Bademeister verzweifelt gesucht

Auch im Kreis Esslingen fehlt es an den Fachkräften – Respektlosigkeit von Badegästen ist nur ein Grund dafür

Vorfälle wie dieser steigern gewiss nicht die Attraktivität des Bademeister-Berufs: Im Freibad wird wegen Hochbetriebs im Becken der Sprungturm gesperrt. Eine Gruppe Jugendlicher springt trotzdem. Das Personal weist sie aus dem Bad, ein Teil weigert sich zu gehen. Es kommt zu Rempeleien, einem Polizeieinsatz, Anzeigen. Das Ganze trug sich am 19. Juni in Deizisau zu, es hätte jederzeit auch in jedem anderen Bad passieren können.
Der Respekt vor bademeisterlicher Autorität schwin­det überall, ist von Bäderbetreibern und Verbänden zu hören. Und das ist ein Grund, warum Bademeister zum Mangelberuf wurde. Aber nicht der einzige.
Mindestens 2500 Bademeisterinnen und -meister fehlen in Deutschland, schätzt Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbands Deutscher Schwimm­meister – „und von der Tendenz her wird die Lücke noch größer.“ Eine Facette also des umfassenden Themas Fachkräftemangel, die auch im Kreis Esslingen spürbar ist. Auch wenn es hier – anders als in Freiburg, Bad Mergentheim, Friedrichshafen, Mannheim oder einigen bayerischen Kommunen – bisher zu keinen großen Einschränkungen kommt. Lediglich das Kirchheimer Freibad hat den Kassenschluss von 20 Uhr auf 19.30 Uhr vorverlegt, weil „aktuell auch bei uns Bademeister fehlen“, sagt Robert Berndt, Pressesprecher der Stadt Kirchheim. Nicht einen Auszubildenden für den Beruf habe man in dieser Saison finden können. Die Stadtwerke Esslingen (SWE), die die Esslinger Bäder betreiben, werben laut Prokurist Dominik Voelker auf mehreren Kanälen für das „vielseitige Berufsbild“. Reichenbach und Deizisau behelfen sich mit externen Dienstleistern.
Leichter indes wird der Job in Zeiten hitziger Temperaturen und offenbar auch Temperamente nicht. „Der Ton wird rauer“, bestätigt Eleonore Wagner vom DLRG-Landesverband Württemberg. Voelker stellt fest: „Leider ist eine Zunahme von Verstößen gegen die Haus- und Badeordnung oder die Anweisungen des Personals zu verzeichnen.“ Beleidigungen und Beschimpfungen des Schwimmbadpersonals seien „besonders an heißen, gut besuchten Tagen an der Tagesordnung“. In den Esslinger Freibädern komme daher zu solchen Stoßzeiten ein Sicherheitsdienst zum Einsatz. Dasselbe in Kirchheim: Beleidigungen seien häufig, Körperverletzungen oder mutwillige Sachbeschädigungen eher selten. Im Schnitt einmal pro Monat müsse das Freibadpersonal die Polizei rufen. In Deizisau komme dies einmal pro Saison vor, sagt Bürgermeister Thomas Matrohs. Trotz der „ärgerlichen Vorgänge“ vom 19. Juni sei man „ein kleines, familiäres Bad“ und wolle dies bleiben. Deshalb achte das Personal konsequent auf Einhaltung der Regeln, brauche dabei aber „schon ein dickes Fell“, räumt der Bürgermeister ein – auch wenn nicht gleich die Polizei kommen muss.
Das musste sie im Jahr 2019 zu rund 40 Straftaten in Freibädern im Kreisgebiet (2020 und 2021 lag die Zahl coronabedingt deutlich niedriger). Bei aller Problematik der statistischen Auswertung, auf welche die Pressestelle der Polizei ausdrücklich hinweist, geht aus den Zahlen hervor, dass Freibäder relativ sicher und keine Brennpunkte der Kriminalität sind. Anzeigen wegen Körperverletzung, Beleidigung, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch bewegten sich jeweils im einstelligen Bereich – pro Jahr auf den Kreis Esslingen berechnet.
Auch schwere Badeunfälle wie am 14. Mai in Neuhausen, als ein Neunjähriger durch das beherzte Eingreifen einer Bademeisterin vor dem Ertrinken gerettet wurde, sind laut Badbetreibern selten. Einsätze wegen in Not geratener Nichtschwimmer oder unbeaufsichtigter Kleinkinder, so ­Voelker, nehmen jedoch zu. Die Verantwortung im wimmelnden Freibad mag die Attraktivität des Fachberufs zusätzlich zum mangelnden Respekt mindern. Diesen hält Jens Popke, beim Schwimmmeister-Bundesverband zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, auch für die Folge eines veränderten Berufsbilds: „Heute soll der Bademeister nicht mehr der strenge Beckenrandlatscher sein, sondern eine nette Servicekraft. Natürlich geht das mit einem gewissen Autoritätsverlust einher.“ Umso mehr komme es darauf an, freundlich, aber bestimmt Regelverletzungen zu unterbinden.
Ansonsten spielen auch bei der Entscheidung gegen den Bademeister-Beruf die üblichen Verdächtigen des Fachkräftemangels eine wichtige Rolle: Unisono wird auf unattraktive Arbeitszeiten mit Schichten von frühmorgens bis spätabends und besonders am Wochenende verwiesen. Hinzu komme, so Eleonore Wagner von der DLRG, eine Ausbildungslücke wegen der Corona-Lockdowns; beziehungsweise eine „Abwanderung von Kollegen, die jetzt als ungelernte Kraft in der Industrie mehr verdienen wie als Fachkraft im Bad“, sagt Verbandspräsident Harzheim. Ein Faktor dabei, ergänzt Popke, sei die regionale Kaufkraft: „Deshalb ist der Bademeister-Mangel im Süden Deutschlands größer als im Norden.“

