Die gute Stube wird saniert

Grundlegende Modernisierung für die Stadthalle in Neuffen – Rund zwei Jahre Bauzeit und 7,5 Millionen Euro Kosten

Die Sanierung der Stadthalle in Neuffen hat begonnen. Nach dem Votum zweier Bürgerversammlungen und der Grundsatzentscheidung, das 55 Jahre alte Gebäude trotz erheblicher Mängel nicht abzureißen, sind im Januar die ersten Arbeiter angerückt. In den kommenden zwei Jahren wird die Halle nun umgestaltet, baulich modernisiert und energetisch auf einen zeitgemäßen Stand gebracht. Die Stadt rechnen mit Baukosten in Höhe von etwa 7,5 Millionen Euro.

Die Stadthalle von Neuffen stammt aus dem Jahr 1965 und weist seit geraumer Zeit erhebliche Mängel auf. So sind etwa das Dach, die Fassade und die Fenster energetisch zwar  noch auf dem bauzeitlichen Stand. Der Brandschutz erfüllt die Vorgaben seit langem nicht mehr, Heizung, Lüftung und die Sanitäranlagen sind veraltet und auch die Hauselektrik genügt den Ansprüchen nicht mehr. Erschwerend kommt hinzu, dass die Halle nicht barrierefrei zugänglich ist und daher den Anforderungen an öffentliche Räume nicht entspricht. Einige Zeit lang hatte die Verwaltung erwogen, die gute Stube der Stadt  abreißen zu lassen und durch einen Neubau zu ersetzen. Nachdem jedoch zwei Bürgerversammlungen dazu ein eindeutiges Votum für den Erhalt der Halle ergaben, wurden die Planungen für eine Sanierung konkretisiert. Dabei wurden auch die von den Vereinen als Nutzer formulierten Anforderungen einbezogen.  Eine erste Kostenermittlung belief sich auf mehr als elf Millionen Euro – ein Betrag, den die Stadt angesichts weiterer Großprojekte wie die Mensa am Schulzentrum, die Sanierung der Realschule und des Fachwerks am Großen Haus nicht hätte stemmen können.

Das Sanierungsvorhaben wurde daher noch einmal abgespeckt, die Baukosten werden sich nun laut Neuffens Bürgermeister Matthias Bäcker auf 7,5 Millionen Euro einpendeln. „Allein die Fassadensanierungen mit neuen energiegerechten Scheiben kommen auf rund 700 000 Euro, für die komplette elektrische Anlage sind ebenfalls Kosten in dieser Größenordnung anzusetzen“, sagt er. Die Erneuerung der Heizung, der Lüftung und der Sanitäranlagen sei ebenfalls sehr kostspielig. „Der Brandschutz muss komplett neu rein in die Halle, da war  nichts da“, berichtet Bäcker. Die frühere Pächterwohnung des Stadthallenrestaurants wurde abgebrochen, das Restaurant und die Küche werden verschwinden. Künftig wird es in der Halle nur noch eine Cateringküche geben. „Die Fußböden  in den Fluren und im Treppenhaus müssen aufpoliert werden, in der Halle kommt der Fußboden komplett raus, da wird ein neues Parkett verlegt. Alles in allem kommt da  eine Stange Geld zusammen“, sagt Bäcker. Immerhin werde das Projekt durch das Land im Rahmen des Landessanierungsprogramms gefördert. Bäcker rechnet damit, dass die Bauarbeiten bis  Herbst 2022 abgeschlossen sind.

„Die Neuffener werden nach nun 55 Jahren zwar keine neue, aber eine durchgehend sanierte Stadthalle vorfinden, die dann wieder minimum 55 Jahre halten wird“, verspricht Bäcker. Die Halle werde dank der Barrierefreiheit, aber auch durch die Möglichkeit, neben dem Saal  in einer neuen Lounge Familienfeste  mit eigener Bewirtung oder eigenem Catering feiern zu können, bürgerfreundlicher werden. Gleiches gelte für die  Neuffener Vereine, denen die sanierte Stadthalle ebenfalls ein breiteres Angebot für Veranstaltungen bieten wird.  pst / Foto: Datscha Architekten


Grünes Licht für Neckaruferpark

Esslinger Gemeinderat verabschiedet Pläne – Bei Finanzierung setzt die Stadt auf einen Bundeszuschuss

Grünes Licht für ein grünes Handtuch zwischen Bahngleisen und  Neckar: Der Esslinger Gemeinderat   hat in seiner jüngsten Sitzung einstimmig beschlossen,  das Nürnberger Landschaftsarchitekturbüro WGF mit der Ausführungsplanung für den Neckaruferpark zu beauftragen. Das Projekt soll  den Bewohnerinnen und Bewohnern  der  seit Jahrzehnten mit Erholungsflächen unterversorgten Weststadt etwas Luft verschaffen.  Zumal das Quartier  in den vergangenen Jahren  mit den neuen Wohnblöcken auf dem ehemaligen Güterbahnhof weiter verdichtet wurde und mit  dem Umzug der Hochschule und den Veränderungen auf dem Stadtwerke- und Schlachthof-Areal  weiter zugebaut wird.   

