Produktion wird stillgelegt

Balluff will am Stammsitz Neuhausen 200 Arbeitsplätze abbauen

Es ist ein Schock für die Belegschaft, eine Hiobsbotschaft für die Gemeinde und eine die Aussicht trübende Nachricht für die Region: Der Sensor- und Automatisierungsspezialist Balluff aus Neuhausen hat angekündigt, Stellen abzubauen. Demnach sollen 400 der weltweit 3600 Arbeitsplätze im Unternehmen wegfallen. Am Stammsitz Neuhausen soll die Produktion geschlossen werden und an Standorte in China (Chengdu) und Ungarn (Veszprém) verlagert werden, mehr als 200 der rund 1100 Mitarbeiter auf den Fildern droht der Jobverlust. Die Belegschaft wehrt sich gegen die Pläne, die Geschäftsleitung hält an diesen fest. Begründet wird der drastische Schritt nicht nur mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie, sondern auch mit der konjunkturellen Schwäche, die bereits vor den Covid-19-Zeiten eingesetzt hatte.

Die Balluff-Geschäftsführung stellt ihren Plan unter das Leitmotiv der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit. Eine Konsequenz daraus sei, dass die am Stammsitz verbliebenen Produktionskapazitäten  verlagert werden, heißt es in einer Pressemitteilung.  Neuhausen werde  zu einem Innovations- und Kompetenzzentrum entwickelt. Der Abbau der 400 Stellen weltweit soll bis Ende 2021 abgeschlossen sein.

Hoher Preisdruck

Im vergangenen Jahr  sank der Umsatz des Familienunternehmens um 3,9 Prozent auf 469 Millionen Euro, im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres sackten die Erlöse dann um mehr als sieben Prozent (siehe Info-Kasten) ab. Schon 2019 habe sich eine spürbare wirtschaftliche Eintrübung in für Balluff wichtigen Bereichen wie der Automobilbranche oder dem Maschinen- und Anlagenbau eingestellt.  Gleichzeitig habe sich der Wettbewerbsdruck durch fallende Preise aufgrund weltweiter Überkapazitäten erhöht.

„Wir haben es mit einer Kombination aus den Auswirkungen von Covid 19, einer längerfristigen konjunkturellen Schwächephase und einem tief greifenden strukturellen Wandel zu tun. Dem können wir nicht allein mit temporären Maßnahmen wie Kurzarbeit oder tariflichen Einigungen zur Arbeitsplatzsicherung begegnen“, sagte die Balluff-Geschäftsführerin Katrin Stegmaier-Hermle. Der Stellenabbau solle so sozialverträglich wie möglich gelingen, Gespräche mit dem Betriebsrat laufen. „Aber wir sehen leider keinen anderen Weg, die Wettbewerbsfähigkeit der Gruppe für die Zukunft zu sichern.“ Noch vor zwei Jahren hatte Balluff angekündigt, die Zahl der Mitarbeiter in Neuhausen zu erhöhen.

Mitarbeiter wehren sich

Die IG Metall reagierte angesichts der von Umsatzsteigerungen geprägten Entwicklung der zurückliegenden Jahre und in Anbetracht des gut aufgestellten Unternehmens mit Unverständnis auf die Jobabbau-Entscheidung. Ende Juli verschaffte sich die Belegschaft in Neuhausen bei einer Kundgebung Gehör. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die teils Jahrzehnte im Betrieb sind, wollen ihre Arbeitsplätze nicht kampflos räumen.

Langfristig sieht sich das Unternehmen trotz der aktuellen Krise gut aufgestellt. Der Trend zu einer immer stärkeren Vernetzung der Automatisierungskomponenten und dem „Industrial Internet of Things“ biete für Balluff  große Chancen, heißt es in der Mitteilung. Das existierende Portfolio biete hierfür eine „perfekte Basis, um in Zukunft Hardware mit Software zu Smartware zu verknüpfen und damit noch mehr nützliche Daten der Maschinen und Anlagen zur Verfügung zu stellen“, sagte Geschäftsführer Florian Hermle.  Ch

Anhang

Das 1921 von Gebhard Balluff in Neuhausen als Reparaturwerkstatt für Fahrräder und Nähmaschinen  gegründete Unternehmen ist kurz vor dem 100-jährigen Bestehen in die Krise geschliddert, während die Jahre zuvor von einem kontinuierlichen Wachstum gekennzeichnet waren. Weltweit hat Balluff derzeit 3600 Mitarbeiter, rund 1100 davon am Stammsitz auf den Fildern. Das Familienunternehmen in vierter Generation bezeichnet sich selbst als führender Sensor- und Automatisierungsspezialist, neben Sensor- werden Identifikations-, Netzwerk- und Softwarelösungen angeboten. Neben dem  Firmensitz in Neuhausen  verfügt Balluff rund um den Globus über Vertriebs-, Produktions- und Entwicklungsstandorte und ist mit 38 Tochtergesellschaften und weiteren Vertretungen in 68 Ländern aufgestellt.

Im Jahr 2019 verzeichnete die Balluff-Gruppe einen Umsatz von  469 Millionen Euro, was gegenüber dem Vorjahr ein Minus von 3,9 Prozent bedeutet. Zum Gewinn macht das Unternehmen keine Angaben. Die  weltweiten wirtschaftlichen Unsicherheiten und Transformationsprozesse in den Schlüsselindustrien hätten sich schon vor Corona  bemerkbar gemacht. „Wir hatten uns für 2019 ein Wachstum im knapp zweistelligen Bereich vorgenommen“, sagte Geschäftsführerin Katrin Stegmaier-Hermle. Die konjunkturelle Dynamik kühlte in der zweiten Jahreshälfte aber merklich ab. Dies habe exportorientierte Branchen wie den Automobilsektor oder den Maschinen- und Anlagenbau als die beiden wichtigsten Kundensegmente von Balluff besonders getroffen.

„Sorgenkinder sind und bleiben dabei unsere Heimatmärkte – Deutschland, Österreich und die Schweiz. Aber auch die Umsatzentwicklung in anderen Märkten wie Nord- und Südamerika sowie Asien blieb hinter unseren Erwartungen zurück“, erklärte Stegmaier-Hermle. Die eingeleitete Diversifizierungsstrategie habe allerdings Früchte getragen. Der Geschäftsbereich Packaging, Food and Beverage legte um rund neun Prozent zu. Verluste gab es in den Geschäftsbereichen Machine and Plant Engineering (minus vier Prozent)  sowie Mobility (minus sechs Prozent). Der Ausbruch der Corona-Pandemie führte dann zu einem Einbruch der Auftragseingänge, der Umsatz ging allein im ersten Quartal um sieben Prozent zurück. Für Balluff sei zentral gewesen, in dieser Phase die Liefer- und Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten, sagte Frank Nonnenmann, der zum 1. Februar dieses Jahres Michael Unger als Geschäftsführer abgelöst hat. Das Produktionsvolumen wurde reduziert, auf der Kostenseite wurden Hebel angesetzt, in Neuhausen wurde zum 1. April  für einen Teil der Belegschaft Kurzarbeit angemeldet.

Stegmaier-Hermle geht  von einer sehr langsamen wirtschaftlichen Normalisierung aus. Konzentrieren will sich Balluff nun vor allem auf Wachstumsbranchen wie die Pharma- und Verpackungsindustrie sowie die Bereiche E-Mobilität und erneuerbare Energien. ch / Foto: Balluff


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