Von der Wasserchemie bis zur Wiederbelebung

Nicht jeder sogenannte Bademeister oder jede Bademeisterin ist „Geprüfte/r Meister/in für Bäderbetriebe“, wie die offizielle Bezeichnung des Meisterberufs heute lautet. Doch auch ohne diesen Meistertitel haben die professionellen Bademeister eine dreijährige Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe absolviert, an die sich die Weiterbildung zum Meister anschließen kann.
Die Ausbildungsinhalte für diesen Beruf sind außergewöhnlich vielseitig und zugleich umfassend. Laut der Heinrich-Lanz-Schule in Mannheim, der zentralen Bademeister-Schmiede Baden-Württembergs, zählt selbstverständlich Schwimm- und Rettungsunterricht dazu, aber auch medizinische Notfallhilfe bis hin zur Wiederbelebung, die an einer Herz-Lungen-Puppe geübt wird.
Hinzu kommen die Fächer Wasserchemie und Bädertechnik für Theorie und Praxis des Schwimmbadbetriebs mit seinen komplexen Anlagen. Auch die Didaktik von Schwimmkursen kann Teil der Ausbildung sein.

Der 1973 gegründete Verband Deutscher Schwimmmeister mit derzeit 3800 Mitgliedern versteht sich als Interessenvertretung des Berufsstands in fachlichen und arbeitsrechtlichen Fragen.

mez / Foto: Ines Rudel


Kritik an verspäteter Genehmigung

S-Bahn-Verlängerung nach Neuhausen geht frühestens im Dezember 2027 in Betrieb – Eidechsen werden umgesiedelt

Wo künftig die S-Bahn von Bernhausen nach Neuhausen fahren soll, sind derzeit noch Artenschützer zugange: Sie sammeln geschützte Eidechsen ein, um sie anderswo wieder freizulassen. Diese Umsiedlung „wird voraussichtlich noch bis August dauern“, sagt Daniel Kohler, der die Strecke als Projektleiter für die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) betreut. Danach wird ein Team des Landesamts für Denkmalpflege nach Funden aus der Römerzeit graben.
Dass sich nun etwas tut und die lang ersehnte S-Bahn-Verlängerung endlich genehmigt ist, sorgt bei den beteiligten Kommunen für große Erleichterung. Gleichwohl hat das Warten noch kein Ende, etwa auf dem eingezäunten Bahnhofsareal in Neuhausen. Bereits vor einem Jahr haben die Vereine dort ihre Lagerräume räumen müssen, doch gebaut wird immer noch nicht. Auf dem Areal wird das Projekt aber laut Kohler schon vorbereitet. Es werden Habitate für die Eidechsen angelegt, damit diese bei den Bauarbeiten nicht in Gefahr geraten. Ein Teil der Tiere ist ins Egelseegebiet am Ortsende von Neuhausen umgesiedelt worden.
Das Stuttgarter Regierungspräsidium hat die S-Bahn-Verlängerung Anfang Juli genehmigt und den Planfeststellungsbeschluss erlassen. Auch der Landkreis Esslingen – neben dem Verband Region Stuttgart sowie den Kommunen Filderstadt und Neuhausen Mitfinanzierer des Projekts – hat dem derzeit auf 210 Millionen Euro taxierten Schienenbauprojekt zugestimmt. Ebenso der Neuhausener Gemeinderat – einstimmig, gleichwohl unter heftiger Kritik an dem langen Genehmigungsprozess.
Da die Strecke genehmigt ist, sei es jetzt möglich, die Förderanträge zu stellen – dann könnten im Frühjahr 2023 die Vergaben für den 3,9 Kilometer langen neuen Abschnitt der S2 beginnen, sagt Daniel Kohler. Der Baubeginn werde derzeit für das dritte Quartal 2023 angepeilt. „Wenn alles nach Plan läuft, wird die Strecke zum Fahrplanwechsel im Dezember 2027 in Betrieb gehen.“ Da gebe es allerdings viele Risiken, sodass ein späterer Starttermin nicht ausgeschlossen sei.
Die wiederholten Verzögerungen bei dem Infrastrukturprojekt stellen die Gemeinde Neuhausen und die Stadt Filderstadt vor Probleme, denn die städtebauliche Entwicklung wurde behindert. „Es war eine sehr lange Genehmigungszeit, mehr als fünf Jahre. Die Baugenehmigung jetzt ist für uns und alle Beteiligten die Grundlage für die ‚Meilensteinentscheidung Baubeschluss‘“, sagt der Neuhausener Bürgermeister Ingo Hacker. „Jetzt nehmen die konkreten Planungen Fahrt auf. Und wir können mit dem Prozess zum neuen Flächennutzungsplan fortfahren.“ Scharf kritisiert Hacker die Dauer des Verfahrens: „Die Genehmigungsprozesse müssen sich dringend verkürzen, wenn wir die Mobilitätswende hinbekommen wollen.“ In Neuhausen musste nach seinen Worten ein neues Artenschutzgutachten erstellt werden, weil das vorhergehende nach einer gewissen Zeit seine Gültigkeit verloren hatte. Auch Landrat Heinz Eininger monierte die Planungsdauer, dies sei „eine Geschwindigkeit, die man sich nicht leisten kann“.
Der Neuhausener Gemeinderat ist intensiv in die Gestaltung des Bahnhofareals eingebunden. „Die Arbeit in der Projektgruppe wurde von allen als sehr erfolgreich und befruchtend bewertet, sie wird fortgeführt und intensiviert“, sagt Hacker, der die Zusammenarbeit mit den SSB lobt.
Froh ist auch Filderstadts Oberbürgermeister Christoph Traub, dass es nun endlich weitergeht. Dass sich der S-Bahn-Bau so lange verzögert hat, kritisiert auch er. „Die S-Bahn-Verlängerung ist für uns ein wichtiges Infrastrukturprojekt“, stellt er klar. Entlang der Strecke sieht Traub Chancen für neue Gewerbeflächen. Nun könne der Bahnhof geplant werden, und Filderstadt insgesamt werde gewinnen. Dennoch sieht Traub darin nur einen Baustein für die weitere Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs in Filderstadt: „Was uns fehlt, ist ein Anschluss in die Kreisstadt Esslingen.“ Und zwar über eine Schienenverbindung, bei diesem Thema dürfe es keine Denkverbote geben, sagt Traub: „Eine Stadtbahn nach Esslingen, die es ja schon gab, könnte einen Ring schließen.“