Die Park-Pläne reichen mehr als zwei Jahrzehnte zurück. In Reichweite gerieten sie erst, als die Stadt 2018 ein zwei Hektar großes,  sehr schmales Gelände von der Bahn kaufen konnte.  Die Gemeinderäte lobten, dass es den Planern  gelungen sei, aus dieser schmalen und wegen der Böschung  auch noch schiefen Ebene   zwischen Pliensauturm und Rossneckar das Beste herauszuholen. Und das trotz der Erschwernis,  den geplanten Radschnellweg Stuttgart – Reichenbach  durch den Park zu führen. Der wird  so weit wie möglich ins nördliche Areal parallel zu den Bahngleisen geschoben. 

Eine breit angelegte Bürgerbeteiligung   war auf viel Resonanz gestoßen – die Anregungen sind in die Pläne  eingeflossen. Wenn es nunmehr auch mit der Finanzierung klappt, könnten die Bauarbeiten  im „zeitigen Frühjahr 2022“ vergeben werden und Besucher zwei Jahre später auf einem „Stadtbalkon“  an der Bahnhofunterführung über dem Neckar sitzen. Oder am „Hechtkopf“ und „Naturufer“ dem Fluss wieder näher kommen. Oder  auf den Terrassen des Neckar-Plateaus  sporteln und spielen.

Klärungsbedarf gibt es noch im Bereich der Pliensaubrücke oder besser des Pliensaustegs. Die Verbindung über den Neckar muss  saniert oder neu gebaut werden. Grünflächenamtschef Burkhard Nolte hatte in der vorausgegangenen Sitzung des zuständigen Gemeinderatsausschusses keinen Hehl daraus gemacht, dass der Neubau nach den Plänen des Büros, das bereits den Steg über die Neckarstraße gebaut hat, den östlichen Parkeingang deutlich bereichern würde.  Denn damit könnte  der Erdwall zwischen Merkel- und künftigem Neckaruferpark verschwinden, der auch den Radlern zu schaffen macht.

Die  Radfahrverbände sind mit der Park-Lösung allerdings   nicht ganz glücklich. Das  liegt an der ablehnenden Haltung des Rathauses zur Asphaltierung der   Interimsrampe, die die Stadt  im Zusammenhang mit dem  geplanten Neubau der Rossneckerbrücke am westlichen Parkende aufschottern ließ. Die Interimsrampe führt auf eine  Straße entlang der Bahngleise, mit der die Radler  die seit langem abgesperrte „Schiebestrecke“ des Neckarradwegs  darunter vermeiden könnten.  Dort solle ein Provisorium geschaffen werden, bis der Radschnellweg frühestens  2024/2025 kommt. 

Das Rathaus verweist indessen darauf, dass die Radverbindung während des anstehenden Neubaus der Rossneckarbrücke ohnehin  gekappt sei. Mit deren Fertigstellung im Sommer   seien es bis zum Baustart für den  Neckarpark nur noch ein paar Monate. Und dafür  würden sich die 130 000 Euro, die man  in die Hand nehmen müsste, nicht lohnen, so das Hauptargument. Und während der  zweijährigen Bauzeit für den Park könne man aus Sicherheitsgründen ohnehin keine Radler dort  zulassen. Vereinbart wurde nun, das Thema Radlerrampe im Sommer nochmals zu prüfen.

Allerdings: Von den knapp 8,7 Millionen Euro Gesamtkosten für den Park  sind rund sechs Millionen noch nicht finanziert. Die Stadt hofft  auf einen Zuschuss aus dem begehrten   „Bundesprogramm zur Anpassung urbaner Räume an den Klimawandel“, ist aber in der ersten Tranche  nicht zum Zug gekommen. Sie hat sich erneut  beworben, „ab Mitte des Jahres“ rechnet sie mit dem  Ergebnis.    biz/ch / Foto: Roberto Bulgrin


Abgestimmt

Das Umweltbundesamt fordert die Deutschen auf, ihren Fleischkonsum auf die Hälfe zu reduzieren. Der richtige Weg?

Foto: dpa

Nur noch die Hälfte?

  • Nein! (54% )
  • Ja! (46% )
Loading ... Loading ...


Immer mehr Testmöglichkeiten

Im Landkreis kommen Impfangebote für Über-80-Jährige vor Ort voran – Präsenz-Gottesdienste an Ostern möglich

Eine vorgezogene Osterruhe, die keine mehr ist und neben allgemeiner Verwirrung eine Entschuldigung der Kanzlerin nach sich zog, Kontroversen um Test- und Öffnungsstrategien in Modellgegenden und -kommunen, immer neue Testzentren, Hoffnung auf mehr Impfstoff in naher Zukunft, und ein Osterfest, das erneut so ganz anders sein wird, wie es die Bevölkerung, wie es Christen gewohnt sind: Das Corona-Virus legt seine Fesseln nach wie vor eng um die Lebensgewohnheiten nicht nur in Deutschland.

Im Landkreis Esslingen liegt der Sieben-Tage-Inzidenz-Wert nach wie vor über 100, mit der Folge, dass die „Notbremse“ in Kraft bleibt. Das heißt, der Einzelhandel ist in großen Teilen auf Online- sowie „Click & Collect“-Geschäfte angewiesen, Gastronomie bleibt auch im Außenbereich untersagt. Diskutiert wird  im Land hingegen über weiteren Präsenzunterricht in  Schulen.

