilitätskette schaffen: von der Energieerzeugung über die Infrastruktur bis zur Entwicklung moderner Fahrzeuge –  auch über das Automobil hinausgehend. Des Weiteren sollen die Lehrenden die veränderten Mobilitätsbedürfnisse der Menschen in Städten und dem ländlichen Raum  analysieren und neue, innovative Mobilitätskonzepte entwickeln.

 Eine besondere Rolle kommt dem Standort Göppingen zu:  Mechatronik bleibt  am dortigen Campus  –  voraussichtlich als Studiengang Mechatronik/Cyber-physikalische Systeme. Dieser soll vermehrt IT-Inhalte abdecken. Auch der duale Studiengang Mechatronik-Plus bleibt in Göppingen. Die Studiengänge Elektrotechnik sowie Automatisierungstechnik und Produktionsinformatik werden in Esslinger  Fakultäten integriert. Am Campus Göppingen wird die Leitung der neuen, standortübergreifenden Fakultät „Wirtschaft und Technik“ angesiedelt. Daneben  wird auch der Studiengang  „Digital Business Engineer“ aufgebaut.  „Damit können wir Göppingen  und Esslingen stärker voneinander abgrenzen und wir machen uns nicht gegenseitig Konkurrenz“, sagt Wolfmaier. Ziel sei auch, in Göppingen  wieder dauerhaft auf    1000 Studierende zu kommen.

Zwei zusätzliche Professorenstellen soll es in Göppingen geben. Durch die Umstrukturierung verlieren fünf  Dekane zunächst   ihren Status. Da die Leitungsfunktionen in den Fakultäten  neu gewählt werden, können sich auch die jetzigen Dekaninnen und Dekane  zur Wiederwahl stellen.

Die neue Organisationsstruktur soll im Sommersemester 2021 starten. Ab dem Wintersemester 2021/2022 sind die Anpassung und die Umsetzung der aktualisierten Studienangebote vorgesehen.

   Die Hochschule wird auch das nächste Semester coronabedingt überwiegend digital bestreiten.  bob / Foto: bul


Kelten-Hotspot Südwesten

Am  Heidengraben bei Erkenbrechtsweiler soll Rundweg entstehen – Besucherzentrum geplant – Baden-Württemberg gibt zehn Millionen Euro für landesweite Konzeption aus

Die Kelten haben den Südwesten Deutschlands gemocht. Zahlreiche Funde belegen, dass das Volk sich mit Vorliebe im heutigen Baden-Württemberg niedergelassen hat. Die größte  Siedlung war der sogenannte Heidengraben bei Erkenbrechtsweiler, Hülben und Grabenstetten. Dort sollen noch in diesem Jahr  ein Erlebnispfad eröffnet und  der Bau eines Besucherzentrums  begonnen werden.  

Nach einem Beschluss der Landesregierung vom vergangenen Jahr wird das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst  in den nächsten Jahren insgesamt  zehn Millionen Euro in die Keltenkonzeption des Landes investieren. Zunächst liegt der Fokus  dabei auf den drei zen­tralen Keltenstätten: dem Heidengraben, dem Ipf bei Bopfingen und dem Keltenmuseum in Hochdorf/Enz. Dorthin fließen insgesamt  drei  Millionen Euro.

Stadtähnliche Anlage

Mit einer Gesamtfläche von 1662 Hektar ist der Heidengraben die größte bekannte keltische Befestigungsanlage Deutschlands – ein sogenanntes Oppidum.   Besiedelt war  die stadtähnliche Anlage zwischen dem ersten und zweiten Jahrhundert  vor Christus; Keramik, Glasschmuck, Fibeln aus Eisen und Bronze und wenige Münzen lassen  eine Datierung in die Spätlatènezeit zu (bis circa  100 vor Christus). Man fand auch  Amphoren als Transportbehälter für Wein, sie weisen auf eine rege Handelsbeziehung zum Mittelmeerraum hin. Es  könnte sich sich beim Heidengraben um Riusiava aus dem antiken Atlas des Ptolemaios handeln.