eli/red / Foto: Ines Rudel


Abgestimmt!

Angesichts der Energiekrise wird wieder über ein Tempolimit von 130 Kilometer je Stunde auf Autobahnen diskutiert – zumindest befristet. Sind Sie für ein Tempolimit?

Foto: dpa

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So viele Klassen wie noch nie

Beim Motocross in Aichwald wird es am 23. und 24. Juli sechs Wertungen geben – Max Nagl startet bei den DM Open

Endlich wieder fressen sich Stollenreifen in den Dreck, wird Staub aufgewirbelt „In den Horben“, wird auf Zweirädern hart um Positionen gekämpft: Die Erleichterung bei den Veranstaltern ist groß, dass es in Aichwald wieder ein Motocross geben wird. Aber auch bei vielen Zuschauern wird die Vorfreude groß sein, dass nach drei Jahren Pause Motorenlärm die Ruhe auf dem Schurwald wieder für einige Stunden durchbricht. Am 23. und 24. Juli werden die Läufe gestartet, und zwar in einem Programm, das noch nie so umfangreich war. In sechs Klassen wird Gas gegeben; die Jugend, Junioren, auch die Frauen im Ladies Cup mischen mit. Als Hauptattraktion gilt die DM Open. Zu den Meisterschaftsläufen wird auch Max Nagl erwartet. Der Clubfahrer des veranstaltenden MSC „Eiserne Hand“ Aichwald will sich diesen Start nicht nehmen lassen, auch wenn er selbst im reifen Motocrossalter ansonsten in den hochklassigeren Rennserien startet. Und wie üblich wird am Freitag- und Samstagabend im Festzelt gefeiert.
„Das hatten wir noch nie.“ Manuel Dorn, der Vorsitzende des MSC Aichwald, blickt zufrieden auf das straffe Rennprogramm. Die vielen Klassen ermöglichen es insbesondere, den Veranstaltungssamstag mit etlichen der spektakulären Starts und mit Wertungsläufen aufzuwerten. Läufe zur deutschen Meisterschaft wird es an dem Wochenende in drei Jugendklassen (auf 65er-, 85er- und 125er-Maschinen), bei den Junioren auf 250er-Motorrädern und den DM Open geben. Letztere werden in der Motocross-Szene von der fahrerischen Klasse her eine Stufe unterhalb der ADAC MX Masters angesiedelt.
Die Frauen haben mit dem DMV Ladies Cup ihre eigene Rennserie. Diese wird federführend von der Grand-Prix-Siegerin und ehemaligen WM-Dritten Larissa Papenmeier organisiert. Papenmeier tritt in Aichwald natürlich auch selbst an. „Die Ladies sind eine Super-Klasse“, freut sich Dorn. Deren Rennen werden sämtlich am Samstag ausgetragen. Papenmeier hat bislang alle Saisonrennen der Serie gewonnen, für Aichwald hat sich aber starke internationale Konkurrenz angekündigt.
Es wird das 60. Motocross auf dem Schurwald sein. Und Dorn ist glücklich, dass auch „sein“ Zugpferd in Aichwald mal wieder an den Start geht: Im Alter von 34 Jahren ist Max Nagl immer noch ein Ausnahmefahrer, auch wenn er seine WM-Ambitionen mittlerweile hintangestellt hat. So hat er in der ADAC-MX-Masters-Saison bereits zehn Laufsiege eingefahren und führt dort im Zwischenklassement souverän. Bei den DM Open in Aichwald sind fünf der Top-Ten-Fahrer der Masters am Start, in der Open-Wertung führt derzeit Stefan Ekerold vor den punktgleichen Tim Koch und Boris Maillard.
Zweimal ist das Motocross in Aichwald in Pandemiezeiten abgesagt worden. 2020 hat man in Aichwald früh reagiert. Anfang März machte sich Corona in Europa breit, Anfang April sagte der MSC das Motocross für den folgenden Sommer ab. Im Dezember war dann klar, dass auch 2021 auf dem Schurwald kein Motocross gestartet wird. Mit dem 1. RMC Reutlingen schaffte man es aber, gemeinsam auf dessen permanenter Strecke unterhalb der Achalm im September ein Rennen zu starten – vor immerhin 2000 Zuschauern. Nun soll es auf dem Schurwald aber wieder ein echtes Aichwalder Heimrennen geben.
Samstags werden neben Training und Qualifikation Wertungsläufe der 85er-Nachwuchsklasse, der Junioren (250) und des Ladies Cups ausgefahren. Am Sonntag geht es dann bei der Jugend auf 65- und 125-Kubikzentimeter-Maschinen zur Sache; ebenso beim Höhepunkt, den DM Open.