Wilhelma wieder geschlossen

Auch  Stuttgart hat mittlerweile die „Notbremse“ gezogen, so bleibt etwa die Wilhelma  wieder geschlossen. Immerhin: Private Treffen von zwei Haushalten mit bis zu fünf Personen sind  auch in Gegenden mit mehr als 100 Neuinfektionen auf 100 000 Einwohner binnen einer Woche erlaubt – Kinder bis einschließlich  14 Jahre zählen nicht mit. Und: Die Christen in Baden-Württemberg können  Präsenzgottesdienste an Ostern feiern. Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger erklärte, Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) sei auf die Kirchen zugegangen. Kretschmann traue ihnen zu, „in bewährter und damit verantwortungsvoller Weise den bisher eingeschlagenen Weg“ mit strengen Hygienekonzepten in den Gottesdiensten weiterzugehen. Bund und Länder hatten ursprünglich beschlossen, die Kirchen zu bitten, Gottesdienste nur online anzubieten. Die Online-Variante greifen trotzdem viele Kirchengemeinden an Karfreitag und Ostern auf.

Seit vergangenen Freitag werden in Baden-Württemberg wieder Termine für Impfungen gegen das Coronavirus vergeben werden (unter der zentralen Rufnummer 116 117 oder online auf www.impfterminservice.de). Das Gesundheitsministerium hatte die Anmeldesysteme geschlossen, nachdem der Bund die Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff für einige Tage ausgesetzt hatte. Das Ministerium dämpfte allerdings  Erwartungen, schnell einen Termin bekommen zu können und bat um Geduld. Mit den derzeitigen Liefermengen werden laut Mitteilung täglich rund 35 000 Menschen in Baden-Württemberg geimpft. Die Hoffnung liegt darauf, dass die Impfstoffliefermengen im April ansteigen. Auch etliche Betriebe warten darauf, dass sie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Impftermine anbieten können.

Die Strategie, dass mobile Impfteams im Landkreis Esslingen in die Orte gehen, um dort  die Über-80-Jährigen zu impfen, die nicht in Pflegeheimen leben und noch nicht in den Impfzentren in Oberesslingen und auf der Fildermesse versorgt wurden, nimmt immer schärfere Konturen an. Etliche Gemeinden haben ihren Seniorinnen und Senioren mittlerweile entsprechende Angebote unterbreitet, die auch in Form von Kontingenten in den Kreisimpfzentren umgesetzt werden können. Ende vergangener Woche waren nach dem Start in Altbach und Notzingen 19 weitere sogenannte Pop-Up-Impfaktionen terminiert. In dieser Woche stehen etwa in den Impfzentren Kontingente für  Denkendorf und Filderstadt auf dem Plan, zudem eine Impfaktion vor Ort in Lichtenwald. In der kommenden Woche können sich Menschen über 80 aus Reichenbach, Wernau, Wendlingen, Köngen, Oberboihingen und Unterensingen vor Ort impfen lassen, in der Woche darauf dann auch in Baltmannsweiler.

Gerungen wird nach wie vor darum, wie die steigenden Corona-Infektionszahlen unter Kontrolle zu bekommen sind. Die Rede ist von einer groß angelegten Teststrategie, aber auch von einer neuerlichen Verschärfung des Lockdowns. Kretschmann sagte, die Landesregierung müsse dafür sorgen, „dass die Notbremse auch gemacht und durchgesetzt wird“.

Modellprojekt in Tübingen

Dann müsse man sich anschauen, wie das Modellprojekt in Tübingen laufe. In Tübingen können Menschen an neun Stationen kostenlose Tests machen, das Ergebnis wird bescheinigt. Damit kann man in Läden, zum Friseur oder auch in Theater und Museen. Eine Reihe von Kommunen im Land würden gern einen ähnlichen Weg einschlagen wie die Universitätsstadt.

Auch in anderen Städten und Gemeinden wird immer mehr getestet. So auch an einem der  größten Verkehrsknotenpunkte im Kreis: Seit vergangenen Donnerstag   gibt es  auf dem Esslinger Bahnhofsvorplatz ein weiteres Schnelltestzentrum. In einem Zelt  können sich  Bürger, Pendler, aber auch Besucher der Stadt   kostenlos testen lassen. Die Teststation richtet sich vor allem an das Fußvolk. Autofahrer sind nach Angaben der Betreiber  besser aufgehoben im  Schnelltestzentrum in der Fritz-Müller-Straße in Oberesslingen, das als  Drive-In aufgebaut wurde. Neben den beiden neuen Teststationen und dem Schnelltestzentrum in der Plochinger Straße 91 bieten mittlerweile auch einige Esslinger Apotheken Corona-Tests an.  Jeder darf sich einmal pro Woche kostenlos testen lassen, jeder weitere Test  kostet  35 Euro. Oberbürgermeister Jürgen Zieger sagte bei der Eröffnung des Zentrums am Bahnhof:  Das Testen sei ein „hilfreiches Instrument und eine  Möglichkeit, das öffentliche Leben wie Kultur, Gastronomie, Handel und Sport wieder herzustellen“.        ch/sl/dpa / Bild: Ines Rudel


