Schneiden, nicht schnippeln

Großes Interesse am Baumschnittlehrgang für Frauen und von einer Frau in Beuren – Manch ältere Lehrmeinung wird hinterfragt

Eine böse Definition von Streuobstwiesen heißt: Alte Männer pflegen alte Bäume. Am Weltfrauentag vergangene Woche bot sich im Freilichtmuseum Beuren allerdings ein ganz anderes Bild. 50 Frauen verschiedenen Alters beschäftigten sich mit dem Thema Obstbaumschnitt. Unter Anleitung von Christel Schäfer, der Vorsitzenden des Kreisverbands der Obst- und Gartenbauvereine Esslingen (KOV), wurde bei nasskaltem Wetter lebhaft diskutiert und viel gelacht.

Der große Andrang – einigen Interessentinnen musste die Obst- und Gartenbauberatung des Landratsamtes sogar absagen – zeige den Bedarf an einem Kurs von einer Frau für Frauen, sagt Museumsleiterin Steffi Cornelius bei der Begrüßung. Die versammelten Frauen, wetterfest gekleidet und teilweise mit großen Astscheren und Klappsägen ausgerüstet, wirken zwar alles andere als „verschreckt“. Sie sind sich aber offensichtlich auch einig, dass sie beim Schnittkurs auf Männer verzichten möchten, die es womöglich besser wissen oder zu ausschweifenden Erklärungen ansetzen. „Der eine sagt so, der andere andersrum“, fasst eine junge Teilnehmerin zusammen, wie ihr Schwiegervater und ihr Vater sie zur Baumpflege anleiten: Da wolle sie sich lieber selbst weiterbilden. Auch Ursula Reiber möchte eine eigene Grundlage erlernen. Sie pflegt zusammen mit ihrem Mann an die 40 Bäume und möchte ihn unterstützen – „mit Kritik und allem“, fügt sie lachend hinzu.

In einer homogenen Gruppe falle es leichter, „die eine oder andere Frage zu stellen“, meint Regierungspräsidentin Alexandra Sußmann, die ebenfalls zu Gast ist und selbst zum Werkzeug greift. Karin Kas­przyk-Becker, die Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde, beobachtet jedenfalls, dass Frauen bei der Pflege von Streuobstwiesen auf dem Vormarsch sind. Sie würden auch dringend gebraucht, sagte sie, gerade im Kreis Esslingen mit seinen vielen Streuobstflächen.

Übungsobjekte gibt es im Freilichtmuseum, das inmitten von Streuobstbäumen im Landschaftsschutzgebiet liegt, zur Genüge. Schon bei Christel Schäfers kleiner Werkzeugkunde zur Einführung wird klar, dass die Teilnehmerinnen ein unterhaltsamer Nachmittag erwartet. Die hübsche Gartenschere im violett-weißgepunkteten Design fliegt über die Schulter nach hinten: „Damit bekommt man nicht mal einen Grashalm geschnitten!“ Auf Baumschere und Klappsäge als wichtige Utensilien folgen das Tütchen mit den sauber verpackten Pflastern und der Rat, immer zu zweit zu arbeiten. Nicht nur wegen der Unfallgefahr, wenn man aufs Schneiden konzentriert auf der Leiter und im Baum rumturnt, sondern auch wegen der unterschiedlichen Blickwinkel. „Wie sieht das von euch da unten aus?“, ist eine Frage, die Schäfer im Lauf des Nachmittags immer wieder stellt.

Überhaupt zeigt sich schnell, dass es die simple Bedienungsanleitung für den Baumschnitt nicht gibt, sondern immer abzuwägen ist. Wenn ich diesen Ast abschneide, was macht dann der daneben? Neigt sich der recht steil nach oben wachsende Spross, wenn mal ein paar Äpfel dranhängen, womöglich zur Seite, wo er genug Platz und Luft hat? Selbst den bekannten Grundsatz, nach oben schießende Wassersprosse wegzuschneiden, ficht die Fachfrau an: Das sei eine wahre Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, sagt Schäfer, denn im nächsten Jahr habe man an der gleichen Stelle zwei oder drei Sprosse und im übernächsten wieder. Besser reiße man diese Triebe im Juni, „wenn der Baum richtig im Saft steht“, mit einem kräftigen Ruck aus. Dann kämen keine neuen nach.

Auch bei mancher älteren Lehrmeinung winkt Schäfer ab: Etwa, dass nur im Winter geschnitten wird oder dass Baumwachs nötig ist, wenn Äste mit mehr als fünfmarkstückgroßem Durchmesser abgesägt werden. Tatsächlich heile auch eine große Fläche gut aus, wenn sie belüftet sei und das Wasser sauber ablaufen könne, sagt sie, während sich unter dem Wachs Pilzkrankheiten entwickeln könnten.

Eine Grundregel gibt es aber doch: Schneiden, nicht schnippeln! Lieber ganze Äste rausnehmen als überall ein bisschen kürzen. „Lieber einmal einen großen Ast abschneiden, als viele, viele kleine“, sagt Schäfer. Sonst treibe der Baum wild aus, anstatt sich auf einige Achsen zu konzentrieren.

Es bleibt nicht bei der Theorie, Schäfer geht beherzt zur Sache und einige Teilnehmerinnen greifen ebenfalls zu Säge und Astschere. Vorher wird diskutiert, wobei auch nicht tierisch ernst gemeinte Argumente zählen. So entscheidet die Runde, lieber dem unteren von zwei Ästen zu Leibe zu rücken, weil er ohne Leiter abgezwickt werden kann und dann auch beim Mähen nicht mehr im Weg ist. Die Stimmung ist entspannt, die Frauen fragen ausnehmend viel und scheinen sich auch nicht am Regen zu stören, der zu den kalten Temperaturen hinzukommt.

Verena Russ aus Köngen schreibt eifrig mit. Ihre Familie hat im Herbst erstmals eigenen Saft von den Äpfeln auf Omas Stückle machen lassen. „Der war total lecker, da haben wir beschlossen, jetzt mal Energie in die Sache zu stecken“, sagt die junge Frau. Einfach ist die Materie für Baumpflege-Neulinge nicht, manche erwägen einen zweiten Kurs zur Vertiefung, zumal sie Spaß hatten. Und Christel Schäfer bietet immer wieder Schulungen an – übrigens auch für Männer.     aia / Foto: aia


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