Info: Auch beim diesjährigen Aichwalder Motocross wird es wieder ein Festzelt geben. An den Abenden sorgen dort die Coverbands „VIPs“ (Freitag) und das „Hofbräu-Regiment“ (Samstag) für Stimmung.

hin / Foto: Robin Rudel


Grube führt WLB ab 2024 alleine

Verwaltungsrat der Esslinger Landesbühne ernennt den 49-Jährigen zum Solo-Intendanten

Marcus Grube übernimmt im September 2024 alleine die Intendanz der Württembergischen Landesbühne in Esslingen. Dafür hat sich der Verwaltungsrat vergangene Woche einstimmig ausgesprochen. Als Doppelspitze mit Friedrich Schirmer führt Grube das Theater bereits seit 2019. Von 2014 bis 2019 war er stellvertretender Intendant in künstlerischen Angelegenheiten. Ab der Spielzeit 2024/2025 übernimmt der Dramaturg und Regisseur nun selbst das Ruder. Die Herausforderung, „die Landesbühnen in Baden-Württemberg in die Zukunft zu führen“, reizt ihn. Sein Vertrag läuft bis zum Ende der Spielzeit 2028/2029.
Zwei Spielzeiten gestalten Schirmer und Grube noch gemeinsam. Dann geht Schirmer mit 72 Jahren in den Ruhestand. Für Staatssekretärin Petra Olschowski vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst ist die Kontinuität an der Landesbühne ein Glücksfall: „Marcus Grube bringt Kompetenz, Erfahrung und Lust auf Weiterentwicklung mit.“ Gerade in der Corona-Pandemie habe er es geschafft, gemeinsam mit Schirmer das Haus durch die schwierige Zeit zu führen.
Das Modell des Theaters mit Gastspielbetrieb neu zu denken, sieht Grube als eine zentrale Aufgabe seiner Intendanz an. In der Entwicklung kulturpolitischer Strategien liegt einer seiner Schwerpunkte. Den Spagat zwischen einem vielfältigen Theaterangebot im ländlichen Raum und der künstlerischen Arbeit am Standort Esslingen findet der 49-Jährige gerade in diesen schwierigen Zeiten besonders spannend. Die Landestheater werden zu 70 Prozent vom Land finanziert, 30 Prozent übernehmen die Kommunen.
Nach dem Studium der evangelischen Theologie in Hamburg, München und Erlangen und einem Schauspielstudium in Stuttgart hat ihn der damalige Intendant Friedrich Schirmer ans Schauspiel des Staatstheaters Stuttgart geholt. Grube hat sich in Esslingen auch als Regisseur und als Autor von Bühnenfassungen weiterentwickelt.
Großes Lob zollt Grube dem Esslinger Publikum und den theaterbegeisterten Menschen in den Gastspielorten. Die Zusammenarbeit mit der Stadt findet er vorbildlich. Groß ist die Freude bei Esslingens Oberbürgermeister Matthias Klopfer, dem Vorsitzenden des Verwaltungsrats der Landesbühne, über die Kontinuität. Mit Marcus Grube als Intendanten werde das hohe künstlerische Niveau des Theaters über die nächsten Jahre sichergestellt und die kulturelle Marke WLB Esslingen zukunftsfähig aufgestellt. Der OB wünscht sich, dass sich das Theater auch in den kommenden Jahren in den öffentlichen Raum und in die Stadtgesellschaft hineinbewegt. Klopfer liegt der gesellschaftliche Auftrag des Theaters besonders am Herzen. Auch da hätten Grube und Schirmer viel bewegt. Dass auf das Theater auch finanziell in Zeiten knapper Kassen große Herausforderungen zukommen, ist Klopfer bewusst.
In der Doppelspitze hat Schirmer seinem Nachfolger den Rücken freigehalten, sich auch als Regisseur weiterzuentwickeln. Mit seiner Erfolgsinszenierung „Schtonk!“ nach dem Drehbuch von Helmut Dietl und Ulrich Limmer hat Grube von sich reden gemacht. Wird er als Alleinintendant weiter inszenieren? „Das wird nicht möglich sein“, bedauert der Theatermann. „Regie führen und Intendant sein sind zwei Berufe“, pflichtete ihm Schirmer bei.