CAP-Markt öffnet im Mai

Der Supermarkt  im Zentrum Neuhausens sucht schon Personal und bereitet sich auf die Eröffnung vor

Der neue CAP-Markt in  Neuhausen soll im Mai öffnen. „Ob wir den geplanten Tag am 6. Mai halten können, ist noch offen“, sagt Jörg Moosmann, der bei der Nintegra (Unternehmen für Integration) – eine   Tochter des Sozialunternehmens Neue Arbeit –    für die Einkaufsmärkte mit inklusivem Konzept zuständig ist. Denn in den Kellern und in der Tiefgarage müssten die Besitzer  mehr renovieren als zunächst gedacht. Mitte April werde sich entscheiden, ob der Markt ein oder zwei Wochen später in Betrieb geht. Das Erdgeschoss mit den Ladenflächen sei aber bereits fertig. Das Sortiment mit rund 10 000 Artikeln werde zum geplanten Starttermin vorbereitet. Die Waren bekommt der neue Markt von Edeka geliefert.

Dass der Markt in der Ortsmitte von Neuhausen nun in absehbarer Zeit öffnen kann, ist dem ehemaligen SPD-Gemeinderat Erich Bolich zu verdanken. Er hat sich dafür eingesetzt, dass die Geschäftsflächen wieder vermietet werden. Je nachdem, wie die Arbeiten im Untergeschoss voranschreiten, wird dann nach Moosmanns Worten die Eröffnung terminiert. Da es in unmittelbarer Nähe rund um den Einkaufsmarkt wenig Parkmöglichkeiten gibt, ist es wichtig, dass gehbehinderte  Kunden  die Tiefgarage nutzen können. Moosmann lobt die gute Zusammenarbeit mit den Architekten, die für die Nutzung der Marktflächen  ein neues Konzept entwickelt haben: „Wir schließen eine Lücke in der Nahversorgung.“

Der Chef der CAP-Märkte bei der Neuen Arbeit sucht bereits nach Personal,  Anzeigen werden geschaltet. Der neue Marktleiter ist nach Moosmanns Worten bereits gefunden, allerdings liefen die Verhandlungen noch. Gesucht wird noch die stellvertretende Marktleitung – ebenso wie Kassenpersonal und andere Mitarbeiter.

In den CAP-Märkten arbeiten Menschen mit und ohne Handicap zusammen. „Der Anteil Schwerstbehinderter liegt bei 40 Prozent“, erläutert  Moosmann.  Jede und jeder würden nach ihren Stärken gefördert. Das klappt nach seinen Erfahrungen in den Märkten der Nintegra bestens – 15 CAP-Märkte betreibt das Unternehmen bereits. Mit dem neuen Markt in Neuhausen werden es 16 sein.

Eine Besonderheit im  Markt in Neuhausen ist laut Moosmann  die Unverpackt-Abteilung, sie werde größer als ursprünglich geplant. Den Anstoß dafür haben drei Schülerinnen aus der Fildergemeinde gegeben. Luisa, Luna und Mara haben der Gemeindeverwaltung ihr Unverpackt-Konzept vorgestellt. Sie finden es gut, wenn  Nudeln, Haferflocken oder Nüsse ohne Verpackungsmaterial verkauft werden. Robin Lars Schmitt, der persönliche Referent von Bürgermeister Ingo Hacker, hat daraufhin den Kontakt zu den CAP-Betreibern hergestellt. „Solche Anregungen greifen wir gerne auf“, sagt Moosmann. Man beobachte genau, welches Sortiment die Kunden einkaufen und richte sich danach.

Ende 2019 hatte der CAP-Markt in Neuhausen, den die Filderwerkstatt betrieben hatte, geschlossen. Danach stand die Ladenfläche leer. Gerade ältere Menschen, die  im betreuten Wohnen im Ostertagshof leben, hatte das Aus schwer getroffen. Es gibt zwar gute Einkaufsmöglichkeiten in Neuhausen, allerdings liegen diese nicht im Zentrum. Wenn der CAP-Markt unter einem neuen Betreiber nun wieder öffnet, hofft Moosmann, dass die Menschen das Angebot auch annehmen.

Vor einem Jahr ging die Nintegra mit dem CAP-Markt in  Köngen an den Start. „Die feierliche Eröffnung war gerade noch vor dem ersten Lockdown möglich“, blickt Moosmann zurück. Der Markt in der Fußgängerzone werde von den Menschen inzwischen sehr gut angenommen. Etwas schleppender, weil mitten in der Pandemie, sei der CAP-Markt im vergangenen Frühjahr in Denkendorf gestartet. Inzwischen sei man aber auch dort auf einem guten Weg.  eli / Bild: Ines Rudel


Ein Brauch wird zur Verpflichtung

Die lebendigen Schwörtagstraditionen einstiger Reichsstädte zählen nun zum immateriellen Kulturerbe

Das Selbstbewusstsein Freier Reichsstädte war stets ein ganz besonderes, und es ist bis heute zu spüren. In Esslingen, Reutlingen und Ulm zeigt sich die lebendige Tradition alle Jahre wieder an Schwörtagen. Sie gelten als De­monstrationen kommunaler Selbstregierung, ihre Wurzeln reichen bis ins Mittelalter zurück. Und sie sind in allen drei Kommunen Ausdruck einer Stadtgemeinschaft, die sich gemeinsamen Werten verpflichtet fühlt. Nun hat die Kulturministerkonferenz der Länder auf Empfehlung eines Expertenkomitees der deutschen Unesco-Kommission die Schwörtagstraditionen in Esslingen, Ulm und Reutlingen in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. In den Rathäusern versteht man diese Auszeichnung als Verpflichtung, die Tradition stets auf der Höhe der Zeit mit Leben zu erfüllen. Dass in Coronazeiten die gewohnten Feierlichkeiten in diesem Jahr nicht möglich sein werden, soll diesem Anspruch keinen Abbruch tun.

