Protest gegen das Ende des Impfangebots

Nicht nur Esslingens OB Jürgen Zieger will das Impfzentrum  in Oberesslingen über den 30. September hinaus betreiben

Der Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger will sich nicht damit abfinden, dass das Impfzentrum in der Zeppelinstraße in Oberesslingen zum 30. September geschlossen wird  – und damit auch das Ende der erfolgreichen Impfbuskampagne besiegelt wäre. In einem offenen Brief an den zuständigen  baden-württembergischen Minister für Soziales und Integration, Manfred Lucha (Grünen), äußert der Ratschef den „dringenden Wunsch“,  jener möge sich doch für eine Verlängerung der Kreisimpfzentren und dem damit einhergehenden niederschwelligen mobilen Impfangebot des Impfbusses stark machen.

„Mit Erstaunen mussten wir leider feststellen, dass die Impfbuskampagne nun auch abhängig von der Lebensdauer der Kreisimpfzentren  gemacht wird. Dies wird zur Folge haben, dass niederschwellige Impfangebote für die Bevölkerung wegbrechen. Dadurch erhöht sich gleichzeitig der Druck auf die niedergelassenen Arztpraxen“, schreibt Zieger. Der Oberbürgermeister begründet seine Befürchtung mit dem Hinweis, dass schon jetzt einige Arztpraxen das Impfen aus Kapazitätsgründen eingestellt hätten. Sollte eine Verlängerung der Kreisimpfzentren nicht möglich sein, dann fordert der Esslinger OB den Sozialminister auf, „zum Erhalt der Motivation zum Impfen“ für ein regelmäßiges Angebot über Impfbusse oder ähnlichem in den jeweiligen Stadtteilen zu sorgen.

Zieger sieht in der Schließung ein „fatales Signal an alle die Menschen, die sich jetzt doch noch impfen lassen wollten“. Sollten sie sich  jetzt für ein Impfangebot des Impfbusses entscheiden würden, könne nicht sicher sein, dass sie ihre Zweitimpfung rechtzeitig erhalten.  Der Aufrechterhaltung niederschwelliger Impfangebote komme eine entscheidende Rolle zu, wenn es darum gehe, die  Coronapandemie zu besiegen, so Zieger.  Die Stadt Esslingen übernehme dort, wo es  nur möglich sei, den Aufruf der Landesregierung an die Bürgerinnen und Bürger, sich impfen zu lassen.

Der Impfbus, der angedockt an das Esslinger Impfzentrum den ganzen Landkreis Esslingen bedient, verzeichnete wie das Zentrum selbst zuletzt einen steigenden Zulauf. „Wir verabreichen in dem Bus derzeit 150 Impfungen pro Tag. Mehr geht aus organisatorischen Gründen nicht“,  sagt Markus Müller, der ärztliche Leiter des Esslinger Impfzentrums. Ebenso wie Marc Lippe, dem als Geschäftsführer des Malteser Kreisverbands die Leitung der beiden Kreisimpfzentren in Esslingen und Leinfelden-Echterdingen obliegt, befürchtet Müller nicht nur, dass das Impfziel im Land verfehlt werden könnte, sondern auch, dass viele Menschen am Ende nur unvollständig geimpft sein könnten und dadurch die Verbreitung weiterer Virusmutationen  begünstigt werden könnte.

Das Sozialministerium dagegen besteht darauf, die noch 45  Impfzentren im Land planmäßig zum 30. September zu schließen. Die Impfungen sollen dann noch stärker als schon bisher durch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sowie die Betriebsärzteschaft durchgeführt werden. Für eine Übergangszeit von drei Monaten sollen  zusätzlich mobile Impfteams die Arbeit der  niedergelassenen Ärzteschaft  landkreisübergreifend unterstützen.  Für die impfwillige Bevölkerung in der Landeshauptstadt und in den drei Landkreisen Esslingen, Ludwigsburg und Rems-Murr soll dann ein Team zuständig sein, das seine Operationsbasis am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart haben wird. Weitere Standorte sind einer Mitteilung des Ministeriums zufolge Freiburg, Heidelberg, Heilbronn, Karlsruhe, Konstanz, Offenburg, Ravensburg, Schwäbisch Hall, Tübingen, Ulm und Villingen-Schwenningen.

„Mittlerweile haben rund 64 Prozent der Baden-Württembergerinnen und Baden-Württemberger mindestens eine erste Impfung erhalten, 61 Prozent sind bereits voll immunisiert. Auf dieser Grundlage können die Impfzentren wie geplant schließen und die Impfungen, wie bei allen anderen Impfungen üblich, wieder vorrangig in die Regelversorgung übergehen“, begründete Lucha vor einigen Tagen  das Aus für die Impfzentren.

Dagegen berichten die Helfer vor Ort  von Menschen, die sich verzweifelt fragten, wo sie denn ihre Zweitimpfung bekommen sollen, wenn die Zentren schließen. Auch seien die  Ärzte sehr zurückhaltend, wenn es darum gehe, nur wegen der Impfung neue Patienten aufzunehmen. Deshalb setzen sich Müller wie auch Lippe mit Nachdruck dafür ein,  im bevölkerungsreichen Kreis Esslingen das kostengünstigere und zentral gelegene Impfzentrum in Esslingen fortzuführen und das Angebot  an der Messe zu schließen. Mit diesem Kompromiss ließe sich auch das Aus für den Impfbus verhindern. 

Von Thomas Schorradt / Foto: Ines Rudel


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