eli / Foto: Roberto Bulgrin


Kultur pur auf der Burg

Über den Dächern Esslingens wird wieder Open-Air-Vergnügen geboten – Zwei Konzerte und Kino unterm Sternenhimmel

Alle Jahre wieder steht die Esslinger Burg zur Sommerzeit im Zeichen der Kultur. Doch in den vergangenen beiden Jahren herrschte coronabedingt Funkstille: Weder die großen Burgkonzerte noch das Open-Air-Filmfestival des Kommunalen Kinos konnten stattfinden. Nun soll es wieder losgehen: Zunächst dürfen die Bands „In Extremo“, „The Hooters“ und „Saga“ rocken, dann wird die Burg zum großen Filmpalast. Damit kehrt wieder ein Stück kultureller Normalität auf Esslingens Höhen zurück.
Über den Dächern der Stadt lässt sich Kultur in malerischem Ambiente besonders stimmungsvoll genießen. So war das schon vor mehr als 50 Jahren, als der einstige Zeitungsredakteur Bernd Daferner das erste Burgfest aus der Taufe hob, dem später eine ganze Reihe weiterer Festivals folgten. Vollends in den Fokus rückte die Burg im Kultursommer 1993, als die Stadt beschloss, zur Leichtathletik-WM in Stuttgart ein Kulturprogramm beizusteuern, das die Landeshauptstadt selbst nicht auf die Beine stellen mochte. Damals gingen Rockkonzerte, Theater, ein Opernabend und das erste Kino auf der Burg über die Bühne. Seither haben zahlreiche international renommierte Bands und Solisten auf der Burg gespielt – die Gästeliste reicht von Al Jarreau und B. B. King über Roseanne Cash und Chris de Burgh bis hin zu Van Morrison, Konstantin Wecker und Katie Melua.
Eröffnet wird das sommerliche Kulturprogramm auf der Burg diesmal von einer Band, die sich schon zweimal angesagt hatte, um beide Male von der Pandemie ausgebremst zu werden: Eigentlich sollte „In Extremo“ schon in den vergangenen beiden Jahren in Esslingen rocken, doch die damaligen Corona-Einschränkungen stoppten die geplanten Konzerte. Nun soll es am Samstag, 23. Juli, endlich klappen. Die Berliner Band pflegt einen unverwechselbaren Sound, den Frontmann Michael Robert Rhein und seine Mannen als „Middle Age Metal“ bezeichnen. Die Band verbindet mittelalterliche Musik mit hartem Rock – ihre Auftritte gelten als Spektakel mit opulentem Bühnenbild, historisierenden Kostümen, mittelalterlichen Instrumenten und jeder Menge Feuerzauber. Es sind authentische Konzerterlebnisse. Das kommt beim Publikum offenbar an – das Konzert auf der Burg ist bereits ausverkauft.
Auch das zweite Highlight dieses Esslinger Konzertsommers kommt mit unfreiwilliger Verspätung. Eigentlich war die US-Rocklegende „The Hooters“ ebenfalls schon für 2020 und 2021 gebucht – nun sollen ihre größten Hits wie „Johnny B“, „Satellite“ und „All You Zombies“ am Sonntag, 24. Juli, auf der Burg erklingen. Für viele Fans gibt es dann ein Wiederhören, denn „The Hooters“ sind nicht zum ersten Mal auf Esslingens Höhen zu Gast: Schon 1993 setzten sie mit ihrer einzigartigen Mischung aus Ska, Reggae und Rock’n’Roll Akzente. Nun will die Band ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum mit ihren Fans feiern. Dazu bringen „The Hooters“ eine zweite Band mit auf die Burg: Die Neo-Prog-Rocker der Gruppe „Saga“ werden an diesem Abend ebenfalls zu hören sein. 2017 hatte das Gerücht die Runde gemacht, Saga wolle aufhören. Alles nur ein Missverständnis, ließ Sänger Michael Sadler verlauten: „Wir wollten bloß aus dem üblichen, jahrzehntelangen Album-Tour-Album-Rhythmus heraus.“ Dass sich die Pause gelohnt hat, will die Band nun zeigen.
Weiter geht’s dann vom 28. Juli bis zum 6. August mit dem Kino auf der Burg. Das Kommunale Kino musste in den vergangenen beiden Jahren mit seinem Open-Air-Filmfestival ebenfalls pausieren. Nun startet die Koki-Crew wieder durch. Bis zu 3000 Zuschauerinnen und Zuschauer können Abend für Abend auf bequemen Hochlehner-Stühlen oder mit Isomatte und Decke auf dem Rasen Platz nehmen, sich schon lange vor Einbruch der Dunkelheit bei verschiedenen gastronomischen Angeboten oder an der Cinebar des Koki-Fördervereins Freiraum bedienen – und sich mit Livemusik auf das Filmprogramm des Abends einstimmen, das traditionell mit einem originellen Kurzfilm beginnt. Und nach Einbruch der Dunkelheit gibt es dann großes Kino auf der Burg.

adi / Archivfoto: Michael Steinert


Abgestimmt!

Die Freibäder im Land senken ihre Wassertemperaturen ab, um Energie zu sparen. Schmälert das Ihr Schwimmvergnügen?

Foto: dpa

Weniger Vergnügen?

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Klare Kante fürs Bahnhofsviertel

Qbus feiert Richtfest: Der Wohn- und Bürokomplex auf dem Gelände des früheren ZOB soll neue urbane Mitte werden

Esslingen, Richtfest für das Großprojekt QBUS am Bahnhof.