Vor zwei Jahren hatten die drei einstigen Reichsstädte die Aufnahme in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes in Deutschland beantragt. Die Professorin Eva-Maria Seng von der Uni Paderborn, die den Antrag begleitet hatte, war nicht überrascht, dass man offene Türen einrannte: „Diese spezifische Form der Vergesellschaftung durch gegenseitigen Schwur der städtischen Bürgergemeinde und der Exekutivorgane der Städte, deren Wiederbelebung nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Weiterentwicklung unter neuen demokratischen Vorzeichen bilden ein Beispiel, wie es gelingt, Bräuche und Rituale der Vertrautheit, Wiedererkennung und Strukturierung des Ortes und Raumes mit neuen Elementen zu verknüpfen beziehungsweise diese zu integrieren, um so dem Erstarren in bloßer Folklore zu begegnen.“ Wie die Oberbürgermeister Jürgen Zieger (Esslingen), Thomas Keck (Reutlingen) und Gunter Czisch (Ulm) findet auch Seng: „Es gilt, an die Vergangenheit anzuknüpfen und den Geist dieser Tradition in die Gegenwart weiterzutragen.“

Für Esslingens OB Jürgen Zieger ist die Würdigung Anerkennung und Herausforderung zugleich: „Die Idee der kommunalen Selbstverwaltung mit einer starken Stimme der Bürgerschaft und einem regelmäßig erneuerten Bekenntnis von Oberbürgermeister und Gemeinderat zu den Statuten der Stadtgemeinschaft lebt. Übertragen auf die politischen Regelungen der heutigen Zeit heißt dies: In den Kommunen müssen Dialog, Partizipation und die politische Meinungsbildung über sämtliche Generationen, Instrumente der Teilhabe, Integration und des gemeinsamen Miteinanders ständig gelebt und gepflegt werden.“ Zieger ist überzeugt, dass dieser Gedanke in Esslingen sehr lebendig ist – etwa in den Bürgerausschüssen.

Die Aufnahme in die Unesco-Liste wollen die drei Kommunen nutzen, um ihre Schwörtagstraditionen noch stärker zu profilieren. „Zugleich müssen wir sicherstellen, dass bei aller nötigen Anpassung an gewandelte Einstellungen in der Bevölkerung der historische und stadtgesellschaftliche Kern der Feiern erhalten bleibt“, findet Zieger. Dass sich eine Stadtgesellschaft ihrer gemeinsamen Werte versichert, sei unerlässlich: „In Esslingen leben Menschen aus 127 Nationen friedlich zusammen. Das ist keine Selbstverständlichkeit und das Merkmal einer Friedensstadt, als die wir uns verstehen.“ Aus dem  reichsstädtischen Geist leitet Zieger große Verantwortung ab und verweist auf den Haecker-Preis für politischen Mut und Aufrichtigkeit: Dies sei ein starker Beweis für die Ernsthaftigkeit dieses Anliegens.

In Pandemiezeiten hat Esslingen sein Bürgerfest inklusive Schwörtag für dieses Jahr bereits abgesagt. Aber vielleicht gibt es später noch mal Grund zum Feiern. Denn auf die Frage, ob auch ein Platz in der Unesco-Liste des immateriellen Weltkulturerbes angestrebt wird, antwortet Zieger für alle: „Na klar!“  adi / Archivfoto: Roberto Bulgrin


Abgestimmt

Fußballspieler setzen sich im Hinblick auf die WM in Katar öffentlich für Menschenrechte ein. Was sagen Sie? Nur eine PR-Aktion?

Foto: dpa

Nur eine PR-Aktion?

  • Ja! (100% )
  • Nein! (0% )
Loading ... Loading ...


Neustart mit Astrazeneca

Die Impfzentren im Landkreis Esslingen spritzen wieder das umstrittene Vakzin – Hausärzte ab Mitte April mit im Boot

Sanfte Öffnungsschritte, die schnell wieder zurückgenommen werden. Verwirrung um den Astrazeneca-Impfstoff, der seit Ende vergangener Woche auch im Landkreis Esslingen wieder gespritzt wird. Und die nach wie vor hohen Inzidenzzahlen sorgen weiter für Unsicherheit. Die Corona-Pandemie fordert den Langmut der Bevölkerung heraus.