 Ihren Namen hat die Gemeinde Grabenstetten  sicherlich dem  Verteidigungsgraben des Oppidums zu verdanken. Gut sichtbar ist noch der Wall, der um das Oppidum läuft. Die Hochfläche war  durch steile Abhänge natürlich geschützt. Von dort oben ließ sich gut beobachten, wer sich der Siedlung näherte: Germanen oder andere Kelten, die in feindlicher Absicht unterwegs waren. Die Bewohner der Anlage haben sich die schmalen und tief eingeschnittenen Täler, die zur Hochfläche führen, zur Verteidigung  zunutze gemacht. Dort wurden Tore angelegt, durch die Besucher  mussten und wo sie von den Bewohnern empfangen wurden.

Ein Stück Mauer rekonstruiert

 Diese Tore sind heute nach dem Alphabet benannt – von   Tor A bis Tor H.     Aufschluss über die Tore haben Ausgrabungen in der Gemeinde Erkenbrechtsweiler gegeben,  ein Stück dieser Mauer wurde rekonstruiert. Warum die Anlage aufgegeben wurde, ist nicht klar. Anbrandende Germanen könnten zum Verlassen des Oppidums geführt haben, aber auch innerstädtische Spannungen, Krankheiten und Seuchen, die sich auf dem kleinen Raum schnell haben ausbreiten können.

Um die historische Stätte angemessen zu bearbeiten haben sich die drei Gemeinden Erkenbrechtsweiler im Landkreis Esslingen sowie Grabenstetten und Hülben (Landkreis Reutlingen) zum Zweckverband   Region Heidengraben, zusammengeschlossen. Als eine Art   Auftakt  zum geplanten „Erlebnisfeld Heidengraben“ soll demnächst der neue,  virtuelle Erlebnispfad eröffnen.  „Der Weg befindet sich derzeit im Ausbau und wird vermutlich im Lauf des Septembers fertig“, erklärt Roland Deh, der Bürgermeister von Grabenstetten.  Ein offizieller  Eröffnungstermin stehe noch nicht fest.  

Der Baubeginn  des großen Besucherzentrums des Erlebnisfelds Heidengraben ist laut Deh  für nächstes Jahr geplant. „Die optimistische Variante ist, dass das Besucherzentrum im Jahr 2022 fertig sein könnte“, sagt  der Bürgermeister. Offen ist noch der  Bau eines Kreisverkehrs, der die Besucherströme leiten soll. Dieser wird dann auf der Gemarkung des Kreises Esslingen liegen.

  Der Bund beteiligt sich an der Finanzierung des Erlebnisfelds Heidengraben mit zwei  Millionen Euro. Das Land hat  bis zu 1,75 Millionen Euro aus Mitteln der Keltenkonzeption in Aussicht gestellt. Weitere Mittel in gleicher Höhe kommen von den Gemeinden Erkenbrechtsweiler, Grabenstetten und Hülben sowie den Landkreisen Reutlingen und Esslingen. 

Mit der  Keltenkonzeption will das Land einzelne Kelten-Hotspots miteinander vernetzen.  Dazu gehören neben dem Heidengraben der Ipf bei Bopfingen, das Keltenmuseum in Hochdorf/Enz, die Heuneburg an der Donau sowie das Landesmuseum Stuttgart, das als Schaufenster der Keltenkultur fungiert. „Das spannende keltische Erbe kann nicht nur an einigen zentralen Fundstätten und Museen studiert werden, sondern prägt flächenübergreifend das ganze Land“, betonte Kunststaatssekretärin Petra Olschowski kürzlich bei der Präsentation der Keltenkonzeption. Die Hauptaufgabe der Konzeption bestünde darin, dieses reiche Erbe sichtbar zu machen. „Wir wollen eine Geschichte erzählen von einer längst vergangenen Zeit, deren oft geheimnisvolle Spuren bis heute im ganzen Land zu entdecken sind.“

Herzstück Heuneburg

Ein Herzstück des Keltenlandes, die oberhalb der Donau gelegene Heuneburg bei Hundersingen, wird in den nächsten Jahren zu einer „Kelten- und Naturerlebniswelt“ ausgebaut. Die befestigte Kernanlage des frühkeltischen Fürstensitzes aus dem sechsten Jahrhundert vor  Christus ist etwa 300 Meter lang und bis zu 150 Meter breit. Sie ist eine der bekanntesten Fundstellen aus keltischer Zeit in Mitteleuropa. Und der Ort erhebt für sich den Anspruch, die älteste, jemals erwähnte Siedlung im nördlichen Europa zu sein. Der Grieche Herodot schrieb von der sagenhaften Stadt Pyrene am Oberlauf der Donau und erwähnte ihre weißen Tore.