Großer Bahnhof in unmittelbarer Nähe des Esslinger Bahnhofs: Die LBBW-Immobiliengruppe hat vor Kurzem Richtfest gefeiert für ihren Wohn- und Bürokomplex mit Gastronomieflächen, erweitertem Lebensmittelmarkt und einer städtischen Mobilitätsstation auf dem alten, jahrelang brachliegenden Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB). Qbus, wie die Bauherrin und Eigentümerin ihr Kind in Anlehnung an seine geometrische Form und seine Vergangenheit getauft hat, soll das Bild der künftigen Innenstadt prägen. Uwe Jaggy, Geschäftsführer der LBBW Immobilien Development: „Wir wollen hier eine neue urbane Mitte für die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger schaffen. Zum Leben, Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Essengehen und Zusammenkommen.“
Dabei handelt es sich auch um ein Bauprojekt, „das an die Grenze dessen gegangen ist, was an Dichte möglich ist“, wie der Esslinger Oberbürgermeister Matthias Klopfer vor den Richtfestgästen einräumte. Damit nahm er Bezug auf die nach wie vor anhaltenden Diskussionen, wie das „Handtuch“ zwischen Fleischmann-, Berliner und Martinstraße aus Sicht vieler Esslinger besser hätte genutzt werden sollen – nämlich als Grünfläche. Das stand allerdings nie ernsthaft zur Debatte, hatte die Stadt das Grundstück nach dem Umzug der Busse an den Bahnhof doch zügig der Firma Dietz in Bensheim angedient. Dann tat sich lange nichts, der Platz mutierte zum Schandfleck, bis die LBBW 2018 das Projekt übernahm und 2019 den Kaufvertrag mit der Stadt über vier Millionen Euro unterschrieb.
Entwurf weitgehend umgesetzt
Seit Anfang 2021 baut sie. 200 Bohrpfähle wurden in den Untergrund einer logistisch schwierigen Baustelle gerammt, die direkt über der Tiefgaragenausfahrt des Einkaufszentrums Das ES liegt. Mittlerweile steht der Rohbau: Erdgeschoss und erster Stock ziehen sich durchgängig über das rechteckige Grundstück entlang der Berliner Straße, darüber wachsen – unterbrochen durch Innenhöfe – vier einzelne Baukörper um weitere drei Stockwerke plus eingerücktem Penthouse.
Der Entwurf des Stuttgarter Büros Wittfoht Architekten, das 2016 den Realisierungswettbewerb gewonnen hatte, „ist zu 95 Prozent umgesetzt worden“, zeigte sich Wilfried Wallbrecht, bis 2021 Baubürgermeister und Wegbegleiter des Projekts, hochzufrieden. Auch wenn nach wie vor viele Esslinger mit der Massivität des Betonblocks massiv fremdeln. Wallbrecht: „Mir war es wichtig, dass der Bahnhofsplatz im nordwestlichen Bereich eine Kante und damit eine Umfassung bekommen hat.“ Eines ist aus seiner Sicht schon wahrnehmbar: Das Einkaufszentrum Das ES, Bahnhof samt Bahnhofsplatz und das Qbus seien die neue Stadtmitte, die die historische Altstadt mit der Neuen Weststadt verbinde. Klopfer: „Die Gewichte verschieben sich. Wir werden auch unsere Innenstadtkonzeption in Richtung Weststadt erweitern müssen.“
Anfang 2023 sollen die 132 Mikroapartments und 19 Penthouse-Wohnungen zwischen 50 und 80 Quadratmetern mitsamt Büro- und Gastroflächen fertig sein. Zwar habe man noch 2700 Quadratmeter an Büros im Angebot, doch stehe man vor dem Abschluss mit einem großen Ankermieter, berichtete Jaggy. Zudem habe man nach wie vor die Parkhausgesellschaft Apcoa und den Lebensmittelmarkt Rewe mit an Bord, der bis an die Berliner Straße vorrückt und zu einem der größten Märkte in der Region avanciert. Links an der dem Bahnhof zugewandten Stirnseite wird sich eine Rampe in den ersten Stock des Neubaus schieben, wo das Fahrradparkhaus mit Werkstatt untergebracht wird. Wenn es nach OB Klopfer geht, wird dann auch die Fleischmannstraße vor dem Qbus nur noch von Gastrogästen, Fußgängern und Radlern bevölkert.

biz / Foto: Roberto Bulgrin


Knappes Ja für neue Flugroute

Fluglärmkommission stimmt für neue Strecke Richtung Süden – Gegner befürchten Verlagerung des Lärms

Flughafen Stuttgart: neue Flugroute über den Fildern, Start am Airport im Hintergrund Ev. Kirche Echterdingen.