Nachdem erst zu Beginn der vergangenen Woche  der Impfstopp für das Vakzin von Astrazeneca verhängt und am Donnerstag wieder aufgehoben worden war, haben die Kreisimpfzentren (KIZ) in Oberesslingen und an der Messe auf den Fildern schon am Freitagmorgen wieder begonnen, den Rückstand aufzuholen. Der Neustart sei sehr gut angelaufen, sagte Marc Lippe, der Bezirksgeschäftsführer der Malteser Neckar-Alb am Freitag. „Die Astrazeneca-Impfter­minangebote werden gut angenommen, viele Leute kommen.“

Während des Astrazeneca-Stopps  waren täglich etwa 220 Impftermine in den zwei KIZ ausgefallen. Dies soll nun diese Woche aufgeholt werden. In der vergangenen  Woche waren im Kreisimpfzentrum in Esslingen insgesamt etwa 600 Impfungen täglich vorgenommen worden,  an der Messe etwa 400 pro Tag. In Esslingen wurde zuletzt mehr gespritzt, weil das KIZ aufgrund seiner langen Warteliste ein Impfstoff-Sonderkontingent erhalten hatte. Diese Woche erwartet Lippe trotz des Astrazeneca-Nachhol­effekts ähnliche Impfzahlen  aufgrund von Lieferengpässen  des schwedisch-britischen Herstellers.

Das baden-württembergische Sozialministerium weist darauf hin, dass keine neuen Impftermine vergeben würden, bis der Rückstand aufgeholt sei. Menschen aus der zweiten Prioritätsgruppe sind hierzulande bereits impfberechtigt. Generell gilt: Wer  einen Termin habe, könne sich  impfen lassen. „Alle Personen ab 18 Jahren, die impfberechtigt sind, bekommen  wieder grundsätzlich Termine mit allen verfügbaren Impfstoffen – je nachdem, was gerade frei ist bei der Terminbuchung“, so ein Ministeriumssprecher.

Kretschmann setzt Zeichen

Zur zweiten Prioritätsgruppe zählt auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der ergatterte für vergangenen Freitag einen Impftermin in der Stuttgarter Liederhalle – und ließ sich das Astrazeneca-Vakzin spritzen. Kretschmann wollte dies auch als Werbung verstanden wissen: „Das Zeichen soll sein: Haben Sie Vertrauen, lassen Sie sich impfen.“ Astrazeneca sei ein sicherer und wirksamer Impfstoff, das habe die  EMA nach dem kurzzeitigen Stopp wegen der Prüfung von Nebenwirkungen bestätigt. Impfen sei die einzige Möglichkeit, die Pandemie „niederzukämpfen“, so Kretschmann.

Von dem Astrazeneca-Hin-und-Her nicht betroffen sind die vier mobilen Impfteams im Landkreis. Diese verwenden ohnehin nur das Vakzin von Biontech. Hier werden  etwa 600 Impfungen pro Woche erreicht. Aktuell liegt der Schwerpunkt noch auf den Zweitimpfungen in Altenheimen, Tagespflegestätten und Einrichtungen für betreutes Wohnen. Nachdem diese weitgehend abgeschlossen sind, soll es nach Angaben von Dennis Tabler von den mobilen Impfteams ab Ende März vor allem um Vor-Ort-Aktionen für Über-80-Jährige in den Kreiskommunen gehen. Seit Freitag werden über 80-Jährige aus Altbach, Deizisau und Plochingen in Altbach geimpft. In dieser Woche geht das Impfen vor Ort in Notzingen los. Mit weiteren Kommunen im Kreis würden Termine vereinbart. 39 der 44 Kommunen im Kreis hätten Interesse bekundet.

„Wir hoffen, dass wir trotz aller Widrigkeiten beim Impfen in den vergangenen Tagen nun ein gutes Stück vorankommen werden“, sagte Landrat Heinz Eininger.  Eine weitere Säule des Impfens, heißt es aus dem Landratsamt, fuße darauf, in Arztpraxen zu impfen. In Kirchheim laufe dazu bereits ein Pilotprojekt des Landes in einer Praxis. Ab Mitte April sollen auch in weiteren Hausarztpraxen Impfungen angeboten werden.

Angesichts steigender Infektionszahlen hat das Esslinger Landratsamt am 18. März  die Corona-Beschränkungen verschärft und die vom Land eingeführte „Notbremse“ gezogen – die Sieben-Tage-Inzidenz lag mehrere Tage hintereinander über 100. Angehörige eines Haushalts dürfen sich wieder nur  mit einer Person eines weiteren Haushalts treffen, im  Einzelhandel dürfen nur  noch vorbestellte Waren zu einem fixen Termin abgeholt werden. Wobei die Verwirrung über die Öffnungen recht groß ist (der Landkreis Esslingen bietet in der Regel einen aktuellen Stand der Verordnungen auf seiner Homepage). Von den neuerlichen Einschränkungen sind zunächst neben den  Lebensmittelmärkten Buchhändler und Gärtnereien ausgenommen. Für die anderen gilt: Abholen und Liefern von Waren ist weiterhin möglich, das sogenannte Click & Meet aber nicht mehr.

Sportanlagen für Amateur- und Freizeitsport, Museen, Galerien, Gedenkstätten, zoologische und botanische Gärten bleiben ebenfalls  geschlossen. Körpernahe Dienstleistungen sind nicht erlaubt, außer medizinisch notwendige Behandlungen und Friseurbetrieb.  