Geländedenkmal Ipf

Die Gemeinde Bopfingen im Ostalbkreis hat ein besonders eindrucksvolles Geländedenkmal aus keltischer Zeit vorzuweisen. Der Ipf gilt als ein frühkeltischer Fürstensitz aus der älteren Eisenzeit. Die vorhandenen Nachbauten keltischer Gebäude sollen in Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege ertüchtigt, ein Besucherzentrum sowie digitale Angebote sollen integriert werden. Außerdem wird die Ausstellung im Städtischen Museum neu gestaltet. Dort will  sich der Bund an der Finanzierung mit 918 000 Euro beteiligen. Das Land hat 741 000 Euro in Aussicht gestellt, die Stadt Bopfingen und der Ostalbkreis steuern insgesamt den gleichen Betrag bei.Das Land will die Gemeinde Eberdingen für die  Modernisierung des Museums in Hochdorf/Enz, dessen Angebotserweiterung sowie eine bessere Vernetzung mit bis zu 500 000 Euro fördern. Auch dafür  sind Mittel in gleicher Höhe von der kommunalen Seite eingeplant. Das Museum dokumentiert anhand von Repliken die frühkeltischen Funde aus dem 1968 entdeckten und 1978/1979 untersuchten Hügelgrab eines frühkeltischen Fürsten.  bob / Fotos: bob


Abgestimmt

Bei der Demo gegen die Corona-Regeln in Berlin sind Demonstranten bis zur Treppe des Reichstags vorgedrungen. Soll das Parlamentsgebäude nun besser geschützt werden?

Foto: dpa

Mehr Schutz?

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Maske bei der Arbeit?

 

Die Maskenpflicht am Arbeitsplatz könnte die Schließung ganzer Branchen verhindern, sagen Experten. Glauben Sie das auch?

 

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Maske bei der Arbeit?

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Das Wahrzeichen ist saniert

Schwäbischer Albverein renoviert das Wanderheim und den Turm der Teck für rund 200 000 Euro – Stolze Burg und repräsentative Residenz

Die Burg Teck mit ihrer markanten Silhouette thront weithin sichtbar auf dem 773 Meter hohen Teckberg über dem Kirchheimer Albvorland und dem Eingang in das Lenninger Tal. Anders als bei den anderen noch erhaltenen Burgen und Festungen in der Region wie etwa Reußenstein oder Hohenneuffen sind die Gebäude der Teck nicht mittelalterlich, sondern erst in der Neuzeit errichtet worden. Doch auch neuere Gebäude bröckeln, und so hat der Schwäbische Albverein, dem die Burg Teck gehört, in den vergangenen Monaten den Aussichtsturm und das Dach des Wanderheims für 200 000 Euro saniert.

Einige Wochen lang waren der  Turm der Burg Teck und Teile der Gebäude hinter Gerüsten und Planen verschwunden. Hinter der Hülle waren Fachhandwerker zugange, die das Dachgeschoss des Wanderheims energetisch sanierten, einen Kamin neu aufbauten, das Dach mit neuen Biberschwanz-Ziegeln eindeckten und nicht zuletzt die marode Fassade des 31 Meter hohen Aussichtsturms wieder instand setzten.

Teure Sanierung

Gebäude in derart exponierter Lage, über Jahrzehnte Wind, Wetter und teilweise ex­tremen Temperaturen ausgesetzt, müssen besonders genau kontrolliert werden. So war es zwar Zufall, aber keineswegs überraschend, dass  die Baufachleute des Schwäbischen Albvereins  bei der Sanierung des Wanderheims vor zwei Jahren gravierende Schäden am Dach des Hauses entdeckten. Etliche Ziegel waren geborsten, auf dem obersten Dachboden lag Schnee, Feuchtigkeitsschäden drohten. Zudem stellte sich heraus, dass einer der Kamine völlig marode war und neu aufgebaut werden musste.