Nach eineinhalbstündiger Diskussion hat die Fluglärmkommission für den Flughafen Stuttgart Anfang vergangener Woche für einen zunächst einjährigen Probebetrieb auf der neuen Flugroute in Richtung Süden gestimmt. Die 17 Mitglieder kamen unerwartet schnell zur Abstimmung. Das Ergebnis fiel denkbar knapp aus: Mit sechs Ja-Stimmen, fünf Enthaltungen, fünf Nein-Stimmen votierte die Kommission für die Routenänderung.
Der Probebetrieb könnte nun laut Ostfilderns OB Christof Bolay, zugleich Vorsitzender der Fluglärmkommission, im ersten Quartal 2023 beginnen. In der Sitzung sind auch die Ergebnisse der Simulatorenflüge vorgestellt worden, die Piloten in den vergangenen Wochen durchgeführt haben: „Die neue Route lässt sich mit hoher Präzision fliegen“, betonte Bolay. Vom Flughafen Stuttgart aus könnten Flugzeuge in einem engeren Kurvenradius und mit einem steileren Abflugwinkel starten. Außerdem wird es in den Kommunen rund um den Flughafen Messungen geben, wie sich die Lärmwerte entwickeln. Möglichst schnell werde eine kleine Arbeitsgruppe starten, die darüber abstimme, wann diese Messungen durchgeführt werden. Wichtig ist Bolay, dass die Fluglärmkommission empfehlen wird, die Zahl der Flüge auf der neuen Route auf maximal zwei pro Stunde zu begrenzen. Ein Argument, das die Airlines ins Feld führten, war die Einsparung von Kerosin. „Diese müssen die Fluggesellschaften dokumentieren, damit wir zur Auswertung des Probebetriebs verlässliche Werte haben.“
Kommunen wollen klagen
Die Debatte über die Flugroutenänderung ist damit aber noch nicht vom Tisch. Dass die Lager gespalten sind, zeigt das knappe Ergebnis. In einem offenen Brief hatten Nürtingens OB Johannes Fridrich und seine Bürgermeisterkollegen aus den neu betroffenen Kommunen angekündigt, dass sie im Fall eines positiven Votums zu einer Klage bereit wären. Denkendorfs Bürgermeister Ralf Barth hat diesen Brief mit unterschrieben, ebenso wie seine Kollegen aus Neuhausen, Wolfschlugen und Aichtal. Der Gemeinderat von Aichtal hatte bereits beschlossen, den Klageweg zu gehen.
Inzwischen hat sich auch der Gemeinderat Wolfschlugen mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, gegen die Route zu klagen, sobald es eine entsprechende Rechtsverordnung gibt. In den Bürgerinitiativen ist die Enttäuschung groß. Die Neckartalkommunen dagegen sind erleichtert, dass sie durch die neue Route zumindest etwas vom Fluglärm entlastet werden.
„Ich verstehe nicht, weshalb die Gegner sogar gegen den Probebetrieb sind“, sagt Altbachs Bürgermeister Martin Funk. Dass sie klagen wollen, könne er nicht nachvollziehen. Mit seinem Kollegen Thomas Matrohs aus Deizisau ist er neu in die Fluglärmkommission berufen worden – beide hatten sich immer klar für die Route ausgesprochen. Matrohs kämpfte seit Jahren für einen Sitz in der Kommission. Er hätte sich „Solidarität“ von seinen Kollegen gewünscht. „Bei meinen Bürgerinnen und Bürgern häufen sich die Klagen über Fluglärm“, schilderte Funk. Auch sein Plochinger Kollege Frank Buß berichtet von der „großen Belastung“, die die Raumschaft mit Flug-, Bahn- und Straßenlärm zu tragen habe. Nach einem Jahr bewerte man die neue Route, sagt Funk: „Dazu muss sie aber erst geflogen werden.“
Scharfe Kritik kommt von Bürgermeister Ingo Hacker aus Neuhausen. Die Fildergemeinde wird mit am stärksten vom Lärm der neuen Flugroute betroffen sein. Wie sein Denkendorfer Kollege Ralf Barth kritisierte er die Entscheidung, dass Altbach und Deizisau „im laufenden Verfahren“ einen Sitz in der Kommission erhalten hätten. Barth hält das für „unglücklich“, obwohl er die Betroffenheit seiner Kollegen sieht. Das sieht auch Nürtingens OB Fridrich so. Er bemängelt das „aus der Zeit gefallene Verfahren“, in dem keine Bürgerbeteiligung möglich sei. Fridrich sieht keine Entlastung durch die neue Route. Dagegen ist Thomas Matrohs glücklich über die Entlastung der Menschen im östlichen Bereich des Flughafens: „Wir sind dankbar für jedes Einzelschallereignis, das wegfällt.“

eli / Foto: Horst Rudel


Der Grünpfeil könnte aussterben

Das schlichte Verkehrszeichen entpuppt sich vielerorts als Gefahrenquelle – Nicht so in Kirchheim

Kirchheim/Teck: Grünpfeil an der Kreuzung Stuttgarter-/Friedrichstraße.