In Esslingen bleiben die städtischen Museen geschlossen. Mittelfristig hofft Kulturamtsleiterin Alexa Heyder „auf eine Einstufung der Häuser als außerschulische Lernorte und damit andere Öffnungsperspektiven“. Nicht von der Regelung betroffen sind  die Stadtbücherei und das Stadtarchiv. Dort ist  ein Besuch nach   vorheriger Anmeldung mit  Buchung eines Zeitfensters möglich.

Gericht kippt Quarantäne-Regel

Laut Florian Mader vom Pressereferat des Landessozialministeriums kann auf die „Notbremse“ verzichtet werden, wenn die höheren Infektionszahlen auf einen  nachweisbaren Ausbruchsort zurückzuführen sind. Im Landkreis Esslingen ist ein solcher Hotspot laut Pressesprecherin Andrea Wangner nicht auszumachen. Aufgehoben würden die verschärften Beschränkungen, wenn das Gesundheitsamt eine Sieben-Tages-Inzidenz von weniger als 100 Neuinfektionen je 100 000 Einwohnern an fünf Tagen in Folge feststellt.

 Die Zahl von Menschen in der Region, die in Quarantäne sind, ist zuletzt stark angestiegen. Allerdings müssen  Kontaktpersonen einer Kontaktperson nicht mehr automatisch in Quarantäne.  Das entschied der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg und setzte damit eine Regelung des Landes außer Vollzug. Konkret geht es zum Beispiel um  die Familien  von Schülern, die mit einem  positiv getesteten Schüler aus der eigenen Klasse  Kontakt hatten.   ch/the/gg/sw / Foto: Roberto Bulgrin


Modern und bürgernah

Die Stadt Kirchheim plant in der Altstadt einen Verwaltungsneubau mit breiter Bürgerbeteiligung

Die Planungen für ein neues Verwaltungsgebäude in der Marktstraße in Kirchheim gehen voran. Nach einem Bürgerbeteiligungsprozess im vergangenen Jahr waren dessen Ergebnisse in das Konzept eingearbeitet worden. Im Februar hat der  Gemeinderat daraufhin die  wesentlichen Eckpunkte für den Neubau beschlossen. Nun können die Planungen weiter vertieft werden.

Seit geraumer Zeit wird in Kirchheim beklagt, dass ein Großteil der städtischen Verwaltungsgebäude zeitgemäßen Standards nicht genügt. Allgemein fehlt es an Platz, an Sozial- und Besprechungsräumen, es gibt keine Barrierefreiheit und auch der Brandschutz ist mangelhaft. Viele Räume sind für eine  flexible Nutzung , etwa für das Arbeiten in abteilungsübergreifenden Projektteams, nicht geeignet. Daher hat die Stadt ein Verwaltungsgebäudekonzept aufgelegt, mit dem bis zum Jahr 2030 die Voraussetzungen für  zeitgemäße Verwaltungsflächen geschaffen werden sollen.

Der geplante Neubau am unteren Ende der Marktstraße bildet  einen Baustein dieses Konzepts. Dort soll ein 46,5 Meter langes und 17,5 Meter breites Gebäude mit einer Firsthöhe von 20,75 Metern errichtet werden. Nach den bisherigen Festlegungen sollen dort künftig die Bereiche Bürgerservice und Ausländerwesen sowie das Standesamt Platz finden.

Da der Verwaltungsneubau in den Charakter des historischen Stadtkerns eingreift und dazu ein Teil des Rollschuhplatzes überbaut wird, hatte die Stadtverwaltung bereits frühzeitig die Bürger mit einem Beteiligungsprozess an Bord geholt und ihre Stimmen und Stellungnahmen aufgenommen. In den Planungsprozess flossen überdies die Stellungnahmen des örtlichen Gewerbes und des Landesdenkmalamts sowie die Ergebnisse  einer separaten Jugendbefragung zur Nutzung des Rollschuhplatzes  ein. 80 Prozent der befragten  Bürger wünschten demnach Feste und Veranstaltungen auf dem Platz sowie eine Steigerung der Aufenthaltsqualität etwa durch Schattenplätze, Sitzgelegenheiten und öffentliche Toiletten. Ähnliches ergab auch die Jugendbeteiligung zur Freiraumgestaltung. „In den weiteren Planungen werden die Anregungen und Stellungnahmen zum Rollschuhplatz soweit wie möglich berücksichtigt“, teilt die Verwaltung dazu mit.

Ein in der Bürgerbeteiligung viel diskutiertes Thema war die Frage nach den notwendigen Parkplätzen und der Erreichbarkeit des Gebäudes für mobilitätseingeschränkte Bürger. Dazu hat der Gemeinderat nun beschlossen,  auf eine öffentliche Tiefgarage  aufgrund denkmalschutzrechtlicher Auflagen zu verzichten. Nach dem derzeitigen Stand der Planungen sollen aber  zehn Parkplätze wenn möglich im Untergeschoss oder am Gebäude eingerichtet werden.

„Auch im weiteren Planungsprozess wollen wir den Faden der Bürgerbeteiligung nicht abreißen lassen. Sämtliche Planungsschritte sollen transparent erfolgen“, betont Bürgermeister Stefan Wörner. Nun sollen die Pläne  verfeinert und konkretisiert werden. „Ziel ist es, bis zum Jahresende eine genehmigungsreife Planung zu haben“, sagt Wörner.  2022 könnten die ersten Bauarbeiten beginnen, bei einem optimalen Ablauf könne mit einem Bezug des Neubaus durch die Stadtverwaltung im Jahr 2024 gerechnet werden. pst / Foto: Stadt Kirchheim

Info: Der Abschlussbericht zum Beteiligungsprozess zum Verwaltungsneubau ist  unter www.kirchheim-teck.de/ImDialog zu finden. 