In  die fällige Sanierung wurde auch der Turm einbezogen. Dessen Fassade hatte zuletzt im Jahr 2007 einen neuen Anstrich erhalten. Bei einer Begutachtung  war jedoch klar geworden, dass es dieses Mal mit einigen Kübeln Farbe nicht getan war. Das Mauerwerk war in Teilen feucht geworden, Gebüsch und Efeu waren über die Felsen und den Turmfuß gewachsen und hatten weitere Bauwerksschäden verdeckt. Schließlich hatte ein Sturm im vergangenen Herbst einige Ziegel vom Turmhelm gerissen.

An den Gesamtkosten von rund 200 000 Euro für die Sanierung hat sich der Teck-Neuffen-Gau des Albvereins mit 2000 Euro beteiligt. Sie wurden für neue Orientierungstafeln für die Aussichtsplattform oben auf dem Turm verwendet. Auch der Verschönerungsverein Kirchheim steuerte 1000 Euro bei. „Die Burg Teck ist nicht nur ein Wahrzeichen, sondern ein echtes Highlight unserer Region“, hatte Martin Lude, der Vorsitzende des Verschönerungsvereins, die Spende begründet.

Frühe Tourismusförderung

Der Vorgänger des Vereins, der Bezirks-Verschönerungsverein, dem neben Kirchheim etliche Gemeinden angeschlossen waren, hatte im Jahr 1889 begonnen, in einer frühen Form der Tourismusförderung die verfallenen Reste der alten Burg aus dem 11. Jahrhundert für Ausflügler und Wanderer zugänglich zu machen. Auf den Mauerresten des Bergfrieds wurde ein Aussichtsturm gebaut, wenig später folgte eine Schutzhütte. 1933 wurde die Hütte zur Veranstaltungshalle ausgebaut, die den Namen Mörikehalle erhielt. Im Jahr   1941 kaufte der Schwäbische Albverein die Ruine, den Turm und die Mörikehalle.  1954 wurde die Halle zu einem Wanderheim mit Ausflugsgaststätte umgebaut, ein Jahr später wurden der alte, in Fachwerk aufgebaute Turmhelm abgetragen und die historisierende Brüstung der Aussichtsplattform abgebaut, der Aussichtsturm erhielt seine aktuelle Form.

Mächtiger Hochadelssitz

Das heutige Aussehen der Burg Teck lässt allerdings nur wenige Rückschlüsse auf die ursprüngliche Gestalt der einst mächtigen Anlage zu. Nach den archäologischen Befunden wurde die Burg wahrscheinlich gegen Ende des 11. Jahrhunderts erbaut. Als „suum castrum silicet Thecche“ wird sie erstmals im Jahr 1152 urkundlich  erwähnt. Erbauer waren die hochadeligen, mit den Zähringern verwandten Grafen von Nellenburg, die aus der Nähe von Stockach stammten und in Schaffhausen und der Stadt Kirchheim Münzrecht besaßen.

   War die Anlage zunächst zur Sicherung des Besitzes  und der Rechte der Nellenburger im Raum Kirchheim gedacht, übernehmen nach deren Aussterben die Zähringer  als Erben die Burg und nutzten sie als  Residenz. 1187 wird Adalbert von Zähringen als Herzog von Teck genannt. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Herzöge im 14. Jahrhundert wird die Burg abschnittsweise an Österreich und an Württemberg verkauft. Nach der Zerstörung im Bauernkrieg 1525 liegt die Teck als Ruine da, ein württembergischer Versuch im Jahr 1736, dort eine große Festung zu bauen, wird nach nur einem Jahr wieder aufgegeben. Von der einstigen mittelalterlichen Größe zeugen nurmehr Turmstümpfe, Teile der Ringmauer und des Halsgrabens.  pst / Foto: Jean-Luc JACQUES

Info: Informationen zum Burgenbau in der Region gibt es unter www.alt-owen.com.


Hoffnung auf Weihnachtsstimmung

Esslingen plant  „Mittelalter- und Weihnachtszeit 2020“ – Absage immer noch möglich 

In der Esslinger Innenstadt könnte es auch in diesem Jahr eine Weihnachts- und Mittelalterveranstaltung geben, allerdings deutlich abgespeckt und unter  eingeschränkten Bedingungen. Ein  coronakompatibles Konzept hat die Esslinger Markt und Event GmbH (EME) entworfen.  Sicher ist die Veranstaltung jedoch nicht, sie kann auch noch komplett abgesagt werden.