Zur Verbesserung der Ausfahrt von Rechtsabbiegern aus der Friedrichstraße in die Stuttgarter Straße in Kirchheim wurde an der Ampelanlage jetzt ein Grünpfeil montiert – das nunmehr achte Verkehrsschild dieser Art im Stadtgebiet. Und damit unterscheidet sich das rund 40 000 Einwohnerinnen und Einwohner zählende Städtchen am Fuße der Teck von vielen anderen Kommunen im Landkreis Esslingen: Denn während Kirchheim sukzessive weitere Kreuzungen mit Grünpfeilen ausstattet, wird das kleine Zusatzschild anderswo nach und nach wieder abgeschraubt – aus Verkehrssicherheitsgründen, wie es in den entsprechenden Gemeinden heißt. Denn der Grünpfeil birgt durchaus Konfliktpotenzial.
Schild stört Verkehr eher
An Straßenkreuzungen mit dem grünen Pfeil auf schwarzem Grund dürfen Kraftfahrer auch bei roter Ampel rechts abbiegen. Diese Regelung ist ein Relikt der untergegangenen DDR, das sich in den 1990er Jahren ins wiedervereinte Deutschland hinüberretten konnte.
Als Verkehrszeichen 720 machte das simple Schild im gesamten Bundesgebiet schnell Karriere, rund 5000 Stück solcher Pfeile soll es einmal zwischen Binz und Baden-Baden gegeben haben. Doch die anfängliche Euphorie wich bald einer Ernüchterung: Diverse Studien kamen zu dem Schluss, dass der Grünpfeil keine nennenswerten Vorteile im Verkehrsablauf bringt, wohl aber zu Behinderungen von Fußgängern und Radfahren-den führt. Daraufhin haben viele Kommunen das Verkehrszeichen wieder aus dem Verkehr gezogen.
In Stuttgart beispielsweise gibt es nach Angaben der Stadt aktuell noch 20 Schilder – und dabei waren es schon einmal mehr. 2003 seien sechs Schilder „nach dem Auftreten von Sicherheitsproblemen“ wieder demontiert worden, sagt der Sprecher der Verwaltung, Martin Thronberens.
In Ostfildern hat man ähnliche Erfahrungen gemacht: Im Stadtteil Scharnhausen, an der Einmündung der Nagelstraße in die Plieninger Straße beispielsweise, wurde schon vor Jahren das Schild entfernt, denn die Stelle sei ein Unfallschwerpunkt gewesen, sagt Stadtsprecher Dominique Wehrle. Jetzt gebe es noch zwei Grünpfeile, weitere seien nicht geplant, „weil sie wegen der heutigen Ampeltechnik nicht mehr gebraucht werden“.
In Leinfelden-Echterdingen wurde ein Grünpfeil „nach der Optimierung des Signalprogramms“ wieder abgeschraubt, informiert Stadtsprecher Sven Buchmaier. Die Technik sei dem Grünpfeil deutlich überlegen, heißt es im Rathaus. Deshalb bleibe es bei einem einzigen Schild im Stadtgebiet. Von weiteren Grünpfeilen nehme die Verwaltung Abstand, denn die Regelung werde „sehr oft von den Verkehrsteilnehmern nicht korrekt beachtet“, räumt Sven Buchmaier ein. In Filderstadt sei der einzige Grünpfeil 2009 – nach gerade einmal sechs Jahren – „aufgrund der Unfallhäufigkeit“ abgebaut worden, berichtet Jan-Stefan Blessing, der Leiter des Ordnungsamtes. An jener Kreuzung in Flughafennähe gebe es jetzt eine „Vollsignalisierung“. Aus gutem Grund: Die heutigen Verkehrsmengen würden die Installation eines Grünpfeils nach Blessings Einschätzung einfach nicht mehr zulassen. Die Regelung stamme aus Zeiten, in denen es deutlich weniger Autos gab.
In Wernau ist laut der stellvertretenden Hauptamtsleiterin Sylvia Schmid von einst zwei installierten Schildern nur noch eins übrig geblieben. 2011 kam der Grünpfeil an einer innerstädtischen Kreuzung weg. Auch hier war die Unfallhäufigkeit ausschlaggebend für die Demontage.
In Nürtingen gibt es seit Jahren an sieben Kreuzungen eine Grünpfeilregelung. Bislang sei noch kein einziges Schild abgeschraubt worden, sagt Clint Metzger, der Sprecher der Stadtverwaltung. Aber es würden auch keine weiteren Schilder hinzukommen, räumt er ein.
Zwar habe man 2019 sechs weitere Einmündungen im Stadtgebiet dahingehend überprüft, ob dort zusätzlich ein Grünpfeil möglich wäre. Doch „alle mussten aus Verkehrssicherheitsgründen abgelehnt werden“, erläutert Metzger.
Gute Erfahrungen in Kirchheim
In Kirchheim indes habe man mit dem Grünpfeil „an allen Standorten im Stadtgebiet durchweg positive Erfahrungen gemacht“, erklärt Robert Berndt, der Sprecher der Stadtverwaltung. An keiner der bis dato sieben mit dem Schild ausgestatteten Kreuzungen habe man eine Häufung von Unfällen festgestellt.
Die Statistik habe man natürlich im Blick. Und wenn nötig, würde man den Grünpfeil auch wieder entfernen. Doch die Kirchheimer Autofahrerinnen und Autofahrer sind offenbar aufmerksamer als der Rest der Republik: „Unsere bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass die Regelung sehr gut funktioniert und den Verkehrsteilnehmern keine Schwierigkeiten bereitet“, sagt Berndt.
So verwundert es nicht, dass die Teckstadt auch schon einen Grünpfeil ausschließlich für Radfahrer, der vor zwei Jahren offiziell als neues Verkehrszeichen in die Straßenverkehrsordnung der Bundesrepublik aufgenommen wurde, an einer Kreuzung montiert hat. Es sei nicht ausgeschlossen, dass es grüne Pfeile für Radler an weiteren Stellen im Stadtgebiet geben wird, heißt es im Kirchheimer Rathaus.

eh / Foto: Horst Rudel