OB Zieger hört auf

Esslingens Oberbürgermeister geht Ende September in den Ruhestand und bleibt sich auch im Abschied treu

Im Esslinger Rathaus geht eine Ära zu Ende. Nach mehr als 23 Jahren an der Spitze der Stadtverwaltung verabschiedet sich Jürgen Zieger Ende September in den Ruhestand. Dass der Oberbürgermeister ein Jahr vor Ende der Amtszeit seinen Hut nehmen will, kommt für die allermeisten überraschend. Denn der OB hatte nie einen Zweifel daran gelassen, dass er die Geschicke der Stadt mit Leib und Seele lenkt, auch wenn ihm der Wind bisweilen scharf ins Gesicht weht.

„Nach erfüllenden Jahren als Oberbürgermeister dieser Stadt nehme ich mir die Freiheit, diesen Zeitpunkt selbst zu wählen. Es gibt viel zu viele Politiker, die den richtigen Zeitpunkt verpassen“, betont der 66-Jährige und versichert: „Zunächst aber werde ich mich noch bis zum 30. September meinen Aufgaben als Oberbürgermeister in vollem Umfang und mit aller Kraft widmen. Es wird mir eine Ehre sein.“ Ziegers Ankündigung bringt die verschiedenen politischen Lager der Stadt nun in Zugzwang, weil sie sich rasch Gedanken über die Nachfolge machen müssen.

Dass er stets  im ersten Wahlgang als OB gewählt worden war, betont Zieger nicht ohne Stolz:  „Ich darf mit Freude auf viele gute und prägende Jahre in meinem Amt zurückblicken.“ Dass er sich mit einer stattlichen Leistungsbilanz verabschiedet, dürfte seinen Entschluss erleichtert haben. „Mein Amtsverständnis war immer vom Anspruch geprägt, ‚der Stadt Bestes’ zu suchen“, erklärt Zieger. „Unterschiedliche Meinungen zu Themen und Projekten sind Teil einer liberalen Demokratie und auch Wesensmerkmal einer engagierten Bürgerschaft.“

Zieger bedankt sich bei seinen Dezernenten, beim Gemeinderat und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadtverwaltung: „Ich weiß, dass ich allen einiges abverlangt habe. Wenn es manchmal zu viel gewesen sein sollte, tut es mir leid. Aber ohne dieses Engagement bringt man einen Tanker wie Esslingen nicht in Fahrt. Und ich kann für mich in Anspruch nehmen, dass ich auch mir immer sehr viel abverlangt habe.“ Wenn es in Debatten bisweilen hart zur Sache ging, liegt das für den OB in der Natur des politischen Geschäfts: „Nur mit einer gewissen Konsequenz und Härte bewegt man vieles. Vor allem dann, wenn man zum Wohl der Stadt unpopuläre Entscheidungen treffen muss. Wenn ich Menschen jedoch persönlich verletzt habe, möchte ich mich dafür entschuldigen.“ Umso mehr freue er sich, dass die Fraktionschefs mit großer Wertschätzung auf die Ankündigung seines Abschieds reagiert hätten.

Zieger nimmt für sich in Anspruch, dass er  stets versucht habe, dem sozialen Aspekt das nötige Gewicht zu geben. Das mag auch in seiner Biografie angelegt sein: „Es war mir als Arbeiterkind aus dem Rheinland nicht in die Wiege gelegt, ein solches Mandat jemals zu erreichen und so lange ausüben zu dürfen.“

Die Entscheidung, ein Jahr vor Ende der Amtszeit zu gehen, folge keiner spontanen Idee: „Sie ist innerfamiliär mit meiner Frau Angela 2019 entschieden und coronabedingt auf 2021 verschoben worden. Es gibt dafür keine äußeren Anlässe, aber meine Frau und ich möchten noch ein anderes Leben ohne ausgefüllten Terminkalender und Sieben-Tage-Woche führen.“ Untätig wird er nicht sein: Zieger bleibt Regionalrat und behält Ehrenämter wie den Vorsitz der Weiler-Stiftung und der Stiftung Esslinger Kulturpreis. Auch beim Podium- und beim Jazzfestival will er sich engagieren. „Ein Schatten-OB will ich sicher nicht werden“, versichert er.

Angela Zieger betont, dass Esslingen zu ihrem Lebensmittelpunkt geworden sei, verbunden  mit vielen schönen Momenten und persönlichen Freundschaften. Die promovierte Kunsthistorikerin hat stets ein eigenständiges Profil gezeigt und Akzente abseits der Stadtpolitik gesetzt. Die Freude auf mehr Privatleben, als es einem OB  möglich ist, ist Jürgen Zieger anzumerken. Auch deshalb ist er mit sich im Reinen: „Ich reiße mir ein Stück vom Herzen, aber ich weiß, dass es gut ist.“  adi / Foto: Roberto Bulgrin