Michael Metzler, der Geschäftsführer der EME,  spricht nicht von „Markt“ –  dafür gibt es coronabedingt keine Genehmigung –  sondern von Veranstaltung. So heißt es, dass nun für die „Esslinger Mittelalter- und Weihnachtszeit 2020“ vom 26. November bis 21. Dezember geplant wird.

„Mit der ‚Mittelalter- und Weihnachtszeit 2020’ wollen wir eine kleine, charmante und coronakonforme Alternative zum traditionellen Mittelalter- und Weihnachtsmarkt anbieten“, sagt der EME-Geschäftsführer . Möglich seien  bis zu 70 Stände in drei thematisch gegliederten und umzäunten Inseln auf dem Marktplatz, Rathausplatz und Hafenmarkt. „In Verbindung mit der traditionellen Weihnachtsbeleuchtung und den liebevoll dekorierten Schaufenstern der Fachgeschäfte ergibt sich ein stimmungsvolles Gesamtbild.“ Metzler sagt, man wolle ein Zeichen für Beständigkeit setzen. „In diesem Jahr ist so etwas bestimmt mehr als Punsch und Glühwein, sondern ein Ausdruck von Tradition und Werten.“ Außerdem benötigten Handel, Gastronomie und auch die Marktbeschicker Unterstützung.

Die meisten Städte haben ihre Märkte bereits abgesagt. Andere wiederum warten auf die von der Landesregierung angekündigte, aber noch nicht vorliegende Corona-Verordnung. Metzler spricht von einem „Dilemma“. Während  traditionelle Weihnachtsmärkte von Anbietern aus der Region beschickt werden und die man auch noch kurzfristig anwerben könnte, kommen die Aussteller auf Mittelaltermärkten von weiter her.   „Wir standen vor der Entscheidung, komplett abzusagen, oder mit den Planungen zu beginnen“, erklärt Metzler.

So  ist  die EME mit ihrem Konzept an ihre potenziellen Aussteller  herangetreten. Rund 400 Aussteller aus dieser Szene haben sich Anfang des Jahres bei der EME beworben.

 „Sie müssen nun  entscheiden, ob sie unsere Auflagen  leisten können“, so Metzler weiter. Er ist auch sicher, dass sich die Szene verkleinert hat. Ohne Märkte und ohne Einkommen habe sich wohl mancher anders aufstellen müssen.

Metzler rechnet damit, bis Anfang Oktober Klarheit zu haben, welche Aussteller dabei sein können. Die  diesjährige Ausgabe des Events  wäre auch deutlich anders als seine Vorgänger. Flächen und  Besucherzahl  würden kontrolliert, es werde 70 statt 180 Stände geben,   Bühne, Vorführungen, Konzerte, der Ball, das Zwergenland  und andere Veranstaltungen mit vielen Menschen würden fehlen, das gastronomische Angebot werde begrenzt sein. Wie die Alternative zum Adventsmarkt in der Ritterstraße im Detail aussehen könnte, ist noch unklar. Veranstalter Til Maehr arbeitet daran.

War der Markt bisher eine  Veranstaltung mit vielen überregionalen Besuchern, so sieht sie Metzler  nun als Event für die Esslinger und ihre Nachbarn. Auch wenn etliche Reiseveranstalter in Esslingen nachfragen, rechnet er nicht mit großen Bustouren.

Sollten sich Auflagen verschärfen, kann  die EME  laut Metzler noch mit bereits ausgearbeiteten Konzepten mitziehen.

„Wir sind zwar für verschiedene Szenarien vorbereitet“ sagt er,  „aber es kann   auch dazu kommen, dass die gesamte Veranstaltung abgesagt werden muss.“  bob / Foto: bulgrin


Zu gut für die Tonne

Die „Foodsharing“-Idee verbreitet sich auch im Landkreis  – Aktionen in Kirchheim, Wendlingen und Esslingen

Insgesamt 27 646 Kilogramm Lebensmittel wurden in 1513 „Rettungseinsätzen“ vor der Tonne bewahrt –  das ist die „Foodsharing“-Bilanz in Kirchheim. Seit dem Jahr 2015 werden dort Lebensmittel gerettet, deren Verpackung beschädigt ist, die zu viel produziert wurden, nicht mehr zu den üblichen Zeiten verkauft werden können oder deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Elf Kooperationen mit Supermärkten, Bäckereien, Bioläden oder auch Obst- und Gemüsehändlern gibt es in der Teckstadt; die Lebensmittel werden wöchentlich von sogenannten Foodsavern abgeholt. In Corona-Zeiten natürlich mit Schutzmaske, Handschuhen und dem erforderlichen Abstand.

Foodsaver beziehungsweise Lebensmittelretter wird man, wenn man auf der Homepage der Initiative zunächst ein Quiz besteht, bei dem viel Hintergrundwissen abgefragt wird. Anschließend absolviert man drei „betreute Einführungsabholungen“ bei kooperierenden Betrieben. Erst danach wird ein Ausweis ausgehändigt, mit dem man eigenständig zu den vereinbarten Zeiten Lebensmittel bei den Kooperationspartnern retten darf. Wer Foodsaver werden möchte, muss keine Bedürftigkeit vorweisen.

Die  36-jährige Sozialpädagogin Maria ist bei der Initiative im Bezirk Kirchheim die Botschafterin und Betriebsverantwortliche, sie koordiniert die Abholungen. Maria betont, dass bei den Aktionen der Aspekt der Nachhaltigkeit im Vordergrund stehe. Es gehe darum, noch genießbare Lebensmittel zu verwerten. Seit August gibt es zudem an der Sultan-Ahmet-Moschee einen Schrank, in dem die geretteten Lebensmittel für alle zugänglich aufbewahrt werden. Zudem läuft eine Anfrage an die Stadt bezüglich der Aufstellung eines Kühlschranks, sodass die Lebensmittel in naher Zukunft dort auch kühl gelagert und gratis abgeholt werden können.

An einem Samstag wird in Kirchheim auf dem Markt bei einem Obst- und Gemüsehändler das eingepackt, was bis zum Verkaufsschluss nicht über die Ladentheke ging: Paprika, Schnittlauch, Tomaten, Auberginen und anderes Gemüse. Dann geht es ein paar Schritte weiter zum mobilen Holzbackofen von Familie Müller. Uwe und Gabi Müller geben gerne das her, was nicht verkauft werden konnte; dieses Mal sind es Kümmelbrot, Zwiebelbrot und Speckknautzen. Das Ehepaar ist seit November 2019 überzeugter Foodsharing-Kooperationspartner. Die dahinter steckende Idee sei sehr gut, Müllers loben auch den sozialen Aspekt. Zu viel Produziertes hat das Paar früher selbst als Knödelbrot verarbeitet, in der Nachbarschaft verteilt oder als Futter für Fische verwertet. Doch gerade für Letzteres seien die Lebensmittel  nicht gedacht.

Der 24-jährige Sem Schade ist seit drei Jahren dabei und Foodsharing-Botschafter für den Bereich Wendlingen: „Ich finde, das ist eine Win-Win Situation: Man tut der Umwelt etwas Gutes, rettet Lebensmittel und spart nebenbei Geld.“ In Wendlingen gibt es Kooperationen mit vier Betrieben, unter anderem einem Feinkostladen und einer Tankstelle. „Für uns ist es wichtig, dass wir bei den Abholungen zu 100 Prozent zuverlässig sind und die Kooperationen auch verbindlich einhalten. Leider ist es immer nur die Spitze des Eisbergs, die wir bei den Aktionen retten können“, sagt Schade. Die Lebensmittel landen in einem „Fair-Teiler“, einem öffentlich zugänglichen Schrank in der Brückenstraße. Die Biotonne daneben hat die Stadt kostenfrei zur Verfügung gestellt.

In Esslingen gibt es aktuell 21 Kooperationen, bei denen bisher in 9263 Einsätzen 85 803 Kilogramm Lebensmittel gerettet wurden. In der Friedensstraße und in der Flandernstraße gibt es öffentlich zugängliche „Fair-Teiler“.  aro / foto: aro

Info: Näheres, auch das Quiz für Einsteiger, ist unter www.foodsharing.de zu finden.